Charles Whitman

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Charles Whitman, 1963

Charles Joseph Whitman (* 24. Juni 1941 in Lake Worth, Florida; † 1. August 1966 in Austin, Texas) war ein ehemaliger Marineinfanterist und Architekturstudent an der University of Texas at Austin. Er wurde bekannt durch seinen Amoklauf am 1. August 1966. Zunächst erstach er seine Mutter und seine Frau. Später erschoss er im und vom Turm der Universität von Texas in Austin 17 Menschen und verletzte 32 weitere, bevor er von der Polizei erschossen wurde. Sein letztes Opfer starb 2001 an den Spätfolgen seiner Verletzung.

Der Turm des Hauptgebäudes der Universität von Texas in Austin. Der umlaufende Rundgang der Aussichtsplattform befindet sich unter den Zifferblättern der Uhren.

Hintergründe und Abschiedsbrief[Bearbeiten]

Der bei den Pfadfindern hochdekorierte Whitman (als Eagle Scout hatte er den höchstmöglichen Rang), der auch beim United States Marine Corps gedient hatte, besuchte am 29. März 1966 den Arzt Dr. Heatley, um mit ihm seinen Geisteszustand zu besprechen. Er erzählte ihm von seinen Gedanken, auf einen Turm zu steigen und mit einem Gewehr Menschen zu erschießen. Dr. Heatley bemerkte „eine gewisse Feindseligkeit“ an ihm. Whitman hinterließ einen Abschiedsbrief, den man neben seiner Frau Kathy fand. Darin erklärte er, dass er mit seinen Taten seinen Vater in die Schande stürzen wollte. Seine Worte spiegelten seinen Hass gegen ihn wider, weil sich sein Vater schlecht gegenüber seiner Mutter verhalten hatte.[1]

Die Autopsie ergab einen Hirntumor (ein so genanntes Glioblastom), der Einfluss auf sein Verhalten gehabt haben könnte.

Die ersten Morde[Bearbeiten]

Am 31. Juli 1966 fuhr Whitman zu seiner Mutter und erstach sie. Danach erstach er auch seine Frau im Schlaf.

In Arbeiterkleidung und mit einem gemieteten Montagewagen, auf den er seinen Militärkoffer und seine Waffen geladen hatte, fuhr er zum Eingang der Universität. Mit der Behauptung, Material zu liefern, bekam er die Fahrerlaubnis für das Campusgelände. Er parkte am Hauptgebäude, einem 27 Stockwerke hohen Turm mit Aussichtsplattform.

Auf der letzten Aufzugsetage angekommen, hievte er seinen Koffer die letzten zwei Stockwerke bis zur Aussichtsplattform hoch. Dort traf er auf die Angestellte Edna Townsley, die an ihrem Schreibtisch vor der Plattform saß. Er schlug ihr mit dem Kolben seines Gewehrs auf den Kopf und versteckte die Sterbende hinter einer Couch. Sie war eine von drei Angestellten, die ihren Dienst vor der Plattform verrichteten. Ihre Ablösung, Vera Palmer, hatte Minuten zuvor noch Whitman beim Lift geholfen.

Cheryl Botts und Don Walden, ein junges Paar, das auf der Plattform die Gegend betrachtet hatte, kamen Minuten später am Schreibtisch vorbei, wo sie auf Whitman mit zwei Gewehren in der Hand trafen. Am Boden war ein roter Streifen, den Botts fälschlicherweise für Farbe hielt. Whitman grüßte sie nervös, aber sein Blick gab Walden zu verstehen, dass sie besser weitergehen sollten.

Einige Touristen, die Gabours und die Lamports, die die Stufen einige Augenblicke später erstiegen, hatten weniger Glück. Die Familie bemerkte einen Schreibtisch und Stühle, die am Kopfende gestapelt waren. Michael Gabour, der ältere Sohn, ging zur Barrikade und als er darüber schauen wollte, traf ihn Whitman mit seiner Schrotflinte. Er schoss durch die Gitter der Plattform noch zweimal auf die Familie. Mark Gabour und seine Tante Marguerite Lamport starben und zwei weitere trugen bleibende Verletzungen davon. Die zwei Männer der Gruppe, die sich am Fuß aufgehalten hatten, blieben unverletzt.

Whitmans Koffer enthielt ein Scharfschützengewehr, diverse andere Waffen und für den Nahkampf die abgesägte Schrotflinte. Die ersten Schüsse vom Turm kamen um 11:48 Uhr. Die Schießerei sollte noch 66 Minuten anhalten.

Die Heckenschützenangriffe vom Turm[Bearbeiten]

Whitmans Waffenarsenal

Ein Geschichtsprofessor, der ein Büro in der Garnison Hall hatte, die dem Hauptgebäude auf der Ostseite gegenüberstand, sah die ersten Opfer, die im Süden zu Boden fielen und rief sofort die Polizei von Austin an. Sein Anruf war der erste von vielen von Campus-Angestellten, die um polizeiliche und medizinische Hilfe baten.

Studenten und Campusarbeiter missinterpretierten die Schüsse, die sie hörten, und schlenderten weiter zu den Vorlesungen und Verabredungen. In jenen ersten Minuten, nachdem Whitman anfing zu feuern, hatte er viele leichte Ziele und er zog vollen Nutzen aus der Situation. Ohne Gegenwehr hatte er die nötige Zeit zum Zielen; infolgedessen geschahen die meisten der tödlichen Attacken während dieser Phase.

Die Schüsse verbreiteten Panik unter den Bewohnern von Austin, während sich die Nachricht zu den lokalen Medien und durch mündliche Warnungen in der Öffentlichkeit verbreitete. Als die Ausmaße des Angriffs bekannt wurden, begab sich jeder Beamte, ob im Dienst oder nicht, zum Unicampus. Whitman hatte sich auf der Plattform gut verbarrikadiert, sie war für seine Zwecke perfekt konstruiert, er nutzte die Dachrinnen, um zu feuern. Er wählte seine Opfer nicht aus, sondern schoss auf alles, was sich bewegte, seine Genauigkeit war erschreckend hoch, zweimal traf er aus fast 500 Metern.

Die meisten Todesopfer gab es auf der Guadalupe Street. Dort befanden sich eine Einkaufsstraße, viele Cafes und ein Geschäftsviertel. Als sich die Nachricht verbreitete, nahmen viele Kursteilnehmer und Bewohner ihre Waffen und liefen zum Campus. Viele versuchten verletzte Opfer in Sicherheit zu bringen. Eine Firma für Geldtransporter stellte einen Wagen zur Verfügung, der vielen Verletzten das Leben rettete. Damals gab es noch keinen Notruf, und viele Retter riskierten ihr Leben. Einer von ihnen, Morris Hohmann, half auf der Guadalupe Street Opfer zu retten. Er folgte geduckt seinem Krankenwagen, bis dieser langsam nach Westen abdrehte und Whitman ihn sah, während seine Deckung verschwand. Ein Schuss Whitmans durchschlug sein Bein und traf eine Hauptarterie. Er benutzte dann seinen Gürtel als Aderpresse und wurde bald in seinem eigenen Krankenwagen zusammen mit einigen anderen Opfern zum Brackenridge Krankenhaus gefahren, dem einzigen Krankenhaus mit Unfallstation, wo er gerettet wurde. Dem überfüllten Krankenhaus gingen schließlich die Blutkonserven aus und Bürger eilten hin, um Blut zu spenden. Die überlastete Polizei-Telefonzentrale begann, sämtliche Anrufe zu ignorieren, die nicht von einem Opfer kamen.

Ein Polizist versuchte, Whitman abzulenken, indem er den Turm in einem kleinen Flugzeug umkreiste, das von einem lokalen Piloten geflogen wurde. Whitman feuerte darauf. Der Polizist entschied, das Feuer nicht zu erwidern, weil er unschuldige Passanten nicht gefährden wollte. Aber er konnte Auskünfte über die Bewegungen Whitmans geben. Ein bewaffneter Hubschrauber wurde ebenfalls wegen der Gefahr für die Passanten nicht eingesetzt.

Whitmans Tod[Bearbeiten]

Whitmans Leiche

Gegen 13:24 Uhr betraten Housten McCoy und Ramiro Martinez, zwei Beamte des Austin Police Department, von Norden her die östliche Seite der Aussichtsplattform. Zeitgleich betraten auf der Südseite der pensionierte Militäroffizier Allan Crum und der Militäroffizier in Dienst Jerry Day die Plattform von Westen her mit der Absicht, Whitman zu umzingeln. Als Crum jedoch die südwestliche Ecke der Plattform erreichte, feuerte er versehentlich einen Schuss aus dem geliehenen Gewehr. Whitman bemerkte dies scheinbar und bewegte sich mit dem Rücken zur Wand in die nordwestliche Ecke der Plattform, von wo Crum Schüsse vernahm. In diesem Moment sprang Martinez, der sich im nordöstlichen Bereich befand, hinter der Ecke vor und feuerte die gesamte Trommel seines 38er Revolvers aus einer Entfernung von circa 50 Fuß (15 m), auf Whitman ab. Er verfehlte ihn jedoch. Zeitgleich schoss McCoy, der sich auf der rechten Seite von Martinez befand, mit einer Kaliber-12-Schrotflinte auf Whitman. Zwei tödliche Schüsse mit „00-Buck“-Munition (vgl.: Flintenmunition) trafen Whitman in den Kopf und Hals der linken Körperhälfte.

