Cancel Culture

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Cancel Culture ist ein politisches Schlagwort, mit dem übermäßige Bestrebungen zum Ausschluss von Personen oder Organisationen bezeichnet werden, denen beleidigende oder diskriminierende Aussagen beziehungsweise Handlungen vorgeworfen werden.[1]

Begriffsherkunft und Wirkungsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Cancel Culture stammt aus dem englischen Sprachraum. Er wird vereinzelt als Absage-, Lösch- oder Zensurkultur übersetzt,[2] ist in deutschsprachige Debatten aber überwiegend als Anglizismus eingegangen. Die Bezeichnung Cancel Culture geht auf die Praktik des Cancelns (von engl. to cancel = absagen) und die entsprechende Verwendung im Film New Jack City zurück. Die Ursprünge des Cancelns liegen in queeren, schwarzen Communities in sozialen Netzwerken wie Twitter, die häufig als Black Twitter bezeichnet werden.[3] Dort wurde der Begriff zuerst primär im Sinne eines demonstrativen Verzichts auf ein bestimmtes Kulturprodukt verwendet. Parallel entwickelte sich das eng damit verwandte Konzept des „Call-Outs“ (dt. „zur Rede stellen“), also das Herausstellen von als problematisch empfundenem Verhalten oder Medienprodukten. Als im Zuge der #MeToo- und Black-Lives-Matter-Bewegung Call-Outs häufiger zu Konsequenzen für die Betroffenen führten, setzte sich der Begriff der Cancel Culture durch.[4]

Canceln wird oft in sozialen Medien betrieben und zielt auf einen Entzug von Aufmerksamkeit ab.[1][5][6] Typischerweise geht es um Fragen sozialer Gerechtigkeit, dabei vor allem um Sexismus, Heterosexismus, Homophobie und Rassismus. Cancel Culture richtet sich vor allem gegen diejenigen, die aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe (englisch Race) als privilegiert angesehen werden.[7] Damit gehen in der Regel Beschuldigungen einher, die den Ruf der betroffenen Person schädigen können.[6] Entsprechende Vorfälle haben vereinzelt auch zu Entlassungen sowie zur Absetzung von Filmen und Fernsehserien geführt.[8][9] Der Begriff wird auch im Zusammenhang mit der Revision von als rassistisch wahrgenommenem kulturellen Erbe, wie zum Beispiel Denkmälern von Kolonialisten oder Blackfacing gebraucht.[10][11]

Cancel Culture ist ein politischer Begriff, der von den Gegnern dieser Tendenz geprägt wurde. Der Begriff gilt als ambivalent, ist umstritten und negativ konnotiert und steht in der Tradition der Auseinandersetzungen um Political Correctness.[6][12] Oftmals richtet sich der Begriff gegen linke Politik bzw. gegen die Unterdrückung unpopulärer Meinungen an Universitäten und in sozialen Medien, wohingegen der Begriff seltener für rechte Politik gebraucht wird, die vor allem über Gesetzgebungsverfahren linke Ansichten zu ersticken versucht.[13] Auch wenn das Phänomen „Proteste gegen andersartige Meinungen“ an sich nicht neu ist, so erlaubten es insbesondere die sozialen Medien stärker als zuvor, Debatten über die Angemessenheit von beispielsweise Handlungen und Kulturdenkmälern zu führen, die eine internationale Beachtung erreichen können, während Berichte über umgeworfene Statuen und Proteste offenbar den Eindruck einer „neue[n] Form von linker Aggression“ erweckten.[11]

Verwendung in der Tagespresse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im englischsprachigen Raum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

David Shor arbeitete bei der Firma Civis Analytics, die durch Analysen die US-Demokraten im Wahlkampf 2020 unterstützen sollte. Er fasste nach dem Tod George Floyds die Studie eines schwarzen Harvard-Professors auf Twitter zusammen. Demnach hätten gewaltsame Proteste 1968 Richard Nixon zum Wahlsieg verholfen, friedliche Demonstrationen hingegen die Demokraten begünstigt. Zahlreiche Aktivisten werteten diesen Tweet als Rat zur Gewaltlosigkeit an die BLM-Bewegung und sprachen Shor als Weißem das Recht dazu ab, woraufhin sein Arbeitgeber ihn entließ.[14] Heute arbeitet er für das Center for American Progress, das ebenfalls den Demokraten nahesteht.

Auch gegen Kulturerzeugnisse gerichtete Aktionen lassen sich als Cancel Culture einordnen: Im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung wurde die Reality-TV-Serie „Cops“ abgesetzt, weil sie Polizeigewalt verherrliche. Der Film Vom Winde verweht wurde zeitweise aus dem Programm des Streamingdienstes HBO Max genommen, weil er die Sklaverei in den amerikanischen Südstaaten verharmlose.[15]

Joanne K. Rowling wurde im Jahr 2020 Ziel eines Boykottaufrufs, nachdem sie ihre Meinung bezüglich des Themas Geschlechtsidentität geäußert hatte und dabei der Transphobie beschuldigt worden war.[16]

Der New York Times wurde im Jahr 2021 ein Fall von Cancel Culture zugeschrieben, als Chefredakteur Dean Baquet den Journalisten Donald McNeil Jr. zur Kündigung trieb, nachdem dieser nach einer Diskussion über Rassismus, in der er das Wort »Nigger« als Zitat verwendet hatte, Ziel medialer Berichterstattung und interner Auseinandersetzungen geworden war, in deren Folge ein Teil der Mitarbeiter ihren Unmut durch ein Schreiben an den Herausgeber Arthur Gregg Sulzberger zum Ausdruck brachten. Der Vorfall spaltete die Redaktion über die Frage, ob es sich um unlauteres Stummstellen missliebiger Meinungen oder um Konsequenzen für unsoziales Verhalten gehandelt habe.[9][17] Der US-Korrespondent Peter Mücke ordnete den Vorfall in die tief gespaltene amerikanische Gesellschaft ein, in der teilweise auf religiöse Weise über Sprache gestritten werde, und betont zudem, dass McNeil auch deshalb Feinde in der New York Times gehabt habe, da er sich gewerkschaftlich engagierte und eine bessere Bezahlung erreichen wollte.[18]

In Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Leipziger Jahresausstellung drohte 2019 auszufallen, nachdem die Einladung des umstrittenen Malers Axel Krause für einen Eklat gesorgt hatte. Krause hatte in der Vergangenheit migrationskritische Äußerungen gepostet und die AfD ein „begrüßenswertes Korrektiv im maroden Politikbetrieb“ genannt. Erst nachdem der Künstler ausgeladen worden war, wurde die Ausstellung mit Verspätung doch noch eröffnet.[19]

Auch Vorfälle außerhalb des Internets wurden mit Cancel Culture in Verbindung gebracht. So als im Oktober 2019 der AfD-Gründer Bernd Lucke nach Verlust seines Sitzes für die Partei Liberal-Konservative Reformer im EU-Parlament wieder an seinen Arbeitsplatz als Professor für Makroökonomie an der Universität Hamburg zurückkehrte und seine beiden ersten Vorlesungen wegen vehementer Proteste nicht halten konnte.[20] Im selben Monat verhinderten linke Demonstranten eine Lesung Thomas de Maizières beim Göttinger Literaturherbst.[21] Die Aktion wurde von einigen CDU-Politikern, u. a. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, scharf kritisiert.[21] Zu beiden Fällen bezog Bundespräsident Steinmeier Stellung, indem er eine respektvolle Form der Auseinandersetzung anmahnte.[22]

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) veröffentlichte 2020 im Rahmen einer Online-Kampagne anlässlich ihres 100. Geburtstages eine Stellungnahme des Komikers Dieter Nuhr. Dies stieß auf heftige Kritik, da Nuhr zuvor wissenschaftlich fragwürdige Relativierungen des menschengemachten Klimawandels und der COVID-19-Pandemie vorgeworfen worden waren. Die anschließende Löschung von Nuhrs Beitrag wertete dieser als Teil einer Cancel Culture.[23] Die DFG entschuldigte sich nach weiterer Kritik in den Medien bei Nuhr. Sie sei angesichts der zum Teil „aggressiven Twitter-Diskussion“ zu keiner klaren Einschätzung gekommen.[24] Die DFG stellte den Beitrag wieder online, wobei sie die „Freiheit des Denkens auf Basis der Aufklärung“ betonte und sich besorgt über eine Polarisierung der Debattenkultur äußerte.[25] Der Literaturwissenschaftler Johannes Franzen wies später darauf hin, dass die Kritik an Nuhr auf Twitter von zahlreichen Vertretern der wissenschaftlichen Community vorgebracht wurde und nicht, wie oftmals behauptet, von einem anonymen ‚Mob‘.[26]

