Buch Ester

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Ketuvim, ‏כְתוּבִים‎ (Schriften)
der Hebräischen Bibel
Sifrei Emet
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Namen nach dem ÖVBE.
Eingeklammerte Namen folgen der Septuaginta.
Kursiviert: Deuterokanonische Schriften,
in protestantischen Bibeln Apokryphen

Ester-Rolle (Megilla)

Das Buch Ester (auch: Esther) ist ein Teil des jüdischen Tanach bzw. des christlichen Alten Testaments. Es zählt im Judentum zu den fünf Festrollen (Megillot) der hebräischen Bibel und steht in enger Verbindung mit dem Purimfest.

Ausschnitt einer Megilla aus Italien
Ausschnitt einer weiteren Ester-Rolle aus Italien

Inhalt[Bearbeiten]

  • Verstoßung der Königin Vasti (1,1–22)
  • Ester wird Königin (2,1–18)
  • Entdeckung des Mordanschlages gegen Achaschwerosch (2,19–23)
  • Hamans Erlass zur Vernichtung der Juden (3,1–15)
  • Mordechai bewegt Ester zur Fürbitte beim König für ihr Volk (4,1–5,8)
  • Haman will Mordechai töten lassen, weil er ihn nicht ehrt (5,9–14)
  • Mordechai muss von Haman geehrt werden und wird nach dessen Tod sein Nachfolger (6,1–7,10)
  • Mordechai und Ester bewirken beim König ein Edikt, das den Juden erlaubt, sich gegen ihre Feinde zu wehren (8,1–17)
  • Die Juden besiegen und töten ihre Feinde (9,1–16)
  • Zum Gedenken an diese Errettung wird das Purimfest eingeführt (9,17–23)
  • Größe und Macht Mordechais (10,1–3)

Verfasser[Bearbeiten]

Der Verfasser und seine Lebenszeit ist nicht genau festzustellen.

Datierung[Bearbeiten]

Aus dem Buch Ester selbst geht nur hervor, dass Achaschwerosch bei seiner Abfassung bereits gestorben war. Nach der jüdischen Überlieferung wurde das Buch um 400 v. Chr. verfasst. Auch im christlichen Bereich gab es eine Frühdatierung in die Zeit noch vor dem Untergang des Perserreiches vor Alexander den Großen (um 330 v. Chr.).

Da sich bei genauer Analyse zeigt (siehe dazu den folgenden Abschnitt), dass die Kenntnis persischer Verhältnisse im Buch Ester keineswegs so gut ist, wie es zunächst scheint, wird in der heutigen Wissenschaft eine Datierung des Buches Ester in das 3. Jahrhundert v. Chr. vertreten. Dafür spricht außerdem, dass das Thema Judenverfolgungen in der Zeit der Diadochenkämpfe nach dem Tod Alexanders des Großen aktuell war.[1]

Das Esterbuch in der Septuaginta hat erhebliche Veränderungen und Zusätze zum hebräischen Text, die wohl erst einige Zeit später geschrieben wurden (1. Jahrhundert vor Christus). In der Lutherbibel stehen die Zusätze als „Stücke zu Ester“ unter den Apokryphen.

Historizität[Bearbeiten]

Der im Buch Ester genannte persische König Ahasveros bzw. Ahaschverosch wird üblicherweise mit Xerxes I. gleichgesetzt,[2] worauf einige der nachfolgend genannten Argumente beruhen; daneben hat es auch andere, weniger verbreitete Identifikationsversuche gegeben.

Vertreter der historischen Glaubwürdigkeit des Buches Ester weisen darauf hin, dass sich manche im Buch beschriebenen Einzelheiten gut in unser historisches Bild vom achämenidischen Hof fügen, so etwa der Luxus am Hof, der königliche Wein und das Charakterbild von Achaschwerosch bzw. Xerxes als eigensinnig und leicht beeinflussbar durch Frauen und Günstlinge. Ferner beschreibt der griechische Geschichtsschreiber Herodot weitere persische Bräuche, die dem Verfasser des Esterbuches offensichtlich auch bekannt waren, wie etwa die sieben fürstlichen Ratgeber (vgl. Herodot, Historien III 83f.). Zudem enthält das Buch Ester etliche persische Namen und Wörter. Allerdings hätte dieses „Perserreich-Kolorit“ (E. Zenger)[1] auch dann von einem gut informierten Autor in das Esterbuch eingebaut werden können, wenn es sich dabei um eine fiktive Erzählung handelt; damit alleine lässt sich also der historische Charakter nicht beweisen.[3]

Vertreter der historischen Unglaubwürdigkeit des Buches Ester stellen u. a. folgende Punkte heraus:

  • Nach Herodot (Historien VII 114) hatte die Frau des Ahasveros (Achaschwerosch/Xerxes) den Namen Amestris. Von einer Vasti, die dann von einer Ester verdrängt wurde, ist in von der Bibel unabhängigen Quellen nirgends die Rede.[1]
  • Persische Könige waren verpflichtet, ihre Frau aus einer der sieben vornehmen Familien des Reiches zu wählen. Ester hätte als Jüdin in den königlichen Harem kommen, niemals aber Hauptfrau und Königin werden können.[1]
  • ein Großwesir Haman, der von einem Mordechai abgelöst wurde, wird in von der Bibel unabhängigen Quellen über das Perserreich nirgends erwähnt.
  • Wird Ester 2,6 EU auf Mordechai bezogen, dann wäre er bei der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar II. nach Persien weggeführt worden. Dieses Ereignis fand im Jahr 597 v. Chr. statt. Das Buch Ester spielt aber nach eigenen Angaben (Ester 3,7) im zwölften Regierungsjahr des Ahasveros (bei Xerxes = 474 v. Chr). Dann hätte Mordechai um die 120 Jahre alt sein müssen und seine Cousine Ester hätte auch nicht mehr die herausragend schöne junge Frau sein können, die den König Ahasveros betörte.[1][3] Allerdings gibt es auch die Interpretation, dass sich Ester 2,6 nicht auf Mordechai, sondern auf seinen Urgroßvater Kis (Kisch) bezieht.
  • Haman soll den Juden vorgeworfen haben (Ester 3,8 EU), dass die Juden, zerstreut und abgesondert, ihr eigenes Gesetz hätten, das von denen aller anderen Völker verschieden sei. Mit dieser Begründung hätte ihm Ahasveros niemals ein Judenpogrom erlaubt: Einzelvölker innerhalb des persischen Großreiches durften ihre partikularen Gesetze behalten und wurden deswegen eben nicht mit Ausrottung bedroht.
  • Offizielle Erlasse des Perserreiches waren allein in Aramäisch verfasst, nicht in allen Sprachen des Reiches, wie in Ester 1,22; 3,12; 8,9 behauptet. Außerdem ist es unwahrscheinlich, dass solche Erlasse auf die offizielle Genehmigung eines Bürgerkriegs im eigenen Reich hinausgelaufen wären (Ester 8,8 – 9,10).[1]
  • Aus unabhängigen Quellen ist nichts von einem (wenn auch nur kurzen) Bürgerkrieg der persischen Juden gegen ihre Feinde bekannt, bei welchem – Ester 9,16 zufolge – 75.000 Feinde des jüdischen Volkes getötet worden sein sollen.

Nach dem Urteil der heutigen historisch-kritischen Forschung besteht „äußerste Skepsis“, ob das Buch Ester einen tatsächlichen historischen Hintergrund hat: „Primär handelt es sich um ein literarisches Kunstwerk, um Dichtung, nicht um einen historischen Bericht“ (Esther Brünenberg).[3] Es wird auch angenommen, dass das Buch Ester wohl erst nachträglich die Legende zum Purimfest geworden ist, welches vorgegeben war und wohl „als eine Art Neujahrsfest im persischen oder mesopotamischen Raum vom Judentum übernommen“ wurde.[4]

Eigenarten und Kanonizität des Ester-Buchs[Bearbeiten]

  • Das Buch Ester ist im Neuen Testament nicht zitiert.
  • Das Tetragramm für den Gottesnamen JHWH („Herr“ in der Übersetzung Martin Luthers) und das Wort Gott kommen in der hebräischen Originalfassung im ganzen Buch nicht explizit vor; sie erscheinen allerdings in der längeren griechischen Version. Trotz dieses „Gottesschweigens“ ist das Buch Ester ein „hoch-theologisches Buch“, da es „urbiblische Gottesgewissheit“ vermitteln will:[5] Die Leser sollen selbst schlussfolgern, dass die vordergründig durch Ester und Mordechai bewirkte Rettung der Juden auf Gott zurückzuführen sei.

Heute besteht allgemeiner Konsens über Zugehörigkeit des Buches Ester zum biblischen Kanon. Die Kanonizität des Buches war jedoch sowohl unter Juden wie auch unter Christen historisch umstritten. Einige Rabbiner des ersten christlichen Jahrhunderts wollten es ausgeschlossen sehen, einige Kirchenväter sahen das Buch als zweitrangig an, Luther lehnte es als zu jüdisch bzw. „heidnisch“ ab.[6]

Ester in Kunst, Literatur, Musik und Film[Bearbeiten]

Andrea del Castagno: Königin Ester. Um 1450.
Das Fest von Esther (Feest van Esther, 1625) von Jan Lievens, ausgestellt in dem North Carolina Museum of Art.
Bildende Kunst
Literatur
Musik
Film

Einzelbelege[Bearbeiten]

  1. a b c d e f Zenger, Das Buch Ester, S. 271.
  2. Zenger, Das Buch Ester, S. 268.
  3. a b c Vgl. Esther Brünenberg: Ester / Esterbuch (Dez. 2006), in: Wibilex (Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet), Abschnitt 7. Entstehung und geschichtlicher Hintergrund online
  4. Werner H. Schmidt: Einführung in das Alte Testament. Berlin - New York: Walter de Gruyter, 5. Aufl. 1995, S. 322.
  5. Zenger, Das Buch Ester, S. 273.
  6. Zenger, Das Buch Ester, S. 275, mit dem Zitat Luthers: „Ich bin dem Buch [2. Makkabäer] und Esther so feind, daß ich wollte sie wären gar nicht vorhanden; denn sie judenzen zu sehr und haben viel heidnische Unart.“

Literatur[Bearbeiten]

  • Erich Zenger: Das Buch Ester. In: Erich Zenger u. a. (Hrsg.): Einleitung in das Alte Testament. Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1995, ISBN 3-17-012037-9, (Kohlhammer-Studienbücher Theologie 1,1), S. 266-275 (mit weiterer Literatur).

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Buch Ester – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien