Cangaceiro

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Cangaceiro ist die Bezeichnung eines durch Armut dazu gewordenen Banditen im Sertão im Nordosten Brasiliens am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts. Um die cangaceiros ranken sich viele volkstümliche Legenden und Anekdoten. Gelegentlich ist in Brasilien mit „o cangaceiro“ auch „der“ cangaceiro gemeint: Virgulino Ferreira da Silva.

Lebenswelt[Bearbeiten]

Im brasilianischen Nordosten breitet sich über die Bundesstaaten Pernambuco, Paraíba, Alagoas, Bahia und Ceará der Sertão aus, eine Trockensteppe mit einer Vegetation hauptsächlich aus Kakteen und Dornensträuchern, in der meist Wassermangel und extreme Hitze herrschen und über Jahre manchmal kein Regentropfen fällt. Einigen wenigen Viehzucht treibenden Großgrundbesitzern steht hier bis heute eine verarmte Bevölkerung gegenüber. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts führte die tiefe Armut und Unterdrückung der Bevölkerung des Sertão zur Bildung von „Cangaços“ genannten Banden Gesetzloser, die Städte, Fazendas und Stützpunkte der Armee überfielen.

Cangaceiro Lampião[Bearbeiten]

Der berühmteste cangaceiro war Virgulino Ferreira da Silva, genannt Lampião (Lampe, Laterne), der den Sertão über 20 Jahre terrorisierte. Er wurde 1897 in Serra Telhado im Sertão von Pernambuco geboren. Er war Viehhirte, bis seine Eltern um 1918 von einem Landbesitzer getötet wurden. Daraufhin begab er sich zusammen mit seinem Bruder in den Sertão, um sich dort einer der umherstreifenden Banden anzuschließen.

Etwa zwei Jahre, nachdem er ein cangaceiro geworden war, wurde Lampião Kopf einer eigenen, zwischen 15 und 50 Mann umfassenden Bande. Seinen Spitznamen, die Lampe, soll er dem hellen Mündungsfeuer seines Gewehrs verdanken. Im Gegensatz zu anderen cangaceiros, die sich großzügig gegenüber den Armen des Sertão zeigten, war Lampião mehr wegen seiner Grausamkeit bekannt. Seine Berühmtheit wuchs mit den vielen Geschichten und Liedern über seine Taten, die über den brasilianischen Nordosten verbreitet wurden. 1929 traf er Maria Bonita, die seine Geliebte und der Legende zufolge die erste Frau wurde, die sich einer Bande anschloss.[1]

Die Behörden versuchten vielfach, Lampiãos und seiner Bande habhaft zu werden, jedoch erfolglos, da die cangaceiros den Schutz der Bevölkerung und der eingeschüchterten Landbesitzer genossen. In einer Julinacht 1938 gelang es aber einem Militärpolizei-Trupp in Sergipe, Lampiãos Cangaço einzukreisen. Lampião, Maria Bonita und weitere neun Bandenmitglieder wurden getötet, ihre Köpfe abgetrennt und bis 1969 im medizinischen Institut von Salvador da Bahia zur Schau gestellt. Der letzte cangaceiro, ein Überlebender von Lampiãos Bande, wurde 1940 umgebracht und damit der Zeit der Cangaços ein Ende gesetzt.

Rezeption[Bearbeiten]

Eine Rezeption erfolgte nicht nur in Liedern und Balladen, sondern auch in Film und Musik wurde dem cangaceiro vom brasilianischen Volk ein künstlerisches Denkmal gesetzt.

Musik[Bearbeiten]

Die Titelmusik (Mulher Rendeira) zum in Mexiko spielenden Farbfilm O'Cangaçeiro (1970) stammt von dem Italiener Riz Ortolani – die wohl berühmtere, weil sehr eingängige Version dürfte aber die Originalfassung von Zé do Norte sein. Siehe auch die Filmmusik bei YouTube und unter dem Suchbegriff „Zé do Norte“. Sie wurde von Bert Kaempfert als O cangaçeiro (The Bandit) auf dem 1964er Album That Latin Feeling sowie im selben Jahr auch von Joan Baez gecovert.

Filme[Bearbeiten]

  • O Cangaceiro – Die Gesetzlosen., Brasilien, 1953. Regie: Lima Barreto. Ausgezeichnet als „Bester Abenteuerfilm“ auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1953 sowie mit der „Lobenden Erwähnung“ für die Filmmusik (s. u.) Olé O'Cangaçeiro
  • Das Ende der Cangaçeiros. Originaltitel: A morte comanda o Cangaço., Brasilien 1961. Produktion: Aurora Duarte. Regie: Walter Guimaraes Motta.
  • Deus e o Diabo na Terra do Sol. Dt.: Gott und der Teufel im Land der Sonne. 1963. Produktion und Regie: Glauber Rocha
  • Antonio das Mortes. Alternativtitel: O Dragão da maldade contra o Santo Guerreiro. Brasilien 1968. Produktion und Regie: Glauber Rocha
  • O'Cangaçeiro. Alternativtitel: The Magnificent Bandits bzw. Viva Cangaceiro. Spanien/Italien 1970. Regie: Giovanni Fago

Literatur[Bearbeiten]

  • Jorge Amado: Seara vermelha.
    • Deutsche Ausgabe: Die Auswanderer vom São Francisco. Volk und Welt, Berlin 1984, ISBN 3-87294-267-0.
  • Ronald Daus: O ciclo épico dos cangaceiros na poesia popular do nordeste. Fundação Casa de Rui Barbosa, Rio de Janeiro 1982
    • Deutsche Ausgabe: Der epische Zyklus der Cangaceiros in der Volkspoesie Nordostbrasiliens. Colloquium Verlag, Berlin 1969
  • Mario Fiorani: Cangaceiros. Arena, Würzburg 1983, ISBN 3-401-04045-6.
  • Dirk Hegmanns: Cangaceiros und Fanatiker. Bandentum in Nordostbrasilien. Universität Bielefeld. Bielefeld 1994
  • Lene Klein, Walter Klein: Der Sohn des Sertao. Neues Leben, Berlin (DDR) 1978
  • Mario Vargas Llosa: La guerra del fin del mundo.
    • Deutsche Ausgabe: Der Krieg am Ende der Welt. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981, ISBN 3-518-37843-0.
  • Frances de Pontes Peebles: Die Schneiderin von Pernambuco. Berliner Taschenbuchverlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-8333-0634-1.
  • Patricia Sampaio Silva: Sur les traces de Virgolino, un cangaceiro dit "Lampião". Fragilités, violences et légalité (Brésil XIXe-XXe siècle). Dissertation Université de la Sorbonne, Paris 2000

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Der König der Banditen - 1. Teil

Weblinks[Bearbeiten]