Bruttonationalglück

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Bruttonationalglück (BNG) ist der Versuch, den Lebensstandard in breit gestreuter, humanistischer und psychologischer Weise zu definieren und somit dem herkömmlichen Bruttonationaleinkommen, einem ausschließlich durch Geldflüsse bestimmten Maß, einen ganzheitlicheren Bezugsrahmen gegenüberzustellen.

Ursprung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ausdruck wurde 1979 von Jigme Singye Wangchuck, dem damaligen König von Bhutan, geprägt, in Entgegnung auf ein Interview mit einem indischen Journalisten, der sich nach dem Bruttoinlandsprodukt von Bhutan erkundigt hatte.[1] Der König wollte damit zum Ausdruck bringen, dass er sich einer Wirtschaftsentwicklung verpflichtet fühle, die Bhutans einzigartiger Kultur und ihren buddhistischen Werten gerecht werde. Bhutan hat zu diesem Zweck mit der Kommission für das Bruttonationalglück eine Staatskommission eingesetzt.[2]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während konventionelle Entwicklungsmodelle das Wirtschaftswachstum zum herausragenden Kriterium politischen Handelns machen, nimmt die Idee des Bruttonationalglücks an, dass eine ausgewogene und nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft nur im Zusammenspiel von materiellen, kulturellen und spirituellen Schritten geschehen kann, die einander ergänzen und bestärken. Die vier Säulen des Bruttonationalglücks sind

  • die Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung,
  • Bewahrung und Förderung kultureller Werte,
  • Schutz der Umwelt und
  • gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen.

Bruttonationalglück lässt sich nur schwer objektiv messen und unterliegt einer Reihe von subjektiven Werturteilen. Dies ist bei üblichen Wirtschafts- und Sozialmodellen gleichermaßen der Fall. Da die entscheidende Frage ist, wer die Eckpunkte des Bezugsrahmens definiert, kommt der Art und Weise der politischen Willensbildung, insbesondere der Diskussion im Rahmen der Verfassungsgebung von 2008 in Bhutan große Bedeutung zu.

Erhebung in Bhutan[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hintergrund und Befragung 2008[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das von König Jigme Singye Wangchuck geprägte Konzept des Bruttonationalglücks sollte messbar werden, um die angestrebte volksbezogene Entwicklung als erklärtes Ziel der Regierung zu verwirklichen. Das Zentrum für Bhutanstudien in Thimphu entwickelte im Jahr 2005 Indikatoren, die in einen Fragebogen umgewandelt wurden. Eine Pilotbefragung im Jahr 2006 mit 350 Teilnehmern sollte helfen, Probleme im Fragebogenformat zu erkennen. Struktur, Inhalt, Übersetzung und Relevanz der Items wurden überprüft und der Fragebogen dahingehend verbessert.

Die erste offiziell durchgeführte Bruttonationalglück-Befragung fand im Jahr 2008 statt. Der Fragebogen enthielt 750 Variablen, die sowohl subjektiver als auch objektiver und offener Art waren. Aus Budgetgründen konnte die Befragung nur in 12 von 20 Distrikten in Bhutan durchgeführt werden. Die Befragung umfasste 950 Teilnehmer; das Ausfüllen des Fragebogens nahm zwischen fünf und sechs Stunden in Anspruch. Am Ende der Auswertung wurde ein erster Index erstellt, der aber durch die geringe Stichprobengröße nicht als valide gilt.[3]

Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fragebogen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus den oben genannten vier Säulen des Bruttonationalglücks ergeben sich neun Domänen, die den ganzheitlichen Ansatz des BNG repräsentieren sollen. Die neun Domänen sind wiederum in 33 Indikatoren untergliedert, um möglichst viele verschiedene Aspekte des Wohlbefindens abzudecken. [4] Die aktuellste Version des Fragebogens (Dezember 2014) beginnt mit der Datenerhebung zu Rahmenbedingungen der Befragung wie Ort und Datum. Nach einer Auflistung aller Haushaltsmitglieder mit Verwandtschaftsstatus und Alter werden die demographischen Daten des Befragten erhoben.[5] Die erste abgefragte Domäne ist dann das „Psychische Wohlbefinden“ mit den Indikatoren Lebenszufriedenheit, positiven und negativen Emotionen sowie Spiritualität. Die zweite Domäne ist „Gesundheit“ mit dem selbstbeschriebenen Gesundheitszustand, gesunden Tagen, Langzeit-Behinderung und mentaler Gesundheit. Die dritte Domäne beschäftigt sich mit „Zeitnutzung“ und darin mit Arbeit und Schlaf. Die vierte Domäne ist die „Bildung“ mit Bildung an sich, Ausbildungsqualifikationen, Wissen und Werten. Die fünfte Domäne ist das Gebiet der „kulturellen Vielfalt und Resilienz“ mit Sprache, kunsthandwerklichen Fähigkeiten, soziokultureller Partizipation und Driglam Namzha (der offizielle Kodex für Kleidung und Benehmen). Die sechste Domäne beschäftigt sich mit „guter Regierungsführung“ und mit politischer Partizipation, politischer Freiheit, Dienstleistungserbringung und Leistungen der Regierung. Die siebte Domäne ist die „Lebendigkeit der Gemeinschaft“ mit sozialer Unterstützung, Verhältnis zur Gemeinschaft, Familie und Opfer von Kriminalität. Die achte Domäne ist das Gebiet der „ökologischen Vielfalt und Resilienz“ mit Umweltverschmutzung, Verantwortung für die Umwelt, Flora und Fauna sowie städtischen Problemen. Die neunte und letzte Domäne ist die des „Lebensstandards“ mit Kapital, Unterkunft und Pro-Kopf-Einkommen des Haushalts.[6]

Auswertung und Index[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Auswertung der Befragung erfolgt durch Gewichtungen und Schwellen. Die objektiven Indikatoren der Befragung (25) sind höher gewichtet als die subjektiven Indikatoren (8), welche nur 10 % des Gewichts ihrer jeweiligen Domäne ergeben. Beispiele für subjektive Indikatoren sind der selbstbeschriebene Gesundheitszustand oder Leistungen der Regierung. Zusätzlich werden zwei Schwellen angewandt: die Hinlänglichkeitsschwelle, die für jeden Indikator individuell gesetzt wird und besagt, welches Ergebnis hier mindestens benötigt wird, um als glücklich zu gelten, und die Glücklichkeitsschwelle. Letztere besagt, dass ein Mensch als glücklich beschrieben werden kann, wenn er hinlängliche Ergebnisse in sechs oder mehr Domänen hat.[7] Diese Auswertung liefert einen Index zwischen 0 und 1, der nach der Alkire-Foster Methode errechnet wird: dazu werden Indikatoren gewählt, dann die Hinlänglichkeitsschwellen, die Gewichtungen für jeden Indikator und die Glücklichkeitsschwelle angewandt und schlussendlich zwei Gruppen identifiziert: die Gruppe glücklicher Menschen und die Gruppe noch-nicht glücklicher Menschen. Für letztere wird noch berechnet, in wie vielen Domänen es den Menschen noch an Hinlänglichkeit mangelt. Der eigentliche Index ergibt sich dann mit folgender Formel: BNG = 1 – (Hn x An) mit Hn = Prozentsatz noch-nicht glücklicher Menschen und An = Prozentsatz der Domänen, in denen es den noch-nicht glücklichen Menschen an Hinlänglichkeit mangelt.[8] Dieser Index kann auf nationaler wie auch auf Distrikt-Ebene berechnet werden. Durch die Erhebung ist es möglich, die Bedürfnisse der Bürger Bhutans für ihr Wohlbefinden einzuschätzen und dementsprechende Programme oder Projekte zu entwickeln, um mehr Menschen glücklich zu machen und ihr Wohlbefinden zu steigern.

Befragung 2010 und 2015[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die zweite offizielle Erhebung des Bruttonationalglücks fand im Jahr 2010 statt. Zwischen April und Dezember waren fünf Teams mit insgesamt 55 Beamten im ganzen Land unterwegs, um 7142 Menschen zu befragen. Eine Befragung dauerte durchschnittlich drei Stunden.[9] Diese repräsentative Befragung ergab einen Index von 0.743 für Bhutan, mit 40,9 % glücklichen Menschen. Dabei waren Männer durchschnittlich glücklicher als Frauen, Städter glücklicher als Menschen auf dem Land und die Zufriedenheit der Menschen mit ihrer Gesundheit war am besten ausgeprägt.[10] Die dritte offizielle Erhebung fand zwischen Januar und Mai 2015 statt. Die Befragung von 7153 Menschen ergab einen Index von 0.756, was einer 1,7 prozentigen Verbesserung des Indexes von 2010 entspricht und für 43,4 % glücklicher Menschen in Bhutan steht.[11]

Bruttonationalglück (ogg-Video)

Vergleichbare Indikatoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einen ähnlichen Weg gingen Ecuador und Bolivien mit der Verankerung des indigenen Prinzips des Sumak kawsay („gutes Leben“, spanisch „buen vivir“) in der ecuadorianischen Verfassung von 2008 und der bolivianischen Verfassung von 2009.

In einem vom New Economic Foundation’s Centre for Well-Being in London erstellten Happy Planet Index, der Lebenserwartung und Zufriedenheit der Bevölkerung in Relation zum ökologischen Fußabdruck (Ressourcenverbrauch) setzt, belegt Costa Rica 2012 den ersten Platz, gefolgt von Vietnam. Die Vereinigten Staaten stehen in dieser Liste auf Platz 105, noch hinter einigen Entwicklungsländern. Der Index wurde von Robert Stavins, einem Wirtschaftswissenschaftler der Harvard University, kritisiert, weil er lediglich die ideologische Voreingenommenheit seiner Autoren widerspiegele.[12]

In Deutschland nahm im Januar 2011 die Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität des Bundestages die Arbeit auf, welche nach einer möglichen neuen Messzahl für Wohlstand und Fortschritt suchen soll jenseits der Wachstumsfixierung des bisher alles beherrschenden Maßstabs Bruttosozialprodukt sowie der bisher nicht bzw. ungenügend berücksichtigten Kosten z. B. des Naturverbrauchs oder des Artensterbens. Die Kommission setzt sich aus siebzehn Abgeordneten aller Fraktionen sowie siebzehn Fachleuten zusammen.[13] Ein Ergebnis der Kommission sind die W3-Indikatoren, die im Gegensatz zum BIP ganzheitliche Wohlstands- und Fortschrittsindikatoren sind.[14] Die W3-Indikatoren beinhalten neben wirtschaftlichen Faktoren auch Indikatoren über Soziales und Teilhabe sowie zur Ökologie. Es werden 10 Indikatoren zu diesen drei Gruppen bemessen. Diese beziehen sich auf das BIP pro Kopf, Einkommensverteilung, Staatsschulden, Beschäftigung, Bildung, Gesundheit, Freiheit, Treibhausgase, Stickstoff und Artenvielfalt.[15]

Seit 2011 bemisst zudem der World Happiness Report der UNO die Lebenszufriedenheit der meisten Völker der Erde.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Tobias Pfaff: Das Bruttonationalglück aus ordnungspolitischer Sicht – eine Analyse des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems von Bhutan. (PDF; 268 kB) RatSWD Working Paper 182
  2. Gross National Happiness Commission
  3. Gross National Happiness » 2010 Survey Results. Abgerufen am 15. Februar 2017 (amerikanisches englisch).
  4. Gross National Happiness » GNH INDEX. Abgerufen am 15. Februar 2017.
  5. Centre for Bhutan Studies (Hrsg.): The Third Gross National Happiness Survey QUESTIONNAIRE. Dezember 2014.
  6. Ura, Karma; Alkire, Sabine; Zangmo, Tshoki; Wangdi, Karma: An Extensive Analysis of GNH Index. Thimphu Mai 2012, S. 2 f.
  7. Ura, Karma; Alkire, Sabina; Zangmo, Tshoki; Wangdi, Karma: An Extensive Analysis of GNH Index. Thimphu Mai 2012, S. 21–24.
  8. Bhutan 2010 gnh_index_1. 3. November 2011, abgerufen am 15. Februar 2017.
  9. Gross National Happiness » 2010 Survey Results. Abgerufen am 15. Februar 2017 (amerikanisches englisch).
  10. Gross National Happiness » GNH INDEX. Abgerufen am 15. Februar 2017.
  11. Centre for Bhutan Studies (Hrsg.): 2015 GNH Survey Report. Thimphu 2016, S. 54; 64 f.
  12. Happy math. In: Foreign Policy, Nr. 156, 2006, S. 20
  13. Roland Pichler: Wir wollen weg vom Wachstumsglauben badische-zeitung.de, Wirtschaft, 12. Januar 2011 (23. Januar 2011)
  14. Wie viel Information über den Wohlstand verträgt die Öffentlichkeit?[1]
  15. Schlussbericht Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“. Deutscher Bundestag, S. 237, archiviert vom Original am 21. Dezember 2013, abgerufen am 17. Februar 2017 (pdf).