Chemnitzer Modell

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Ausbau- und Erweiterungsmaßnahmen des Chemnitzer Modells

Das Chemnitzer Modell[1][2] ist ein in der Region Chemnitz angewandtes Regionalstadtbahn-System zur Verknüpfung von Eisenbahn- und Straßenbahn-Strecken nach dem Tram-Train-Prinzip. Die Infrastruktur der betreffenden Eisenbahnstrecken wird dabei so angepasst, dass adaptierte konventionelle Niederflurwagen verwendet werden können. Eine Besonderheit der Pilotstrecke des Chemnitzer Modells nach Stollberg/Erzgeb. ist dabei die geringe Bahnsteighöhe von 20 Zentimetern über Schienenoberkante, während nach der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) bei Neu- und Umbauten eigentlich mindestens 38 Zentimeter hohe Bahnsteige vorgeschrieben sind. Die für die 1. Stufe bestellten Fahrzeuge der CityLink-Familie besitzen Türen mit verschiedenen Einstiegshöhen, was sowohl innerstädtisch als auch auf den Eisenbahnstrecken einen barrierefreien Fahrgastwechsel an Bahnsteigen ermöglicht, die 38 oder 55 Zentimeter hoch sind.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Systemwechsel in Altchemnitz, Blickrichtung Stollberg. Am Signalstandort beginnt der Geltungsbereich der Fahrdienstvorschrift für nichtbundeseigene Eisenbahnen (FVNE).
»Variobahn«-Triebwagen am Straßenbahnbahnsteig im Hauptbahnhof. Der Bahnsteig hat eine Höhe von nur 20 Zentimetern über Schienenoberkante, der Abstand zum Gleis ist an die Wagenkastenmaße angepasst

Am 16. Dezember 2002 wurde die Eisenbahnstrecke nach Stollberg/Erzgeb. als Pilotstrecke des Chemnitzer Modells eröffnet. Zuständiges Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) ist dabei die City-Bahn Chemnitz, während die Chemnitzer Stadtbahn von der Chemnitzer Verkehrs-Aktiengesellschaft (CVAG) betrieben wird. Die Züge der City-Bahn wechseln dabei in Altchemnitz vom mit 600 Volt Gleichspannung elektrifizierten Straßenbahnnetz auf die mit 750 Volt Gleichspannung elektrifizierte Eisenbahnstrecke. Zum Einsatz kommen sechs Variobahn-Gelenkwagen mit den Betriebsnummern 411 bis 416, die eine Sonderausrüstung nach EBO erhielten. Nach Stollberg verkehrt die Linie C11 (ehemals 522, benannt nach der Kursbuchstrecke 522), sie ergänzt die fünf Chemnitzer Straßenbahnlinien und verkehrt auf dem Stadtnetz durchgehend bis und ab Chemnitz Hauptbahnhof.

Die Eisenbahninfrastruktur zwischen Chemnitz-Zwönitzbrücke und Stollberg, die sich ursprünglich im Besitz der DB Netz AG befand, wurde zunächst von der City-Bahn Chemnitz gepachtet. Diese gab sie später jedoch an das Eisenbahninfrastrukturunternehmen (EIU) Regio-Infra-Service Sachsen weiter. Damit sind Netz und Betrieb unternehmerisch getrennt.

Sukzessiver Ausbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verknüpfungsstelle Chemnitz Hauptbahnhof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einfahrt aus dem Straßenbahnnetz in die Bahnsteighalle des Bahnhofs Chemnitz Hbf

Im Februar 2013 wurde für die Straßenbahn eine Einfahrt in den Hauptbahnhof fertiggestellt, die im Laufe des Jahres mit einer Übergangsstelle auf das Eisenbahnnetz komplettiert wurde. Dazu wurden von der Deutschen Bahn die ersten vier Gleise des Querbahnsteigs aufgegeben und eine Durchfahrt in das Bahnhofsgebäude errichtet. Seit dem 18. Februar 2013 fahren die Straßenbahnzüge regulär um die Postgebäude an der Straße der Nationen aus Richtung Norden in die Bahnsteighalle ein.[4] Am 17. Juni 2014 wurde die Verbindung zum Bahnhofsvorplatz in Betrieb genommen, sodass die Züge nun die neue Schleife durch die Bahnhofshalle befahren und planmäßig nicht mehr am Bahnsteig wenden.[5] Dabei wurden auch die Übergangsgleise zum Fernbahnnetz fertiggestellt. Seit dem 10. Oktober 2016 wechseln die Linien aus Burgstädt, Mittweida und Hainichen am Hauptbahnhof in das Chemnitzer Straßenbahnnetz und verkehren weiter bis zur Zentralhaltestelle.[6]

Ausbau im Chemnitzer Süden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den nächsten drei Jahren soll an einer weiteren Stelle eine Verknüpfung von Stadt- und Eisenbahngleisen entstehen: Eine neu einzurichtende Stadtbahnstrecke soll über die Turn- und die Reichenhainer Straße den Campus der Technischen Universität erreichen und anschließend über das Eisenbahnnetz bis nach Thalheim führen. Die Einbindung in die Bahnstrecke Chemnitz–Adorf soll südlich des ehemaligen Güterbahnhofs Chemnitz Süd erfolgen.

Die geplante Stadtbahnstrecke auf der Reichenhainer Straße führte zu zahlreichen Bürgerprotesten, die sich insbesondere auf die geplante Fällung von 170 Alleebäumen (Linden und Platanen), die Nichtanbindung des Sportforums und städtischen Friedhofes und die zu erwartende Abkopplung des Stadtteils Reichenhain (statt der derzeitigen direkten Busverbindung ins Stadtzentrum dann nur noch Busanbindung an die Stadtbahnhaltestelle) beziehen.[7][8]

Ausbau Richtung Osten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Hilbersdorf soll auch erstmals seit der Umspurung ein nördlicher Stadtteil über die Sachsen-Allee und den früheren Rangierbahnhof an das Stadtbahnnetz angebunden werden. Die neue Linie soll dann über das bisher nur durch das Sächsische Eisenbahnmuseum genutzte dritte Streckengleis nach Niederwiesa und von dort bis nach Hainichen oder ins Erzgebirge bis Olbernhau verkehren.

Weitere Linien und Linienverlängerungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für 2018 war die Verlängerung der Pilotstrecke von Stollberg nach Oelsnitz/Erzgeb. geplant, wird aktuell aber bis zum Jahr 2020 angestrebt.[9][10] Vorgesehen sind dazu u.a. der Neubau einer rund 3,5 km langen, elektrifizierten Strecke von Niederwürschnitz nach Stollberg, die Anlage von vier neuen Verkehrsstationen sowie die Elektrifizierung der Bestandsstrecke von Niederwürschnitz bis Oelsnitz mit 750 V Gleichstrom.[11]

Das langfristige Ziel des Projektes schließt auch die Wiederanbindung von Limbach-Oberfrohna an das Schienennetz ein. Der erste Schritt auf diesem Weg wird eine Straßenbahnlinie von der Innenstadt bis hin zum Einkaufszentrum Chemnitz-Center sein, die dann im weiteren Verlauf über Röhrsdorf und Kändler nach Limbach-Oberfrohna an die Bahnstrecke Limbach–Wittgensdorf verlängert werden soll. Die ehemals geplante Realisierung dieser Maßnahmen bis 2019 scheint aktuell nicht absehbar. Stattdessen ist kaum mit einer Realisierung vor 2025 zu rechnen.

Eine Weiterführung des Modells in Richtung Süden über Thalheim hinaus bis nach Aue soll Gegenstand zukünftiger Überlegungen sein. Auch die positive Entwicklung der Modellstrecke Chemnitz–Stollberg – von anfangs etwa 800 auf aktuell circa 5000 Fahrgäste täglich – spielt dabei eine Rolle.[12]

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stufe 0: Fertigstellung 2002

  • Pilotstrecke Chemnitz Hbf – Zentralhaltestelle – Altchemnitz – Stollberg

Stufe 1: Fertigstellung 2015

Stufe 1: Chemnitz Hauptbahnhof, Verbindungsgleise in das Fernbahnnetz mit Fahrleitungslücke
  • Verknüpfung zwischen Stadtbahn und Eisenbahn im Bereich Hauptbahnhof
  • Durchbindung der Linien aus Burgstädt, Mittweida und Hainichen bis Zentralhaltestelle

Stufe 2: geplante Fertigstellung 2018

  • Bau einer Straßenbahnstrecke über die Reichenhainer Straße bis zur Uni, dahinter Schwenk zur DB-Strecke nach Thalheim (Erzgeb.)
  • Neubau einer 2 km langen zweigleisigen Straßenbahnstrecke und eines 400 m langen Eisenbahnanschlussgleises
  • direkte Anbindung des TU-Campus an die Bahn mit mehreren Haltestellen
  • Kapazitätserweiterungen in Bahnhöfen

Stufe 3:

  • Bau einer Straßenbahn-/Eisenbahnstrecke über die Sachsen-Allee
  • Weiterführung Richtung Niederwiesa unter Umgehung der Sachsenmagistrale über das abgeräumte Gelände des ehemaligen Rangierbahnhofs Hilbersdorf (unter anderem mit einem neuen Haltepunkt am Sächsischen Eisenbahnmuseum)
  • Nutzung des vorhandenen dritten Gleises bis Niederwiesa
  • Neubau einer 1,3 km langen zweigleisigen Straßenbahnstrecke und einer 6,8 km langen eingleisigen Eisenbahnstrecke
  • Linienbündelung Hainichen/Olbernhau/Annaberg – Niederwiesa – Sachsen-Allee – Hauptbahnhof − Zentralhaltestelle – TU – Thalheim

Stufe 4:

  • Bau einer Straßenbahnstrecke über Hartmann- und Leipziger Straße bis Chemnitz-Center und Limbach-Oberfrohna
  • Neubau einer 6,1 km langen zweigleisigen Straßenbahnstrecke und einer 9,6 km langen eingleisigen Eisenbahnstrecke

Stufe 5: angestrebte Realisierung bis 2020[13]

  • Verlängerung der Strecke ab Stollberg (Sachs)
  • Neubau einer 3,5 km langen eingleisigen Eisenbahnstrecke, beginnend auf der alten Trasse Richtung Zwönitz über das Gewerbegebiet Stollberger Tor und die A 72 mit einem dortigen Anschluss an die bisherige Strecke nach Oelsnitz
  • Neubau eines Kreuzungsbahnhofs
  • Durchmesserlinie Oelsnitz – Stollberg (Sachs) – Altchemnitz – Zentralhaltestelle – Chemnitz-Center – Röhrsdorf – Limbach-Oberfrohna

Fahrgastzahlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Anbindung des Umlandes mit dem Chemnitzer Modell wird von den Fahrgästen gut angenommen. Die Allianz pro Schiene testiert der Strecke von 1998 bis 2008 ein Fahrgästeplus von 886 Prozent und ordnet damit das Chemnitzer Modell als eine der erfolgreichsten 15 Regionalbahnen in Deutschland ein.[14]

Fahrzeuge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vossloh Citylink im Bahnhof Mittweida (April 2016)

