Chemigramm

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Ein Chemigramm (von „Chemie“ und grámma „Buchstabe“, „Schrift“)[1] ist ein Bild, das mittels Entwickler und Fixierer auf Fotopapier hergestellt wird. Die chemischen Eigenschaften von Materialien aus der Fotografie werden genutzt, um mit ihnen bei Tageslicht Bilder zu malen.[2] Eine Weiterentwicklung dieser Maltechnik sind Chemogramme durch den Fotokünstler Josef H. Neumann im Jahre 1974 und Fotobatiken.

"Chimigramme" wurden in den 1950er Jahren von dem belgischen Künstler Pierre Cordier erfunden und so im französischen Sprachraum von ihm benannt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johann Schulze gilt als der erste, der ein chemigramm-artiges Bild hergestellt hat. 1725 gelang ihm eine solche Arbeit mit Hilfe von lichtundurchlässigem Papier und einer Flasche Silbernitrat. Der Franzose Hippolyte Bayard stellte 1839 ein weiteres chemigramm-artiges Bild her, während er Sensibilisierungstests durchführte. In den 1930er und 1940er Jahren stellten Edmund Kesting und der Franzose Maurice Tabard Bilder und Gemälde mit Entwickler und Fixierer auf Fotopapier her. Es war jedoch der belgische Künstler Pierre Cordier (geb. 1933), der für die Entwicklung von Chemigrammen die größte Bedeutung hatte.[3] In seinen jungen Jahren war er 1956 einer der wenigen praktizierenden Künstler, und trug zu der Weiterentwicklung von Chemigrammen bei, indem er die technischen und ästhetischen Möglichkeiten weiter herausarbeitete. 1958 prägte er im Französischen den Begriff chimigramme (chemigram im Englischen und Niederländischen, Chemigramm im Deutschen, chimigramma im Italienischen, und quimigrama im Spanischen und Portugiesischen), der bis heute weitgehend Verwendung findet. Ende der sechziger Jahre experimentierte innerhalb seines fotografischen Schaffens auch der italienische Fotograf Paolo Monti mit Chemikalien auf Fotopapier und veröffentlichte diese im technischen Sinne entstandenen Chimigramme als eine "Serie Fotográfica". Mitte der 70er Jahre entwickelte Josef H. Neumann sogenannte Chemogramme, bei denen zunächst optische Elemente eingearbeitet und anschließend Chemikalien als freie Malerei, in der Tradition von Tachismus, actionpainting oder Informel aufgetragen wurden.[4]

Herstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Seite des Bayard Album, Photosensibilisierungstest, 1839, Sammlung der Société française de photographie.

Beim Chemigramm wird mit Entwickler oder Fixierer direkt auf das Fotopapier gemalt. Da dies bei Tageslicht geschieht, reagiert das Fotopapier sofort mit den jeweiligen Chemikalien. Die Flüssigkeiten können mit Pinseln, Wattestäbchen etc. aufgebracht oder auch mit Strohhalmen verblasen werden. Wird mit Entwickler gemalt, so verfärbt sich das Papier sofort schwarz, danach wird es kurz abgespült, fixiert und schlussgewässert. Beim Auftragen des Fixierers ist lediglich eine kleine Hellerfärbung des Papiers zu sehen. Nach einer Einwirkungszeit von ca. einer Minute wird das Papier in die Entwicklerwanne gelegt. Die unbemalten Flächen schwärzen sich. Danach wird erneut gewässert, dann fixiert und schlussgewässert.

Anders als bei Chemigrammen werden bei Chemogrammen in einem ersten Schritt zunächst Bilder in der Dunkelkammer einbelichtet und diese erst anschließend bei Tageslicht mit Chemikalien bearbeitet.[5]

Die Technik der ersten Chemigramme wurde in ihrer Entstehung, beginnend in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, zunächst in der Anwendung von Chemikalien auf schwarzweißen Fotopapieren entwickelt. Dieses Verfahren der Chemigramne, auch bereits von Edmund Kesting in Dresden als "Chemische Malerei" in den 30er Jahren vorgestellt, diente einer kameralosen Kunst. Ebenso sind die Chemigramme, Arbeiten des belgischen Künstlers Pierre Cordier,von ihm unter dem französischen Begriff Chimigramme geprägt, Werke einer kameralosen Kunst.

Einige Edeldruckverfahren bedienen sich dieser historisch bedeutenden fotografischen Techniken, ohne aber ein selbst ein Chemigramm zu sein, da in diesem ausschließlich chemisch fotografisch geprägten Verfahren, der Charakter im Wesentlichen darin besteht, Kunst ohne Einsatz fotografischer Objektive zu gestalten. Die Variante einer Cyanotypie vergleicht sich nur schwer mit der Erfindung des Chemogramm von Josef H. Neumann aus dem Jahre 1974, indem dort, erstmalig, sowohl mit dem Kameraobjektiv vorab fotografierte Bilder auf das Schwarzweiß Fotomaterial in der Dunkelkammer einbelichtet wurden, als auch zeitgleich, im selben Prozess, das Malen mit Chemikalien auf dem identischen Medium erfolgte.

Josef H. Neumann: Traumarbeit (1976)

In diesem Zusammenhang ist die ultraviolett lichtempfindliche Cyanotypie-Lösung, mit verschiedenen Methoden auf Untergründe aufgetragen und an der Sonne oder durch UV-Lampen belichtet zu werden, ausschließlich eher eine zugeordnete Technik, die im Jahr 1842 der englische Naturwissenschaftler John Herschel entwickelte.

Cyanotypie auf Nessel 40×40 cm, Wolfgang Autenrieth, 2021

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wilhelm Gemoll: Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch. München/Wien 1965.
  2. Gottfried Jäger, Karl Martin Holzhäuser: Generative Fotografie. Theoretische Grundlegung, Kompendium und Beispiele einer fotografischen Bildgestaltung. Otto Maier Verlag, Ravensburg, 1975, S. 142.
  3. Definition. In: Pierre Cordier.Vorlage:Cite web/temporär
  4. Hannes Schmidt: Bemerkungen zu den Chemogrammen von Josef Neumann. Ausstellung in der Fotografik Studio Galerie von Prof. Pan Walther. in: Photo-Presse. Heft 22, 1976, S. 6.
  5. Gabriele Richter: Joseph H. Neumann. Chemogramme. in: Color Foto. Heft 12, 1976, S. 24.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gottfried Jäger, Karl Martin Holzhäuser: Generative Fotografie. Theoretische Grundlegung, Kompendium und Beispiele einer fotografischen Bildgestaltung. Otto Maier Verlag, Ravensburg, 1975.
  • Wolfgang Autenrieth: Neue und alte Techniken der Radierung und Edeldruckverfahren. Ein alchemistisches Werkstattbuch für Radierer. Tipps, Tricks, Anleitungen und Rezepte aus fünf Jahrhunderten. Ein alchemistisches Werkstattbuch für Radierer. 232 Seiten, 7. Auflage, Krauchenwies 2020, ISBN 978-3-9821765-0-5 (→ Auszüge und Inhaltsverzeichnis online)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]