Raumfahrt der Volksrepublik China

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Modelle des Raumschiffes Shenzhou 7 und der Trägerrakete CZ-5 im Nationalen Industriepark für Zivile Raumfahrt in Xi’an

Die Raumfahrt der Volksrepublik China begann 1956 mit der Gründung eines militärischen Forschungsinstituts, das sich über zahlreiche Zwischenschritte zur staatlichen China Aerospace Science and Technology Corporation entwickelte. Für die organisatorischen Aspekte der unbemannten Raumfahrt wurde 1993 die Nationale Raumfahrtbehörde Chinas (CNSA) gegründet, für die bemannte Raumfahrt ist bereits seit 1992 das Büro für bemannte Raumfahrt (CMSA) zuständig.

Seit Ende 2014 ist es privaten Kapitalgebern gestattet, auf dem Markt für Trägerraketen und Kleinsatelliten aktiv zu werden.[1] Am 7. Mai 2021 wurde allerdings Herstellung und Betrieb von Kleinsatelliten zwischen 500 und 1000 kg von der Nationalen Behörde für Wissenschaft, Technik und Industrie in der Landesverteidigung und der Abteilung für Waffenentwicklung der Zentralen Militärkommission in einem gemeinsamen Erlass stark reguliert, wobei es vor allem um verpflichtende Maßnahmen zur Weltraummüll-Vermeidung und die Vermeidung von Kollisionen im Orbit ging.[2]

Geschichte der chinesischen Raumfahrt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeichnung einer CZ-2F-Rakete (Langer Marsch)

Trägerraketen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Geburtsstunde der chinesischen Raumfahrt gilt der 8. Oktober 1956. An diesem Tag wurde das „5. Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums“ gegründet, wo unter anderem die beiden Wissenschaftler Qian Xuesen und Ren Xinmin tätig waren.[3] Dort befasste man sich mit militärische Raketen auf der Grundlage sowjetischer Technologie. Nach dem Bruch mit der Sowjetunion im Jahr 1960 arbeitete man dann eigenständig weiter. Am 5. November 1960 startete Chinas erste Kurzstreckenrakete Dongfeng 1, am 29. Juni 1964 die Mittelstreckenrakete Dongfeng 2A.

Parallel dazu arbeitete man an zivilen Höhenforschungsraketen. Am 19. Februar 1960 startete die erste flüssigkeitsbetriebene Höhenforschungsrakete des Typs „T-7M“ vom Startplatz Laogang bei Shanghai. Chinas erste Weltraumrakete war die auf der Dongfeng 2A basierende, dreistufige Trägerrakete Langer Marsch 1, chinesisch „Changzheng 1“, daher meist „CZ-1“ abgekürzt. Der erste Flug war am 16. November 1969 und dauerte 69 Sekunden bis zum Absturz.

Am 15. Februar 1996 ereignete sich auf dem Kosmodrom Xichang ein Fehlstart einer Rakete des Typs „CZ-3B“ mit einem Intelsat-Satelliten. Die Rakete schlug kurz nach dem Start in einem Berghang ein und viele Menschen kamen bei der Explosion ums Leben. Nach einem weiteren Fehlstart am 18. August 1996 kündigten mehrere internationale Kunden ihre bereits geschlossenen Verträge.

Chinas erste Feststoffrakete war die Kaituozhe 1. Sie erlitt 2002, 2003 – und wohl auch 2005 – nur Fehlstarts. Erst mit dem Nachfolgemodell Kaituozhe 2 gelang am 2. März 2017 ein erfolgreicher Flug, aber auch diese Rakete wurde nicht weiter eingesetzt. Die von derselben Firma hergestellten Feststoffraketen der Kuaizhou-Serie waren dagegen vom Erstflug am 25. September 2013 bis zu einem Fehlstart am 10. Juli 2020 durchwegs erfolgreich.[4]

Die ausgebrannten Stufen chinesischer Trägerraketen sind meist nicht steuerbar. Das Risiko, dass sie auf bewohntes Gebiet fallen können – manchmal auch im Ausland – wird bewusst in Kauf genommen. Nach dem Start einer Langer Marsch 5B im April 2021 berichteten die Medien weltweit über diese Gefahr; die Raketenstufe fiel dann am 9. Mai 2021 in den Indischen Ozean.[5]

Satelliten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Rahmen des „Projekts 651“ erfolgte am 24. April 1970 der erste chinesische Satellitenstart. Mit einer CZ-1 Rakete wurde der Experimentalsatellit Dong Fang Hong I vom Kosmodrom Jiuquan in den Weltraum transportiert. 1975 gelang es erstmals, eine Nutzlast wieder auf die Erde zurückzuholen. Eine neue Rakete des Typs CZ-2C startete am 26. November des Jahres zu dieser Mission. Diese Fähigkeit war militärisch von Bedeutung, denn so konnte man Filmkassetten zurückholen und auswerten. Seit 1988 werden Wettersatelliten der Reihe Fengyun in geosynchrone oder in polare, sonnensynchrone Umlaufbahnen gebracht. Bekannt wurde die Serie durch einen erfolg- und folgenreichen chinesischen Antisatellitenraketentest.

Am 7. April 1990 erfolgte mit dem Start des Satelliten AsiaSat-1 der erste kommerzielle Satellitenstart. Er erfolgte vom Startzentrum Xichang aus mit einer Trägerrakete des Typs CZ-3.

Am 14. Oktober 1999 startete der erste Erdbeobachtungssatellit des China-Brazil Earth Resources Satellite Programs, weitere folgten. Seit 2006 werden Fernerkundungssatelliten vom Typ Yaogan Weixing gestartet. Gaofen 1, der erste Satellit des Hochauflösenden Erdbeobachtungssystems (CHEOS), startete am 26. April 2013.