Im Sommer 2020 wurde Lisa Eckhart vom Harbour-Literatur-Festival in Hamburg ausgeladen, nachdem andere Autoren ihre Zusagen zurückgezogen hatten. Die Autoren begründeten ihre Absagen damit, dass Eckhart sich rassistischer und antisemitischer Klischees bediene, von denen sie sich distanzieren wollten. Laut Eckhart handelte es sich bei der Interpretation ihrer Texte um ein Missverständnis.[27] Der Vorfall wurde als Cancel Culture kontextualisiert und hatte eine kontroverse Debatte zur Folge.[28][29][30][31][32][33][34][35][36][37]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Noch im August 2020 war der Begriff in Deutschland umstritten. So schrieb der Freitag, dass „die Feuilletons der Republik sich über den Begriff Cancel Culture den Kopf zerbrechen“.[38] Cancel Culture wird einerseits als Gefahr für den öffentlichen Diskurs gesehen;[1][39][40] andererseits als ein übertreibender konservativer Kampfbegriff kritisiert, mit dem legitimer Protest, der wichtig für die Demokratisierung der öffentlichen Debatte sei, abgewehrt werden solle.[41][42][43]

Kritik an Cancel Culture[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diagnosen einer Cancel Culture gehen häufig mit einer Kritik an der politischen Linken einher, der Intoleranz für Meinungen jenseits eines suggerierten linken Mainstreams vorgeworfen wird.[44] Cancel Culture wird somit als Gefahr für demokratische Grundrechte wie Meinungsfreiheit sowie Freiheit von Kunst und Wissenschaft[45] gewertet und mitunter sogar mit Zensur in Verbindung gebracht.[46][47][48]

Große mediale Aufmerksamkeit erhielt im Juli 2020 ein Schreiben mit dem Titel „Ein Brief über Gerechtigkeit und offene Debatten“, das im US-amerikanischen Harper’s Magazine veröffentlicht wurde.[49] Zu den über 150 Unterzeichnern gehörten unter anderem Autorinnen und Autoren wie J.K. Rowling, Margaret Atwood, Salman Rushdie und Daniel Kehlmann sowie der Linguist Noam Chomsky. Auch wenn der Begriff in dem Schreiben nicht auftaucht, wurde es als Kritik an der Cancel Culture in den USA verstanden.[50][51][52][53][54] Steven Pinker, einer der Unterzeichner, begründete seine Unterstützung des Briefs in der Welt am Sonntag: Zum einen werde durch die Cancel Culture das Leben unschuldiger Menschen ruiniert. Zum anderen werde eine jüngere Generation von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Künstlern eingeschüchtert und traue sich nicht mehr, eine andere Meinung zu äußern. Außerdem lähme der Trend, Menschen mit anderen Überzeugungen zu verleumden oder zu feuern, die Fähigkeit, kollektiv Probleme zu lösen.[55]

Auch wenn Kritiker soziale Anliegen der Cancel Culture gelegentlich anerkennen, weisen sie auf Defizite ihres Vorgehens hin. Cancel Culture gehe es nicht darum, offene Debatten zu führen und provokante Behauptungen sachlich zu widerlegen, sondern darum, ihre Urheber zu diskreditieren.[56][57] Zahlreiche Kritiker mahnen deshalb statt des vorschnellen „Cancelns“ einzelner Personen eine differenziertere und verhältnismäßige Betrachtung der jeweiligen Einzelfälle an. Dabei sollte zwischen der Person und einer einzelnen Handlung unterschieden werden. Der Boykott von Personen oder Produkten ist laut Cancel Culture-Kritikern als letztes Mittel zu betrachten, und anderen dürfe nie das Recht abgesprochen werden, bestimmte Produkte zu konsumieren oder Veranstaltungen zu besuchen.[58]

Kritik an der Cancel Culture kommt auch von Autoren, Aktivisten oder Politikern, die als links oder progressiv gelten, wie beispielsweise von Loretta Ross (en).[59] Statt Cancel Culture werden dabei meist offene Debatten und eine versöhnliche, transformatorische Herangehensweise an Meinungsverschiedenheiten gefordert, um an das Mitgefühl des Gegenübers zu appellieren und so eine Änderung des Verhaltens zu bewirken. So kritisierte auch Barack Obama die Call-Out Culture, in der insbesondere „bestimmte junge Menschen“ in sozialen Medien andere so stark wie möglich verurteilen würden, weil sie etwa ein falsches Verb benutzt hätten: „Es gibt Mehrdeutigkeiten. Menschen, die wirklich gute Sachen machen, haben Schwächen. Menschen, die ihr bekämpft, lieben vielleicht ihre Kinder und teilen bestimmte Dinge mit euch.“ Er bemängelte zudem, dass diese Form des Aktivismus keine echte Veränderung herbeiführen könne: „Wenn ihr nur mit Steinen werft, werdet ihr wahrscheinlich nicht weit kommen.“[60]

Eine verbreitete Kritik an Cancel Culture besagt, dass sie ökonomische Ungleichheit zugunsten der Kategorien Race und Gender vernachlässige und von zentralen sozialen Problemen ablenke. Der Cancel Culture zugeordneten Aktivisten wird deshalb Blindheit für die eigentlichen Ursachen ihrer eigenen Unterdrückung vorgeworfen.[61] Einige Journalisten nehmen an, dass die vorrangig jungen, linksliberalen Aktivisten, die Cancel Culture betrieben, häufig selbst ökonomisch privilegiert seien, ohne ein Bewusstsein für ihre Privilegien zu haben. Vor diesem Hintergrund erscheine Cancel Culture als sprachliche Kontrolle und zusätzliche Unterdrückung ausgebeuteter Arbeiter, denen eine „fein entwickelte Höflichkeit“ und „Achtung vor sprachlichen Moden“ fehle. Dies widerspreche so dem inklusiven Anspruch der Aktivisten.[62][61] Die Autorin Helen Lewis sieht die Cancel Culture auch als ein Mittel kapitalistischer Konzerne, um durch wenig einschneidende „progressive Gesten“ echten Debatten über Gleichberechtigung aus dem Weg zu gehen. Dadurch würden bestehende diskriminierende Strukturen erhalten und stabilisiert.[63]

Begriffskritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritiker des Begriffs weisen auf die privilegierte Stellung derjenigen hin, die ihn zumeist verwenden. So handelt es sich bei den Unterzeichnern des „Briefes über Gerechtigkeit und offene Debatten“ laut einigen Kommentatoren um Größen des Kulturbetriebs, die über öffentliche Plattformen verfügten und es gewohnt seien, dass ihre Ansichten mit Respekt gehört würden. Was von den Unterzeichnern als Angriff auf die Redefreiheit kritisiert werde, sei vielmehr eine Hinterfragung ihrer Autorität sowie historisch tief verankerter hegemonialer Machtverhältnisse.[64][65] Diese bestehenden Machtverhältnisse und dadurch entstehende Ausschlüsse würden durch die Kritik an der Cancel Culture verschleiert,[66] während ihre Infragestellung nicht nur von den sozialen Medien ausgehe, sondern auch von historisch benachteiligten Gruppen sowie von einer jüngeren Generation, die von der etablierten Generation Rechenschaftspflicht und eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe fordere.[51] Was als Cancel Culture kritisiert werde, sei vielmehr eine Korrektur bestehender Ungerechtigkeiten, denen der ‚klassische Liberalismus‘ zu wenig Aufmerksamkeit entgegenbringe.[67]

Der Politikwissenschaftler Karsten Schubert wendet sich gegen das konservative Argument, die als Cancel Culture bezeichnete emanzipative Kritik schränke Kunst- und Meinungsfreiheit ein: Kunst- und Meinungsfreiheit seien juristisch „in erster Linie Abwehrrechte gegen den Staat“, der bei den Debatten um Cancel Culture und Kunstfreiheit jedoch meist keine Rolle spiele.[68][69]

In Kritiken am Begriff wird zudem bemerkt, dass Cancel Culture zu Unrecht meist linken oder identitätspolitischen Initiativen vorgeworfen werde. Konservative Kritiker der Cancel Culture, wie der US-Präsident Donald Trump, verfolgten entsprechende Strategien der Aufkündigung des Dialogs und der Denunziation einzelner Personen, Organisationen, Medien und Publikationen mitunter selbst viel exzessiver. Trump habe durch teilweise ungerechtfertigte Vorwürfe versucht, politische Gegner, kritische Journalisten und sogar Sportler aus ihren Anstellungen zu drängen.[70][71] In der Washington Post kritisierte der Journalist Clyde McGrady, dass ein ursprünglich von jungen, schwarzen Menschen verwendeter Terminus durch weiße Nutzer des Begriffs appropriiert und kommodifiziert worden sei und inzwischen sogar häufig gegen sie und die Werte, für die sie stünden, instrumentalisiert werde.[4]

Einige Kommentatoren beobachten, dass zuletzt sehr unterschiedliche Vorfälle und Debatten mit Cancel Culture in Verbindung gebracht worden seien. Die Begriffsverwendung zeichne sich somit durch eine gewisse Vagheit aus.[72] Kontextlose Vorwürfe von Cancel Culture könnten das Wort als „Kampfbegriff“ funktionalisieren, der eine gesellschaftliche Polarisierung vorantreibe.[73] Auch Samira El Ouassil sieht in Cancel Culture einen ideologischen Kampfbegriff, der überwiegend von Rechtspopulisten und Rechtsextremen genutzt werde, um berechtigte Proteste zu delegitimieren.[74]

Ein Beitrag der Deutschen Welle sieht in Cancel Culture ein emotional aufgeladenes Modewort und den Versuch, „etwas zu einem aktuellen Phänomen hochzustilisieren, was in Wahrheit gar nicht neu ist.“ Es seien mitunter mediale Scheingefechte in der deutschen Presse über die emotionale Intensität bestimmter Proteste, die anstelle einer inhaltlichen Diskussion geführt werden. Das emotionale Niveau der medialen Aufregung sei „neu - und mindestens ebenso nutzlos wie der verallgemeinernde Modebegriff Cancel Culture“.[75]

Auch die in vielen Debattenbeiträgen angenommenen Auswirkungen von Cancel Culture wurden hinterfragt. Der Entzug von Aufmerksamkeit wirke in vielen Fällen nicht dauerhaft, sondern bleibe zeitlich beschränkt.[76] Provokante Aussagen und dadurch ausgelöste Cancel-Culture-Vorwürfe könnten teilweise sogar dazu dienen, zusätzliche Aufmerksamkeit zu generieren. So war im Anschluss an die Debatten um Lisa Eckhart eine deutliche Steigerung der Verkaufszahlen ihres Buchs „Omama“ zu verzeichnen.[77]

Netzwerke und Aktionen gegen Cancel Culture[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das am 2. Februar 2021 gegründete Netzwerk Wissenschaftsfreiheit aus über 70 festangestellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern will laut FAZ „Opfern der Cancel Culture seine Unterstützung“ anbieten und „unzulässig ausgegrenzte Sichtweisen in eigenen Veranstaltungen wieder ein Forum verschaffen, solange sie sich im Rahmen von Gesetz und Verfassung bewegen“.[78] Nach Ansicht der Süddeutschen Zeitung ist das Netzwerk in das konservative Spektrum einzuordnen.[79] Nach Ansicht des Neuen Deutschland lässt sich die politische Ausrichtung nicht eindeutig festlegen; mit Robert Pfaller und Vojin Saša Vukadinović seien auch Linke im Netzwerk vertreten und die Sprecherin des Netzwerks, Sandra Kostner, vertrete einen humanistischen Liberalismus.[80]

2021 gründeten in den USA 200 Wissenschaftler vor verschiedenen politischen Hintergründen die Academic Freedom Alliance („Akademische Freiheitsallianz“) als Reaktion auf die Cancel Culture, die sie als Gefahr für die freie Gesellschaft und die Toleranz gegenüber Andersdenkenden sehen. Die Allianz möchte Hochschullehrer dabei unterstützen „zu sprechen, zu unterrichten und zu veröffentlichen, ohne Angst vor Sanktionen, Mobbing, Bestrafung oder Verfolgung“ haben zu müssen.[81]

Die britische Regierung unter Boris Johnson beabsichtigte im Februar 2021, ein Gesetz gegen Cancel Culture zu verabschieden.[82]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Caroline Fourest: Generation Beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. (Critica Diabolis) Übersetzung: Alexander Carstiuc, Mark Feldon, Christoph Hesse. Edition TIAMAT, Berlin 2020, ISBN 978-3-89320-266-9.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c John McDermott: Those People We Tried to Cancel? They’re All Hanging Out Together (Published 2019). In: The New York Times. 2. November 2019, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 21. Februar 2021]).
  2. Timothy Garton Ash: Ein falscher Tweet – und du bist weg? Freie Rede braucht auch offene Ohren. In: Tagesspiegel. 15. Juli 2020.
  3. Meredith D. Clark: DRAG THEM: A brief etymology of so-called “cancel culture”. In: Communication and the Public. Band 5, Nr. 3-4, September 2020, ISSN 2057-0473, S. 88–92, doi:10.1177/2057047320961562 (sagepub.com [abgerufen am 26. März 2021]).
  4. a b Clyde McGrady: The strange journey of ‘cancel,’ from a Black-culture punchline to a White-grievance watchword. In: Washington Post. ISSN 0190-8286 (washingtonpost.com [abgerufen am 3. April 2021]).
  5. Cancel-Culture gegen Künstler und Werke: Debatten einfach ausradieren - derStandard.de. Abgerufen am 22. Februar 2021 (österreichisches Deutsch).
  6. a b c Where Did Cancel Culture Come From? In: Dictionary.com. Abgerufen am 26. Juli 2020 (amerikanisches Englisch).
  7. Eve Ng: No Grand Pronouncements Here...: Reflections on Cancel Culture and Digital Media Participation. In: Television & New Media. Band 21, Nr. 6, September 2020, ISSN 1527-4764, S. 621–627, doi:10.1177/1527476420918828.
  8. Cancel-Culture gegen Künstler und Werke: Debatten einfach ausradieren - derStandard.at. Abgerufen am 26. Juli 2020.
  9. a b René Pfister: Wie die »New York Times« zu einem Haus der Angst wurde. In: DER SPIEGEL. Abgerufen am 21. Februar 2021.
  10. Georg Seeßlen: Cancel Culture: Es wird schmerzhaft. In: zeit.de. 30. Juni 2020, abgerufen am 2. September 2020.
  11. a b Philipp Jedicke: "Cancel Culture": Griffige Definition oder nutzloser Kampfbegriff? In: Deutsche Welle. Abgerufen am 5. April 2021 (deutsch).
  12. Tobias Rapp, Philipp Oehmke: "Cancel Culture" in den USA: Der große Graben - DER SPIEGEL - Kultur. Abgerufen am 26. Juli 2020.
  13. Sean Illing: Republicans are trying to outlaw wokeness. Literally. 11. März 2021, abgerufen am 4. April 2021 (englisch).
  14. Yascha Mounk am 17. August 2020 auf ZEIT ONLINE: Kollektive Zensur[1].
  15. NDR: Die Cancel-Culture-Debatte in den USA. Abgerufen am 25. Oktober 2020.
  16. Mara Delius: Cancel Culture: Die Beerdigung der J.K. Rowling. In: DIE WELT. 20. September 2020 (welt.de [abgerufen am 21. Februar 2021]).
  17. Joe Pompeo: “It’s Chaos”: Behind the Scenes of Donald McNeil’s New York Times Exit. Abgerufen am 22. Februar 2021 (amerikanisches Englisch).
  18. Debatte um "New York Times" - Political Correctness oder "Gesinnungsterror"? Abgerufen am 22. Februar 2021.
  19. Max Tholl: Wie der Kulturbetrieb diskriminierende Künstler boykottiert. Der Tagesspiegel, 2. August 2019, abgerufen am 17. Juli 2020.
  20. Lucke-Rauswurf: Diese „Antifa“-Aktion war völlig daneben, RND, 16. Oktober 2019.
  21. a b Von linken Demonstranten. Lesung von de Maizière bei Literaturherbst verhindert. In: FAZ. 22. Oktober 2019, abgerufen am 12. August 2020.
  22. Steinmeier stellt sich hinter Lucke und de Maizière. In: Die Welt. 25. Oktober 2019, abgerufen am 12. August 2020.
