Chinesen in Deutschland

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Chinesen in der Pferdebahn, Zeichnung von Christian Wilhelm Allers in seinem Buch Spreeathener (1889)

Die Gemeinschaft der Chinesen in Deutschland (auch Deutschchinesen oder Chinesische Deutsche) besteht aus ethnisch chinesischen Migranten in Deutschland und ihren Nachkommen. Sie sind mit etwa 212.000 Personen[1] eine der zahlenmäßig kleineren Zuwanderergruppen in der Bundesrepublik.

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während im Jahr 2009 knapp 80.000 Staatsangehörige der Volksrepublik China in Deutschland lebten, dürfte die tatsächliche Zahl der ethnischen Chinesen in Deutschland deutlich höher sein. So sind einerseits in dieser Zahl keine Einbürgerungen berücksichtigt, viele Personen chinesischer Abstammung sind mittlerweile deutsche Staatsbürger. Auch illegale Einwanderung wird nicht berücksichtigt.[2] Hinzu kommen außerdem taiwanische Bürger sowie chinesischstämmige Migranten aus Singapur, Malaysia, Indonesien und anderen Ländern, in denen eine bedeutende chinesische Minderheit lebt.

Insgesamt wird von mehr als 212.000 Personen mit chinesischer Abstammung in Deutschland ausgegangen,[3] einschließlich derer, die die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben. Damit ist die chinesische Gemeinschaft in Deutschland zwar eine der kleineren chinesischen Auslandsgemeinden, vor den Vietnamesen in Deutschland aber die größte ostasiatische Minderheit in Deutschland.

Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Chinesen ist erst seit einer Generation in Deutschland ansässig, 2004 waren nur 4,5 % der in Deutschland lebenden Chinesen auch dort geboren.[4]

Am 25. April 2017 unterzeichneten Wu Wei Tse, Vorstandsvorsitzender des Bundes​ der Chinesen in Deutschland, und Stadtbaurat Helmut Wiesner einen Vertrag über die Errichtung eines Sondergrabfeldes für Angehörige der chinesischen Volksgruppe auf dem Bonner Nordfriedhof.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutsch-Chinesische Hochschule in Tsingtau, im Jahr 1913

1898 erwarb das Deutsche Kaiserreich das Pachtgebiet Kiautschou mit der Hauptstadt Tsingtau, wodurch erstmals größere Zahlen ethnischer Chinesen auf deutschem Herrschaftsgebiet lebten. In Kiautschou sollte eine deutsche Musterkolonie entstehen, so wurden während der nur 16-jährigen deutschen Kolonialzeit eine Vielzahl an Schulen, Hochschulen, Bahnhöfen, Hafenanlagen und anderen öffentlichen Gebäuden gebaut. 1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, verlor das Deutsche Kaiserreich die Kolonie jedoch an Japan.

In Deutschland selbst ließ sich ab etwa 1870 eine kleine Zahl chinesischer Seefahrer und Matrosen, die meist auf deutschen Schiffen arbeiteten, in einigen Hafenstädten nieder, insbesondere in Bremen und Hamburg. Um 1890 lebten in Hamburg 43 Chinesen.[5]

Ein anderer Teil der frühen chinesischen Gemeinde in Deutschland bestand zumeist aus Studenten, die sich nur für begrenzte Zeit im Deutschen Reich aufhielten. Unter ihnen war etwa Zhou Enlai, später ein wichtiger Führer der Kommunistischen Partei Chinas.

Die chinesische Einwanderung nach Deutschland fand vorübergehend mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs ein jähes Ende. Während des Ersten Weltkriegs wurden in verschiedenen deutschen Städten, insbesondere in Bremerhaven und Hamburg, mehrere hundert Chinesen interniert. Dabei handelte es sich meistens um chinesische Seeleute, die auf deutschen Schiffen arbeiteten, welche sich bei Kriegsbeginn in Deutschland aufhielten oder nach Ausbruch des Krieges Deutschland erreichten.[6]

Weimarer Republik und Drittes Reich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenktafel in der Nähe des ehemaligen Arbeitserziehungslagers „Langer Morgen“, wo viele Chinesen interniert waren

Nach dem Ersten Weltkrieg ließen sich wieder viele Chinesen in Deutschland nieder und waren Mitte der 1920er-Jahre die viertgrößte Gruppe ausländischer Studenten. Viele von ihnen sympathisierten damals mit dem Kommunismus, einige der in Deutschland lebenden Chinesen wurden sogar Mitglieder bei der KPD, die in Berlin einen „Zirkel für chinesische Sprache“ unterhielt.[7] Größere chinesische Gemeinden bildeten sich in den 1920er-Jahren insbesondere in Hamburg und Berlin. In Hamburg-St. Pauli entstand mit dem Chinesenviertel sogar ein kleines Chinatown.[8]

Chiang Wei-Ko in der Wehrmachtsuniform eines Fahnenjunkers mit Schützenschnur

Eine vergessene Halbdeutsche ist Chui Ru-hsüeh, die nur in Nationalchina als zweite Ehefrau von Chiang Wei-Ko erinnert wird. Neben dem rotchinesischen späteren Außenminister Tschou En-Lai war Chiang Wei-Ko der prominenteste Gast. Er war der Adoptivsohn von Chiang Kai-shek. Er heiratete in zweiter Ehe die Halbdeutsche Chiu Ru-hsüeh im Jahr 1957. Chiang Wei-Ko absolvierte seine militärische Ausbildung im Deutschland der 1930er. Er gehörte zum Gebirgsjägerregiment 98 der 1. Gebirgsdivision. Mit einer Alpenkriegsausbildung nahm er am Anschluss Österreichs als Panzerkommandant teil. Chiang Wei-Ko nutzte später seine Kontakte zu den in die Bundeswehr übernommenen Militärangehörigen der Wehrmacht für die Etablierung einer militärischen Zusammenarbeit zwischen Nationalchina und der BRD. Zwischen 1964 und 1972 wurden 25 Offiziere durch die Führungsakademie der Bundeswehr geschleust.[9]

Während die prominenten nationalchinesischen Deutschchinesen im deutschsprachigen Medienzirkus in Vergessenheit geraten sind, sind anarchistische und sozialistische Deutschchinesen weltweit wieder in Mode an den Universitäten. Sichtbar ist das z. B. am Fall Han Sen – in Berlin geboren und Autor einer bekannten Autobiographie: Ein Chinese mit dem Kontrabass.[10] Han Sens Vater war der inzwischen wiederentdeckte Revolutionär Xie Weijin. Er arbeitete zwischen 1928 und 1933 in Berlin für verschiedene Komintern-Institutionen. Sein in Berlin geborener Sohn erhielt den sprechenden Namen „Han Sen – geboren als Han“ (Han bezieht sich auf die Han-Majorität) und floh mit seinem Vater, Erwin Kisch, Otto Heller und Willi Münzenberg 1933 aus Deutschland. In den nächsten drei Jahren setzte er seine Tätigkeit für die Komintern in Österreich und der Schweiz fort. Dort lernte er die rumänische Ärztin Anna Kapeller kennen, die seine Ehefrau wurde. Beide zogen für die Interbrigaden in den Spanischen Bürgerkrieg. Der Spanische Bürgerkrieg war ein einschneidendes Ereignis für Nationalchina und die chinesische transatlantische Diaspora. Nationalchina entsandte etwa 100 Freiwillige, während die chinesischen Amerikaner sich in den US-amerikanischen Interbrigaden mobilisierten; chinesische Vertragsarbeiter verließen ihre Arbeitsplätze und zogen für Spanien auf Seiten der spanischen Republik in den Kampf; chinesischstämmige Ärzte aus Java versorgten die Verwundeten.[11]

Chiang Wei-kuo (links) in Gebirgsjägeruniform mit einem deutschen Offizier (vermutlich 1939)

Nach der Machtergreifung Hitlers und der Nationalsozialisten im Jahr 1933 waren die in Deutschland lebenden Chinesen zunächst keinen größeren rassistischen Diskriminierungen ausgesetzt. Da ein Großteil der in Deutschland lebenden Chinesen politisch jedoch links orientiert war, wurden Chinesen, auch wenn sie politisch nicht aktiv waren, zunehmend überwacht oder auf Grund ihrer politischen Einstellungen inhaftiert, sodass ein großer Teil von ihnen Deutschland wieder verließ.[12] 1935 lebten noch etwa 1.800 Chinesen in Deutschland, etwa 1.000 davon in Berlin. Bis zum Jahr 1939 sank die Zahl der in Deutschland lebenden Chinesen auf etwa 1.100.[13]

1942 wurden alle noch in Berlin lebenden Chinesen in das Arbeitserziehungslager Langer Morgen deportiert, 1944 wurde dann auch das „Chinesenviertel“ in Hamburg-St. Pauli geräumt und die dort lebenden Chinesen im Rahmen der Chinesenaktion ebenfalls in Arbeitslagern interniert.[12] Chan Ho Bau und Liang Wong wurden als KZ-Opfer im Gräberfeld Opfer verschiedener Nationen des Ohlsdorfer Friedhofs bestattet. Keiner der chinesischen Glaubensgemeinschaften – den chinesischen Protestanten, Katholiken, Buddhisten und Taoisten – gelang es bisher, die Anerkennung als Körperschaft öffentlichen Rechtes zu erhalten. Weder der Ohlsdorfer Friedhof noch der Bonner Nordfriedhof werden daher von einer Glaubensgemeinschaft betreut.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die chinesische Gemeinde in Deutschland, die durch den Nationalsozialismus fast vollständig aufgerieben worden war, erholte sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs rasch. Bereits 1948 lebten in Ost- und West-Berlin zusammen wieder über 350 Chinesen.[14] Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die chinesische Einwanderung nach Deutschland erneut, nun deutlich intensiver als zuvor. Ein Teil der chinesischen Einwanderer in Deutschland ließ sich zunächst in anderen europäischen Ländern nieder (insbesondere in Großbritannien) und zog erst dann weiter nach Deutschland.[15] 1967 lebten knapp 2.500 chinesische und taiwanische Staatsbürger in Deutschland.[14] Ab den 1970er- und 1980er-Jahren intensivierte sich die chinesische Einwanderung nach Deutschland weiter.

Auch in der DDR existierte ab den 1980er-Jahren eine kleine chinesische Gemeinde, da in geringem Umfang Vertragsarbeiter aus der Volksrepublik China angeworben wurden.[15]

Heutige Situation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Teile der Daten/Zahlen scheinen seit 2007 nicht mehr aktuell zu sein.
Bitte hilf mit, die fehlenden Informationen zu recherchieren und einzufügen.

Relative Häufigkeit der chinesischen Staatsangehörigkeit auf Kreisebene 2014 im Verhältnis zu anderen ausländischen Bevölkerungsgruppen

Zwischen 2004 und 2007 nahmen jährlich etwa 1.000 Menschen chinesischer Abstammung die deutsche Staatsbürgerschaft an.[16] Es existieren in den Großstädten Deutschlands und diversen Mittelstädten bedeutende chinesische Gemeinden. Chinesische Restaurants und Asia-Märkte sind im 21. Jahrhundert Teil der meisten Stadtbilder. Chinesische Austauschstudenten sind heute auch eine der größten Gruppen ausländischer Studenten in Deutschland. Institute für Sinologie sowie weitere akademische Einrichtungen mit chinesischem Schwerpunkt befinden sich in mehreren deutschen Universitätsstädten.[17] Es existieren in Deutschland auch einige Schulen mit Chinesisch als Hauptunterrichtssprache, unter anderem in Stuttgart und Frankfurt am Main. Die Zahl der Personen chinesischer Abstammung in Deutschland wurde im Jahr 2008 auf über 110.000 geschätzt[3] und steigt kontinuierlich an (Anzahl der Chinesen in Deutschland 2013: 101.030[18]). Insgesamt wird von mehr als 212.000 Personen mit chinesischer Abstammung in Deutschland ausgegangen[3]. Regional stark überrepräsentiert (im Vergleich zu anderen ausländischen Bevölkerungsgruppen) sind die Chinesen vor allem in einigen Universitätsstädten wie Heidelberg, Erlangen, Darmstadt, Braunschweig, Göttingen, Jena, Dresden, aber auch Ilmenau, Bernburg, Dessau und Freiberg. Unter den kreisfreien Städten in der Bundesrepublik hatte beim Zensus 2011 Darmstadt den größten Bevölkerungsanteil von Migranten aus China. [19]

Chinatowns“ gibt es seit der Chinesenaktion in Deutschland nicht mehr, sondern nur versprengte Verdichtungen von chinesischen Betrieben und Anwohnern. Im Westteil Berlins gibt es vor allem rund um die Charlottenburger Kantstraße eine erhöhte Konzentration chinesischer Betriebe und Bewohner.[20] Düsseldorf gelang es mit dem China-Kompetenzzentrum chinesische Betriebe aus Hamburg wegzulocken, nachdem es bereits japanische Geschäftsansiedlungen aus Hamburg weglocken konnte. Peking ist Partnerstadt Berlins, zudem befinden sich die Botschaft der VR China und diverse deutsch-chinesische Organisationen in der deutschen Hauptstadt. Zweijährlich finden die Asien-Pazifik-Wochen Berlin statt. Prominente chinesische Gäste sind die Pandas. 1980 erhielt auch der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt zwei Pandas, die er für den Zoologischen Garten Berlin entgegennahm. Die Panda-Diplomatie ruft regelmäßig Proteste in chinesischen Medien ins Leben – anders als früher werden sie nicht mehr verschenkt, sondern nur verliehen. Nur als besonders wichtig eingeschätzte Partnerstaaten erhalten daher einen Panda.

Seit einigen Jahren wird versucht das Hamburger Chinesenviertel in St. Pauli wiederzubeleben. Hamburg unterhält enge Beziehungen zur Volksrepublik China, so wird alle zwei Jahre der bedeutende deutsch-chinesische Wirtschaftsgipfel „Hamburg Summit: China meets Europe“ abgehalten,[21] zudem ist Shanghai Partnerstadt Hamburgs. Das chinesische Generalkonsulat befindet sich in Hamburg-Othmarschen.

Bislang studierten die meisten Chinesen in Deutschland, um in China Karriere zu machen. Durch die Blue Card scheint sich der Trend zu drehen. Diese neue Regelung macht den Weg nach Deutschland für Chinesen deutlich einfacher als etwa in die USA – und sie erleichtert das Bleiben.[22]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zuwanderung aus außereuropäischen Ländern fast verdoppelt. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, 1. März 2017, abgerufen am 18. April 2017.
  2. Gütinger, Erich (1998), "A Sketch of the Chinese Community in Germany: Past and Present", in The Chinese in Europe von Benton, Gregor; Pieke, Frank N., Macmillan, S.199–210, ISBN 978-0-312175-26-9
  3. a b c Overseas Compatriot Affairs Commision R.O.C. (Taiwan)
  4. destatis.de: Population - Foreign population on 31 December 2003 by country of origin (Memento vom 10. Mai 2007 im Internet Archive)
  5. Gütinger, Erich (2004), Die Geschichte Der Chinesen in Deutschland: Ein Überblick über die ersten 100 Jahre ab 1822, Waxmann Verlag, ISBN 978-3-830914-57-0
  6. Lars Amenda: Vorstellungen und Nachforschungen: Chinesische Seeleute, deutsche Frauen und bremische Behörden während des Ersten Weltkriegs. In: Peter Kuckuk (Hrsg.): Passagen nach Fernost. Menschen zwischen Bremen und Ostasien (= Beiträge zur Sozialgeschichte Bremens). Band 23. Edition Temmen, Bremen 2004, ISBN 3-86108-684-0, S. 184–203.
  7. berlin-magazin.info: Chinesen in Berlin
  8. Amenda: Keine Weltstadt ohne Chinatown
  9. Chern Chen: Deutsche Militärberater in Taiwan Die deutsch-nationalchinesischen Beziehungen im Kalten Krieg. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte des Institut für Zeitgeschichte. Jahrgang 51, Heft 3, 2003.
  10. Han Sen: Ein Chinese mit dem Kontrabass. Claassen Verlag, ISBN 3-546-00277-6.
  11. Ni Huiru: The Call of Spain:The Chinese Volunteers in the Spanish Civil War(1936-1939). Guangxi Normal University Press, ISBN 7-5495-3629-5.
  12. a b Dagmar Yu-Dembski: Chinesenverfolgung im Nationalsozialismus - Ein weiteres Kapitel verdrängter Geschichte, in: Bürgerrechte & Polizei/CILIP, Ausgabe 58, 3/1997.
  13. Benton, Gregor (2007), "Germany", Chinese Migrants and Internationalism, Routledge, S. 30–37, ISBN 978-0-415418-68-3.
  14. a b Gütinger, Erich (1998), "A Sketch of the Chinese Community in Germany: Past and Present", in Benton, Gregor; Pieke, Frank N., Macmillan, S. 199–210, ISBN 978-0-312175-26-9
  15. a b Christiansen, Flemming (2003), Chinatown, Europe: An Exploration of Overseas Chinese Identity in the 1990s, Routledge, ISBN 978-0-700710-72-0, S. 28
  16. Naturalised persons, by selected countries of former citizenship - Statistisches Bundesamt Deutschland
  17. Eva-Maria Götz in Gaststudenten: Schweigsame Chinesen, Tagesspiegel, 2008
  18. [1]
  19. Kartenseite: Chinesen in Deutschland - Landkreise Abgerufen am 29. Juli 2017
  20. Chinesisches Charlottenburg: Berlins Chinatown im Westen, Tagesspiegel, 17. Juni 2013
  21. Hamburg Summit: China will die Lösung sein, Berliner Tagesspiegel, 11. Oktober 2014
  22. [2]