Die Fahrzeuge für die Nutzung des umgestalteten Hauptbahnhofs wurden von den Firmen Vossloh Kiepe GmbH und Vossloh España S. A. gebaut (beide Konzern Vossloh). Zunächst wurden acht Triebwagen zum Preis von 42,3 Millionen Euro bestellt und ein Optionsrecht vereinbart. Die achtachsigen Gelenkwagen sollten auf den Strecken der Stufe 1 eingesetzt werden, wurden jedoch erst 2015 geliefert. Die Zweirichtungsfahrzeuge stammen aus der CityLink-Familie, sind barrierefrei, 37 m lang, bis zu 100 km/h schnell, haben 94 Sitzplätze und sind luftgefedert. Sie laufen auf vier Drehgestellen. Im Straßenbahnnetz fahren die Zweikraftfahrzeuge elektrisch, auf den Eisenbahnstrecken mit Diesel.[15][16][17][18] Im Juni 2015 wurde bekannt, dass die Option über vier weitere Fahrzeuge im Wert von 23,7 Millionen Euro, durch den Freistaat Sachsen mit rund 75 Prozent gefördert, eingelöst werden konnte. Diese Fahrzeuge sind somit schon als Vorleistung für die zweite Stufe zu sehen, bei der diese zusätzlichen Fahrzeuge zum Einsatz kommen sollen. Durch die Bestätigung des Freistaats und der damit verbundenen zeitigeren Optionseinlösung konnte eine Fertigungsunterbrechung mit vermutlich höheren Folgekosten vermieden werden. Mit der vorzeitigen Einlösung und der vereinbarten Lieferung bis zum 31. Oktober 2017 ist somit ein ausreichender Zeitpuffer geschaffen worden, um Liefer- oder Zulassungsverzögerungen, wie bei den Fahrzeugen der Stufe 1, zu begegnen. Somit sollte einer sofortigen Inbetriebnahme der zweiten Stufe nach geplantem Bauende 2018 nichts im Wege stehen.[19] Mit neunmonatiger Verzögerung fand die Inbetriebnahme der Stufe 1 im Oktober 2016 statt.[20]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heiner Matthes: Die Chemnitzer Straßenbahn – Nahverkehr in Sachsens Industrie-Metropole, GeraMond Verlag, München 1998, ISBN 3-932785-01-0, S. 107
  2. Definition des Chemnitzer Modells auf www.city-bahn.de
  3. neue Fahrzeuge für das Chemnitzer Modell
  4. chemnitzer-modell.de: Chemnitzer Modell: Wir sind (ab Freitag) drin… Abgerufen am 15. Februar 2013.
  5. Die Straßenbahn erobert sich den Hauptbahnhof. In: Freiepresse.de. 17. Juni 2014, abgerufen am 17. Juni 2014.
  6. Citylink-Bahn fährt erstmals ins Zentrum. In: Freiepresse.de. 10. Oktober 2016, abgerufen am 11. Oktober 2016.
  7. Widerstand gegen Bahntrasse auf der Reichenhainer Straße in Chemnitz. Freiepresse.de. 3. Januar 2013. Abgerufen am 3. Januar 2013.
  8. Stadt Chemnitz entfernt Protestsymbole an Reichenhainer Straße. Freiepresse.de. 3. Januar 2013. Abgerufen am 3. Januar 2013.
  9. Fortschreibung des Nahverkehrsplanes für den Raum Chemnitz/Zwickau geht in die Trägerbeteiligung. vms.de. 8. Dezember 2015. Abgerufen am 8. Dezember 2015.
  10. Stufe 5: Ausbau Stollberg - Oelsnitz. chemnitzer-modell.de. 8. Dezember 2015. Abgerufen am 8. Dezember 2015.
  11. Chemnitzer Modell Stufe 5: Ausbau Stollberg – Oelsnitz Variantenuntersuchung und Vorplanung. Bürgerinformationsveranstaltung. Verkehrsverbund Mittelsachsen, 24. August 2015, abgerufen am 23. Oktober 2016 (PDF; 7,2 MB).
  12. Chemnitzer Straßenbahn könnte bis nach Aue fahren. Freiepresse.de. 24. Mai 2011. Abgerufen am 25. Mai 2011.
  13. Stufe 5: Ausbau Stollberg - Oelsnitz. chemnitzer-modell.de. 8. Dezember 2015. Abgerufen am 8. Dezember 2015.
  14. Regionalbahnen brechen alle Rekorde. Pressemitteilung. Allianz pro Schiene e. V., 10. September 2009, abgerufen am 1. März 2016.
  15. City-Bahn Chemnitz GmbH. Abgerufen am 23. August 2012.
  16. Chemnitzer Modell: VMS bestellt Fahrzeuge. Abgerufen am 23. August 2012.
  17. Chemnitzer Modell: Zuschlag für Hybridfahrzeuge erteilt. In: Freie Presse. Abgerufen am 23. August 2012.
  18. Acht Citylink-Fahrzeuge für Verkehrsverbund Mittelsachsen. In: Pressemitteilung Vossloh. Abgerufen am 23. August 2012.
  19. chemnitzer-modell.de. Abgerufen am 10. November 2015.
  20. Großer Bahnhof für Stufe Eins. In: mdr.de. Abgerufen am 18. Oktober 2016 (de-de).