Chiavenna

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Kleven ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zum norwegischen Komponisten siehe: Arvid Kleven.
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Zum italienischen Astronomen siehe Paolo Chiavenna.
Chiavenna
Wappen
Chiavenna (Italien)
Chiavenna
Staat: Italien
Region: Lombardei
Provinz: Sondrio (SO)
Koordinaten: 46° 19′ N, 9° 24′ OKoordinaten: 46° 19′ 0″ N, 9° 24′ 0″ O
Höhe: 333 m s.l.m.
Fläche: 11 km²
Einwohner: 7.309 (31. Dez. 2013)[1]
Bevölkerungsdichte: 664 Einw./km²
Stadtviertel Campedello, Loreto, Pianazzola, San Carlo
Angrenzende Gemeinden Mese, Piuro, Prata Camportaccio, San Giacomo Filippo
Postleitzahl: 23022
Vorwahl: 0343
ISTAT-Nummer: 014018
Volksbezeichnung: Chiavennaschi
Schutzpatron: San Lorenzo
Website: Chiavenna
Chiavenna 1.JPG

Chiavenna (lateinisch und rätoromanisch  Clavenna?/i, lombardisch: Ciavèna, deutsch: Cläven oder Kleven) ist eine Stadt mit 7309 Einwohnern (Stand 31. Dezember 2013) der italienischen Provinz Sondrio, die der Region Lombardei angehört.

Chiavenna ist heute für den historischen Stadtkern und seine Restaurants bekannt. Es ist Mitglied der Cittàslow, einer 1999 in Italien gegründeten Bewegung zur Entschleunigung und Erhöhung städtischer Lebensqualität.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chiavenna an der Mera

Das von der Mera durchflossene Chiavenna liegt rund 17 km nördlich des Comer Sees. Es ist Zentrum des Valchiavenna, das aus dem unteren Bergell (bis Castasegna), dem Val San Giacomo und dem eigentlichen Val Chiavenna (südlich von Chiavenna bis Pian di Spagna) besteht. In Chiavenna verzweigen zwei schon von den Römern genutzte Alpenübergänge. Der eine führt nördlich durch das Valle San Giacomo über den Splügenpass nach Chur; diese Passstraße wurde 1822 eröffnet. Der andere führt zunächst nach Osten durch das Bergell (Val Bregaglia) und verzweigt dann: die von den Römern genutzte Strecke führte von Casaccia am Fuße des letzten Aufstiegs des Malojapasses über den Septimerpass (bis heute nur ein Saumpfad) auf die Julierroute. Als Straße ausgebaut ist dagegen die Strecke über den Malojapass und dann weiter über den Julierpass nach Chur. Chiavennas größte Nachbargemeinden sind Piuro und Prata Camportaccio. Mit diesen beiden Orten bildet Chiavenna ein Siedlungsgebiet von rund 12.000 Einwohnern.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der ausgehenden Spätantike bis 1194 war Chiavenna der Sitz von Grafen, die das Tal beherrschten. Im Jahre 1176 soll hier der angebliche Kniefall von Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) vor seinem Vetter Heinrich dem Löwen stattgefunden haben. 1030 erhielt Chiavenna vom Bistum Como das Stadtrecht, 1194 wurde es an die Bischöfe von Chur übergeben. Bis über die Stauferzeit hinaus war es Bestandteil des Herzogtums Schwaben. Im 14. Jahrhundert erwarben die Visconti, die Herrscher über das Veltlin geworden waren, den Contado Chiavennas vom Churer Bischof.

In den Mailänderkriegen gelang 1512 bis 1531 den Drei Bünden die Eroberung von Cläven zusammen mit Bormio (Worms) und dem Veltlin (Valtellina) als gemeinsames Untertanengebiet, wobei zuerst die Burg zerstört, die Landwirtschaft später ausgebaut wurde und die Bevölkerung zunahm.

Ab 1542 bildete sich in Chiavenna eine evangelische Gemeinde unter dem aus Mailand geflüchteten Theologen und Reformator Agostino Mainardi, der in engem Kontakt mit dem Zürcher Reformator Heinrich Bullinger und unter dem Schutz der Herrscherfamilie Salis stand.[2] Viele verfolgte evangelische Glaubensflüchtlinge aus Italien kamen ins Veltlin, weil es hier seit 1526 Religionsfreiheit gab. Etliche schlossen sich der neuen reformierten Kirche an, der zeitweilig ein Drittel der Bevölkerung angehörten. Zu den Flüchtlingen gehörten auch Rationalisten, Unitarier und Täufer, was zu weiteren Auseinandersetzungen, Streitigkeiten und Ausschlüssen führte. Darunter war auch der italienische Lehrer und Täufer Camillo Renato, der Sonderlehren vertrat, das Abendmahl nur als Erinnerungszeichen verstanden haben wollte und 1550 ausgeschlossen wurde.[3] 1554 war der Reformator Bernardino Ochino Prediger, 1563-1567 der Reformator Girolamo Zanchi Pfarrer in der Stadt.[4] Auch der Reformator Locarnos und des Misox Giovanni Beccaria weilte 1561-1571 hier.[5] Die Stadt Chiavenna wurde auch zunehmend zur Zwischenstation des Textil- und Lebensmittelhandels von Venedig, Bergamo nach Zürich und umgekehrt. Die Patrizierfamilie Pestalozzi mit ihren Kontakten nach Zürich und Glaubensflüchtlinge aus Locarno spielten dabei eine wesentliche Rolle.[6]

Seit dem Veltliner Mord von 1620 an Protestanten konnten sich die Katholiken im Rahmen der Gegenreformation wieder durchsetzen. Ab 1639 waren gemäss dem Mailänder Vertrag Nichtkatholiken der Aufenthalt in Chiavenna nicht mehr gestattet.[7]

Die Talschaften von Chiavenna wurden 1797 Teil der Cisalpinischen Republik und sodann des 1802 gegründeten Regno d'Italia unter Eugène de Beauharnais. Nach dem Sturz Napoleon I. wurde von 1815 bis 1859 Chiavenna Teil der Osterreichischen Lombardei (Regno Lombardo-Veneto). In dieser Zeit wurden in jedem Dorf Schulen gebaut und der Schulunterricht wurde auch für Mädchen obligatorisch: die Lombardischen Untertaninnen der Oesterreichischen Monarchie wurden somit zu den ersten Italienischen Frauen die alphabetisiert wurden, lange vor den übrigen Italienischen Frauen. In dieser Zeit konnte ein Chiavennasker in Innsbruck, Wien, Prag, Budapest studieren und promovieren. Er konnte Offizier im Kaiserlichen Heer oder Beamter in der österreichischen Administration werden. Seine Adelstitel konnten authentifiziert und bestätigt werden.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am bekanntesten dürfte wohl Il Castello sein. Auch erwähnenswert sind der monumentale Friedhof, die engen Straßen und Gässchen. Eine davon endet an dem Torbogen Santa Maria. Der botanische Garten Paradiso lädt zu ausgedehnten Spaziergängen ein, die besonders im Frühjahr reizvoll sind und die von dem hohen Felsen einen schönen Blick über die Stadt bieten. Einen Besuch lohnt auch der Kreuzgang von San Lorenzo mit dem Taufbecken aus dem 12. Jahrhundert und dem Museum del Tesoro. In der Umgebung Chiavennas befinden sich die Wasserfälle von Borgonuovo. Die naturnahe Landschaft ringsum bietet sowohl botanische als auch zoologische Besonderheiten. Nördlich der Stadt können einige eiszeitliche Gletschermühlen besichtigt werden.

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Agostino Mainardi (1482-1563), Reformator und evangelischer Pfarrer 1542-1563 in Chiavenna
  • Bernardino Ochino (1487-1564), Reformator, evangelischer Pfarrer 1554 in Chiavenna
  • Camillo Renato (1500-1575), antitrinitarischer Täufer und Lehrer 1547-1551 in Chiavenna
  • Giovanni Beccaria (1508-1580), Reformator, evangelischer Pfarrer 1561-1571 in Chiavenna
  • Girolamo Zanchi (1516-1590), Reformator, evangelischer Pfarrer 1563-1567 in Chiavenna
  • Francesco Mitta (1662–1721), Barockbaumeister, ging etwa 1690 nach Norddeutschland; eine Straße in Chiavenna ist nach ihm benannt
  • Clyde Geronimi (1901–1989), ausgewandert 1908, Trickfilmzeichner und Regisseur der Walt Disney Studios
  • Guido Manusardi (* 1935), Jazz-Pianist

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Chiavenna – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Statistiche demografiche ISTAT. Monatliche Bevölkerungsstatistiken des Istituto Nazionale di Statistica, Stand 31. Dezember 2013.
  2. Emidio Campi: Mainardi, Agostino. Historisches Lexikon der Schweiz.
  3. Lukas Vischer: Die Abendmahlsschwierigkeiten in Chiavenna. Artikel in Bündner Monatsblatt, Zeitschrift für Bündner Geschichte, Landeskunde und Baukultur 1956, Heft 8-9, Seiten 269-278
  4. Conradin Bonorand: Geschichte der Reformation in den ehemaligen Bündner Untertanenlanden, insbesondere im Gebiet von Chiavenna. Artikel in Bündner Monatsblatt, Zeitschrift für Bündner Geschichte, Landeskunde und Baukultur. Heft 1-2, 1979, Seiten 31 und 32
  5. Emidio Campi: Beccaria, Giovanni. im Historischen Lexikon der Schweiz
  6. Leo Weisz: Die wirtschaftliche Bedeutung der Tessiner Glaubensflüchtlinge für die deutsche Schweiz. Berichthaus, Zürich 1958, Seiten 165-170: Die Beziehungen der Pestalozzi zu den Flüchtlingsfamilien
  7. 450 Jahre Reformation im Bergell. Artikel in der NZZ 8. August 2002