Carla Reemtsma

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Carla Reemtsma (2022)

Carla Reemtsma (* 3. April 1998 in Berlin) ist eine deutsche Klimaschutzaktivistin und Mitorganisatorin des von der schwedischen Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg inspirierten Schulstreiks Fridays for Future („Klimastreik“) in Deutschland. Als Sprecherin vertritt sie die Bewegung bundesweit und in der medialen Öffentlichkeit.

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reemtsma wuchs im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf auf und besuchte das Werner-von-Siemens-Gymnasium in Berlin-Nikolassee, wo sie als Klassensprecherin und Schülersprecherin aktiv war. Nach dem Abitur 2015 zog sie nach Münster, um an der Westfälischen Wilhelms-Universität Politik und Wirtschaft zu studieren. Sie ist Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes.[1][2] Carla Reemtsma ist eine Cousine von Luisa Neubauer und mit dem vormaligen Eigentümer der Reemtsma Cigarettenfabriken verwandt.[3]

Carla Reemtsma war nach eigenem Bekunden schon als Jugendliche politisch interessiert. Sie hatte schon Erfahrung mit Klima-Aktivismus, bevor sie begann, Fridays-for-Future-Demonstrationen in Münster zu organisieren.[4] Nach dem Auszug aus dem Elternhaus, als sie plötzlich viele Konsumentscheidungen allein habe treffen müssen, sei ihr vieles bewusst geworden. „Es ist halt absurd, wenn wir in der WG Ökostrom haben, aber meine Uni Millionen in RWE-Aktien investiert.“ Mit einer Gruppe Gleichgesinnter habe sie sich dafür eingesetzt, dass staatliche Institutionen wie ihre Universität nicht in fossile Energieträger investieren. „Und dann kam Greta.“[5] Reemtsma ist auch Jugendbotschafterin für die internationale Organisation ONE, die sich gegen extreme Armut in Afrika einsetzt.[6]

Öffentliches Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Carla Reemtsma bei einer Kundgebung vor einem Braunkohletagebau im Juni 2020

Seit Januar 2019 ist Carla Reemtsma Mitorganisatorin von Demonstrationen und anderen Aktionen der Fridays for Future-Bewegung. Der Anstoß für dieses Engagement war für sie die Rede von Greta Thunberg bei der UN-Klimakonferenz in Katowice 2018. Weil sie redegewandt auftritt, wurde sie für die bundesweite Pressearbeit zuständig.[7]

Sie vertrat ihre Positionen in Talkshows, wie bei Maybrit Illner[8][9], hart aber fair[10] und in der Münchner Runde.[11] Die Nachrichtensendungen von ARD und ZDF sowie diverse Printmedien interviewten sie.[12][3][13][14] Im September 2019 erörterte Richard David Precht mit ihr in seiner Philosophiesendung das Thema „Revolution für das Klima – Eine Generation steht auf“.[15][16] Im Spiegel-Gespräch live im Thalia-Theater diskutierte sie mit Hamburgs Erstem Bürgermeister Peter Tschentscher zur Frage, ob die globale Bewegung Fridays for Future unsere Demokratie stärke.[17] Der Fernsehsender Phoenix übertrug im Juli 2020 auf seiner Website den Livestream einer Diskussion mit Carla Reemtsma und Frans Timmermans, dem Vizepräsident der EU-Kommission, über die Klimapolitik der Europäischen Union und den „European Green Deal“.[18]

Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Carla Reemtsma sieht die Politik und Gesellschaft in der Pflicht, für Zukunfts- und Generationengerechtigkeit bei der Ressourcenbewirtschaftung und durch die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen zu sorgen. Für sie ist klar, dass die bisherige Wirtschaftsweise die Klimakrise verursacht hat und dass diesbezüglich ein Umbau ansteht. „Ob wir das Wirtschaftssystem aber komplett neu denken müssen, das ergibt sich aus der Frage, welche Maßnahmen wir treffen müssen, um unsere Klimaziele einzuhalten – und wie sich diese Maßnahmen auswirken. Das kann man nicht für die nächsten 30 Jahre durchspielen.“ Die Notwendigkeit eines Wirtschaftswachstums allerdings sei ihr beim Studium der Wirtschaftswissenschaften noch von niemandem plausibel gemacht worden.[13]