  23. Deutsche Forschungsgemeinschaft löscht Beitrag von Dieter Nuhr nach Kritik – ein Eigentor? Abgerufen am 2. August 2020.
  24. Deutsche Forschungsgemeinschaft: Statement DFG – Dieter Nuhr. In: DFG2020 – Für das Wissen entscheiden. Abgerufen am 4. August 2020.
  25. Deutsche Forschungsgemeinschaft: Beitrag von Dieter Nuhr wieder online. In: DFG2020 – Für das Wissen entscheiden. Abgerufen am 7. August 2020.
  26. Die Fiktion der gesichtslosen Meute. In: Übermedien. 10. November 2020, abgerufen am 19. November 2020.
  27. Lisa Eckhart sieht ein „teilweise boshaftes Missverstehen“[2]. In: Die WeLT vom 12. August 2020, Stand: 11:19.
  28. Schwarzer Block schlägt schwarzen Humor Zur Ausladung Lisa Eckharts vom Hamburger Harbour Front Festival, von Knut Cordsen 6. August 2020
  29. Wie einmal die Cancel Culture nach Hamburg kam von Dirk Peitz.
  30. -culture-hier-wird-ja-auf.1013.de.html?dram:article_id=482017 Claus Leggewie über „Cancel Culture“ „Hier wird ja auf Verdacht randaliert“, Deutschlandfunk Kultur-Interview mit Gabi Wuttke, 8. August 2020.
  31. Stefanie Sargnagel zur Causa Lisa Eckhart: Reproduktion von Vorurteilen, Deutschlandfunk Kultur 11. August 2020.
  32. Lisa Eckhart, Dieter Nuhr, Nurhan Soykan Wie die Wächter über das Sagbare die Redefreiheit einschränken, von Malte Lehming, Der Tagesspiegel 8. August 2020.
  33. Kolumne : Dumm-deutsche Hexenjagd auf Lisa Eckhart, von Götz Aly, Berliner Zeitung 10. August 2020.
  34. Die konstruierte Debatte um Cancel Culture.
  35. Cancel Culture Eine offene Gesellschaft muss Mehrdeutigkeiten aushalten von Deniz Yücel
  36. Kabarettistin Lisa Eckhart Bedrohung von innen, von Michael Hanfeld, FAZ 10. August 2020
  37. Streit über Lisa Eckhart Cancel Culture für Anfänger, von Margarete Stokowski, Der Spiegel 11. August 2020.
  38. Freitag 34/2020[3]
  39. Julia Smirnova, DER SPIEGEL: Großbritannien plant ein Gesetz gegen »Cancel Culture« an Universitäten. Was steckt dahinter? Abgerufen am 21. Februar 2021.
  40. René Pfister: Wie die »New York Times« zu einem Haus der Angst wurde. In: DER SPIEGEL. Abgerufen am 21. Februar 2021.
  41. Karsten Schubert: Demokratisierung durch „Cancel Culture“. In: Verfassungsblog. 3. Dezember 2020, abgerufen am 12. März 2021.
  42. Grenzen des Sagbaren - Wer sind die Feinde der Öffentlichkeit? In: Der zweite Gedanke. ARD, 11. März 2021, abgerufen am 12. März 2021.
  43. „Cancel Culture“: Kampfbegriff, Problem, Phantasma? In: Die Debatte. 5. März 2021, abgerufen am 12. März 2021.
  44. Ulrich Reitz: 3 Beispiele zeigen: Demokraten lassen Lücken, die von der AfD gefüllt werden, Focus Online, 26. Oktober 2020.
  45. Debatte um Netzwerk Wissenschaftsfreiheit - "Eine Vorlesung zu sprengen, ist kein legitimer Widerspruch". Abgerufen am 4. April 2021 (deutsch).
  46. cancelculture.de. Abgerufen am 27. September 2020.
  47. Milosz Matuschek: Ach, ihr Linken! Gebt doch endlich Gedankenfreiheit, Berliner Zeitung, 23. August 2020.
  48. Bayerischer Rundfunk Christian Schüle: Lobbyistische Zensur: Wie die Cancel Culture einen rhetorischen Bürgerkrieg befeuert. 18. August 2020 (br.de [abgerufen am 3. Januar 2021]).
  49. Offener Brief
  50. Hannes Soltau am 9. Juli 2020 im Tagesspiegel: [4]
  51. a b Billy Bragg: Wer macht hier wen mundtot? der Freitag, 10. Juli 2020, abgerufen am 17. Juli 2020.
  52. fda: Ein Brief zu Gerechtigkeit und offener Debatte. deutscher Wortlaut. 18. September 2020, abgerufen am 22. September 2020.
  53. Alison Flood: Rowling, Rushdie and Atwood warn against ‘intolerance’ in open letter. The Guardian, 8. Juli 2020, abgerufen am 17. Juli 2020 (englisch).
