Cappenberger Barbarossakopf

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Cappenberger Barbarossakopf

Der Cappenberger Barbarossakopf ist eine Porträtbüste des Kaisers Friedrich I. Barbarossa aus vergoldeter Bronze. Er gilt als die erste unabhängige Porträtdarstellung der abendländischen Kunst seit der karolingischen Zeit.[1] Der Kopf wurde noch im 12. Jahrhundert in ein Kopfreliquiar umgewidmet. Er befindet sich heute im Kirchenschatz der katholischen Pfarrkirche St. Johannes Evangelist in Cappenberg bei Lünen, der ehemaligen Klosterkirche des Prämonstratenserstiftes Cappenberg.

Beschreibung[Bearbeiten]

Portraitbüste des Kaisers Friedrich I., genannt Barbarossa (um 1160), ehem. Prämonstratenser-Chorherrenstift Cappenberg, heute: Kath. Pfarrgemeinde St. Johannes Evangelist, 59379 Selm

Das Bildnis ist 31,4 cm hoch und 4,6 kg schwer. Es besteht aus zwei Teilen, einem architektonischen Unterbau und dem sich auf ihm auf einem sich nach unten verbreiternden Hals stehenden Kopf eines jüngeren, bärtigen Mannes. Das Material des Kopfes ist Kupfer oder Messing, das heute vergoldet ist.

Der Untersatz[Bearbeiten]

Der Untersatz ruht auf vier Füßen in Form von Drachen, die eine achteckige Platte stützen. Die Platte wird eingefaßt von einer zinnenbewehrten Mauer, die an jeder zweiten Ecke mit einem Türmchen bewehrt ist. Die Türmchen sind abwechselnd rund und eckig ausgeführt. Zwischen den Türmchen befinden sich vorne und an den Seiten über den freien Ecken jeweils eine Figur eines auf einem Knie knienden Engels, der die Arme mit den Handflächen nach außen erhoben hält. Auf der Rückseite befindet sich keine Engelsfigur, an ihrer Stelle findet sich auf den Zinnen die in Niello ausgeführte Inschrift OTTO. Die Engelfiguren scheinen einen oberen Ring zu tragen, der tatsächlich auf einer Laterne in der Mitte der unteren Platte ruht. Der obere Ring ist rund und ebenfalls zinnenbewehrt, auf ihm befindet sich die Inschrift APOCALISTA DATV TIBI MV SVS ATVM, aufgelöst Apocalista datum tibi munus suscipe gratiam (dt. Nimm, Seher der Offenbarung, das dir gegebene Geschenk als willkommen an).[2] Der obere Zinnenkranz umgibt eine Platte mit zwei rechteckigen Aussparungen für am Kopfteil angegossene Zapfen. Da diese mit dem Kopf gegossen sind, kann dieser nicht ohne ein Unterteil stehen.

Der Kopf[Bearbeiten]

Der Kopfteil ist hohl, wurde aber mit Reliquien gefüllt. Der Mann blickt den Betrachter direkt an, die Augen sind weit geöffnet, versilbert und in Niellotechnik ausgeführt, dieses ist jedoch eine spätere Ausbesserung.[3] Das lockige Haar wird von einem Stirnband zusammengehalten. Nietenlöcher zeigen, dass der Kopf ursprünglich einen Kopfschmuck, wohl ein Diadem, getragen hat. Aufgrund der eigenwilligen Gestaltung und der asymmetrischen Gesichtszüge trägt der Kopf porträthafte Züge. Der Kopf trägt auf dem Hals und dem oberen Zinnenkranz des Unterbaus mehrere lateinische Inschriften, die bei der Umwandlung in ein Reliquiar zugefügt wurden. Das obere Band trägt die Inschrift HIC QD SERVET DE CRINE IOHIS HABETVR, aufgelöst Hic quod servetur de crine Johannes habetur, deutsch Was hier bewahrt wird ist vom Haupt des Johannes, das untere TE PCE PVLSANTES EXAVDI SCE IOHES, aufgelöst te prece pulsantes exaudi sancte Johannes, deutsch Erhöre, heiliger Johannes, die dich durch Gebet bedrängen[4]. Die Inschriften sind deutlich sorgfältiger ausgeführt als die des Untersatzes.

Der Barbarossakopf beruht auf ausgeklügelten Proportionsverhältnissen.[5]. Vertikal kann man ihn in Viertel unterteilen, die jeweils 71 mm messen: Scheitel bis Nasenwurzel, Nasenwurzel bis Kinn, Kinn bis zum unteren Rand des Halsring und der Untersatz selbst. Die Zahl vier kehrt auch an weiteren Stellen des Kunstwerks wieder: Vier Drachen tragen es, vier Türme und ursprünglich wohl vier Engel auf dem Zinnenkranz aus 16 Zinnen (4x4), auch die Laterne, die die Ebene des Unterbaus trägt, ist quadratisch.

Der Inhalt[Bearbeiten]

Die kreuzförmige Fläche, die Gottfried von Cappenbergs Grabfigur in der rechten Hand hält, entspricht exakt der Stellfläche des Barbarossakopfes.

Ursprünglich enthielt das Reliquiar wohl Reliquien des Evangelisten Johannes, des Patrons der Cappenberger Klosterkirche. Heute enthält er mehrere in Stoff gehüllte Päckchen Reliquien, wobei eine Identifikation nicht möglich ist, da die Cedulae entfernt wurden. Eine Analyse der Stoffumhüllungen ergab, dass die Reliquien nicht auf einmal in den Kopf gelangt sind. Die ältesten Stoffe entstammen dem 12. Jahrhundert, die jüngsten aus dem 14. Jahrhundert. Der Kopf war über Jahrhunderte als Reliquiar in Gebrauch, wobei man im Kloster Cappenberg mehrfach neue, wichtige Reliquien den von Otto von Cappenberg eingelegten hinzufügte.

Identifikation und Ikonografie[Bearbeiten]

Das genaue Herstellungsdatum des Kopfes ist unbekannt, muss aber zwischen 1155 (Kaiserkrönung Friedrichs) und 1171 (Tod Ottos von Cappenberg) liegen. Erstmals erwähnt ist der Kopf in einer Urkunde des Stifts Cappenberg aus dem Jahr 1171 (Archiv Cappenberg, Urkunde 13) als capud argenteum ad imperatoris formatum effigiem als silbernes Haupt, das nach dem Bildnis des Kaisers geformt ist. In der Urkunde schenkte Otto den Kopf, eine silberne Schale (heute als Taufschale Friedrichs I. bezeichnet) sowie ein Kreuz und einen Kelch (beide verloren) dem Stift Cappenberg. Dass der genannte silberne Kopf mit dem heute goldenen Kopf identisch ist, ergibt sich aus der komplexen Ikonographie des Werkes: Der obere Zinnenkranz kann als Roma aurea gedeutet werden, der untere als Himmlisches Jerusalem. Das mutmaßliche ursprüngliche Diadem war ein Herrschaftssymbol. Der Kopf hat, was im Profil erkennbar ist, die Augen zum Himmel erhoben, ein solcher Himmelsblick war typisch für Darstellungen des ersten christlichen Kaisers Konstantin I.. Friedrich I. stellte sich damit politisch inopportun als in direkten Bezug zu Gott stehenden Herrscher über Roma dar.[6] Es ist möglich, dass Barbarossa mit dem Geschenk des Kopfes an Otto an die Kaiser der Antike anknüpfte, die ebenfalls Bildnisse ihrer selbst an verdiente Personen überreicht hatten.

Objektgeschichte[Bearbeiten]

Otto von Cappenberg weilte im Herzogtum Schwaben, als der älteste Sohn des Herzogs Friedrich II., der spätere Kaiser Friedrich I. Barbarossa, geboren wurde. Otto wurde deshalb die Ehre zuteil, dessen Taufpate sein zu dürfen. Als Erinnerung an dieses Ereignis ließ der Kaiser später den Barbarossakopf anfertigen und machte ihn und die Taufschale seinem Taufpaten zum Geschenk, möglicherweise Ostern 1156, das Friedrich in Münster feierte. Otto von Cappenberg war seit 1156 Propst des Klosters Cappenberg, das er wohl als Sühne für seine Beteiligung bei der Erstürmung Münsters 1121 (er galt mit seinem Bruder Gottfried als Schuldiger für das Abbrennen des Münsteraner Doms) gegründet hatte. Da Otto von Cappenberg seinen Besitz dem Prämonstratenerorden vermachte, gelangte der ursprünglich versilberte Kopf in den Besitz der Kirche, wurde vergoldet und in ein Reliquiar umgewandelt. Den Annales Capenbergenses vom Anfang des 18. Jahrhunderts nach wurde der Kopf im Reliquienhäuschen auf der Nordseite des Chores der Stiftskirche aufbewahrt. Vermutlich wurde das Reliquiar bei bestimmten Gelegenheiten wie dem Kirchweihfest, dem Patronatsfest und dem Gedenktag des als Heiligen verehrten Gottfried von Cappenberg auf dessen Grabmal aufgestellt.

Die Abbildung auf einer Briefmarke 1977 trug zur großen Bekanntheit des Barbarossakopfes bei.

Nach seiner Wiederentdeckung 1882 durch Augustin Hüsing wurde er zunächst für ein Johannesreliquiar gehalten, die Identifikation mit Friedrich I. erfolgte 1886 durch Friedrich Philippi.[7]

Der Kopf ist eines der bekanntesten Kunstwerke der Stauferzeit. 1977 war er Symbol des Stauferjahres in Baden-Württemberg und als solches auf einer Briefmarke der deutschen Bundespost abgebildet.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Zeit der Staufer. Katalog der Ausstellung, Stuttgart 1977, Bd. I, S. 394f.
  2. Horch, Caput, S. 112
  3. Horch, Caput, S. 111
  4. Horch, Caput, S. 111
  5. Horch, Caput, S. 111
  6. Horch, Caput, S.116
  7. Caroline Horch, Caput, S. 110

Literatur[Bearbeiten]

  • Manuela Beer, Birgitta Falk, Andrea von Hülsen-Esch, Susan Marti, Petra Marx, Barbara Rommé, Hiltrud Westermann-Angerhausen (Hrsg.): Barbarossa-Kopf In: Schönes NRW. 100 Meisterwerke mittelalterlicher Kunst, Klartext Verlag, Essen 2009, ISBN 978-3-8375-0080-6
  • Herbert Grundmann: Der Cappenberger Barbarossakopf und die Anfänge des Stiftes Cappenberg. Böhlau, Köln/Graz 1959.
  • Caroline Horch: ...caput argentum ad imperatoris formatum effigiem... Der Cappenberger Barbarossakopf:Bild oder Bildnis In: AufRuhr 1225! Das Mittelalter in Rhein und Ruhr. Ausstellungskatalog der Ausstellung im LWL Museum für Archäologie Herne, Mainz 2010

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Cappenberger Barbarossakopf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien