Campagna Romana

Die Campagna Romana, kurz auch Campagna (nicht zu verwechseln mit Kampanien, ital. Regione di Campania), ist die sanft hügelige, von Gräben und Wasserläufen durchzogene Ebene der Region Latium (ital. Lazio) zwischen dem tyrrhenischen Meer und dem Apennin in der Umgebung Roms. Im Norden ist sie von den tief eingeschnittenen Tälern des Tibers und seiner Nebenflüsse geprägt, im Süden von der mit antiken Grabdenkmälern begleiteten Via Appia sowie den Ruinen der großen römischen Aquädukte zwischen Rom und den Albaner bzw. den Sabiner Bergen (Höhe bis 1300 Meter). Über den ursprünglichen Ager Romanus hinaus reicht die Campagna Romana im Süden bis nach Anzio. Obwohl die Grenzen der Campagna nicht genau festlegbar sind, kann man von einer Fläche von etwa 2.100 Quadratkilometern ausgehen. Die Campagna Romana ist weniger als klar umgrenzte geografische Region, denn als Kulturraum und Sehnsuchtsort der Nordeuropäer von Bedeutung.
Geologie und Topografie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die geologischen Hauptmerkmale der wegen ihrer ästhetischen und touristischen Reize seit Jahrhunderten berühmten Landschaft sind die Lavadecken und die vulkanischen Tuffe der benachbarten Albaner Berge (Höhe bis 948 Meter; mit dem Lago Albano, der schon zur Römerzeit als Wasserreservoir diente. Alba Longa gilt als die älteste lateinische Stadt) beziehungsweise der Monti Cimini. Auch der heutige Lago di Bracciano (lateinisch: Lacus Sabatinus, etwa 60 km von Rom entfernt) ist ein ehemaliger Vulkankrater. Die Vulkanregion um die Seen war zum letzten Mal vor rund 225.000 Jahren aktiv. Heute ist der Lago di Bracciano mit dem mittelalterlichen Ort Anguillara Sabazia ein beliebtes Ziel für Urlauber und Wochenendausflügler. Bekannt sind auch Faleria, im nahegelegenen Kastell Paterno soll Kaiser Otto III. vergiftet worden sein, und das auf einem Tuffsteinfelsen errichtete Künstlerdorf Calcata.

Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der Antike wurde hier intensive Landwirtschaft betrieben, nicht zuletzt, um die Hauptstadt zu versorgen; zahlreiche begüterte römische Bürger errichteten hier Landsitze meist in Form luxuriöser Villen. Die Invasionen der Zeit der Völkerwanderung seit dem 5. Jahrhundert führten zu einer zunehmenden Entvölkerung des ländlichen Raums. Die großen kaiserlichen Latifundien gingen in den Besitz der Kirche über. Die landwirtschaftlichen Betriebe (villae rusticae) aus der Kaiserzeit verwandelten sich ab dem 8. Jahrhundert in „domuscultae“, selbstversorgende und befestigte Wohn- und Produktionsstätten, die einer Diözese – oder einer Kirche oder einer Abtei – unterstanden, die das Eigentum an den Ländereien besaß und diese in Erbpacht an die ansässigen Bauern verpachtete.
Seit dem 10. Jahrhundert zwang die Feudalisierung die Bauern, sich um die Burgen der Barone zu gruppieren, denen nach und nach viele kirchliche Besitztümer übertragen wurden. Im Zuge dessen gab man die Bewirtschaftung der tiefer gelegenen Teile zunehmend auf, so dass sie wieder versumpften und von Malaria verseucht wurden. Die spärliche Bevölkerung bestand aus Hirten, Viehhirten und Pferdezüchtern, Landarbeitern zur Erntezeit und Räubern, die ihre Rückzugsgebiete in den Bergen hatten. Ab dem 17. Jahrhundert gab es Versuche, durch Steueranreize wieder Kleinbauern anzusiedeln, um die verwilderten Gebiete wieder nutzbar zu machen. Erst im 19. und 20. Jahrhundert kam es dann zu einem neuerlichen Aufschwung, u. a. durch die Trockenlegung der pontinischen Sümpfe.
In den höher gelegenen Teilen der Campagna Romana waren hingegen landwirtschaftliche Güter von Hunderten von Hektar entstanden, die der Viehzucht, vor allem der Schafzucht, und dem Getreideanbau dienten. Diese Latifundien gingen in der Renaissance und in der Neuzeit in den Besitz von Familien über, die mit dem Papsttum verbunden waren.
Wirkung und Rezeption
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Die römische Campagna (veraltet eingedeutscht gelegentlich auch Kampagna) musste durchquert werden, um Rom zu erreichen, das Ziel jeder Grand Tour, wie die Bildungsreisen des Adels genannt wurden. Dies war wegen der berüchtigten Räuber und wegen der Malaria versuchten Sümpfe zum einen gefährlich. Zum anderen bot die abwechslungsreiche und von den beeindruckenden antiken Ruinen geprägte Landschaft besondere Reize. Das „Licht der Campagna“ war insbesondere durch den Maler Claude Lorrain zu einem Mythos des Italienerlebnisses geworden.[1] Zahlreiche Künstler wurden davon angezogen und inspiriert. Sehr bekannt ist Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins Gemälde von Johann Wolfgang Goethe, das den Dichter in dieser Landschaft zeigt.
Goethe reiste am 28. Oktober 1786 auf der Via Flaminia in Richtung Rom. Seine Eindrücke:
- „Die Chaussee, die von der Höhe nach Città Castellana geht, von eben diesem Stein, sehr schön glatt gefahren, die Stadt auf vulkanischen Tuff gebaut, in welchem ich Asche, Bimsstein und Lavastücke zu entdecken glaubte. Vom Schlosse ist die Aussicht sehr schön; der Berg Soracte steht einzeln gar malerisch da, wahrscheinlich ein zu den Apenninen gehöriger Kalkberg. Die vulkanisierenden Strecken sind viel niedriger als die Apenninen, und nur das durchreißende Wasser hat aus ihnen Berge und Felsen gebildet, da denn herrlich malerische Gegenstände, überhangende Klippen und sonstige landschaftliche Zufälligkeiten gebildet werden.“
Ein anderer berühmter deutscher Italienreisender, nämlich Ferdinand Gregorovius, schwärmt Mitte des 19. Jahrhunderts:
- „Ich habe die meisten Gefilde Italiens durchzogen, ich habe die berühmten Fluren von Agrigent und Syrakus durchwandert, aber trotz aller Farbenpracht jener südlichen Zone muß ich doch bekennen, daß mir die Campagna von Rom und Latium den mächtigsten Eindruck macht. (...) Sie liegt da wie ein erhabenes Theater der Geschichte, eine große Bühne der Welt. Kein Wort des Poeten, kein Pinselstrich des Malers, so viele Bilder davon gemalt sind, kann die verklärte Heldenschönheit Latiums auch nur andeutend denjenigen ahnen lassen, der sie nicht selber sah und empfand.“
Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts hatten die ausländischen Künstler in Rom bei ihren Ausflügen in die Umgebung der Stadt das pittoreske Leben der Landbevölkerung und die beeindruckenden, teils wild lebenden Wasserbüffel für ihre Bilder entdeckt. Künstler wie Camille Corot und Karl Blechen begründeten hier die Freilichtmalerei.
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William Stanley Haseltine: Mittagslicht in der römischen Campagna
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Thomas Cole: Römische Campagna, 1843
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Edward Lear: Campagna romana, 1841
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Edward Lear: Blick in die Campagna romana mit Reisenden, 1841
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Carl Spitzweg: Engländer in der Campagna, ca. 1845
Orte und Landschaften gleichen Namens
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Campagna heißt auch eine italienische Gemeinde in der Provinz Salerno. Campagna Lupia ist eine Ortschaft in der Provinz Venetien. Es gibt zudem eine Campagna Adorna in der Schweiz (eine Landschaft). Andere bukolische Landschaften werden gerne – mehr oder weniger berechtigt – unter Anspielung auf die Campagna ebenfalls so bezeichnet, sofern entsprechende Ähnlichkeiten ausgemacht werden. Da das Wort im Italienischen schlicht Land(schaft) bedeutet (es kann auch eine Kampagne meinen!), wird es dort auch auf die campagna toscana, campagna pisana etc. angewandt.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Giuseppe Tomassetti: Della campagna romana nel medioevo, Rom: Reale Società Romana di Storia Patria, 1892.
- Thomas Ashby: The Roman Campagna in classical times. London: Benn 1927 (Digitalisat).
- Joel Sternfeld: Campagna Romana. The Countryside of Ancient Rome. New York: Alfred A. Knopf, 1992. (Fotoband)
- Sandro Carocci e Marco Vendittelli: L'origine della campagna romana. Casali, castelli e villaggi nel XII e XIII secolo, Rom: Società Romana di Storia Patria, 2004.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Rainer Maria Rilke, Römische Campagna (Gedicht, 1908)
- Goethe: Italienische Reise im Projekt Gutenberg-DE
- Gregorovius: Wanderjahre in Italien: Aus der Campagna von Rom, 1856 und 1858 im: Projekt Gutenberg-DE
- EMA Bonn-ROMA ( vom 27. Juni 2009 im Internet Archive) (umfangreiche Linkliste)
- Umfangreiche Literaturliste
- Das Caffarellatal ( vom 9. Mai 2008 im Internet Archive)
- Die Campagna in alten Ansichten
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Vgl.: Das Licht der Campagna. Die Zeichnungen Claude Lorrains aus dem British Museum, London. Katalog der Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle, Petersberg: Imhof 2017.