Obadja

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Dieser Artikel beschreibt den biblischen Propheten Obadja und seine Schrift. Zu anderen Trägern dieses Namens siehe Obadja (Vorname).
Zwölfprophetenbuch des Tanach
Kleine Propheten des Alten Testaments
Namen nach dem ÖVBE
Jörg Syrlin der Jüngere: Der Prophet Obadja (Detail des Chorgestühls der Klosterkirche Blaubeuren, 1493)

Obadja (hebräisch עֹבַדְיָה) heißt ein biblischer Prophet und seine Schrift im Tanach. In der griechischen Septuaginta heißt er Αβδιου[Anm 1] und in der lateinischen Vulgata Abdia[Anm 2] Seine Schrift gehört zum Zwölfprophetenbuch, sie ist mit 21 Versen das kürzeste Buch des Tanach.

Text und Aufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Buch ist wegen seiner Kürze nicht in Kapitel unterteilt, sondern nur in Verse, wie sie seit der frühen Neuzeit üblich sind:

Drohendes Gericht über Edom (1–9 EU)
Edoms Verhalten gegen Juda (10–16 EU)
Die zukünftige Wiederherstellung Israels (17–21 EU)

Das Buch Obadja weist wörtliche Übereinstimmungen mit Jeremia 49 EU auf, was auf eine literarische Abhängigkeit schließen lässt. Während die Mehrzahl der Ausleger von Obadja als dem Primärtext ausgehen, sehen u. a. A.  Meinhold und Jörg Jeremias Obadja als Fortschreibung von Jeremia an.[1]

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Entstehung des Buches wird in der exegetischen Literatur unterschiedlich diskutiert. In der Regel geht man von mehreren Wachstumsstufen aus. So nimmt etwa Erich Zenger einen in drei Schritten verlaufenden Fortschreibungsprozess an (Obd 2-14; Obd 15a.16-18; Obd 19-21; Obd 1 könnte dann Elemente aus allen drei Phasen enthalten), der in der 1. Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. begann und erst im 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr. abgeschlossen war.[2]

Verfasser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name „Obadja“ bedeutet „Knecht“ oder „Anbeter JHWHs“. Dieser Name kommt im Tanach mehrfach vor und bezeichnet insgesamt zwölf verschiedene Männer, aber es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Prophet mit anderen Trägern dieses Namens identisch wäre, zumal die meisten Erwähnungen sich nur in Abstammungslisten finden.[3] Über den Propheten Obadja ist nur bekannt, was sich aus seinem Buch ergibt. Er stammte demnach aus Juda.

Datierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Entstehungszeit des Buches bieten sich drei Möglichkeiten der Datierung an:

  • Die biblische Exegese stützt sich auf das 1. Buch der Könige. In Kapitel 18 EU wird Obadja als Palastvorsteher des Königs Ahab vorgestellt, der in der phönizischen Königsgattin Isebel eine erbitterte Gegnerin hat. Er begegnet auf der Suche nach Viehfutter dem Propheten Elia, der das Volk in Gottes Auftrag auf den Weg der Verehrung JHWHs zurückführen soll. Danach wäre das Buch Obadja oder die Aussprüche des Propheten etwa zur Zeit König Ahabs zwischen ca. 875 und ca. 852 v. Chr. entstanden.[3]
  • Nach einer historisch-kritischen Betrachtung ist dagegen Vers 11 EU ausschlaggebend. Er lässt sich als Hinweis auf die Eroberung und Zerstörung Jerusalems durch König Nebukadnezar II. von Babylon im Jahr 586 v. Chr. lesen. Demnach wäre das Buch in der Folgezeit im babylonischen Exil entstanden.[4]
  • Eine weitere historisch-kritische Lesart stützt sich auf denselben Vers, bezieht ihn aber auf die Eroberung Jerusalems durch Araber und Philister zur Zeit König Jorams von Juda (851–845 v. Chr.). Dafür spricht neben der judäischen Herkunft des Propheten, dass Obadja nur die Eroberung und Plünderung der Stadt erwähnt, nicht aber die Zerstörung des Tempels und die Deportation der Bevölkerung, wie sie nach der Eroberung durch die Babylonier erfolgten. Auch zeigt das Buch Parallelen zu den Prophetien über Edom bei Amos und Jeremia.[4]

Theologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gerichtswort über Edom 2-4 EU ist parallel zu Jer 49,14ff EU. Der Abschnitt Obd 5-7 EU ist die Parodie eines Leichenliedes und zeigt starke Parallelen zu Jer 49,9-10 EU.[4] Das Gericht über Edom (2 EU) ist die Voraussetzung eines Neuanfangs für Israel (16-21 EU). Die Verse 15a („Tag des Herrn“), 16 und 21 stellen den begrenzten Konflikt Israels mit Edom, das mit seinem Stammvater Esau identifiziert wird, in einen universalen Zusammenhang: Das Gericht über Edom ist demnach paradigmatisch für das Gericht über die Völker, hierauf folgt die Heilszusage für Israel (17-21 EU). Thomas Söding zieht daraus den Schluss: „Im Buch spiegelt sich das babylonische Exil mit dem Ende der Gefangenschaft und der Hoffnung auf endgültiges Heil für Israel.“[4]

Insgesamt zeigt sich im Buch Obadja eine starke Erwählungstheologie, welche die Gegenwart Gottes an den Fortbestand des Jerusalemer Tempels bindet.[4]

Wirkungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der späteren Literatur von Judentum, Christentum und Islam hat die Vision des Obadja so gut wie keine Spuren hinterlassen, lediglich die siebente Posaunenvision in Offenbarung 11,15 EU könnte auf Obd 21 Bezug nehmen. Söding nimmt daher an, dass es sich hier um eine späte Schrift handelt,[4] auch Zenger verweist sie in das 4. Jahrhundert v. Chr.[2]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lexikonartikel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissenschaftliche Kommentare[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alfons Deissler: Zwölf Propheten 2. Obadja, Jona, Micha, Nahum, Habakuk. Die Neue Echter-Bibel 8. Echter-Verl., Würzburg 1984 ISBN 3-429-00865-4
  • Artur Weiser: Das Buch der zwölf kleinen Propheten I. Die Propheten Hosea, Joel, Amos, Obadja, Jona, Micha. Das Alte Testament Deutsch. Neues Göttinger Bibelwerk 24. 8. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1985 ISBN 3-525-51223-6
  • Josef Wehrle: Prophetie und Textanalyse. Die Komposition Obadja 1-21 interpretiert auf der Basis textlinguistischer und semiotischer Konzeptionen. Arbeiten zu Text und Sprache im Alten Testament 28. Münchener Universitätsschriften. Eos Verl., St. Ottilien 1987 ISBN 3-88096-528-5
  • Ursula Struppe: Die Bücher Obadja, Jona. Neuer Stuttgarter Kommentar. Altes Testament 24,1. Verl. Kath. Bibelwerk, Stuttgart 1996 ISBN 3-460-07241-5
  • Paul R. Raabe: Obadiah. A New Translation with Introduction and Commentary. The Anchor Bible 24D. Doubleday, New York u.a. 1996 ISBN 0-385-41268-1
  • Johan Renkema: Obadiah. Historical Commentary on the Old Testament. Peeters, Leuven 2003 ISBN 90-429-1345-2
  • Hans Walter Wolff: Obadja und Jona. Biblischer Kommentar 14,3. 3. Aufl., Studienausgabe, Neukirchener Verl., Neukirchen-Vluyn 2004 ISBN 3-7887-2023-9.

Anwendungsbezogene Kommentare[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Otto Wahl: Die Bücher Micha, Obadja und Haggai. Geistliche Schriftlesung. Erläuterungen zum Alten Testament für die geistliche Lesung 12. Patmos-Verl., Düsseldorf 1990, ISBN 3-491-77168-4.
  • Martin Holland: Die Propheten Joel, Amos und Obadja. Wuppertaler Studienbibel.AT. Brockhaus, Wuppertal 1991, ISBN 3-417-25220-2.
  • Winfried Meißner: Bücher Joel und Obadja. Edition C Bibelkommentar Altes Testament 36. Hänssler, Holzgerlingen 2000 ISBN 3-7751-3354-2

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Obadja – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Genitiv von Αβδιας, nach Alfred Rahlfs: Septuaginta. Ausgabe in einem Band. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1935, 1979, Band II, S. 524; vgl. ObdLXX
  2. Christoph Rösel: Obadja / Obadjabuch. In: Michaela Bauks, Klaus Koenen, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart 2006 ff.; vgl. ObdVUL, dort und in der Überschrift des Buches nur im Genitiv: Abdiae.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jörg Jeremias: Theologie Obadjas, S. 269.
  2. a b Erich Zenger u. a.: Einleitung in das Alte Testament. 5. Auflage. W. Kohlhammer, Stuttgart 2004, ISBN 3-17-018332-X, S. 545 f.
  3. a b Christoph Rösel: Obadja / Obadjabuch. In: Michaela Bauks, Klaus Koenen, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart 2006 ff.
  4. a b c d e f Thomas Söding: Jona und andere: Die „kleinen Propheten“. 2005, S. 11–12, abgerufen am 14. Mai 2017 (PDF; 127 kB).