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Carol Gilligan

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Carol Gilligan und James Gilligan (Haifa, 2011)

Carol Gilligan (geb. Friedmann; * 28. November 1936 in New York City[1][2]) ist eine US-amerikanische Psychologin und feministische Ethikerin.

Carol Gilligan studierte Englische Literatur am Swarthmore College bis 1958, Psychologie am Radcliffe College bis 1961 sowie Sozialpsychologie an der Harvard University bis zum Ph.D. 1964. Dann unterrichtete sie an der University of Chicago, bis 1971 nach Harvard zurückging, wo sie mit Erik Erikson und Lawrence Kohlberg zusammenarbeitete. Bekannt wurde sie durch die Kontroverse mit Kohlberg in der Debatte über Moralunterschiede bei Mann und Frau, die mit dem Buch In a different voice 1982 begann.[3] Gilligan gründete das Harvard Center on Gender and Education mithilfe einer Spende von Jane Fonda über $ 12,5 Mio. Sie entwickelte dort eine Methode des Zuhörens. 1997 erhielt sie den ersten Lehrstuhl, Patricia Albjerg Professor, für Gender Studies an der Harvard University. 2002 bekam sie eine Professur an der New York University, wo sie an der bildungswissenschaftlichen Steinhardt School of Culture, Education and Human Development und an der School of Law (Jura) lehrt. Dort befasst sie sich u. a. mit dem Widerstand gegen das Patriarchat. 1992 erhielt sie den Grawemeyer Award, 1998 den Heinz Award. 2025 wurde sie mit dem Kyoto-Preis ausgezeichnet.[4]

Kontroverse Gilligan vs. Kohlberg

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Carol Gilligan war lange Mitarbeiterin von Kohlberg, der das 6-Stufenmodell der Moralentwicklung entwarf, und hat seine Theorie erweitert. Dabei befasste sie sich auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie hauptsächlich mit der weiblichen Moral. Sie ging davon aus, dass Männer aus abstrakten Gründen Moral infrage stellen, Frauen dies eher aufgrund enttäuschender Beziehungserfahrungen tun, und legte dar, dass die Selbstwahrnehmung von Frauen stärker in den sozialen Kontext eingebunden ist. Deshalb weisen sie in Studien zur Moralentwicklung, die an der Ausprägung der Autonomie orientiert sind, zwangsläufig ein durchschnittlich geringeres Niveau auf als Männer.

Gilligan stellt der männlichen Gerechtigkeitsmoral eine weibliche Moral der Fürsorge (→ Care-Ethik) gegenüber. Frauen orientieren sich demnach bei moralischen Urteilen mehr am Beziehungs-, Interaktions- und Verantwortungsgefüge der an einer Problemsituation beteiligten Person, Männer dagegen eher an abstrakten Rechten und Pflichten. Gilligan sieht beide Moralarten, die weibliche und die männliche, strukturell als gleichwertig an.

Kritik

Christina Hoff Sommers entgegnete, Gilligan habe keine belastbaren Daten für ihre Thesen vorgelegt, nur 'Anekdoten', und einige ihrer Daten erschienen geradezu erfunden, denn sie weigere sich, diese öffentlich zugänglich zu machen. Ihre Behauptungen würden in der Forschung nicht bestätigt und müssten zunächst durch die Neurologie und Evolutionspsychologie evaluiert werden (2001).[5]

Debra Nails warf 1983 Gilligan eine selektive Stichprobenauswahl vor und das Vorgehen sei eher literarisch als wissenschaftlich zu nennen.[6]

Gilligans Stufentheorie der Care-Ethik

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Gilligan kritisierte Lawrence Kohlbergs Fokus auf ‚abstrakter Gerechtigkeit‘ und entwickelte eine eigene Theorie, die die Ethik der Fürsorge und Beziehungsorientierung betont.

  • Stufe 1: Orientierung am eigenen Überleben; Fokus auf eigene Bedürfnissen; moralisch richtig ist, was Selbstschutz gewährleistet
    • Übergang 1: von Egozentrik zu Verantwortung, erkennen, dass auch andere Bedürfnisse haben
  • Stufe 2: Güte als Selbstaufopferung (englisch care for others), moralisches Handeln bedeutet, für andere da zu sein; Gefahr der Selbstaufgabe
    • Übergang 2: Gleichwertigkeit von eigenen und fremden Bedürfnissen erkennen; Entwicklung von Balance
  • Stufe 3: Verantwortung und Fürsorge in Beziehungen; eigene und fremde Bedürfnisse sind gleichwertig zu berücksichtigen; Moral ist gleich wechselseitige Verantwortung, Dialog, Empathie
  • Stufe 4: Fürsorge als universelles Prinzip; reife Care-Ethik mit Blick auf komplexe Beziehungssysteme; moralisch ist, was Beziehungen stärkt und Schaden minimiert.

Der Kernunterschied zwischen den Ansätzen von Gilligan und Kohlberg ist:

  • Kohlberg: „Was ist gerecht?“ – moralisches Denken als logisches, regelbasiertes Urteilen
  • Gilligan: „Wer braucht was?“ – moralisches Denken als Beziehungs- und Verantwortungsorientierung.[7]

Gilligan sieht die moralische Entwicklung nicht primär in Richtung abstrakter Prinzipien, sondern in der Fähigkeit, für sich und andere angemessen zu sorgen.[8]

  • In a different voice: psychological theory and women's development. 38. Auflage. Harvard Univ. Press, Cambridge, Mass. 2016, ISBN 978-0-674-97096-0.
  • The Birth of Pleasure. Alfred A. Knopf, 2003, ISBN 978-0679759430.
  • Kyra. A Novel. Random House, 2008
  • mit David A. J. Richards: The Deepening Darkness: Patriarchy, Resistance, and Democracy’s Future, Cambridge University Press, 2009
  • In a human voice. Polity Press, Cambridge, UK; Hoboken, NJ, USA 2023, ISBN 978-1-5095-5679-3.
Commons: Carol Gilligan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Carol Gilligan. Archiviert vom Original am 16. Mai 2025; abgerufen am 12. Januar 2026.
  2. Die andere Stimme: US-Entwicklungspsychologin Carol Gilligan hält Hedwig Kettler-Lecture 2021. Archiviert vom Original am 18. Dezember 2025; abgerufen am 12. Januar 2026 (deutsch).
  3. The 50 Most Influential Living Psychologists in the World. (PDF) The best schools, 2023, abgerufen am 9. Januar 2026 (englisch).
  4. Kyoto Prize. 11. November 2025, abgerufen am 12. Januar 2026 (amerikanisches Englisch).
  5. Christina Hoff Sommers: The war against boys: How misguided feminism Is harming our young men. Simon and Schuster, New York 2001
  6. Debra Nails: Social-scientific sexism: Gilligan's mismeasure of man. Social Research, 50, 643-664. 1983
  7. Moralentwicklung. Kritiken, Erweiterungen und Alternativen zur Kohlberg-Theorie Einführung in die pädagogische Psychologie II. Leitung: M. Faßheber, Sommersemester 1993, auf stangl-taller.at [1]
  8. Bardo Herzig: Brauchen wir eine geschlechtsspezifische Moralerziehung? Ruhr-Universität Bochum WiSe 2004/2005, Institut für Pädagogik Proseminar „Entwicklung moralischer Urteilsfähigkeit – Grundlagen und Anwendungen“, auf homepage.ruhr-uni-bochum.de PDF S. 4 f.