Cardial- oder Impressokultur

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Verbreitung der Cardial- oder Impressokultur (orangefarben) und die Darstellung der (hypothetischen) Wanderungsbewegungen oder Kulturtransfer vom 7. Jahrtausend v. Chr. an. Über die Protosesklo-Kultur (rot-orangefarben) nach Dalmatien und von dort weiter zu den übrigen Küsten des Mittelmeeres bis zum heutigen Frankreich und der Iberischen Halbinsel[1][2]. Unberücksicht bleiben in der Karte die Cardial-Keramik-Kultur an der nordafrikanischen Mittelmeerküste.

Die Cardial- oder Impressokultur oder (Abdruck-)Keramik ist eine Gruppe verwandter Kulturen der frühen Jungsteinzeit, die sich im 7. Jahrtausend v. Chr. an der östlichen Adriaküste und rund um das westliche Mittelmeer (inkl. Nordafrika) und auf den Inseln Korsika, Sardinien, Sizilien und Malta (aber nicht auf den Balearen) ausbreitete.[3]

Dominierendes Element sind stempelartige Abdrücke, die als Abformungen mit den reliefartigen Oberflächen von Muschelschalen der Herzmuscheln (Cardium spec.) erzeugt wurden. Im Lauf der Zeit kommen weitere Verzierungstechniken hinzu, wie Leisten- und Riefenverzierungen. Daher hieß die Kultur zunächst Cardial-Kultur (in Frankreich weiterhin Culture de la céramique cardiale). Da in der Folge aber immer mehr Keramik auftauchte, die mit anderen Gegenständen ausgeführte Eindrücke besaß, wurde der Ausdruck Abdruck-Keramik (oft italienisch Impresso-Kultur) eingeführt.

Herkunft, Zusammenhängende Kulturform[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der bisherige Kenntnisstand zu der bzw. den Cardial- oder Impressokultur (-en) legt eine keinesfalls einheitliche Kulturformation nahe. Vielmehr verweisen die in ihrem Erscheinungsbild ähnlichen Keramiken auf diverente Kulturen hin. So legten die übrigen Funde, etwa Steingerätschaften, aber auch die Keramiken selbst und das unterschiedliche Siedlungsverhalten der Menschen diesen Schluss nahe.[4] Ob dieses Siedlungsverhalten aber nur den geografisch-klimatischen Bedingungen zu zurechnen ist, oder ob es sich um von einander verschiedene Kulturen handelte, lässt sich aber nicht mit Sicherheit belegen.

Fundgebiete und Stile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abdrücke einer Herzmuschel auf Keramik der Cardial-Kultur

Die frühesten archäologischen Funde von Keramiken mit solchen stempelartigen Abdrücken werden auf das Jahr 6400–6200 v. Chr. datiert; ihre Fundorte sind in Epirus und Korfu. Dann tauchen sie in weiteren Siedlungen in Albanien und Dalmatiens auf, sowie an der Ostküste der Adria um das Jahr 5900 v. Chr. auf.[5] Das früheste Datum solcher Funde in Italien stammen aus dem archäologischen Fundplatz „Coppa Nevigata“ Provincia di Foggia an der Adriaküste in Süditalien, sie wurden auf das Jahr 6000 v. Chr. datiert. Auch in Sardinien werden während der Su Carroppu Kultur, bereits in einem frühen Stadium (niedrige Grabungsschichten in seine Coloru Höhle, 6000 v. Chr.) als frühe Beispiele der kardialen Keramik freigelegt.

Älteste Abdruckkeramik auf der Iberischen Halbinsel findet man oft in Höhenlagen oder Höhlen (z. B. Gruta do Caldeirão bei Tomar, Portugal) und, bis auf Ausnahmen, nicht im Hinterland der jeweiligen Küstenregion. Auch in einigen portugiesischen Muschelhaufen finden sich Scherben mit Cardium-Abdrücken, die auch an der Algarve, im Alentejo und an der Mondegomündung vorkommen.

Die anfängliche Homogenität der Impressokeramik löste sich in mehrere, teils (insulare) Postimpresso-Kulturen auf. Dazu gehört später im Gebiet beiderseits der Rhone die Chassey-Lagozza-Cortaillod Kultur (CLC), die in Südfrankreich, Nord-Italien und der Süd- und Westschweiz zunächst zwar eigene Namen erhielt, heute aber als einheitlich aufgefasst wird.

In Portugal folgen der frühen Periode unverzierte Gefäße mit charakteristischem Wandknick und mit Randformen, die im 3. Jahrtausend üblich wurden.

Formen des Gefäßbodens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cardial-Keramik aus Spanien mit rundem Gefäßboden

Abgesehen von der Verzierung ist auch die Gefäßform different. Die jüngere Keramik ist generell flachbodig, während die Keramik mit den cardialen Mustern noch rundbodig ist. Die Rundbodigkeit ist Gegenstand von Diskussionen, da die Gefäße des mediterranen Neolithikums vor Entstehung der Cardial-Keramik flachbodig (somit standfest) waren.

In der Region mit Cardial-Keramik hatte allein ein Gebiet in Afrika rundbodige Keramik entwickelt, jedoch im mesolithisch-wildbeuterischen Kontext. Kontakte der Träger der Cardial-Kultur mit den afrikanischen Jägern und Sammlern sind umstritten.

Bilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johannes Müller: Das ostadriatische Frühneolithikum: Die Impresso-Kultur und die Neolithisierung des Adriaraums. 2001. ISBN 3-89166-170-3
  • Samuel van Willigen: Das Frühneolithikum im westlichen Mittelmeergebiet: Die Cardial-Kultur. 2001.
  • William K. Barnett: Cardial pottery and the agricultural transition.. in Douglas T. Price (Hrsg.): Europe’s First Farmers. (2000), S. 96.
  • Antonio Gilman: Neolithic of Northwest Africa. Antiquity, vol 48, no. 192 (1974), S. 273-282.
  • Barry Cunliffe: Europe Between the Oceans (2008), S. 115–116; Staso Forenbaher, Preston Miracle: The spread of farming in the Eastern Adriatic. Antiquity, vol. 79, no. 305
  • João Zilhão: Radiocarbon evidence for maritime pioneer colonization at the origins of farming in west Mediterranean Europe. Proc Natl Acad Sci U S A. 2001 Nov 20; 98(24): 14180–14185. [2]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christian Jeunesse, Samuel van Willigen: WESTMEDITERRANES FRÜHNEOLITHIKUM UND WESTLICHE LINEARBANDKERAMIK: IMPULSE, INTERAKTIONEN, MISCHKULTUREN. In: Sonderdruck aus: Die Neolithisierung Mitteleuropas. The Spread of the Neolithic to Central Europe. RGZM – TAGUNGEN, Band 4, ISBN 978-3-88467-159-7, Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz 2010, S. 569–605 [3]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Johannes Müller: Das ostadriatische Frühneolithikum. Die Impresso-Kultur und die Neolithisierung des Adriaraums. Spiess, Berlin 1994, ISBN 3-89166-170-3.
  2. João Zilhão: Radiocarbon evidence for maritime pioneer colonization at the origins of farming in west Mediterranean Europe. Proc Natl Acad Sci U S A. 2001 Nov 20; 98(24): 14180–14185. [1]
  3. William K. Barnett: Cardial pottery and the agricultural transition. in Douglas T. Price (Hrsg.): Europe’s First Farmers. (2000), S. 96.
  4. Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. C. H. Beck Verlag, München 2015, ISBN 978-3-406-66657-5, S. 215–222.
  5. Barry Cunliffe: Europe Between the Oceans ,S. 115–6; In: Staso Forenbaher, Preston Miracle: The spread of farming in the Eastern Adriatic. Antiquity, (2008) vol. 79, no. 305 additional tables.