Burgergemeinde Bern

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Logo der Burgergemeinde Bern (seit 2013).[1]
Die geflammte Bernerfahne wird von der Burgergemeinde als offizielle Fahne verwendet.

Die Burgergemeinde Bern ist die Bürgergemeinde der Stadt Bern in der Schweiz.

Sie ist eine durch die Verfassung des Kantons Bern garantierte öffentlich-rechtliche Körperschaft und besteht als so genannte Personengemeinde aus ca. 17'300 Angehörigen der 13 Gesellschaften und Zünfte und den Burgerinnen und Burgern ohne Zunftangehörigkeit.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Burgergemeinde Bern wurde 1833/52 aus dem Personenkreis der Burgerschaft der Reichsstadt und späteren Stadt und Republik Bern sowie den seit 1798 ins Burgerrecht aufgenommenen Burgern gebildet. Mit der liberalen Staatsverfassung von 1831 und der Neuordnung des Gemeindewesens im Jahre 1833 verloren die patrizischen Familien ihre politischen Vorrechte. Ihre heutige Form, die Aufgaben und der Besitz wurden ihr durch den Ausscheidungsvertrag von 1852 zugewiesen, in welchem der dem heutigen Kanton Bern entsprechende Teil der Stadt und Republik Bern in die Rechtsnachfolger Kanton, Stadt und Burgergemeinde Bern aufgeteilt wurde.

Die regimentsfähige Burgerschaft Berns (alle vor 1798 eingeburgerten Geschlechter im Besitz des vollen Burgerrechts) besass, aufgrund des Beschlusses des Grossen Rates von 1737, wonach allen Burgern das Prädikat Edelfest sowie die Anrede Edelgeboren gestattet sein soll, nach dem Grundsatz is nobilis qui imperat, und dem Beschluss vom 9. April 1783, wonach allen regimentsfähigen geschlechteren von Bern erlaubt und freigestellt sei, das Adelsprädikat zu führen, Adelsrang.[2] Dieser historische Umstand führt dazu, dass sich die Burgerschaft bis in die Gegenwart als Elite sieht und teilweise in der Region Bern auch solche wahrgenommen wird.

Organisation und Behörden[Bearbeiten]

Die Burgergemeinde Bern sprayt Stencils in der Berner Altstadt (2014)

Burgerinnen und Burger[Bearbeiten]

Die rund 11'500 Stimmberechtigten sind die oberste Instanz der Burgergemeinde, der Souverän. Sie wählen an der Urne den Burgergemeindepräsidenten, den Burgergemeindevizepräsidenten sowie die Mitglieder des Grossen und des Kleinen Burgerrats. Sie beschliessen über die Verfassung der Burgergemeinde, den Voranschlag, den Erwerb des Burgerrechts sowie über Geschäfte von grosser Tragweite.

Grosser Burgerrat[Bearbeiten]

Der Grosse Burgerrat ist das Parlament der Burgergemeinde, also die Legislative. Er besteht aus dem Burgergemeindepräsidenten, dem Burgergemeindevizepräsidenten und 40 Mitgliedern. Seine wesentliche Aufgabe ist die Oberaufsicht über die Geschäftsführung des Kleinen Burgerrats. Zudem berät und beschliesst er die Anträge an die Stimmberechtigten, genehmigt den Verwaltungsbericht und die Jahresrechnung und wählt die Kommissionen.

Kleiner Burgerrat[Bearbeiten]

Der Kleine Burgerrat ist die Regierung der Burgergemeinde, die Exekutive. Er wahrt die Stellung der Burgergemeinde in Staat und Gesellschaft und bestimmt die grundlegenden Ziele ihres Wirkens. Er führt die Burgergemeinde, plant und koordiniert ihre Tätigkeiten und vertritt sie nach aussen. Der Kleine Burgerrat besteht aus dem Burgergemeindepräsidenten, dem Burgergemeindevizepräsidenten und zehn weiteren Mitgliedern.

Kommissionen[Bearbeiten]

Die burgerlichen Kommissionen leiten und beaufsichtigen die Arbeit von Verwaltung und Institutionen. Zudem bereiten sie strategische Entscheide in den jeweiligen Bereichen vor. Fachkommissionen beraten den Kleinen Burgerrat in Grundsatz- und Kommunikationsfragen.

Burgerliche Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde[Bearbeiten]

Die burgerliche Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (bKESB) ist zuständig für die sechs Burgergemeinden im Kanton Bern, die auch Sozialhilfe ausrichten (Aarberg, Bern, Biel, Bözingen, Burgdorf, Thun), für die Angehörigen der dreizehn burgerlichen Gesellschaften und Zünfte der Stadt Bern sowie der Burgerinnen und Burger ohne Gesellschaftszugehörigkeit im Bereich des Kindes- und Erwachsenenschutzes.

Institutionen und Abteilungen[Bearbeiten]

Innenhof des Burgerspitals
In der SAT-Mühle des Burgerlichen Jugendwohnheims können Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen erste Schritte in der Arbeitswelt tätigen.
Zum Besitz der Burgergemeinde (ehemals Burgerspital) befindet sich unter anderem die St. Petersinsel.
Kultur Casino in Bern.
Naturhistorisches Museum der Burgergemeinde Bern (2010).

Die Burgergemeinde unterhält in Bern folgende Institutionen und Abteilungen sozialer, kultureller, ertragbringender sowie koordinierender Art. Das Präsidium plant und koordiniert die Tätigkeiten der Burgergemeinde. Der Burgerkanzlei obliegen die Geschäftsplanung, die Protokollführung, die Vollzugskontrolle, die Kommunikation und das Registerwesen.

Berner GenerationenHaus[Bearbeiten]

Das Berner GenerationenHaus im Burgerspital dient seit Herbst 2014 Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, Familien und alten Menschen als Ort des kulturellen und sozialen Austauschs. Es besteht ein Informationsangebot in den Bereichen Beratung, Pflege, soziale Sicherheit und Zusammenleben.

Burgerbibliothek[Bearbeiten]

Hauptartikel: Burgerbibliothek Bern

Burgerliches Jugendwohnheim[Bearbeiten]

Das Burgerliche Jugendwohnheim (BJW, ehemals Knabenwaisenhaus) ist seit 1757 in Betrieb. In der Abteilung Schosshalde sowie im SAT-Projekt werden Familien unterstützt, die sich in schweren Situationen befinden. Das BJW untersteht der kantonalen Heimordnung und wird von Kanton und Bund unterstützt.

Burgerliches Sozialzentrum[Bearbeiten]

Die Burgergemeinde leistet mit ihrem Sozialzentrum die Sozialhilfe für die im Kanton Bern ansässigen Bern-Burgerinnen und Bern-Burger, sofern diese nicht einer der 13 burgerlichen Gesellschaften und Zünfte angehören. Es steht den Gesellschaften und Zünften sowie anderen Burgergemeinden und Dritten beratend und unterstützend zur Seite oder übernimmt deren Aufgaben im Mandat.

Der Burgerspittel[Bearbeiten]

Die Burgergemeinde betreibt mit der Institution Der Burgerspittel (ehemals Burgerspital und Burgerheim) eine eigenständige Alterspolitik und kümmert sich an zwei Standorten, im Viererfeld und am Bahnhofplatz. Es bestehen Wohnangebote mit oder ohne Pflege.

DC Bank[Bearbeiten]

Domänenverwaltung[Bearbeiten]

Die Liegenschaftsverwaltung der Burgergemeinde verfügt über ein Portfolio mit Altstadthäusern, Mietobjekten, Grossüberbauungen, über 600 Baurechten, rund 40 Landwirtschaftspachtbetrieben und 18 Forsthäusern. Sie verwaltet zudem die St. Petersinsel. Die Erträge der Domänenverwaltung dienen der Finanzierung der sozialen, wissenschaftlichen, kulturellen und ökologischen Tätigkeiten der Burgergemeinde Bern für die Allgemeinheit.

Forstbetrieb[Bearbeiten]

Der Forstbetrieb der Burgergemeinde pflegt und bewirtschaftet rund 4000 Hektare Wald, wovon ihr 3600 Hektare gehören. Jährlich werden rund 30'000 Kubikmeter Holz genutzt. Der Forstbetrieb teilt die Wälder ein in städtische und stadtnahe Erholungswälder sowie Holzproduktionswälder.

Kultur Casino[Bearbeiten]

Hauptartikel: Kulturcasino Bern

Um die Wende zum 20. Jahrhundert hat sich die Burgergemeinde der Aufgabe angenommen, aus eigenen Mitteln ein neues Konzert- und Gesellschaftshaus für die Allgemeinheit zu finanzieren. In der Folge wurde zwischen 1907 und 1909 der heutige Bau am Standort der alten Hochschule errichtet. Das Kultur Casino ist ein wichtiger kultureller und gesellschaftlicher Treffpunkt der Stadt und Region Bern. Im Grossen Saal finden Konzerte statt.

Naturhistorisches Museum[Bearbeiten]

Förderung von Kultur, Wissenschaft und Sozialem[Bearbeiten]

Jugendpreisverleihung 2014, 20-jähriges Jubiläum

Die Burgergemeinde Bern fördert Kultur und Wissenschaft. Sie unterhält Einrichtungen und Infrastrukturen, welche der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Daneben spricht sie Förderbeiträge in der Höhe von jährlich rund 20 Millionen Franken zugunsten kultureller, wissenschaftlicher und sozialer Projekte in Stadt und Kanton Bern.

Regelmässige kulturelle Beiträge[Bearbeiten]

Das Berner Symphonieorchester, die Berner Münster-Stiftung, das Theater an der Effingerstrasse, das Internationale Jazzfestival, die Knabenmusik, das Kunstmuseum Bern und das Berner Kammerorchester erhalten wiederkehrende Beiträge. Die Ausrichtung dieser Beiträge wird periodisch überprüft.

Einmalige Beiträge[Bearbeiten]

Mit einmaligen Beiträgen werden jährlich zwischen 300 und 400 Projekte aus den Sparten Musik, Kunst, Film, Theater, Tanz, Literatur und Kunsthandwerk/Design unterstützt.

Wissenschaft[Bearbeiten]

Gemeinsam mit dem Kanton und der Stadt Bern trägt die Burgergemeinde das Bernische Historische Museum und sie finanziert das Zentrum Historische Bestände der Universitätsbibliothek Bern. Sie unterstützt wissenschaftliche Projekte der Universität Bern mit Beiträgen. Zudem hat sie wissenschaftliche und kulturelle Stiftungen errichtet, darunter die Albrecht von Haller-Stiftung und die Paul Klee-Stiftung. Die Kocher-Villa steht als «Haus der Universität» der Universität sowie der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Preise[Bearbeiten]

Die Burgergemeinde verleiht jedes Jahr einen mit 100'000 Franken dotierten Kulturpreis, einen Jugendpreis und einen Sozialpreis.

Gesellschaften und Zünfte[Bearbeiten]

Die burgerlichen Gesellschaften Berns sind – im Gegensatz zu den meisten anderen Zünften der Schweiz (vgl. besonders Zürich) – Körperschaften des öffentlichen Rechts geblieben. Organisatorisch sind sie den politischen Gemeinden des Kantons Bern gleichgestellt, und ihnen obliegt vor allem die soziale Fürsorge für ihre Mitglieder. Die Namen der 13 Gesellschaften lauten (offizielle Rangfolge):

Nebst den 13 öffentlich-rechtlichen Gesellschaften existieren weitere privatrechtliche burgerliche Gesellschaften und Vereine (Aufzählung unvollständig):

Kritik[Bearbeiten]

Die Burgergemeinde steht seit ihrer Entstehung Mitte des 19. Jahrhunderts unter Kritik. Ansatzpunkte sind der grosse Reichtum der Personalgemeinde, das Netzwerk und das soziokulturelle Verhalten innerhalb der Burgerschaft sowie die Personalpolitik innerhalb der burgerlichen Verwaltung. Die personellen Verflechtungen zwischen der Burgergemeinde und ihren Gesellschaften sind eng. Der ehemalige Burgergemeindepräsident Kurt Hauri spricht in Bezug auf die Reismusketen-Schützengesellschaft von «befruchtenden personellen Verflechtungen» zwischen der Burgergemeinde und den Reismusketen, noch deutlicher: «Die menschlich-persönliche Verbindung zwischen der Gesellschaft und der Burgergemeinde ist überaus eng».[7]

Die Historikerin Katrin Rieder hat in ihrer 2008 erschienenen Dissertation Netzwerke des Konservatismus. Berner Burgergemeinde und Patriziat im 19. und 20. Jahrhundert versucht, die Burgergemeinde sozialgeschichtlich zu analysieren. Sie zeigte in ihrer Arbeit auf, dass Männerbünde wie die Reismusketen-Schützengesellschaft, die Bogenschützengesellschaft, die Grande Société, die Leiste, Studentenverbindungen (insbesondere die Zofingia)[8] sowie der Johanniterorden bei der Ämtervergabe seit dem Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle spielen.[9] Die Verstrickungen einzelner Bernburger in der Nationalen Front, insbesondere die Rolle des späteren Burgergemeindepräsidenten Georges Thormann als Gauleiter des Kantons Bern haben für Gesprächsstoff gesorgt. Die Arbeit von Rieder wurde teilweise kritisch besprochen.[10][11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Die Burgergemeinde Bern : Gegenwart und Geschichte, Hrsg. von der Burgergemeinde Bern. 2. Auflage. Bern 1993, ISBN 3-7272-9081-1 (PDF-Datei; 60 MB)
  • Rundgang durch die Burgergemeinde, Hrsg. von der Burgergemeinde Bern. Bern 2009
  • Burgergemeinde Bern (Hrsg.): Wappenbuch der burgerlichen Geschlechter der Stadt Bern, (Wappen: Paul Boesch und Bernhard von Rodt, Text: Hans Bloesch), Bern 1932.
  • Kurt Hauri: Die Burgergemeinde Bern und die Reismusketen-Schützengesellschaft der Stadt Bern. In: Manuel Kehrli et al.: Die Reismusketen-Schützengesellschaft der Stadt Bern. Gegründet 1686. Bern, 2009, S. 41–48.
  • Carl Alexander Krethlow: Der Cercle de la Grande Société de Berne im 20. Jahrhundert. Traditionspflege und Anpassungsstrategien im Kontext beschleunigter Modernisierung. In: Georg von Erlach u. a. (Hrsg.): Hôtel de Musique und Grande Société in Bern 1759–2009. Licorne-Verlag, Bern 2009, S. 265–293.
  • Walter Nussbaum: Vom öffentlichen Wirken der Burgergemeinde Bern, in: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde, Nr. 26 (1964), S. 33–48. doi:10.5169/seals-244449
  • Katrin Rieder: Netzwerke des Konservatismus. Berner Burgergemeinde und Patriziat im 19. und 20. Jahrhundert. Chronos, Zürich 2008, ISBN 978-3-0340-0905-8.[12][13][14]
  • Daniel Schläppi: Differenzmaschinen. Kommunen und Korporationen der Vormoderne als Instanzen postmoderner Ungleichheit. In: Schweizerische Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 24 (2010), S. 23–33. Digitalisat
  • «Viele wissen nicht, wie viel der Burgergemeinde gehört» auf www.derbund.ch (abgerufen am 16. März 2014).
  • Birgit Stalder e.a.: Von Bernern und Burgern. Tradition und Neuerfindung einer Burgergemeinde, Baden 2014.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Früheres Logo siehe Wikimedia Commons.
  2. Weber 2008, S. 3.
  3. http://www.vbbern.ch/
  4. http://www.burgerverband.ch/
  5. http://www.burgergesellschaft.ch/
  6. http://burgerinnen-forum-bern.ch/
  7. Hauri 2009, S. 44.
  8. 2014 sind 19 % der Mitglieder des Grossen Burgerrats gleichzeitig Mitglied im Schweizerischen Zofingerverein, vgl. Mitgliederverzeichnis Schweizerischer Zofingerverein 2009 (Altzofingersektionen Bern und Zürich) und Burgerkalender 2014 online.
  9. Rieder 2008, S. 156–160; 268–271.
  10. Vgl. Hans-Ulrich Jost: Rezension zu: Rieder, Katrin: «Netzwerke des Konservatismus. Berner Burgergemeinde und Patriziat im 19. und 20. Jahrhundert». In: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde, 70 (2008), H. 4, S. 63–67. Digitalisat
  11. Vgl. Christophe von Werdt: Der Ausscheidungsvertrag zwischen Burger- und Einwohnergemeinde Bern von 1852 – Quellenanalyse statt Verschwörungstheorie. In: Berner Zeitschrift für Geschichte, 71 (2009), H. 3, S. 57–97. doi:10.5169/seals-247422
  12. Vgl. Hans-Ulrich Jost: Rezension zu: Rieder, Katrin: Netzwerke des Konservatismus. Berner Burgergemeinde und Patriziat im 19. und 20. Jahrhundert. In: Berner Zeitschrift für Geschichte und Heimatkunde 70 (2008), H. 4, S. 63–67
  13. Vgl. Kerstin Brunner: Rezension zu: Rieder, Katrin: Netzwerke des Konservatismus. Berner Burgergemeinde und Patriziat im 19. und 20. Jahrhundert. Zürich 2008. In: H-Soz-u-Kult, 16. März 2010; und Medienspiegel 14. August 2008. In: reitschule.ch, mit Beiträgen zur Diskussion um das Buch.
  14. Vgl. Christophe von Werdt: Der Ausscheidungsvertrag zwischen Burger- und Einwohnergemeinde Bern von 1852 – Quellenanalyse statt Verschwörungstheorie. In: Berner Zeitschrift für Geschichte 71(2009), H. 3, S. 57–97

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Burgergemeinde Bern – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien