Burschenbunds-Convent

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Wappen der Verbindungen im Burschenbunds-Convent (1931)

Der Burschenbunds-Convent war ein Verband paritätischer farbentragender Studentenverbindungen, die liberalen und freiheitlichen Idealen folgten. Er war die Antwort auf den Antisemitismus nach der Deutschen Reichsgründung und später auf den zunehmenden Rassenantisemitismus.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Furchtlos und beharrlich!“ Alsatias Couleur

1919–1933[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Initiative von Justizrat Hugo Straßmann (1859–1930, Alemannia Breslau) wurde der Burschenbunds-Convent (BC) am 31. August 1919[2] von reichsdeutschen paritätischen Studentenverbindungen gegründet.[3] Am 27. Juni 1920 griff der Verband mit der Aufnahme Wiener Burschenschaften erstmals über die Reichsgrenzen hinaus. Die sudetendeutschen Korporationen gründeten am 25. Juni 1921 den Sudetendeutschen Burschenbunds-Convent. Die Brünner und Prager Korporationen waren gleichberechtigt im BC und wurden am 21. Dezember 1926 als Einzelmitglieder anerkannt.[4] Während die reichsdeutschen Verbandskorporationen einheitlich die Bezeichnung „Burschenbund“ annahmen, behielten die Wiener und die sudetendeutschen Korporationen ihre Bezeichnung „Burschenschaft“ bei, da sich in Österreich sich die nationalistische, antisemitische Korporationen als Burschenbund bezeichneten. Der Rückgriff auf die Ideale der Urburschenschaft bezog sich vornehmlich auf die Forderung nach einer demokratischen Gesellschaftsordnung. Die Mitglieder des BC waren häufig „assimilierte Juden“, aber auch religiös praktizierende Juden und christlich liberale deutsche Studenten. Aus eigener Überzeugung richteten sie sich deutschnational auf dem Boden der Weimarer Republik aus. Mit dem Patriotismus der rechtsgerichteten Korporationen wollten sie nicht konkurrieren.

Mitte der zwanziger Jahre umfasste der BC 1300 bis 1800 Mitglieder.[3]

Der Sanitätsrat Richard Friedländer des Berliner Burschenbunds Ghibellinia war Verleger, später auch Schriftleiter, der Deutschen Hochschule. 1925 gab der Altherrenausschuss ein Liederbuch des B.C. heraus. Der Einband war mit den Zirkeln der BC-Bünde verziert. 1929 folgte ein nach Wohnsitz, Beruf und Korporation geordnetes Verzeichnis der Alten Herren. Das Geschäftsjahr war das Kalenderjahr. Vorort für 1930 war Dresden (Prusso-Saxonia). Erster Vorsitzender war Rechtsanwalt Dr. Wertheimer (Wirceburgia). Die Geschäftsstelle war im Bezirk Tempelhof, Viktoriastr. 8.

Bei der strikten Ablehnung der antisemitischen und nationalsozialistischen Auffassungen, die in anderen Studentenverbindungen in den 1920er Jahren weit verbreitet waren, berief sich der BC auf die Ideale der Urburschenschaft von 1815.[5] Ungeachtet seiner Offenheit gegenüber allen Religionen galt der BC in waffenstudentischen Kreisen jedoch weithin als „jüdisch“; seine Mitglieder galten völkischen Verbindungen großteils als nicht satisfaktionsfähig (siehe auch: Waidhofener Prinzip). Zudem kam noch eine Dauerfehde mit dem ebenfalls deutsch-national gesinnten Kartell-Convent (KC), der nur Juden aufnahm.[3][6]

„Obwohl die Mitglieder … überwiegend Juden oder Studierende jüdischer Abstammung waren, lehnten sie es ab, sich als jüdische Verbindung bezeichnen zu lassen. Diese Studenten repräsentierten ein assimiliertes Judentum, das sich in Sachen Patriotismus von den rechtsgerichteten Korporationen nicht übertrumpfen lassen wollte, gleichzeitig aber durch die Mitgliedschaft im Deutschen Studentenbund seine Unterstützung für die Weimarer Demokratie demonstrierte.“

Michael Grüttner: Die Studentenschaft in Demokratie und Diktatur.[7]

Zahlreiche Alte Herren des Burschenbunds-Convents waren Mitglieder des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold.[8]

Die Bünde standen nicht nur zu Couleur und Mensur, sondern auch zur unbedingten Satisfaktion.[7] Aufgenommen wurden Studenten deutscher Muttersprache, die sich zum Grundsatz der Toleranz bekannten. Andere Kriterien wie Nation oder Religion spielten keine Rolle. Anhänger des Kommunismus oder des Nationalsozialismus wurden nicht aufgenommen. Der Wahlspruch war: „Für Deutschtum, Freiheit, Recht und Ehre.“ Die Verbandsfarben waren die Farben der Urburschenschaft, schwarz-rot (v. u.) mit goldener Einfassung. Der BC gehörte weder der Deutschen Studentenschaft noch dem Deutschen Studentenverband an. Als Abzeichen trugen die Angehörigen von BC-Bünden in der rechten Ecke des Rockaufschlags eine Nadel mit einem kleinen silbernen Ring.

Vor der Zeit des Nationalsozialismus hatte der BC 22 Verbindungen. Am Ende des Sommersemesters 1933 waren alle reichsdeutschen BC-Bünde suspendiert.[4] In Prag wurde der aktive Betrieb teilweise noch bis 1938 aufrecht erhalten.[9]

1958–1973[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der BC rekonstituierte am 27. Juni 1953 als Altherrenverband, der dem Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA) angehörte. Der BC wurde als fakultativ schlagender Verband rekonstituiert. 1965 hatte er noch drei Verbindungen (eine in Marburg, zwei in München) mit insgesamt 1000 Mitgliedern.

Alsatia Leipzig rekonstituierte am 4. Juli 1958 in Marburg, verschmolz am 10. Februar 1968 mit Thuringia München zu Alsatia-Thuringia und vertagte am 22. Oktober 1973. Thuringia München rekonstituierte Anfang SS 1960, Südmark-Monachia im Juni 1960. Thuringia verschmolz am 10. Februar 1968 mit Alsatia Leipzig zu Marburg zu Alsatia-Thuringia Marburg. Südmark-Monachia vertagte am 23. Juni 1973. Ghibellinia Berlin hatte am 1. Juli 1955 verbandsfrei rekonstituiert und vertagte um 1963.

1974 war die Zahl der Alten Herren auf 250 zurückgegangen. Anfang der 1980er Jahre hörte der BC auf zu bestehen.[10] Der AHV des BC besteht noch als eingetragener Verein, hat aber keine Geschäftstätigkeiten mehr. Er führt noch die formellen Konvente durch. Die Vorsitzenden des heutigen BC sind Mitglieder des AHV Alsatia-Thuringia.[1] Zu den Jahrestreffen kommen die BC-Mitglieder seit 2017 auf dem Corpshaus der Hasso-Nassovia zusammen.[1]

Mitgliedsverbindungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Burschenbunds-Convent wurde am 31. August 1919 in Berlin von zehn bis dahin verbandsfreien Korporationen begründet.

Bund Name Ort Farben Gründung Mitglied des BC Anmerkungen
Landsmannschaft Alemannia Breslau schwarz-blau-gold 1. November 1878 Gründungsmitglied
Verbindung Alsatia Leipzig schwarz-silber-grün 17. November 1893 Gründungsmitglied
Verbindung Bavaria Frankfurt grün-silber-rot 1. Juli 1919 Gründungsmitglied
Verbindung Brandenburgia Berlin blau-gold-grün 19. April 1890 Gründungsmitglied
Landsmannschaft Ghibellinia Berlin blau-gold-schwarz 1. Juli 1879 Gründungsmitglied
Verbindung Markomannia Hamburg rot-silber-violett 4. Juni 1919 Gründungsmitglied übernahm Anfang SS 1922 Normannia Breslau
Burschenschaft Neo-Silesia Berlin blau-rot-gold 1. Juli 1893 Gründungsmitglied
Verbindung Saxonia Heidelberg gold-weiß-violett 26. Juli 1919 Gründungsmitglied
Verbindung Thuringia München violett-orange-weiß 25. Februar 1892 Gründungsmitglied
Verbindung Wirceburgia Würzburg rot-blau-weiß 5. November 1885 Gründungsmitglied
Burschenschaft Cimbria Brünn grün-weiß-gold 1920 25. Juni 1921 1924 Vertagung und Übertritt der Aktivitas zu Normannia
Burschenschaft Normannia Brünn schwarz-blau-gold 1920 28. Oktober 1921
Verbindung Prusso-Saxonia Dresden weiß-schwarz-grün-weiß 3. Juli 1924 20. Oktober 1924 von Alsatia als Saxo-Borussia gegründet
Verbindung Bavaria Frankfurt am Main vertagte 1930 und rekonstituierte am 30. Mai 1931 als Badenia in Köln
Verbindung Guestphalia Freiburg im Breisgau gold-weiß-rot 22. April 1925 30. Mai 1925 von BC-Burschen und wohl auch von Oskar Scheuer gegründet
Verbindung Saxonia Heidelberg gold-weiß-violett 26. September 1919 27. Juli 1920 von Alsatia Leipzig gegründet
Verbindung Badenia Köln grün-silber-rot 30. Mai 1931 Bavaria Frankfurt rekonstituierte unter Verschmelzung mit der von BC-Burschen gegründeten Badenia
Verbindung Südmark-Monachia München grün-blau-weiß 4. Januar 1923 19. Februar 1923 von BC-Burschen unter Übernahme von aus ihren Korporationen ausgetretenen freiheitlichen Waffenstudenten gegründet
Burschenschaft Alemannia Prag schwarz-gold-blau 5. Oktober 1875 25. Juni 1921 nach 1886 von den übrigen Prager Burschenschaften nicht mehr als Burschenschaft anerkannt
Burschenschaft Ostmark Prag rot-gold-grün 1895 25. Juni 1921 gegründet als „Altstädter Tafelrunde“, seit 1902 „Ostmark“, Burschenschaft seit 1904
Burschenschaft Saxonia Prag schwarz-rot-gold 1901 15. Juli 1922 von Angehörigen der Alemannia Prag gegründet; „Rote Sachsen“ in Abgrenzung zu einem gleichnamigen völkischen Verein („Schwarze Sachsen“)
Burschenschaft Moldavia Prag rot-weiß-gold 1896 18. Juli 1926 gegründet als „Pilsener Landtag“, seit 1909 „Moldavia“, Burschenschaft seit 1925
Burschenschaft Budovisia Wien blau-weiß-schwarz 1. März 1894 27. Juni 1920 Burschenschaft seit 1914
Burschenschaft Fidelitas Wien grün-weiß-grün 1. Oktober 1876 27. Juni 1920 Burschenschaft seit 1919
Burschenschaft Suevia Wien weiß-schwarz-gold 1897 27. Juni 1920 seit 1902 „Suevia“, Burschenschaft seit 1919
Burschenschaft Constantia Wien rot-weiß-rot 1878 7. Juni 1924 gegründet als Turnverein, seit 1918 „Constantia“, Burschenschaft seit 1924

Bekannte Mitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Exlibris von Paul Kisch

Erinnerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenkstein des BC (2018)

