Casta (Lateinamerika)

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Mexikanische Darstellung des Kastensystems

Casta (span./port. für Kaste) war eine Bezeichnung in lateinamerikanischen Ländern für die Nachkommen von Verbindungen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen, hauptsächlich aus Nachfahren von Afroamerikanern, Europäern und indigenen Ethnien.

Die zum Teil sehr komplizierten Unterscheidungen sind Ausdruck einer ebenso feinen sozialen Abstufung, die in der Regel mit sozialer und rechtlicher Diskriminierung verbunden war, vor allem je größer die indigenen oder afroamerikanischen Anteile in der Verwandtschaft waren. Dementsprechend haben die Bezeichnungen der „castas“ in der Regel auch herabsetzenden Charakter. Rechtlich waren sie etwa in Mexiko den Indios untergeordnet, deren Rechte geschützt wurden. Heute sind diese Bezeichnungen kaum noch gebräuchlich. Sie spiegeln das soziale Gefüge der Gesellschaften Lateinamerikas wider, wie es bis weit ins 20. Jahrhundert hinein bestand.

Heute wird der Ausdruck „Mestize“ (wenn überhaupt) für die Bezeichnung von Menschen benutzt, die entweder nicht ausschließlich europäische oder nicht ausschließlich indigene Vorfahren haben.

Das lateinamerikanische Kastensystem[Bearbeiten]

Mestize als Verbindung von Spanier und Indianerin/Indígena
Zambo oder Lobo als Verbindung von Schwarzafrikaner und Indígena
Mulatte als Verbindung von Schwarzafrikaner und Spanierin

Im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, entwickelte sich in Neuspanien (Mexiko) die folgende Klassifizierung:

  • Aus Spanier und Indígena - mestizo
  • Aus Indio und Schwarzer - zambo/lobo
  • Aus Schwarzem und Zamba - zambo prieto
  • Aus Weißem und Schwarzer - mulato
  • Aus Mulattin und Weißem - morisco
  • Aus Spanier und Morisco - albino
  • Aus Albino und Weißem - saltatrás (o saltapatrás)
  • Aus Indio und Mestize- coyote
  • Aus Weißem und Coyote - harnizo
  • Aus Coyote und Indio - chamizo
  • Aus Morisco und Spanier - chino
  • Aus Chino und Indianerin - cambujo
  • Aus Cambujo und Indianerin - tente en el aire
  • Aus tente en el aire und chino - no te entiendo
  • Aus Mulatte und tente en el aire - albarazado

Eine etwas andere Klassifizierung, die zugleich die soziale Stellung angibt (Nr 1 relativ hohes Ansehen, 16 niedrigstes Ansehen):

  1. Mestizo: Spanischer Vater und indianische Mutter
  2. Castizo: Spanischer Vater und Mestizo-Mutter
  3. Espomolo: Spanische Mutter und Castizo-Vater
  4. Mulatto: Spanier und Schwarzafrikanerin
  5. Moor: Spanisch und Mulatto
  6. Albino: Spanischer Vater und Moor-Mutter
  7. Throwback: Spanischer Vater und Albino-Mutter
  8. Lobo (Wolf): Throwback-Vater und Indianische Mutter
  9. Zambiago: Lobo-Vater and Indianische Mutter
  10. Cambujo: Zambiago-Vater und Indianische Mutter
  11. Alvarazado: Cambujo-Vater und Mulatto-Mutter
  12. Borquino: Alvarazado-Vater und Mulatto-Mutter
  13. Coyote: Borquino-Vater und Mulatto-Mutter
  14. Chamizo: Coyote-Vater und Mulatto-Mutter
  15. Coyote-Mestizo: Chamizo-Vater und Mestizo-Mutter
  16. Ahi Tan Estas: Coyote-Mestizo-Vater und Mulatto-Mutter

Die Zugehörigkeit zu einer der höheren castas war Voraussetzung für die Aufnahme in einen Orden oder die Übernahme eines Amtes. Sie musste nach den Vorschriften des Nachweises der Limpieza de sangre („Blutsreinheit“) belegt werden, einer im spätmittelalterlichen Spanien entstandenen Norm, nach der Marranen und Moriscos aus den verschieden Eliten ausgeschlossen wurden. Da im spanischen Kolonialreich die dafür erforderlichen genealogischen Nachweise oft nicht beigebracht werden konnten, urteilten die zuständigen Behörden nach dem Phänotyp, was zu einer willkürlichen Einteilung führte. So sind Fälle überliefert, in denen ein und dieselbe Person bei verschiedenen Gelegenheiten unterschiedlichen Castas zugewiesen wurde.[1] Hinzukam, dass ein Nachweis von Limpieza de sangre in den Kolonien käuflich war, sodass die angestrebte Erhaltung einer homogenen, altchristlich-europäischen Oberschicht sowie ihre Trennung von vermeintlich minderwertigen castas nicht gelang.[2]

Castas in der mexikanischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts[Bearbeiten]

0.2 % der Bevölkerung Mexikos (1810: 6 Millionen Einwohner) bestand 1810 aus Spaniern, 16 % aus Kreolen, also Nachfahren von Spaniern, 22 % aus Castas, 60 % aus Indios, 0,1 % aus Afrikanern. Bei den Castas waren die Mischungen von Europäern und Indios am zahlreichsten.

Quellen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Casta – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nikolaus Böttcher: Ahnenforschung in Hispanoamerika. „Blutsreinheit“ und die Castas-Gesellschaft in Neu-Spanien in: Michael Hecht (Hrsg.): Selektion – Initiation - Repräsentation. Die Ahnenprobe in der Vormoderne. Rhema-Verlag Münster 2011, S. 387-414.
  2. Stefan Rinke: Limpieza de sangre [Reinheit des Blutes]. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 3: Begriffe, Ideologien, Theorien. De Gruyter Saur, Berlin 2008, ISBN 978-3-598-24074-4, S. 192 (abgerufen über De Gruyter Online).