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Caipira

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Kaipiras aus São Paulo in einer ihrer typischen Trachten

Die Caipiras sind eine ethnografische Gruppe mit Ursprung im brasiliarischen Bundesstaat São Paulo,[1][2] die sich auch auf die brasilianischen Bundesstaaten Goiás, Minas Gerais, Mato Grosso, Mato Grosso do Sul und Paraná verteilt. Historisch sind sie zudem mit der Besiedlung von Gebirgsregionen in Rio Grande do Sul und Santa Catarina verbunden, wo ihre Nachfahren als Birivias bezeichnet werden.[3]

In der Vergangenheit waren Caipiras leicht zu identifizieren, sowohl durch einen Phänotyp, der sie den Indigenen ähneln ließ, als auch durch ihre Kleidung, zu der Baumwoll-Leinenhosen, ein großer Hut und selbst an heißen Tagen ein traditioneller Poncho gehören konnten. Zu ihren wichtigsten ethnischen Formationen zählen auch Sephardim, Juden, die aufgrund der Inquisition aus Spanien und Portugal emigrierten, und zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert eingewandert in São Paulo waren.[4][5][6]

Die Gebiete, in denen die Caipira-Kultur eingeführt wurde, werden informell zu einer einzigen Region zusammengefasst, die als Paulistânia bekannt ist. Ein kulturelles und geografisches Konzept, das ab dem 20. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung gewann.

Während der Kolonialzeit war ihr wichtigstes Kommunikationsmittel die "Língua geral paulista" (Paulista Tupi-Sprache), die durch die Bandeiras in andere Regionen verbreitet wurde. Heute sprechen sie einen eigenen Dialekt[7] auf portugiesischer Basis, in dem einige Elemente der Paulista Tupi-Sprache und der galicisch-portugiesischen Sprache erhalten geblieben sind.[8]

Herkunft der Bezeichnung „Caipira“

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Ursprünglich war „Caipira“ eine Bezeichnung, die vom Volk der Guaianá des Médio Tietê verwendet wurde, um die Bandeirantes zu benennen. Frühe Entdecker, die von São Paulo aus ins Hinterland aufbrachen, um nach Edelmetallen zu suchen.[9] Der Begriff entstand während der Existenz der Kapitanie São Vicente, die später unter der Bezeichnung São Paulo e Minas de Ouro reorganisiert und schließlich 1720 in São Paulo umbenannt wurde.

Die erste Definition des Namens „Caipira“ wurde im 19. Jahrhundert von Baptista Caetano d’Almeida formuliert, der verteidigte, dass der Begriff aus der Tupi-Sprache stamme: cai (Brandrodung) + pira (Haut), was als „verbrannte Haut“ übersetzt wird und sich möglicherweise auf das äußere Erscheinungsbild, etwa der Bandeirantes bezog.[10]

Im 20. Jahrhundert entstanden verschiedene etymologische Erklärungen zur Herkunft des Begriffs. Einige vertreten die Ansicht, er könne vom Tupi ka'apir oder kaa-pira stammen, was „Buschschneider“[11] bedeutet; von ka'a pora, „Bewohner des Waldes“, aus der Verbindung von caa (Wald) und pora (Mensch); von kopira, „Rodung“ oder „Rodender“; von caí-pyra, „Schüchterner“; oder vom Guarani caapiára, „Landwirt“.

Mögliche Synonyme

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Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs „Caipira“ entspricht in Minas Gerais dem Wort Capiau, einem Begriff guaranischen Ursprungs, der ebenfalls „Buschschneider“ bedeutet. Caipora, aus dem Tupi caa'pora, bedeutet „das, was im Wald ist“.[12][13] Im Nordosten Brasiliens entspricht er dem Begriff Matuto, der sich von „Mato“ (Wald) ableitet. Der Begriff Caboclo, aus dem Tupi kari'boka, „vom Weißen abstammend“, der streng genommen die Kinder aus der Verbindung zwischen Weißen und Indigenen bezeichnet, wurde im 19. Jahrhundert mit dem Caipira assoziiert.[14] Caburé, aus dem Tupi kabu'ré, bezeichnet die Kinder aus der Verbindung zwischen Schwarzen und Indigenen.[15] In Rio Grande do Sul erhielten die Nachfahren der Caipiras, die die Serra Gaúcha kolonisierten, die Bezeichnung „Biriva“, „Biriba“ oder „Beriba“, die vom Tupi mbi'ribi stammt und „klein“ oder „wenig“ bedeutet.[16]

Abwertende Bezeichnungen und Stereotype

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Ohne negative Wertung wird der Ausdruck bei der Beschreibung ländlicher Kultur (= cultura caipira) benutzt. Caipira wird aber auch herabwertend verwendet und bezeichnet dann eine einfache, ungebildete Person. In diesem Fall entspricht Caipira ungefähr der Bedeutung Hinterwäldler. Die stereotype Verwendung des Begriffs in abwertender Weise, etwa als Bezeichnung für eine naive oder ungeschickte Person, gilt als eine Form der Diskriminierung von Menschen aus ländlichen Gebieten.[17] Seit den 1980er/90er Jahren ist der Begriff Caipira immer mehr auch als mit Stolz verwendete Eigenbezeichnung der ländlichen Bevölkerung aufgekommen.

Die Gebiete, in denen die Caipira Kultur eingeführt wurde, sind informell zu einer einzigen Region zusammengefasst, die als Paulistânia bekannt ist, ein kulturelles und geografisches Konzept, das ab dem 20. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung gewann.[18][19][20][21][22]

  • Darcy Ribeiro: O Povo Brasileiro. A formação e o sentido do Brasil. 2. Auflage. Companhia das Letras, São Paulo 1995, IV, Os Brasis na História, 5: O Brasil Caipira, S. 363–406 (brasilianisches Portugiesisch, Webarchive [PDF]).
Commons: Caipira – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Antonio Candido: Caipiradas. S. 171.
  2. Projeto Agosto Caipira promove cultura popular nas bibliotecas de São Paulo. 21. August 2011, abgerufen am 22. November 2024 (brasilianisches Portugiesisch).
  3. Vitor Sartori Cordova: O território paulistânico: um olhar existencial para além dos mapas antigos. In: Universidade Estadual de Campinas - Sistema de Bibliotecas. 2017, abgerufen am 22. November 2024.
  4. Judas Tadeu de Campos: A influência dos marranos no sertão das Cutias. (org.br [PDF]).
  5. Famílias que vieram para Goiás nas primeiras levas de bandeirantes eram judeus s. Abgerufen am 10. Februar 2026.
  6. Folha de S.Paulo - Nova história: Bandeirantes tinham origem judaica - 05/09/2004. Abgerufen am 10. Februar 2026.
  7. Amadeu Amaral: O dialeto caipira. Gramática, vocabulário. 1920. – 4. Auflage, Hucitec, São Paulo 1982 (Online).
  8. Dialeto caipira do interior paulista está caindo em desuso, aponta pesquisa. 1. April 2022, abgerufen am 22. November 2024 (brasilianisches Portugiesisch).
  9. Esmeralda Abreu de Lobo: História do Brasil: Série de Mapas e Quadros Sinóticos. (usp.br [PDF]).
  10. Esmeralda A. Lobo: Dicionário da Terra e da Gente do Brasil. 6. Auflage. (usp.br [PDF]).
  11. Agosto Caipira. Abgerufen am 10. Februar 2026.
  12. FERREIRA, A. B. H.: Novo dicionário da língua portuguesa. 2. Auflage. Rio de Janeiro und Nova Fronteira. 1986, S. 105.
  13. FERREIRA, A. B. H.: Novo dicionário da língua portuguesa. 2. Auflage. Rio de Janeiro und Nova Fronteira 1896, S. 341.
  14. FERREIRA, A. B. H.: Novo dicionário da língua portuguesa. 2. Auflage. Rio de Janeiro und Nova Fronteira. 1986, S. 302.
  15. FERREIRA, A. B. H.: Novo dicionário da língua portuguesa. 2. Auflage. Rio de Janeiro und Nova Fronteira. 1986, S. 304.
  16. FERREIRA, A. B. H.: Novo dicionário da língua portuguesa. 2. Auflage. Rio de Janeiro und Nova Fronteira 1986, S. 288.
  17. Fábio Fernandes Villela, Fabiano da Silva Costa: Os caipiras e suas representações: estudo sobre o preconceito contra a origem geográfica e de lugar em jovens de escolas de meio rural para a formação de professores em educação do campo. (PDF) Universidade Federal de São Carlos, abgerufen am 23. August 2025 (portugiesisch).
  18. Carlos Alberto Dória: A culinária caipira da Paulistânia. S. 69.
  19. Antonio Candido: Os parceiros do Rio Bonito. S. 12.
  20. Cristina de Lima Cardoso: Estudos das tradições caipiras em Itapetininga. S. 16 (pucsp.br [PDF]).
  21. Jane Victal, Vitor Sartori Cordova: Territorialidades Caipiras: o ser e a identidade do lugar. In: ILUMINURAS. Band 17, Nr. 41, 8. Mai 2016, ISSN 1984-1191, doi:10.22456/1984-1191.64560 (ufrgs.br [abgerufen am 22. November 2024]).
  22. Pablo Henrique Rios Nascimento: SONS DO POVO: O CAIPIRA, O GAÚCHO E O SERTANEJO EM SUAS EXPRESSÕES MUSICAIS. Abgerufen am 22. November 2024.