Beim Marburger Schloss erinnert ein Gedenkstein an die gefallenen, verfolgten und im Holocaust umgebrachten Mitglieder des Burschenbunds-Convents. Alte Herren haben ihn 1964 beim Wachturm im Park westlich vom Landgrafenschloss aufgestellt: 1914–1918 und 1933–1945. Daneben wurde eine Hänge-Buche gepflanzt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Burschenbundsconvent, BC. Verband paritätischer Corporationen. Schmitz & Bukofzer, Berlin 1921. OCLC 635064298
  • Richard Friedländer: Burschenbunds-Convent, in: Michael Doeberl: Das akademische Deutschland, Bd. 2 (1931), S. 359–362.
  • Kurt U. Bertrams: Paritätische Studentenverbindungen und Verbände. WJK-Verlag, Hilden 2011. ISBN 3-949891-47-1.
  • Paulgerhard Gladen: 41. Der Burschenbunds-Convent, in ders.: Die deutschsprachigen Korporationsverbände, 4., aktualisierte und erweiterte Auflage. WJK-Verlag, Hilden 2013, ISBN 978-3-933892-28-7, S. 450–452.
  • Paulgerhard Gladen: Gaudeamus igitur: die studentischen Verbindungen einst und jetzt. Callwey, 1986. ISBN 3-7667-0811-2
  • Verzeichnis der Mitglieder des Altherrenverbandes des BC München e. V. und aller anderen ehemaligen BCer, sowie der Alten Herren des Wiener SC (Senioren-Convent) : zusammengestellt in Berlin, Wien und Dortmund. Saarbrücken, 1962. OCLC 633753179
  • Robert Hein: Der Burschenbunds-Convent, in: Thomas Schindler: Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen 1880–1933., herausgegeben von Jürgen Setter. Erlangen, Selbstverlag der Studentengeschichtlichen Vereinigung, 1988. OCLC 25203368
  • Specimen Corporationum Cognitarum
  • Harald Seewann: „Freundschaft, Freiheit, Ehre!“ Die Burschenschaft Budovisia im B.C. zu Wien (1894–1938). Ein Beitrag zur Geschichte des deutsch-freiheitlichen Verbindungswesens in Wien, 569 Seiten (mit Abbildungen und Faksimiles). 2019.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Mitteilung von Dr. Gerd Mohnfeld, Vorsitzender des AH-Verbandes Alsatia-Thuringa und des Burschenbunds-Convents
  2. Ernst Hans Eberhard: Handbuch des studentischen Verbindungswesens. Leipzig, 1924/25, S. 226
  3. a b c Matthias Hambrock: Die Etablierung der Aussenseiter: der Verband nationaldeutscher Juden 1921–1935. Böhlau Verlag Köln Weimar, 2003, S. 136ff., ISBN 978-3-412-18902-0
  4. a b Paulgerhard Gladen: Die deutschsprachigen Korporationsverbände (2013)
  5. Oskar Scheuer: Burschenschaft und Judenfrage. Der Rassenantisemitismus in der deutschen Studentenschaft. Berlin Wien, 1927, hier besonders ab S. 66. Digitalisat
  6. Miriam Rürup: Mit Burschenband und Mütze: Der Verein jüdischer Studenten (VjSt) Hatikwah und die Verbindung Saxo-Bavaria. In: Stephan Wendehorst (Hrsg.:) Bausteine einer jüdischen Geschichte der Universität Leipzig. Leipziger Universitätsverlag, 2006, S. 99–130, hier: S. 105–106
  7. a b Michael Grüttner: Die Studentenschaft in Demokratie und Diktatur. In: R. v. Bruch, H. E. Tenorth (Hrsg.): Geschichte der Universität Unter den Linden. Band 2: Die Berliner Universität zwischen den Weltkriegen 1918–1945. ISBN 978-3-05-004667-9. S. 187–294, hier: S. 225.
  8. Robert Hein: Der Burschenbunds-Convent. In: Thomas Schindler: Studentischer Antisemitismus und jüdische Studentenverbindungen 1880–1933, herausgegeben von Jürgen Setter. Erlangen, Selbstverlag der Studentengeschichtlichen Vereinigung, 1988. S. 100. OCLC 25203368
  9. X/0067 • Academisch - technischer Verein „Altstädter Tafebunde“, katalog.ahmp.cz, abgerufen am 29. Juli 2018
  10. Burschenbundsconvent (BC)
  11. Andreas Dornheim, Thomas Schindler: Wilhelm Aron (1907–1933): Jude, NS-Gegner, Sozialdemokrat und Verbindungsstudent., Historischer Verein Bamberg, 2007
  12. Timothy W. Ryback: Hitler’s First Victims: The Quest for Justice. Knopf Doubleday Publishing Group, 2014, ISBN 978-0-385-35292-5
  13. a b c Udo Wengst: Thomas Dehler 1897–1967. Eine politische Biographie. Oldenbourg Verlag, München 1997, ISBN 3-486-56306-8, S. 36
  14. Österreich in Geschichte und Literatur., Bd. 13, Stiasny Verlag, 1969, S. 456. OCLC 457007429
  15. Harald Seewann: Zirkel und Zionsstern: Bilder und Dokumente aus der versunkenen Welt des jüdisch-nationalen Korporationswesens: ein Beitrag zur Geschichte des Zionismus auf akademischem Boden., Band 3, Eigenverlag, 1992. S. 25, OCLC 311591994
  16. R. Rill: Scheuer, Oskar Franz. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 10, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1994, ISBN 3-7001-2186-5, S. 99.
  17. Méri Frotscher: Viajando para casa: redefinições da Heimat e da identidade na obra de Richard Katz. In: Espaço Plural Jg.IX, Heft 19, Nr. 2, 2008, S. 105–116, hier:Anmerkung 35, ISSN 1518-4196