Martinez warf seine Revolver zu Boden und entriss McCoy die Schrotflinte. Dann lief er zu der Leiche, die sich in Bauchlage befand, und feuerte aus kurzer Distanz einen Schuss ab, der die Leiche in den linken Arm traf. Daraufhin warf er die Flinte zu Boden und verließ die Plattform, wobei er wiederholt die Worte "Ich hab ihn" rief.

Die Todesopfer[Bearbeiten]

  • Margaret Whitman, 43 Jahre alt, seine Mutter, erstochen
  • Kathy Whitman, 23 Jahre alt, seine Frau, im Schlaf erstochen
  • Edna Townsley-Tower, 47 Jahre alt, Rezeptionistin, getötet an ihrem Schreibtisch
  • Marguerite Lamport, Besucherin, getötet auf den Stufen zur Plattform
  • Mark Gabour, 16 Jahre alt, Neffe von Marguerite Lamport, ebendort
  • Thomas Frederick Eckman, 19 Jahre alt, bekam einen Schuss in die Schulter neben seinen Nacken, als er sich gerade über seine Freundin Claire Wilson beugte, starb im Krankenhaus
  • Robert Hamilton Boyer, 33 Jahre alt, Physikprofessor, in den Rücken geschossen
  • Thomas Ashton, 22 Jahre alt, Auszubildender für das Peace Corps, in die Brust geschossen, starb im Krankenhaus
  • Karen Griffin, 17 Jahre alt, Lungenschuss, starb eine Woche später im Krankenhaus
  • Thomas Karr, 24 Jahre alt, Schuss in den Rücken, als er mit Karen Griffin spazieren ging, starb im Krankenhaus
  • Billy Paul Speed, 22 Jahre alt, Polizist, erschossen durch eine Lücke in der Brüstung
  • Harry Walchuk, 39 Jahre alt, Philosophiestudent, sechsfacher Vater, starb im Krankenhaus
  • Paul Bolton Sonntag, 18 Jahre alt, Student, wurde in den Mund geschossen, als er hinter seiner Deckung, einem Auto, aufsah
  • Claudia Rutt, 18 Jahre alt, saß neben Sonntag, wurde getroffen, als sie ihm helfen wollte
  • Roy Dell Schmidt, 29 Jahre alt, Elektriker, auf der Straße neben seinem Truck erschossen
  • Ungeborenes Kind, von Claire Wilson und Thomas Eckman, wurde am Kopf getroffen und tot geboren
  • David Gunby, damals 23 Jahre alt, Elektrotechnikstudent, starb 2001 an Komplikationen durch einen Schuss Whitmans, der seine einzige Niere traf

Die Folgen[Bearbeiten]

Bereits nach den Watts-Unruhen im Jahr 1965 wurde in Polizeikreisen über die Aufstellung von speziell ausgebildeter Einheiten für solche Situation nachgedacht. Die ein Jahr später durch Whitman begangenen Taten zeigten die Notwendigkeit für diese noch einmal auf und beschleunigten die Aufstellung von SWAT-Einheiten in den USA.

Als sein letztes Opfer starb David Gunby am 12. November 2001. Seine einzige Niere wurde von einem Geschoss getroffen, durch die er langfristige Nierenschäden erlitt, an denen er letztendlich verstarb.

Die Plattform selbst blieb zwei Jahre geschlossen und wurde dann erneut für die Öffentlichkeit zugänglich. Mehrere Selbstmorde sorgten Mitte der 1970er Jahre zu einer erneuten Schließung bis 1998. Noch heute sind hier die vergipsten Einschusslöcher sichtbar.

Medien[Bearbeiten]

Bezüge auf Whitmans Amoklauf gibt es seit den 1960ern, oft jedoch nur vage und ungenau.

1960er[Bearbeiten]

Ein Foto von Whitman und ein Artikel mit dem Titel The Psychotic & Society erscheinen am 12. August 1966 auf dem Cover des Time-Magazins. Er bezeichnete Martinez als einzigen Beamten am Turm und als den Mann, der Whitman tötete.