  54. Nesrine Malik: Narzisstische Kränkung. der Freitag, 13. Juli 2020, abgerufen am 17. Juli 2020.
  55. Deutschlandfunk: Harvard-Professor Pinker sieht Ideale der Aufklärung gefährdet. 19. Juli 2020, abgerufen am 20. Juli 2020.[5]
  56. Karin Pettersson: Die Wut der Kulturkrieger [6] in ipg-journal am 29. Juli 2020.
  57. Gregor Dotzauer: Wir leben davon, dass ihr euch schämt. In: Tagesspiegel. Abgerufen am 6. April 2021.
  58. Angst vor dem Shitstorm - Droht uns eine Cancel Culture? Mithu Sanyal vs. Jörg Scheller. Abgerufen am 20. Februar 2021.
  59. Aja Romano: Why we can’t stop fighting about cancel culture. 30. Dezember 2019, abgerufen am 5. April 2021 (englisch).
  60. Bill Bostock: Obama laid into young people being 'politically woke' and 'as judgmental as possible' in a speech about call-out culture. 30. Oktober 2019, abgerufen am 5. April 2021 (deutsch).
  61. a b Chris Hedges: The contradictions of "cancel culture": Where elite liberalism goes to die. In: Salon.com. 18. Februar 2021, abgerufen am 22. Februar 2021 (englisch).
  62. Waleed Aly: Woke politics and power. In: The Monthly. 1. November 2020, abgerufen am 26. März 2021.
  63. Story by Helen Lewis: How Capitalism Drives Cancel Culture. In: The Atlantic. ISSN 1072-7825 (theatlantic.com [abgerufen am 18. Juli 2020]).
  64. Hannes Soltau am 9. Juli 2020 im Tagesspiegel: [7]
  65. Nesrine Malik: Narzisstische Kränkung. der Freitag, 13. Juli 2020, abgerufen am 25. Juli 2020.
  66. Martina Thiele: Political Correctness und Cancel Culture – eine Frage der Macht! In: Journalistik. Band 4, Nr. 1, 2021 (journalistik.online [abgerufen am 27. April 2021]).
  67. Gespräch von Pankaj Mishra und Viet Thanh Nguyen, 17. August 2020 [8]
  68. Karsten Schubert: Demokratisierung durch „Cancel Culture“. In: Verfassungsblog. Abgerufen am 6. April 2021.
  69. Karsten Schubert: Umkämpfte Kunstfreiheit – ein Differenzierungsvorschlag. In: Zeitschrift für Menschenrechte. Band 14, Nr. 2, 2020, S. 195–204.
  70. Mehdi Hasan: Donald Trump is the king of cancel culture. Abgerufen am 4. August 2020 (englisch).
  71. Catherine Rampell: Trump decries ‘cancel culture’ — but no one embraces it more. Abgerufen am 4. August 2020 (englisch).
  72. “Cancel culture” does not exist. Abgerufen am 5. August 2020 (englisch).
  73. Hannah Pilarczyk: Debatte über Cancel Culture – Viele Gräben, viele Kämpfe. In: Spiegel online. Abgerufen am 5. August 2020.
  74. Samira El Ouassil: Canceln wir die Idee der „Cancel Culture“! In: Übermedien. 13. August 2020, abgerufen am 1. September 2020.
  75. Deutsche Welle (www.dw.com): "Cancel Culture": Griffige Definition oder nutzloser Kampfbegriff? | DW | 14.08.2020. Abgerufen am 18. März 2021 (deutsch).
  76. Kylie J. Holman: Can You Come Back From Being Cancelled? A Case Study of Podcasting, Cancel Culture, And Comedians During #metoo. Ann Arbor, MI 2020, S. 17.
  77. Berliner Zeitung: Sexismus und Rassismus sind keine Satire! Abgerufen am 3. November 2020.
  78. Thomas Thiel in FAZ am 3. Februar 2021:[9]
  79. Paul Munzinger: Konservative Professoren beklagen angebliche Cancel Culture. Abgerufen am 4. April 2021.
  80. Jakob Hayner: Ernst zu nehmender Popanz (neues deutschland). Abgerufen am 4. April 2021.
  81. Associated Press in New York: US scholars form Academic Freedom Alliance to defend free expression. 8. März 2021, abgerufen am 4. April 2021 (englisch).
  82. Julia Smirnova, DER SPIEGEL: Großbritannien plant ein Gesetz gegen »Cancel Culture« an Universitäten. Was steckt dahinter? Abgerufen am 21. Februar 2021.