Bruderhöfer

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Die Bruderhöfer oder Arnoldleut sind eine neutäuferische Bewegung, die eine an die Gütergemeinschaft der Jerusalemer Urgemeinde angelehnte Gütergemeinschaft praktiziert. Ihre Entstehung geht auf das Ehepaar Eberhard und Emmy Arnold zurück. Sie waren zeitweilig den Hutterern angeschlossen und erhielten von ihnen den Beinamen Arnoldleut. Seit 1995 sind sie wieder von ihnen getrennt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Titelseite der Sonnenlieder
Schild im Eingangsbereich des heutigen Bruderhofs in Sannerz
Hauptgebäude des Bruderhofs in Sannerz

Geistliche Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bruderhof-Gemeinschaft wurde von dem Theologen Eberhard Arnold und seiner Ehefrau Emmy gegründet. Der Erste Weltkrieg hatte bei beiden eine tiefe Erschütterung ausgelöst, sodass sie begannen nach anderen Möglichkeiten eines gelebten Christentum zu suchen.

Ihre geistlichen Wurzeln sahen die Gründer im Täufertum und in der radikalen Reformation des 16. Jahrhunderts, als Tausende die Großkirchen verließen, um in Gemeinschaft zu leben. Auch das Lebenszeugnis der württembergischen Pfarrer Johann Christoph Blumhardt und Christoph Blumhardt hat das Leben der Gemeinschaft entscheidend geprägt.

Weitere Impulse kamen aus der Theologie des religiösen Sozialismus und der Jugendbewegung. Bis heute gehören deshalb viele Lieder, Tänze und Bräuche der Wandervögel zur Tradition der Bruderhöfler. Die Sonnenlieder, das 1924 entstandene Gesangbuch der Bruderhöfer, sind in ihrer Zusammenstellung ein Zeugnis für die verschiedenen Gedanken- und Ideenströme, die die Bewegung der Bruderhöfer in ihren Anfängen aufnahm und zu verbinden suchte.

Die ersten Jahre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erste Bruderhof-Gemeinschaft entstand 1920 durch die Initiative der Eheleute Arnold in Sannerz (Hessen). 1926 siedelte die Gemeinschaft auf den nahegelegenen Sparhof in der Rhön um. Die Gemeinschaft wuchs beständig und umfasste bald etwa 80 bis 100 Erwachsene und Kinder.

In den ersten Jahren bis zur Amerika-Reise von Eberhard Arnold war zwar ein großer Enthusiasmus unter den Mitgliedern der Gemeinschaft verbreitet, es fehlte aber an praktischer Erfahrung, wie man ein Gemeinschaftsleben in Gütergemeinschaft organisiert. Es kamen beispielsweise sehr viele Besucher, die die Gemeinschaft teilweise überforderten, zudem gab es etliche Menschen, die nur zum Bruderhof kamen um sich "durchzufressen", ohne dass sie eine wirkliche Verbundenheit und Verantwortung für Gemeinschaft entwickelten. Außerdem fehlte es an Erfahrung mit der Landwirtschaft, die ja die Grundlage der Gütergemeinschaft auf einem Bauernhof sein sollte. Teilweise war die wirtschaftliche Situation so schlimm, dass man nicht genug zu essen hatte.

In den Jahren 1930 bis 1931 besuchte Eberhard Arnold die Hutterer in Nordamerika, woraufhin sie sich in den 1930er Jahren den Hutterern anschlossen und ganze eine Reihe ihrer Traditionen, unter anderem ihre einheitliche Kleidung, übernahmen. Insgesamt war es so, dass die Gemeinschaft auf dem Bruderhof erst durch die von den Alt-Hutterern gesammelten Erfahrungen so weit kam, dass eine erfolgreiche Gütergemeinschaft möglich wurde.

Von den Alt-Hutterern wurden die Bruderhöfer nach Eberhard Arnold auch als „Arnoldleut“ bezeichnet.

Verfolgung während der NS-Zeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem Machtantritt des Hitlerregimes im Januar 1933 ergaben sich erhebliche Nöte und Schwierigkeiten für die Mitglieder, die 1934 zur Gründung des Almbruderhofes im Fürstentum Liechtenstein führten (Almbruderschaft). Am 14. April 1937 umzingelten bewaffnete SS-Männer den Sparhof, trieben alle Mitglieder des Rhönbruderhofs mit vorgehaltenen Waffen zusammen und ließen ihnen 48 Stunden Zeit, um das Land zu verlassen. Drei Mitglieder wurden verhaftet und „der Volkssicherheit wegen“ ins Kasseler Gefängnis gebracht. Grund der Ausweisung aus Deutschland war sowohl ihr Nein zur Gleichschaltungspolitik des Nationalsozialismus als auch ihre Weigerung, Kriegsdienst zu leisten.[1]

Auswanderung nach Liechtenstein, England, Paraguay und die USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die deutschen Bruderhöfer wanderten über Liechtenstein und Großbritannien, wo nach Kriegsausbruch die Internierung der deutschen Mitglieder drohte, nach Paraguay aus. Paraguay war das einzige Land, das 1941 den circa 350 Bruderhöflern eine Einreisegenehmigung erteilte und die Gründung der Siedlung Primavera (Paraguay) ermöglichte. Nach einer Krise Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre zogen die Bruderhöfler in die USA, wo sie eine wechselvolle Geschichte der Teilung, Wiedervereinigung und wiederum Trennung von den hutterischen Schmiedeleut durchliefen. Während dieser Zeit verloren sie durch Ausschluss und Austritt etwa die Hälfte ihrer Mitglieder.

Die Geschichte dieser Krise wird von den Bruderhöfern anders gesehen als von denen, die weggingen oder gehen mussten. Eine grundlegende Aufarbeitung der Trennung ist noch nicht erfolgt.

Wiederansiedelung in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1955 bestand auch eine Siedlung der Brüderhöfler auf dem Sinntalhof bei Bad Brückenau. Wegen Rechtsstreitigkeiten musste der Sinntalhof 1961 wieder aufgegeben werden.

Im Jahre 1988 siedelten sich Bruderhöfer mit finanzieller Unterstützung von Lehrerleut-Hutterern auf dem Michaelshof in Birnbach an. Aufgrund von Anfeindungen der einheimischen Bevölkerung und mangelnder Möglichkeiten neue Gebäude zu errichten, verließen sie im Jahre 1996 Deutschland wieder.

Im August 2002 kehrten die Bruderhöfer an ihren deutschen Ursprungsort in Sannerz zurück. Im thüringischen Kurort Bad Klosterlausnitz wurde eine Filiale eröffnet.

Lehre und Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Glaubensgrundlage galt von Anbeginn das Apostolische Glaubensbekenntnis. Ebenso grundlegend sind die Lehren Jesu im Neuen Testament, insbesondere der Bergpredigt. Das verpflichtet die Bruderhöfer zu Gewaltlosigkeit, Nächsten- und Feindesliebe sowie Treue in der Ehe. Vorbild ist ihnen das gemeinschaftliche Leben der Urchristen, wie es in der Apostelgeschichte beschrieben wird, sowie die Didache. Sie verfügen über keinen Privatbesitz, sondern legen ihre Güter zusammen und teilen alle Güter miteinander. Über eine Gemeinschaftskasse wird jeder versorgt, wie er es nötig hat.

Da Bruderhöfler recht aktiv missionieren, bestehen neben den Hauptniederlassungen in den USA auch kleinere Gemeinschaften in Deutschland, England und Australien. Sie sind heute nur noch zu einem Teil deutscher Herkunft. Seit ihrer Auswanderung in die USA ist deshalb die hochdeutsche Sprache nicht mehr die Regelsprache der Bruderhöfe.

Die Bruderhöfer kennen keine Gemeindeautonomie wie die Althutterer, sondern werden zentral geleitet. Auch fehlt das bewusste Zufallselement bei der Auswahl der Gemeindeleitung. Stattdessen wird die Leiterschaft von den Mitgliedern durch einen möglichst einstimmigen Beschluss eingesetzt.

Gewerbetätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bruderhöfer stellen in Großbritannien im Unternehmen Community Playthings Kindermöbel, Kindergarteneinrichtungen und Spielzeug aus Holz her; die deutschen Bruderhöfe liefern Teile dazu. In den USA fertigt Rifton Equipment individuelle Hilfsmittel für Körperbehinderte, in Australien produziert Danthonia Design individuell gefertigte Außenwerbung. International betreiben die Bruderhöfer den Verlag Plough Publishing House.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Emmy Arnold: Gegen den Strom. Das Werden der Bruderhöfe, Brendow Verlag Moers 1983, ISBN 3-929412-09-8; überarbeitete Neuausgabe als E-Book, Plough Publishing 2012, PDF (ca. 889 kB)
  • J. Heinrich Arnold: Leben in der Nachfolge, Brendow Verlag Moers 1996, ISBN 3-87067-650-7; Neuausgabe als E-Book, Plough Publishing 2013, PDF (ca. 318 kB)
  • Emmy Barth: Botschaftsbelagerung. Die Geschichte einer christlichen Gemeinschaft im Nationalsozialismus. Plough Publishing House, Robertsbridge GB 2015, ISBN 978-0-87486-709-1
    • Emmy Barth: An Embassy Besieged: The Story of a Christian Community in Nazi Germany. Cascade Books, Eugene 2010
  • Markus Baum: Stein des Anstoßes. Eberhard Arnold 1883 – 1935, Brendow Verlag Moers 1996, ISBN 3-87067-657-4; bearb. Neuauflage u. d. T. Eberhard Arnold. Ein Leben im Geist der Bergpredigt, Neufeld Verlag Schwarzenfeld 2013, ISBN 978-3-86256-035-6.
  • Elizabeth Bohlken-Zumpe: Torches Extinguished: Memories of a Communal Bruderhof Childhood in Paraguay, Europe and the U.S.A., Carrier Pigeon Press 1993, ISBN 1-882260-01-5.
  • Ulrich Eggers: Gemeinschaft lebenslänglich. Deutsche Hutterer in den USA, R. Brockhaus Verlag Wuppertal 1992, ISBN 3-417-20395-3.
  • Julius H. Rubin: "The Other Side of Joy: Religious Melancholy Among The Bruderhof", Oxford: Oxford University Press, New York 2000.
  • Bob and Shirley Wagoner: Community in Paraguay: A Visit to the Bruderhof, The Plough Publishing House, The Hutterian Brethren Service Committee, Inc. Rifton (NY) 1991, ISBN 0-87486-033-4.
  • Benjamin Zablocki: The joyful community. An account of the Bruderhof – a communal movement in its third generation., University of Chicago Press 1980, ISBN 0-226-97749-8.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. David Hover: Die Auflösung des Rhönbruderhofes in Deutschland. In: Cotswold-Bruderhof (Hrsg.): Der Pflug. Swindon Wiltshire (England), Herbst 1938, S. 89–95.