Die Senkung der weltweiten CO2-Emissionen im Zuge der Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie schätzte sie als nicht nachhaltig ein. „Wir haben ja nicht unser Verkehrssystem umgestellt, in erneuerbare Energien investiert, die Produktion weniger energieintensiv gemacht.“ Die Politik lasse es an Tempo und Willen bei der Umsteuerung fehlen. „Wir stecken in einer katastrophalen Gesundheitskrise, die eine Wirtschaftskrise auslösen wird, die die Existenz vieler Menschen bedroht und soziale Ungerechtigkeit krass vergrößert. Wir protestieren weiter, um diese Krisen gemeinsam zu lösen.“[3] In der Corona-Krise müsse die Klimaschutzbewegung kreativer werden und neue Protestformen entwickeln. Mit dem Protest im Internet und Plakataktionen könne man dem Bedeutungsverlust entgegensteuern.[19] Im April 2022 betonte Reemtsma, die Bewegung habe sich immer weiter entwickelt, und nannte als Beispiele dafür Gruppierungen wie Ende Gelände, Extinction Rebellion und Letzte Generation. Die breite Aufstellung sei eine Stärke der Klimabewegung. Zu ihrem persönlichen Lebenswandel befragt, äußerte Reemtsma, sie lebe vegetarisch, nutze zur Fortbewegung Fahrrad oder Bahn und beziehe Ökostrom. Doch nicht veränderter Individualkonsum werde die Klimakrise lösen; vielmehr fordere Fridays for Future einen Systemwandel in den Industrien und bei der Energieversorgung. „Wir brauchen eine Mobilitätswende und eine Agrarwende mit weniger Fleisch.“ Das seien politische Fragen.[20]

Im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine urteilte Reemtsma, die deutsche Regierung könne kein Krisenmanagement. Man verschlimmere mit den fortlaufenden Zahlungen an Putin für Kohle, Öl und Gas sowohl den Krieg als auch die Klimakrise. Auch mit Robert Habecks Politik als Wirtschafts- und Klimaschutzminister zeigte sie sich unzufrieden. Die Grünen hätten bereits häufig Entscheidungen mitgetragen, die mit dem Pariser Klimaabkommen nicht vereinbar seien. „Beim Verkehr wurde jetzt gekippt, dass es überhaupt verbindliche Klimaziele gibt, wir haben neue fossile Subventionen in beiden Klimapaketen, erst wurde die Pendlerpauschale erhöht, jetzt kommt der Tankrabatt durch die Hintertür mit den Steuersenkungen für Sprit.“ Sie erwarte von Habeck einen konkreten Ausstiegsplan zur Erlangung der Unabhängigkeit von fossiler Energie.[21]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Ansicht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist Carla Reemtsma in Deutschland eines der „prägendsten Gesichter“ der Klimaschutzbewegung Fridays for Future.[22] Die Taz zählte die parteilose Reemtsma mit Gyde Jensen (FDP) und Philipp Wesemann (SPD) zu den „Ausnahmepolitikern“ unter 30 Jahren, die in der klassischen Politik eine Minderheit sind.[23]

In der Talkshow von Maybrit Illner im Januar 2020 diskutierte sie mit Arndt G. Kirchhoff, einem Automobilzulieferer und Repräsentanten der deutschen Industrieverbände. In der TV-Kritik der FAZ schrieb Frank Lübberding: „In diesem Gespräch wurde deutlich, warum diese jungen Aktivistinnen auch ohne demokratisches Mandat eine solche Wirkung entfalten. Sie kontrastieren die eigenen Erwartungen mit der praktischen Umsetzung. Kirchhoff konnte noch so oft die gemeinsamen Ziele betonen, oder auf die schon erzielten Fortschritte im Transformationsprozess hinweisen. Es reichte nie aus, weil immer zu wenig und viel zu langsam in der Umsetzung.“[24]

2022 wurde sie mit dem Umweltmedienpreis der Deutschen Umwelthilfe in der Kategorie „Digital Creator“ ausgezeichnet.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Carla Reemtsma – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. DUZ – „Das ist einfach so passiert“. Abgerufen am 17. Mai 2021.
  2. Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes, Werner-von-Siemens-Gymnasium
  3. a b c „Wir sind halt einen Tacken radikaler als die Grünen“ tagesspiegel.de, 3. Juni 2020
  4. Fridays-for-Future. Klima-Aktivistin Carla Reemtsma kämpft für eine bessere Welt, Deutschlandfunk Nova, 14. Juli 2019
  5. Frau Reemtsma? Die Fridays-for-Future-Aktivistin Carla Reemstma ist enttäuscht von Robert Habeck. Ein Gespräch über Klimaprotest in Zeiten des Krieges. Laura Cwiertnia und Uwe Jean Heuser im Gespräch mit Carla Reemtsma, in Die Zeit, 7. April 2022, S. 32.
  6. Klima-Aktivistin Reemtsma. „Ich will in einer Art außerparlamentarischen Opposition sein“ Prokolliert von Leonie Feuerbach, Faz.net, 27. September 2019
  7. Maria Mercedes Hering: Mit Greta Thunberg in Berlin auf die Straße. Schwedische Klimaaktivistin ist am Freitag in der Hauptstadt. In: Der Tagesspiegel, 28. März 2019; abgerufen am 1. Juni 2020.
  8. Pjer Biederstädt: Carla Reemtsma Beachtlicher Auftritt im ZDF. In: Westfälische Nachrichten, 29. März 2019; abgerufen am 1. Juni 2020.
  9. TV-Kritik: ZDF-Talk bei Maybrit Illner: Junge Klima-Aktivistin findet deutliche Worte, Frankfurter Rundschau, 24. Januar 2020
  10. ARD-TALK, waz.de, 12. Mai 2020
  11. Münchner Runde: Technik verbessern statt Auto verteufeln, BR24, 30. Oktober 2019
  12. ZDF.de / ZDF heute: Fridays-for-Future zu Hilfspaket: - „Keine Vollkatastrophe, aber Chance verpasst“ (Interview mit Carla Reemtsma am 4. Juni 2020)
    Tagesschau.de: Interview mit Carla Reemtsma, „Fridays for Future“-Aktivistin, zum Netzstreik (24. April 2020)
  13. a b Wirtschaftswachstum ist nicht das, worauf alles gründet – sondern ein intakter Planet. GEO-Interview mit Carla Reemtsma und Luisa Neubauer in: GEO, 6. Juni 2019; abgerufen am 1. Juni 2020.
  14. Fridays For Future IN Corona-Zeiten: Carla Reemtsma: „Wir dürfen das Feld nicht den Lobbyisten überlassen“, Neue Osnabrücker Zeitung, 23. April 2020
    Klima-Aktivisten:„Wir werden noch lange für Trubel sorgen!“ Interview von Joachim Käppner und Rainer Stadler, Süddeutsche Zeitung, 27. September 2019
  15. Revolution für das Klima – Eine Generation steht auf. Richard David Precht im Gespräch mit Carla Reemtsma, ZDF, 15. September 2019 (Mediathek, 37 Min.)
  16. „Fridays for Future“-Aktivistin im TV. Carla Reemtsma diskutiert mit Richard David Precht, Westfälische Nachrichten, 16. September 2019
  17. Spiegel-Klima-Streitgespräch. Alles oder nichts? 12. Januar 2020
  18. „Wir müssen über’s Klima reden.“ Online-Diskussion mit Frans Timmermans und Carla Reemtsma, phoenix.de, 10. Juli 2020 (ca. 45 Min.) Abgerufen am 21. Juli 2020
  19. Klimaaktivistin Reemtsma: «Müssen uns neue Protestformen ausdenken», NZZ, 24. April 2020
  20. Frau Reemtsma? Die Fridays-for-Future-Aktivistin Carla Reemstma ist enttäuscht von Robert Habeck. Ein Gespräch über Klimaprotest in Zeiten des Krieges. Laura Cwiertnia und Uwe Jean Heuser im Gespräch mit Carla Reemtsma, in Die Zeit, 7. April 2022, S. 32.
  21. Frau Reemtsma? Die Fridays-for-Future-Aktivistin Carla Reemstma ist enttäuscht von Robert Habeck. Ein Gespräch über Klimaprotest in Zeiten des Krieges. Laura Cwiertnia und Uwe Jean Heuser im Gespräch mit Carla Reemtsma, in Die Zeit, 7. April 2022, S. 32.
  22. Johanna Christner: Fridays for Future und Corona. Plötzlich im Abseits, FAZ, 24. April 2020
  23. Daniel Godeck: Junge Menschen in der Politik. Die Ausnahmepolitiker*innen, TAZ, 4. Juni 2019
  24. Frank Lübberding: TV-Kritik: Maybrit Illner. Dystopie trifft auf Pragmatismus, FAZ, 24. Januar 2020