Célérifère

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Brevet auf Celerifer für Jean-Henri Sievrac(!), Wagner in Marseille, 30. Juni 1817
Graf de Sivrac auf einer Célérifère. Visualisierung circa 1900
Diese Merveilleuse auf einer Célérifère im Lustspiel Les Vélocifères. Visualisierung circa 1900
Vélocifère-Fahrer (Zeichnung von 1869; aus: "Velox")[1] mit schwenkbarem Vorderrad!

Célérifère, deutsch ein Celerifer, bezeichnet eine französische Schnellkutsche[2] und nicht ein nicht-lenkbares von Menschenkraft betriebenes Zweirad, das vom französischen Grafen de Sivrac entwickelt und im Juni 1791 der Pariser Öffentlichkeit präsentiert worden sei.[3][4][5][6][7] Der auf ihr sitzende Fahrer stoße sich und das Fahrzeug mit den Füßen gegen den Boden vorwärts. Die Célérifère soll vor dem Hintergrund und im Geist der Französischen Revolution entwickelt worden sein. Ihre Verwechslung als Zweirad gilt seit Jacques Seray auf der International Cycling History Conference (ICHC) als Fälschung. Bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in der Gegend von Nürnberg hergestellte Zweiräder waren eine deutsche Gegenlegende.[8]

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese oft mit Tierköpfen versehenen Zweiräder, angeblich ab 1793 als Vélocifère bezeichnet,[9] sollen einen festen Platz in der Pariser Gesellschaft mit in Klubs zusammengeschlossenen begeisterten Anhängern eingenommen haben. 1802 berichtet eine Pariser Zeitung erstmals von Rennen zwischen aristokratischen Vélocifère-Fahrern, die auf der Rue Royale und Champs-Élysées stattfanden[10] - mit viel Peitschenknallen! Mit ihnen als Requisiten soll eine Operette mit dem Titel Les Vélocifères von Emmanuel Dupaty am 19. März 1804 im Théâtre du Vaudeville uraufgeführt worden sein.[11][12] „1808 kam dieses Ding förmlich in Mode“.[13]

„Die Zeit war einfach reif für ein derartiges Spielzeug.“

Max J. B. Rauck.[14]

Von Joseph Nicéphore Niépce wird berichtet, dass er angeblich noch bis 1816 ein lenkungsloses Zweirad im Jardin du Luxembourg gefahren habe.[15] Erst 1818 besaß er ein lenkbares Laufrad; mit der Erfindung der lenkbaren Draisine seien die ungelenkten Célérifèren verschwunden.[16]

Legende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Existenz der Célérifère verbreitende Sekundärliteratur bezieht sich weitestgehend auf eine 1891 erschienene Schrift von Louis Baudry de Saunier.[17][Anm. 1] Dass diese aber die Existenz der Célérifère nicht beweise, sprach erstmals Jacques Seray (1977) aus.[18] Für Hans-Erhard Lessing ist die Célérifère eine „französische Legende“ gegen die Erfindung der Laufmaschine durch den Deutschen Karl von Drais. Celerifere oder Velozifere waren nach seiner Meinung Fahrzeuge in einem „zeitgenössischen Schnellkutschendienst“, und es war ein gewisser „Jean-Henry Sievrac“ aus Marseille, der „britische Schnellkutschen 1817“ importierte. Ein kanadischer Linguist habe in seiner Dissertation von 1950 auf die Falschübersetzung des Wortes hingewiesen. Baudry de Saunier datierte nach Lessing „den Schwindel auf 1791, damit sein Buch zum Hundertjährigen [Jubiläum der Célérifère] erscheine“. Die „de-Sivrac-Legende“ sollte nach Lessing „die Erfindungshöhe der Laufmaschine [durch Drais] auf Null“ drücken.[19][20] Eine andere Kritik lautet: Frühe Fahrradhistoriker – wie Saunier – hätten den Ursprung des Fahrrads bewusst in die Vergangenheit gelegt um den Anteil der eigenen Nation möglichst hoch anzusiedeln.[21]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joseph Firth Bottomley: The Velocipede: Its Past, Its Present, and Its Future. London 1869. [3]
  • Ludwig Croon: Das Fahrrad und seine Entwicklung. Deutsches Museum, Abhandlungen und Berichte. VDI-Verlag, Berlin 1939.
  • Anton Daul: Illustrierte Geschichte der Erfindung des Fahrrades und der Entwickelung des Motorfahrradwesens. Verlag Creutz, Dresden 1906.
  • Anne-Katrin Ebert: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940. Campus Verlag, 2010, ISBN 978-3-593-39158-8.
  • Franz Maria Feldhaus: Die Technik. Ein Lexikon der Vorzeit, der geschichtlichen Zeit und der Naturvölker. Engelmann, Leipzig/ Berlin 1914.
  • Tony Hadland und Hans-Erhard Lessing: Bicycle Design - An Illustrated History. MIT Press, Cambridge, CA 2015, ISBN 978-0-262-02675-8
  • Max J. B. Rauck, Gerd Volke, Felix R. Paturi: Mit dem Rad durch zwei Jahrhunderte. Das Fahrrad und seine Geschichte. 4. Auflage. AT Verlag, Aarau u. a. 1988, ISBN 3-85502-038-8.
  • Andrew Ritchie: King of the Road. Wildwood House, London 1975, ISBN 0-913668-42-7.
  • Louis Baudry de Saunier: Le cyclisme théorique et pratique. P. Ollendorff, Paris 1891.
  • Heinz Schmitt: Karl Friedrich Drais von Sauerbronn: 1785–1851; ein badischer Erfinder; Ausstellung zu seinem 200. Geburtstag. Stadtarchiv Karlsruhe, Karlsruhe 1985.
  • Peter Schneider: Das Zweirad im Wandel der Zeit. Deutsches Zweirad-Museum Neckarsulm, 1980.
  • Jacques Seray: No, Monsieur Beaudry de Saunier! The True Origins of the Bicycle. In: The Boneshaker. Volume 10, Number 85, 1977, S. 9–17.
  • Wilhelm Wolf: Fahrrad und Radfahrer. Leipzig, 1890. (3. Neuauflage. Dortmund 1988)
  • John Woodeford: The Story of the Bicycle. Routledge & Kegan, London 1970, ISBN 0-7100-6816-6.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Joseph Firth Bottomley erwähnt jedoch schon 1869 „Celerifere“ bzw. den englischen Begriff „Celeripede“ und hat in seinem Buch bereits eine Zeichnung eines nicht lenkbaren Laufrades (S. 12.) Vgl. [1].
    Wilhelm Wolf (1890, S. 15) erwähnt „Pariser Stutzer“ die er „um 1800“ datiert.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andrew Ritchie, S. 17.
  2. Hadland/Lessing, S. 494
  3. Feldhaus, Nachtrag S. 11.
  4. Louis Baudry de Saunier, S. 22.
  5. Peter Schneider: Das Zweirad im Wandel der Zeit, S. 11.
  6. Andrew Ritchie, S. 16.
  7. Ludwig Croon, S. 166.
  8. Max J. B. Rauck, S. 16
  9. John Woodeford, S. 7.
  10. Andrew Ritchie, S. 18.
  11. Louis Baudry de Saunier, S. 23. [2]
  12. Les Vélocifères: in google books
  13. Anton Daul, S. 1.
  14. Max J. B. Rauck, Gerd Volke, Felix R. Paturi, S. 13.
  15. Max J. B. Rauck, Gerd Volke, Felix R. Paturi, S. 13.
  16. Max J. B. Rauck, Gerd Volke, Felix R. Paturi, S. 14.
  17. Louis Baudry de Saunier, 1891
  18. Jacques Seray, 1977
  19. Hans-Erhard Lessing in: Heinz Schmitt (Hrsg.), S. 28.
  20. Hans-Erhard Lessing in: Wilhelm Wolf, S. 272.
  21. Anne-Katrin Ebert, S. 33.
  22. Gilt als Célerpède von Joseph Nicéphore Niépce