Das gleiche Foto erscheint im Life-Magazine mit dem Artikel The Texas Sniper.

1968, nur zwei Jahre nach den Ereignissen in Austin, greift der junge Regisseur Peter Bogdanovich die Idee von B-Movie-Horror-Meister Roger Corman auf, einen Spielfilm über den Texas Sniper zu drehen. Gemeinsam mit Ehefrau Polly Platt schreibt Bogdanovich ein Drehbuch um einen sehr frei an dem Fall orientierten Plot und engagiert den nahezu unbekannten Fernsehdarsteller Tim O´Kelly und Frankenstein-Legende Boris Karloff für die Hauptrollen. Der für einen Anfänger erstaunlich stilsicher gestaltete Film Targets – Bewegliche Ziele wird ein Erfolg und beschert Bogdanovich die Eintrittskarte vom B-Film-Bereich in die Oberliga von Hollywood.

1970er[Bearbeiten]

1972 nimmt Harry Chapin das Album Sniper and Other Love Songs auf. Sniper, der Titelsong, handelt aus der Sicht der ersten und dritten Person und erzählt die Beziehung Whitmans zu seiner Mutter und von seiner Isolation.

1975 wird das Ereignis mit Kurt Russell in der Hauptrolle in Turm des Schreckens verfilmt.

Nachdem der Film erschienen war, verklagte Ramiro Martinez die Filmfirma wegen der Darstellung seiner Person und seiner Frau. Houston McCoy, der Whitman wirklich tötete, dessen Rolle aber in manchen Berichten falsch oder gar nicht dargestellt wurde, klagte ebenfalls. Martinez bekam eine unbekannte Summe zugesprochen, McCoy bekam nichts.

1977 schilderte Lars Gustafsson den Tag des Amoklaufs in seinem Buch Die Tennisspieler.

1980er[Bearbeiten]

1987 erscheint der Film Full Metal Jacket, in dem der Drill-Instructor des Marine-Corps in einer Szene zu seinen Rekruten auf zynische Weise darstellt, Whitmans und Lee Harvey Oswalds phänomenale Trefferquoten seien das Ergebnis ihrer Schießausbildung beim US-Marine-Corps.

1990er[Bearbeiten]

1991 erscheint der Film Slacker, gedreht in Austin, in dem der anarchistische Professor meint: „Now Charles Whitman, there was a man!…“

1993 wird in True Romance Bezug auf Whitman genommen, als in der Hotelszene Alabama Worley (Geburtsname Whitman) meint: „You know that guy in Texas…“

1993 wird in Folge drei der vierten Staffel von Der Prinz von Bel-Air auf das Attentat angespielt. Der Schuldirektor sagt: „Es gibt da einen Weg: Sie müssen es zu einer Ihrer Forderungen machen, wenn Sie mit einem Gewehr auf den Glockenturm steigen.“

1994 erzählt Detective Scagnetti in Natural Born Killers dem Gefängnisdirektor Warden McClusky, dass er Serienmörder aus dem Grund jagt, weil er als Junge in Texas die Hand seiner Mutter hielt, als Charles Whitman auf einen Glockenturm stieg und zu schießen begann. Eine Kugel traf seine Mutter und tötete diese.

1996 erscheint Don’t Be a Menace und karikiert eine Szene aus Higher Learning mit einer komischen Sicht der Angriffe.

Im selben Jahr wird der Amoklauf von 1966 auch im amerikanischen Independent-Film The Delicate Art of the Rifle von Dante W. Harper verarbeitet. Dort tritt Charles Whitman in der Gestalt eines Schulfreundes des Protagonisten Jay mit Namen Walt auf, der ebenfalls wie sein historisches Vorbild von einem Turm aus um sich schießt.

Mit einer Episode in dem Buch Windy erzählt gibt es eine zweite literarische Bearbeitung des Vorfalls durch Lars Gustafsson.

Die Insane Clown Posse bezieht sich in dem Lied "The Tower" ebenfalls auf Whitman, das Video beginnt mit einem originalen Fernsehbericht über den Amoklauf.

Die Thrash Metal Band Exodus nimmt in ihrem Lied "Class Dismissed (A Hate Primer)", das einen Amoklauf aus der Sicht des Mörders beschreibt, ebenfalls Bezug auf den Fall Charles Whitman.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kopie des Abschiedsbriefs (PDF; 123 kB), The Whitman Archives, Austin American-Statesman, aufgerufen am 1. Juli 2013

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Charles Whitman – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien