Centovalli

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Das Centovalli bei Camedo

Das Centovalli ist ein Tal im schweizerischen Kanton Tessin. Sein unterster Teil liegt bei Intragna, etwas oberhalb von Locarno am Lago Maggiore. Von dort führt es westwärts bis Camedo in der Fraktion Borgnone hinauf bis an die schweizerisch-italienische Grenze.

Der Name bedeutet «100 Täler», was nicht wörtlich zu verstehen ist, sondern die grosse Anzahl an weit verzweigten Tälern entlang des Haupttal des Wildbachs Melezza ausdrückt. Auf italienischer Seite heisst das Tal der Melezza, die in über 800 m Höhe entspringt, Valle Vigezzo. In früheren Jahrhunderten wurden beide Talabschnitte auch als «Kaminfegertal» bezeichnet (z. B. in Tschudis Schweizerkarte von 1614), da ausserordentlich viele Kinder bitterarmer Familien des Tales auswärts (vor allem in Oberitalien) als Kaminfegergehilfen tätig waren.

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Lago di Palagnedra im Centovalli

Das Centovalli ist eine dicht bewaldete Landschaft, aus der zerklüftete Felsen emporragen. Das tief eingeschnittene Tal der Melezza ist nördlich und südlich von Bergketten umgeben; die höchsten Gipfel sind im Süden der Gridone an der Grenze zu Italien (2188 m) und im Norden der Pizzo Ruscada mit 2004 m Höhe gegen das Onsernonetal. Bei Palagnedra ist die Melezza zu einem ca. 4 km langen schmalen See (Lago di Palagnedra) aufgestaut.[1]

Orte im Centovalli[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Intragna (339 m ü. M.) mit dem höchsten Kirchturm des Tessins und der mittelalterlichen Bogenbrücke, der sogenannten Römerbrücke / Ponte Romano
  • Calezzo, (564 m ü. M.)
  • Corcapolo, (463 m ü. M.) mit Eisenbahnstation
  • Verdasio, (711 m ü. M.) mit Talstation der Seilbahn (530 m ü. M.) zum autofreien Dorf Rasa (898 m ü. M.), das als Ausgangspunkt für Wanderungen dient
  • Palagnedra, (657 m ü. M.) historischer Hauptort des Centovalli mit Kirche aus dem 15. Jahrhundert
  • Bordei (726 m ü. M) restaurierter Weiler mit Kirche und Osteria
  • Camedo, (549 m ü. M.) Grenze nach Italien; Eisenbahnstation, Zollhäuschen an der Ponte Ribellasca
  • Borgnone (713 m ü. M.)
  • Lionza (775 m ü. M.)
  • Costa (872 m ü. M.)[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gräberfunde bei Intragna legen nahe, dass das Centum valles bereits römisch besiedelt war. Erste urkundliche Erwähnung unter diesem Namen fand das Tal jedoch erst im Mittelalter (1185). Die Siedlungen Borgnone, Palagnedra und Intragna bildeten seit dem 13. Jahrhundert die Vicinia von Centovalli; unter einer Vicinia verstand man eine besondere, ursprünglich im Val Camonica entstandene Form der informellen, von den führenden Familien initiierte Selbstverwaltung mehrerer benachbarter Siedlungen. Die Vicinia von Centovalli gehörte gemeinsam mit der angrenzenden Vicinia von Intragna zum Pfarrbezirk (Pieve) San Vittore, der den Gemeinden Locarno und Ascona am Lago Maggiore zugeordnet war. 1531 stellten sich die zwölf Orte der Alten Eidgenossenschaft der Forderung dieser beiden Vicinie entgegen, sich von Locarno zu lösen. 1838 verlieh die Vicinia von Centovalli den Gemeinden Borgnone und Palagnedra die offizielle kommunale Selbstverwaltung; 1864 wurde Rasa von Palagnedra abgetrennt und zur eigenen Gemeinde erhoben.

Im Zuge einer Gebietsreform 1972 wurde Rasa ein Ortsteil von Intragna.[1] Am 25. Oktober 2009 fusionierten die zuvor selbständigen Gemeinden Borgnone, Intragna und Palagnedra zur neuen Gemeinde Centovalli. Seither steht Centovalli sowohl für das Tal als auch die politische Körperschaft.

Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Überhängende Felsen an der Centovalli-Strasse vor Camedo

Im Mittelalter verliefen zwei Maultier­pfade durch das Centovalli. Dem ersten hoch über dem Tal links der Melezza von Intragna (339 m) bis zur italienischen Grenze bei Camedo (549 m) folgt heute zum Teil die kurvenreiche Gebirgsstrasse über einige Viadukte und stellenweise unter Felsüberhängen; sie ist auf einigen Abschnitten so schmal, dass zwei Fahrzeuge nicht aneinander vorbeifahren können. Der zweite Maultierpfad hingegen überquerte die Melezza gleich hinter Intragna auf der Ponte Romano,[3] folgte dem Wildbach auf dem Talboden und stieg erst später nach Borgnone, Camedo und über die Grenze nach Italien an.

Parallel zur heutigen Strasse verläuft – streckenweise durch Felstunnel – die Trasse der Centovallibahn. Diese trägt aus Schweizer Sicht auf ihrer gesamten Linie von Locarno bis Domodossola diesen Namen, obwohl mehr als die Hälfte ihrer Strecke nicht im Centovalli liegt. Auf der italienischen Seite, im Valle Vigezzo, wird dieser Ausdruck aber nicht für die gesamte Strecke verwendet. Vielmehr bezeichnen die Italiener ihren Streckenabschnitt ebenfalls nach der Talbezeichnung liebevoll mit Vigezzin.[1]

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Robert Kern: Zur Petrographie des Centovalli. Helsinki 1947.
  • Walter Geissbühler: Zur Geomorphologie und Talgeschichte des Centovalli-Vigezzo. In: Jahresbericht der Geographischen Gesellschaft von Bern. Band 48 = 1965/66, Bern 1967.
  • Kurt Hutterli: Die Centovalli. Haupt, Bern 1972, ISBN 3-258-01636-4.
  • Simona Martinoli u. a.: Guida d’arte della Svizzera italiana. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Edizioni Casagrande, Bellinzona 2007, ISBN 978-88-7713-482-0, S. 215–219, 221.
  • Claudio Turri: Centovalli – centoricordi: un viaggio teatrale. Teaterverlag Elgg, Belp 2012.
  • Elfi Rüsch: I monumenti d’arte e di storia del Canton Ticino. Distretto di Locarno IV: La Verzasca, il Pedemonte, le Centovalli e l’Onsernone (= Die Kunstdenkmäler der Schweiz. Band 123). Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. SKG, Bern 2013, ISBN 978-3-03797-084-3, S. 180–184.
  • Niklaus Starck: Centovalli, durch 100 Täler, über 100 Brücken, vorbei an 100 Kapellen. Porzio, Breitenbach/Ascona 2017.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Centovalli – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Elfi Rüsch: Distretto di Locarno IV. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2013, ISBN 978-3-03797-084-3, S. 180–184.
  2. Costa auf ethorama.library.ethz.ch/de/node
  3. Pro Centovalli – Wanderwege
  4. Skilift Pian del Barch-Comola auf seilbahnbilder.ch/galerie