Mit dem Double-Star-Projekt (ein gemeinsames Unternehmen mit der Europäischen Weltraumorganisation) wurden 2003/2004 erstmals rein wissenschaftliche Satelliten gestartet. Es folgten der Dark Matter Particle Explorer, das Hard X-ray Modulation Telescope und zahlreiche weitere Forschungssatelliten.

China verfügt auch über ein eigenes Satellitennavigationssystem namens „Beidou“. Die erste, lokale Ausbaustufe wurde 2003 in Betrieb genommen, Beidou 2 für den Asien-Pazifik-Raum 2012, und das weltweit nutzbare Beidou-3-System mit 5 Satelliten in geostationären Orbits, 27 in mittleren Orbits und 3 in geneigten geosynchronen Orbits am 31. Juli 2020.

Bemannte Raumfahrt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Pläne für ein bemanntes Weltraumprogramm gab es seit 1966. Am 14. Juli 1970 wurde dann das Shuguang-Projekt gestartet, nach dem Datum „Projekt 714“ genannt. Das der amerikanischen Gemini-Kapsel ähnelnde Raumschiff sollte zwei Raumfahrer in den Weltraum transportieren, doch politische und ökonomische Gründe ließen das Projekt scheitern. Am 21. September 1992 fiel der Startschuss für das Bemannte Raumfahrtprogramm der Volksrepublik China, nach dem Datum auch bekannt als „Projekt 921“. Am 5. Januar 1998 wurde das Raumfahrerkorps der Volksbefreiungsarmee aufgestellt, und am 15. Oktober 2003 fand der erste bemannte Raumflug Chinas statt. An Bord des Raumschiffs Shenzhou 5 befand sich Yang Liwei, der einen 21-stündigen Flug absolvierte. Der erste Außenbordeinsatz war während Shenzhou-7-Mission durch den chinesischen Raumfahrer Zhai Zhigang am 27. September 2008.

An der Internationalen Raumstation ISS ist das Land durch ein Veto der USA nicht beteiligt[6] China betrieb dafür in den 2010er Jahren zwei eigene Weltraumlabors. Tiangong 1 startete am 29. September 2011. Darauf folgte am 31. Oktober 2011 die unbemannte Mission Shenzhou 8, welche im Orbit erstmals ein Andockmanöver mit dem Raumlabor durchführte. Die nachfolgende bemannte Mission Shenzhou 9 startete am 16. Juni, um das Andockmanöver zu wiederholen und Tiangong 1 zu besetzen. Ihr folgte Shenzhou 10, die im Juni 2013 an die Station andockte. Am 2. April 2018 trat Tiangong 1 über dem Südpazifik in die Erdatmosphäre ein und zerbrach in mehrere Teile.[7]

Das mit Tiangong 1 fast baugleiche Raumlabor Tiangong 2 wurde am 15. September 2016 gestartet und von der zweiköpfigen Besatzung von Shenzhou 11 ab dem 18. Oktober 2016 einen Monat lang betrieben.[8] Danach wurde dort 2017 erstmals ein unbemanntes Versorgungsraumschiff vom Typ Tianzhou getestet. Im Juli 2019 wurde Tiangong-2 kontrolliert zum Absturz gebracht.

Raumfahrtingenieure[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die maßgeblichen Akteure der chinesischen Raumfahrt werden heute in mehrere, relativ klar getrennte Generationen eingeteilt:

  1. Wissenschaftler und Ingenieure, die im Ausland studiert hatten und meist erst nach der Gründung der Volksrepublik China 1949 in ihre Heimat zurückgekehrt waren (Qian Xuesen, Wang Xiji etc.)
  2. Ingenieure, die häufig in der Sowjetunion studiert und in den 1950er und 1960er Jahren ihren Studienabschluss gemacht hatte (Qi Faren, Wang Yongzhi etc.)
  3. Ingenieure, die nach dem Ende der Kulturrevolution 1976 ihren Studienabschluss gemacht und teilweise einige Zeit im westlichen Ausland verbracht hatten (Wu Weiren, Duan Baoyan etc.)[9]

Da die in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre gegründeten privaten Raumfahrtunternehmen höhere Gehälter bezahlen, ist es für die staatlichen Firmen und Dienststellen nicht immer einfach, geeigneten Nachwuchs zu rekrutieren. Aber da die dort durchgeführten Großprojekte eine gewisse Anziehungskraft ausüben, gelingt es mittlerweile, zu einer gleichmäßigeren Altersmischung zu kommen als in den teilweise chaotischen Jahren der frühen Volksrepublik.[10]

Kosmodrome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raumfahrt der Volksrepublik China (China)
Jiuquan (40° 57′ 25,24″ N, 100° 17′ 32″O)
Jiuquan
Taiyuan (38° 50′ 50″ N, 111° 36′ 30″O)
Taiyuan
Xichang (28° 11′ 49″ N, 102° 4′ 17″O)
Xichang
Wenchang (19° 37′ 3″ N, 110° 44′ 36″O)
Wenchang
Kosmodrome in der Volksrepublik China

China besitzt vier von der Strategischen Kampfunterstützungstruppe der Volksbefreiungsarmee betriebene Kosmodrome für Trägerraketen unterschiedlicher Versionen, dazu seit 2020 den Ostchinesischen Raumfahrthafen der Chinesischen Akademie für Trägerraketentechnologie an der Südküste von Shandong für Seestarts kleinerer Feststoffraketen:

  • Für geostationäre Satelliten: das Kosmodrom Xichang in der Provinz Sichuan.
  • Für Satelliten auf sonnensynchronen und polaren Umlaufbahnen: das Kosmodrom Taiyuan in der Provinz Shanxi.
  • Für Satelliten auf Umlaufbahnen mit mittlerer Inklination und für bemannte Flüge mit dem bemannten Raumschiff Shenzhou: das Kosmodrom Jiuquan in der Region Innere Mongolei. Er wurde 1956 eröffnet und ist der älteste und größte Weltraumbahnhof Chinas.
  • Für besonders schwere Nutzlasten und für Nutzlasten, die nicht in polare oder sonnensynchrone Erdumlaufbahnen gelangen sollen: das Kosmodrom Wenchang auf Hainan. Es ist der südlichste Weltraumbahnhof Chinas, liegt nur 19 Breitengrade vom Äquator entfernt und ging 2016 in Betrieb.
  • Feststoffraketen vom Typ Langer Marsch 11H und langfristig auch Jielong-1 können von im Ostchinesischen Raumfahrthafen beheimateten Schiffen gestartet werden. Der erste Start von dort erfolgte am 15. September 2020.

Aktuelle und zukünftige Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raketenentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Chinesische Akademie für Trägerraketentechnologie entwickelt die teilweise wiederverwendbare Trägerrakete Langer Marsch 8R. Der erste Start dieser Rakete war am 22. Dezember 2020. Weitere Entwicklungen sind die bemannte Rakete der neuen Generation mit einer Nutzlast von 25 Tonnen für einen Transferorbit zum Mond sowie die Superschwerlastrakete Langer Marsch 9 mit einer Nutzlast von 44 Tonnen für einen Transferorbit zum Mars.[11] Die staatliche ExPace GmbH entwickelt Feststoffraketen der Kuaizhou-Familie, das private Raumfahrtunternehmen iSpace die Hyperbola-Serie und die ebenfalls private Firma Galactic Energy die Pallas-1.

Programm zur Erforschung des Mondes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chang’e 1, die erste chinesische Mondsonde

Das Programm der Nationale Raumfahrtbehörde Chinas zur Erforschung des Mondes besteht aus mehreren Phasen:

  • Phase 1: Zuerst erfolgte die Entsendung der unbemannten Sonde Chang’e 1 in die Mondumlaufbahn. Der Start fand am 24. Oktober 2007 statt. Die Aufgabe der Sonde war eine Orbiter-Mission, dabei wurden Daten von der Oberfläche gewonnen. Eine zweite Sonde Chang’e 2 war als Orbiter unterwegs, verließ dann aber den Mond, um am Lagrangepunkt L2 zu verweilen, sie untersuchte anschließend (4179) Toutatis. Seither wird die Sonde im tiefen Raum betrieben und soll die Trackingfähigkeiten des Chinesischen Deep-Space-Netzwerk ausloten.
  • Phase 2: 2013 landete die Sonde Chang’e 3 auf der Mondoberfläche. An Bord war Jadehase, ein Mondfahrzeug. Der Lander unternahm Experimente auf der Mondoberfläche, die Umgebungsbedingungen und das Mondgestein wurden analysiert. Der wichtigste Teil der Mission war aber die erstmalige Realisierung einer Landung auf der Mondoberfläche und die wissenschaftliche Erforschung. Im Juli 2006 arbeiteten ungefähr 20 Universitäten und Institutionen am Design des Mondrovers.[12] Am 3. Januar 2019 landete mit Chang’e 4 erstmals in der Geschichte der Menschheit eine Sonde auf der Rückseite des Mondes.
  • Phase 3: Vorbereitend für die dritte Phase flog die Sonde Chang’e 5-T1 2014 einmal um den Mond und trat anschließend wieder in die Erdatmosphäre ein. 2020 sammelte die Rückkehrsonde Chang’e 5 Gesteinsproben auf dem Mond ein. Da sich in dem Material Uran befindet, sitzt in der neunköpfigen Kommission, die über die Vergabe von Bodenproben an Wissenschaftler aus dem In- und Ausland entscheidet, auch ein Vertreter der China National Nuclear Corporation.[13] Sollte es gelingen, Kernfusionsreaktoren für die Deuterium-Tritium-Reaktion zu entwickeln, könnte die Gewinnung und Anreicherung von Helium-3 vom Mond wirtschaftlich interessant werden.[14] Mit 1 kg 3He und 670 g 2H kann auf umweltfreundliche Art soviel Energie erzeugt werden, wie ein 1-MW-Kraftwerk in 19 Jahren produziert.[15]

Erforschung des Sonnensystems[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Start der Marssonde Tianwen-1 im Juli 2020 und der Landung von deren Rover Zhurong am 14. Mai 2021 sind bis zum Jahr 2030 noch drei Missionen zur Erforschung des Sonnensystems geplant:

Ursprünglich arbeiteten die Projektgruppen, die die jeweiligen Missionen vorbereiten, unabhängig voneinander im Zentrum für Monderkundungs- und Raumfahrt-Projekte der Nationalen Raumfahrtbehörde. Am 24. April 2020, dem 50. Jahrestag des Starts des ersten chinesischen Satelliten Dong Fang Hong I, wurde jedoch für interplanetare Missionen eine gemeinsame Organisationsstruktur eingeweiht, die „Chinesische Planetenerkundung“ bzw. „PEC“ (中国行星探测, Pinyin Zhōngguó Xíngxīng Tàncè), mit einem eigenen Logo, das die acht Planeten des Sonnensystems auf halben, wie ein „C“ aussehenden Bahnen zeigt. Das „C“ steht dabei laut der Nationalen Raumfahrtbehörde sowohl für „China“ als auch für „(International) Cooperation“ (zu den politischen Aspekten der chinesischen Raumfahrt siehe unten).[17] Die interplanetaren Missionen Chinas tragen nun alle den Namen „Tianwen“ (天问 bzw. „Himmelsfragen“), nach dem gleichnamigen, aus 183 Rätseln bestehenden Gedicht von Qu Yuan aus den „Elegien von Chu“,[18] gefolgt von einer Seriennummer, die nach Startdatum vergeben wird. Die im Juli 2020 gestartete Marsmission wurde daher „Tianwen-1“ (天问一号, Pinyin Tiānwèn Yīhào) genannt.[19]

Errichtung einer Raumstation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem 29. April 2021 wird die Chinesische Raumstation gebaut,[20] mit einem Orbit von etwa 340 bis 420 km Höhe und einer Bahnneigung von rund 42°. Ende 2022 soll die erste Phase des Ausbaus mit einem Kernmodul und zwei Wissenschaftsmodulen abgeschlossen sein.

Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die chinesische Raumfahrt wurde ursprünglich allein aus dem Verteidigungshaushalt finanziert. Seit dem 1. Januar 2016 untersteht die gesamte Infrastruktur, vom Tiefraumnetzwerk über die Kosmodrome bis zur Hochschule für Raumfahrttechnik, wo das Personal für die Bodenstationen und Kosmodrome ausgebildet wird, der Strategischen Kampfunterstützungstruppe der Volksbefreiungsarmee. Die bemannte Raumfahrt untersteht der Zentralen Militärkommission, und „Nationale Raumfahrtbehörde Chinas“ ist die nach außen verwendete Bezeichnung für die Nationale Behörde für Wissenschaft, Technik und Industrie in der Landesverteidigung.

Mit dem Beginn der kommerziellen Satellitenstarts im Jahr 1990 kam dann zusätzliches Geld ins System. Bei solchen Starts fungiert die China Great Wall Industry Corporation (CGWIC), eine Tochtergesellschaft der China Aerospace Science and Technology Corporation, als Vermittler zwischen dem Kunden und dem militärisch-industriellen Komplex der Volksrepublik China. CGWIC kümmert sich um die Trägerrakete, arrangiert, falls der Kunde das wünscht, den Bau des Satelliten, dessen Versicherung sowie den Start. Der Kunde bekommt eine Paketlösung, bezahlt CGWIC, die das Geld wiederum an die Volksbefreiungsarmee und den Mutterkonzern weiterleitet.

Zahlreiche Raumfahrtprojekte kommen auch in den Genuss staatlicher Förderprogramme. Stand 2020 sind die wichtigsten davon:

Die China Aerospace Science and Technology Corporation, der Hauptauftragnehmer für die wissenschaftlich-technischen Groß- und Forschungsprojekte, ist durch dieses System ein durchaus profitables Unternehmen. Obwohl die Firma Dinge wie den Technologieerprobungssatelliten Shijian 20 aus Eigenmitteln vorfinanziert, konnte sie im Zeitraum 2015–2020 jedes Jahr über 8 % des Gesamtumsatzes als Reingewinn verbuchen. Ihre Schwesterfirma China Aerospace Science and Industry Corporation, die sich über diverse Tochterfirmen auf dem Markt für kommerzielle Satellitenstarts mit Feststoffträgerraketen betätigt, hatte damit weniger Erfolg – am 9. Januar 2020 gab die staatliche Marktüberwachungsbehörde eine offizielle Warnung vor der ExPace GmbH, der Herstellerfirma der Kuaizhou-Raketen heraus.[21]

Politische Aspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weißbücher und Programme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 12. Oktober 2006 legte das Informationsamt des Staatsrats der Volksrepublik China ein neues Weißbuch mit dem Titel „Chinas Raumfahrt 2006“ vor. Das Dokument untergliederte sich in fünf Kapitel: Ziele und Grundsätze der Entwicklung; Der Fortschritt in den vergangenen fünf Jahren; Entwicklungsziele und Hauptaufgaben für die nächsten fünf Jahre; Grundlagen der Entwicklung und Maßnahmen; Internationaler Austausch und Zusammenarbeit. – China habe immer den Weg der friedlichen Entwicklung verfolgt, so China.org.cn anlässlich der Vorstellung, und immer den Standpunkt aufrechterhalten, dass der „Weltraum zum Zweck der gemeinsamen Wohlfahrt der Menschheit erforscht werden sollte“. Das letzte Weißbuch war im Jahr 2000 erschienen; seitdem habe die chinesische Raumfahrt große Fortschritte gemacht.

In dem Dokument bekräftigte die Führung der Volksrepublik ihre Absicht, ein eigenes Satelliten-Navigationssystem namens „Beidou“ zu entwickeln, obgleich das Land seinerzeit noch am europäischen Galileo-Projekt beteiligt war. Beobachter sahen einen weiteren Wettbewerber Europas beim Aufbau eines globalen Navigationssatellitensystems sehr kritisch; das Geschäftsmodell zur Finanzierung wäre dann möglicherweise kaum umsetzbar. Außerdem stellten sie sich die Frage, inwieweit die Volksrepublik China Know-how aus Europa abziehen könnte.[22] Auch die Weiterentwicklung der damaligen Trägerraketen wurde in dem Weißbuch als Ziel festgehalten, die kommerziellen Aktivitäten sollten weiter ausgebaut werden.[23]

Bei diesen Weißbüchern, die mittlerweile im Rhythmus der Fünfjahrespläne veröffentlicht werden, also 2011,[24] 2016 etc.,[25] handelt es sich im Prinzip um Regierungserklärungen. Daneben gibt es aber auch sogenannte „Programme“ (工程, Pinyin Gōngchéng). Hierbei handelt es sich um rechtsverbindliche Dokumente, die Projekte wie den Bau einer ständig besetzten Raumstation oder die Erkundung des Mondes – teilweise über mehrere Jahrzehnte im Voraus – in einzelne Schritte zerlegt festschreiben. Dies gibt den beteiligten Firmen und Institutionen in Verbindung mit dem Fünfzehnjahresplan, aus dem diese Programme finanziert werden, eine große Planungssicherheit und ermöglicht eine verzahnte Entwicklung einzelner Projekte. So verwendet zum Beispiel die Marssonde Tianwen-1 für die Landung das autonome Hindernisvermeidungssystem der Mondsonde Chang’e 3, während bei Chang’e 7 die kombinierte Magnetfeldmessung durch Rover und Orbiter zum Einsatz kommt, wie sie für Tianwen-1 entwickelt wurde.

Hierbei ist zu beachten, dass die Programme nur in der Form gültig sind, wie sie vom jeweiligen Premierminister abgezeichnet wurden. So endet das Marsprogramm der Volksrepublik China in seiner Version vom 11. Januar 2016 mit einer unbemannten Rückkehrmission. Wenn zum Beispiel Zhang Bainan, Stellvertretender Technischer Direktor des bemannten Raumfahrtprogramms der Volksrepublik China und Parlamentsabgeordneter der KPCh, von einem bemannten Flug zum Mars spricht, so ist dies durchaus ernst zu nehmen, vor allem, weil man sich am Qian-Xuesen-Labor für Weltraumtechnologie, einem Staatsbetrieb, intensiv mit der Bewohnbarkeit und langfristig aufrechterhaltbaren Erkundung von Planeten auseinandersetzt. Stand 2020 ist eine derartige Mission jedoch noch nicht offizieller Teil von Chinas Raumfahrt.[26]

Chinesischer Traum und Raumfahrttraum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kurz nach seiner Wahl zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas im November 2012 prägte Xi Jinping während einer Besichtigung der Ausstellung „Weg zur Wiederbelebung“ im Chinesischen Nationalmuseum den Begriff „Chinesischer Traum“. Damit war zunächst einfach nur die Rückkehr Chinas zu alter Größe gemeint. Nach seiner Wahl zum Staatspräsidenten am 14. März 2013 wurde Xi jedoch schnell konkret und brachte Projekte wie die Neue Seidenstraße oder die Tiefgreifende Reform der Landesverteidigung und des Militärs auf den Weg. Am 11. Juni 2013, bei einem Treffen mit der Besatzung von Shenzhou 10 auf dem Kosmodrom Jiuquan, prägte Xi Jinping dann den Begriff „Raumfahrttraum“ (航天梦, Pinyin Hángtiān Mèng):

Die Raumfahrtindustrie zu entwickeln, China zur Raumfahrtmacht zu machen, das ist der Raumfahrttraum, den wir unermüdlich verfolgen.

Um diesen Gedanken in die Bevölkerung zu tragen und die Akzeptanz für die nicht unbeträchtlichen Kosten der Raumfahrt zu erhöhen, wurde am 24. April 2016, dem Jahrestag des Starts von Dong Fang Hong I, erstmals – und seitdem jedes Jahr – der „Tag der Raumfahrt“ (航天日, Pinyin Hángtiān Rì) begangen. Bei seiner Eröffnungsrede wiederholte Xi Jinping seine Aussage vom Juni 2013, erweitert um die Forschung:

Die unendlichen Weiten des Weltalls zu erkunden, die Raumfahrtindustrie zu entwickeln, China zur Raumfahrtmacht zu machen, das ist der Raumfahrttraum, den wir unermüdlich verfolgen.

Gleichzeitig rekurrierte Xi unter Verwendung von Mao-Zitaten auf die Gründerjahre, als China, beginnend mit Kernwaffen, Mittelstreckenraketen und dem ersten Satelliten den Weg der Wiederauferstehung aus eigener Kraft und der autochthonen Neuentwicklungen beschritt. Bereits am 4. Mai 2013, als er kurz nach seinem Amtsantritt als Präsident die Chinesische Akademie für Weltraumtechnologie besichtigte, hatte Xi betont, dass das Niveau der Weltraumtechnologie ein wichtiger Indikator für die reale Stärke eines Landes auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technik sei, aber auch für die reale wirtschaftliche Stärke, für die innenpolitische Stärke eines Landes und für seine Stärke auf internationalem Parkett. „Der Chinesische Traum zieht den Raumfahrttraum nach sich, der Raumfahrttraum treibt den Chinesischen Traum voran.“[27][28]

Seit der Wiederwahl Xi Jinpings am 17. März 2018 nahm der Stellenwert der Raumfahrt in der chinesischen Politik weiter zu. Hierbei setzt sich Xi Jinping von seinen Amtsvorgängern deutlich ab. Während zum Beispiel Anfang der 2000er Jahre in der Planungsphase des Mondprogramms unter Jiang Zemin ein aggressiver, militaristischer Tonfall vorherrschte – man sprach von „Stationierung“ einer ständigen Besatzung auf dem Mond, bei der Frage der Bodenschätze hieß es „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ – hat sich dies seit 2018 deutlich geändert. Aus „Stationierung“ wurde „Heimat auf dem Mond“, Bodenschätze werden nur noch am Rande erwähnt und man betont die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit. Mittlerweile ist die Raumfahrt ein reguläres Instrument der chinesischen Außenpolitik, sei es dass Entwicklungsländern kostenloser Nutzlastraum auf der Chinesischen Raumstation angeboten wird, sei es dass Industrienationen gegen eine Unkostenbeteiligung in Projekte wie die Mondproben-Rückholmission Chang’e 6 oder die Asteroidenmission Tianwen 2 eingebunden werden.

Auch für die chinesische Innenpolitik hat die Raumfahrt eine große Bedeutung. So wurden Techniker der in Wuhan ansässigen China Space Sanjiang Group Corporation (eine Tochterfirma des staatlichen Rüstungskonzerns CASIC) bereits am 18. März 2020, noch vor der offiziellen Öffnung der wegen der COVID-19-Pandemie abgeriegelten Stadt, zum Kosmodrom Jiuquan entsandt, um den Start einer Rakete vom Typ Kuaizhou-1A vorzubereiten, die zwei ebenfalls in Wuhan entwickelte und gebaute Satelliten für das Internet der Dinge in den Orbit befördern sollte.[29] Damit konnte die Regierung der eigenen Bevölkerung gegenüber Handlungsfähigkeit beweisen und einen Kontrast zu den tief in der Pandemie-Krise steckenden Staaten des Westens zeichnen (damals nahmen zum Beispiel in Italien die Infektionen rapide zu). Ein Schriftzug auf der den Ärzten und Krankenpflegern von Wuhan gewidmeten Rakete besagte: „Heldenhaftes Wuhan, großartiges China.“[30][31]

Verbot von Weltraumrennen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Charakteristikum der chinesischen Raumfahrtpolitik, das durch die Jahrzehnte immer gleich blieb, ist das Verbot von Weltraumrennen.[32] Qian Xuesen hatte im August 1965 im Rahmen seines „Drei-Satelliten-Plans“ den Bau eines zur Erde zurückkehrenden Fernerkundungssatelliten vorgeschlagen, der als Basis für ein bemanntes Raumschiff dienen sollte. Nach dem Ausbruch der Kulturrevolution 1966 untersagte Premierminister Zhou Enlai den Wissenschaftlern jedoch explizit, in ein Weltraumrennen mit der Sowjetunion und den USA einzutreten, und ordnete an, sie sollten sich stattdessen auf die Entwicklung von Satelliten konzentrieren, die für den Aufbau des Landes nützlich waren.[33] Als im Juli 2020 anlässlich des Starts der Marssonde Tianwen-1 die Medien ein neues Weltraumrennen zwischen China und den USA sehen wollten, argumentierte die Führung der KPCh mit fast den gleichen Worten, dass die Verbesserung der Lebensverhältnisse im Land, insbesondere im Zeitalter nach der COVID-19-Pandemie, wesentlich wichtiger wäre als ein symbolischer Sieg über die USA im Weltall.[34][35] Als die chinesischen Medien die Probenrückholmission Chang’e 5 im Dezember 2020 als eine Vorstufe zu einer bemannten Mondlandung sahen, wurde dies von der Nationalen Raumfahrtbehörde zwar bestätigt, aber erneut betont, dass man sich diesbezüglich nicht in einem Weltraumrennen mit den USA befände, sondern Chinas eigene, langfristige Ziele verfolge.[36] Bevor an eine bemannte Mondlandung zu denken wäre, müsste erst die Chinesische Raumstation im Erdorbit gebaut werden.[37]

Chinesische Raumfahrtkultur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Xi Jinpings Raumfahrttraum ist kein Traum im Sinne einer Vision, sondern eine politische Doktrin, bei der es neben den offensichtlichen Vorteilen von satellitengestützter Taifunwarnung und Satellitennavigation für Zivilbevölkerung und Militär schlicht um die Schaffung von Arbeitsplätzen und Wirtschaftswachstum geht.[38] In China ist man mittlerweile an einem Punkt angelangt, wo zusätzliche Flugplätze und Straßen durch die Vernichtung von Ackerland etc. oft mehr Schaden als Nutzen bringen, und auch in den Ländern entlang der Neuen Seidenstraße wird in einigen Jahrzehnten das Potential für sinnvolle Infrastrukturprojekte ausgeschöpft sein. Das Weltall bietet hingegen durch seine unendlichen Weiten im Prinzip die Möglichkeit zu unbegrenztem Wachstum.

Zusätzlich zu diesen politisch-wirtschaftlichen Erwägungen bildete sich in den vergangenen Jahrzehnten eine eigene, spezifisch chinesische Raumfahrtkultur heraus. Die ideologische Grundlage hierfür ist der sogenannte „Raumfahrtgeist“ (航天精神), der sich über postulierte Einflüsse aus drei historischen Perioden legitimiert:

  • Der „Geist der Gründerjahre“ (传统精神) bezieht sich auf die Gründung des 5. Forschungsinstituts des Verteidigungsministeriums am 8. Oktober 1956 und die Redewendung „Wiederauferstehung aus eigener Kraft“ (自力更生), die von dem Dichter Wen Yiduo am 10. Oktober 1944 bei einer Rede an der Vereinigten Südwest-UniversitätSun Yat-sen zitierend – geprägt,[39] von Mao Zedong am 13. August 1945 aufgegriffen[40] und von Nie Rongzhen am 8. Oktober 1956 erstmals im Zusammenhang mit Raketenbau verwendet wurde. Die von Vizepremier Nie ausgehandelte technologische Unterstützung durch die Sowjetunion 1957–1960 wurde immer nur als Zwischenlösung angesehen, und alle späteren Politiker, von Jiang Zemin bis Xi Jinping, verwendeten in ihren Reden diesen Ausdruck, um zu betonen, dass die Raumfahrt der Volksrepublik China in der Tradition der ersten Revolutionäre steht.
  • Der „Geist von zwei Bomben und einem Satelliten“ (“两弹一星”精神) bezieht sich auf die Zeit ab 1957, als China – zunächst ebenfalls mit sowjetischer Unterstützung – Atom- und Wasserstoffbomben entwickelte und am 24. April 1970 mit der Trägerrakete Langer Marsch 1 den Propagandasatelliten Dong Fang Hong I ins All beförderte. Hierbei handelte es sich um zwei getrennte Programme, das „Projekt 596“ für die Kernwaffen und das „Projekt 651“ für die Raumfahrt. Am 18. September 1999 fasste jedoch Präsident Jiang Zemin, der wegen der großen innenpolitischen Schwierigkeiten, in denen sich China damals befand, einen Propagandaerfolg brauchte, die beiden Programme, die organisatorisch und praktisch nichts miteinander zu tun hatten, zusammen und schuf den Begriff „Zwei Bomben, ein Satellit“, ein gleichnamiger Orden wurde an 23 damals beteiligte Wissenschaftler und Ingenieure (Cheng Kaijia, Wang Xiji etc.) verliehen.[41] Auch hier verwendeten Jiangs Nachfolger immer wieder diesen Ausdruck, um zu betonen, welche technischen Leistungen auch während der Kulturrevolution (1966–1976) möglich waren.
  • Der „Geist der bemannten Raumfahrt“ (载人航天精神) bezieht sich auf das von Jiang Zemin – ebenfalls aus propagandistischen Gründen – am 21. September 1992 ins Leben gerufene Bemannte Raumfahrtprogramm der Volksrepublik China. Der Begriff als solcher wurde von Hu Jintao, Jiangs Nachfolger als Parteivorsitzender und Staatspräsident, am 7. November 2003 bei der Feier nach Yang Liweis erfolgreicher Rückkehr von Chinas erstem bemannten Raumflug geprägt.[42] Damit war China nun auf Augenhöhe mit den etablierten Raumfahrtnationen USA und Russland. Der Begriff wurde nicht nur von der Partei,[43] sondern auch vom Büro für bemannte Raumfahrt übernommen und wird bei jeder Mission verwendet, um den Einsatz und die Opferbereitschaft der beteiligten Techniker und Ingenieure zu würdigen.[44]

Neben diesem Komplex, den man als „Revolutionsgeschichte“ bezeichnen könnte, rekurriert die von ihrem Selbstverständnis her durchaus kommunistische KPCh aber auch zunehmend auf Topoi aus Chinas Vergangenheit, also aus der Feudalgesellschaft. Bereits Mao Zedong hatte 1965, nach dem Start des Projekts 651, den Tang-Dichter Li Bai mit den Worten „Wir können zum Himmel hinaufsteigen und den Mond herunterholen“ zitiert – weswegen ein Teil der von Chang’e 5 vom Mond heruntergeholten Bodenproben nun in Maos Heimatgemeinde Shaoshan eingelagert wird.[45] Die völlige Abkehr von revolutionärer Terminologie wie bei den Trägerraketen Langer Marsch und Feng Bao 1 wurde von Jiang Zemin im November 1999 vollzogen, als er das bemannte Raumschiff der Volksrepublik China „Shenzhou“ taufte, also „Götterschiff“, ein Name, der – mit anderen Schriftzeichen – auch die traditionelle Bezeichnung für China als Kulturraum ist.[46][47] Im weiteren Verlauf ging man immer weiter in die Vergangenheit zurück. Die Mondsonden wurden nach der Götting Chang’e aus der Östlichen Jin-Dynastie (317–420) benannt, die interplanetaren Sonden (Tianwen-1 etc.) nach einem Gedicht aus der Zeit der Streitenden Reiche (475–221 v. Chr.), und für den Bleikristallbehälter, in dem im Chinesischen Nationalmuseum Bodenproben vom Mond ausgestellt sind, nahm man ein Gefäß aus der Shang-Dynastie (18.–11. Jhd. v. Chr.) zum Vorbild, einem Sklavenhalterstaat mit regelmäßigen Menschenopfern.

Die Rückbesinnung auf die Vergangenheit spiegelt einen gesamtgesellschaftlichen Trend wieder, wie er sich zum Beispiel auch in der zunehmenden Verwendung von traditionellen Schriftzeichen in der Werbung äußert. So findet heute die Namensgebung für Raumflugkörper nicht mehr einfach per Anordnung statt, sondern es werden zuerst Vorschläge aus der Bevölkerung gesammelt. Daraus trifft eine Expertenkommission eine Vorauswahl, aus der per Internet-Abstimmung die bei der Bevölkerung beliebtesten Namen ermittelt werden, aus denen die Expertenkommission schließlich den finalen Namen wählt. Mittlerweile hat die Chinesische Raumfahrtkultur (中国航天文化) viele Bereiche der Gesellschaft erfasst. Chinesische Kinder spielen nun nicht mehr mit Space-Shuttle-Modellen wie in den 1980er Jahren,[48] sondern mit dem Weltraumlabor Tiangong 1.[49] Es wird Raumfahrt-inspierierte Mode kreiert,[50][51] und auch die chinesische Science Fiction hat seit Ni Kuang (倪匡, * 1935) große Fortschritte gemacht. Beispielhaft zu nennen wären hier die Trisolaris-Trilogie von Liu Cixin oder der Film „Die wandernde Erde“ nach einer Kurzgeschichte desselben Autors.[52]

Akzeptanz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In China absolvierten 2017 rund 4,7 Millionen Studierende, also gut 0,3 % der damaligen Gesamtbevölkerung von 1,39 Milliarden, ein MINT-Studium, während diese Quote in der EU bei etwas über 0,2 % lag.[53] Diese Technik-Affinität existiert in China bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts, noch vor der Xinhai-Revolution, als zum Beispiel Studenten wie Liu Zuocheng (刘佐成, 1883–1943) und Li Baojun (李宝焌, 1886–1912) nach Japan geschickt wurden, um Luftfahrttechnik zu studieren und nach ihrer Rückkehr jene Fabrik aufzubauen, die die Keimzelle der heutigen Akademie für Trägerraketentechnologie wurde.[54] In den vergangenen hundert Jahren wurde das Interesse an Technik von allen Regierungen, egal welcher politischen Couleur, gefördert, sei es durch die Vermittlung von Stipendien aus der Boxerentschädigung – auf diese Art kamen die späteren Raumfahrtpioniere Qian Xuesen und Zhao Jiuzhang 1935 an das Massachusetts Institute of Technology bzw. die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin – sei es durch mediale Begleitung, zuerst durch Presse und Wochenschau,[55] heute durch den Wissenschaftssender CCTV-10 und vor allem über den Nachrichtensender CCTV-13, der ausführlich über Satellitenstarts und Raumfahrtprojekte berichtet.

All dies führt dazu, dass die Akzeptanz für Raumfahrtprojekte und deren Kosten in China generell höher ist als in anderen Industrienationen. Hilfreich hierbei ist, dass man heute Projekte nach Möglichkeit in kleine Schritte zerlegt und dadurch in relativ kurzen Abständen immer wieder Zwischenerfolge vermelden kann. So kreiste zum Beispiel bei der Marsmission Tianwen-1 der Orbiter erst drei Monate um den Planeten, wo er spektakuläre Bilder liefern konnte, bevor man die riskante Landung versuchte. Auf der Versuchsbasis für weltraumgestützte Sonnenkraftwerke wird zunächst ein Stratosphärenkraftwerk entwickelt, mit dem man, selbst wenn sich ein Sonnenkraftwerk im Weltraum als nicht machbar erweisen sollte, zumindest Militärstützpunkte auf abgelegenen Inseln im Südchinesischen Meer mit Strom versorgen kann.

Ein Beispiel, wo diese Methode nicht gelang, ist das sogenannte „Lauschprojekt“ zur Erkundung potentiell bewohnbarer Exoplaneten mit einem aufwendigen Weltraumteleskop. Kaum dass das Projekt am 13. Dezember 2019 von der Gruppe „Unser Weltraum“ (我们的太空, eine von der Parteizeitung Renmin Ribao, der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua, CCTV und dem Verteidigungsministerium der Volksrepublik China gemeinsam betriebene Propagandaorganisation)[56][57][58] einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt wurde, regte sich im Internet heftiger Widerspruch. Kritisiert wurde häufig, dass sich China hier ein nur am Prestige orientiertes Weltraumrennen mit dem Large UV Optical Infrared Surveyor und dem Habex-Weltraumteleskop der NASA liefern und sich dabei von der internationalen Gemeinschaft abkoppeln würde. Das Geld sollte lieber zur Verbesserung des Schulsystems auf dem Land oder die Erkundung der irdischen Ozeane ausgegeben werden. Unter Verweis auf Deng Xiaopings Rentenlüge von 1985, die zwanzig Jahre später von der Realität eingeholt wurde, wurde bemängelt, dass bei einem vorgesehenen und mutmaßlich nicht stattfindenden Start des Teleskops im Jahr 2045 die heute Verantwortlichen nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden könnten. Selbst die Verschwörungstheorie, dass sich die Kader hier auf Kosten des Steuerzahlers, der sich das tägliche Schweinefleisch nicht mehr leisten konnte, einen Planeten suchten, auf den sie sich von der nach einem Endkampf mit den USA zerstörten Erde zurückziehen konnten, wurde vorgebracht.[59] Die Vorwürfe gingen zum Teil an der Realität vorbei – die chinesische Methode, mit mehreren kleinen Teleskopen eine synthetische Apertur von 300 m zu erzeugen, ist grundlegend anders als der 15-m-Spiegel des LUVOIR; ausländische Wissenschaftler wurden explizit eingeladen, an dem Projekt mitzuarbeiten. Obwohl sich 2018 die Förderrichtlinien für Grundlagenforschung geändert hatten – die Forschung sollte, wenn auch langfristig, der Wirtschaft zugutekommen – wurde im Juli 2020 die Einrichtung eines Schwerpunktlabors für das Projekt genehmigt.[60]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Raumfahrt der Volksrepublik China – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andrew Jones: Chinese companies OneSpace and iSpace are preparing for first orbital launches. In: spacenews.com. 24. Januar 2019, abgerufen am 20. September 2020 (englisch).
  2. 国防科工局、中央军委装备发展部发布《关于促进微小卫星有序发展和加强安全管理的通知》. In: spaceflightfans.cn. 19. Mai 2021, abgerufen am 22. Mai 2021 (chinesisch).
  3. CNSA: From nothing to glory in six decades – China’s space program. 8. Oktober 2016.
  4. Auch China testet eine Feststoffrakete. Raumfahrer.net, 28. September 2013, abgerufen am 16. November 2014.
  5. Andrew Jones: Long March 5B falls into Indian Ocean after world follows rocket reentry. Spacenews, 9. Mai 2021.
  6. „Tiangong 1“: China baut erstes Modul für Raumstation. In: Spiegel Online. 17. August 2010, abgerufen am 29. März 2018.
  7. Tiangong-1: Defunct China space lab comes down over South Pacific. BBC News, 2. April 2018, abgerufen am 20. August 2019 (englisch).
  8. China auf dem Weg zur Weltall-Macht. Spiegel Online, 17. Oktober 2016, abgerufen am 2. Januar 2017.
  9. 周建平:中国空间站向全世界开放. In: cmse.gov.cn. 13. August 2019, abgerufen am 5. Januar 2021 (chinesisch).
  10. 倪伟: 专访于登云:获世界航天奖是因“到了人类没去过的地方”. In: news.sina.cn. 24. Juni 2020, abgerufen am 5. Januar 2021 (chinesisch).
  11. Zhao Lei: Super-powerful Long March 9 to 'begin missions around 2030'. In: chinadailyhk.com. 11. März 2019, abgerufen am 19. Dezember 2020 (englisch).
  12. Lunar programme to be open to world. Xinhua online, 27. Juli 2006.
  13. 第一届月球样品专家委员会成立大会召开. In: clep.org.cn. 13. April 2021, abgerufen am 16. April 2021 (chinesisch).
  14. 袁勇 et al.: 月球基地建设方案设想. (PDF; 579 KB) In: jdse.bit.edu.cn. 21. Mai 2018, S. 379, abgerufen am 16. April 2021 (chinesisch).
  15. 杨诗瑞: 月球“土”特产,宝藏何其多. In: spaceflightfans.cn. 21. Dezember 2020, abgerufen am 21. Dezember 2020 (chinesisch).
  16. 着陆火星?!天问一号还有几道难关需要闯. In: cnsa.gov.cn. 29. Oktober 2020, abgerufen am 8. März 2021 (chinesisch).
  17. 镁客网: “天问”首次官宣!我国行星探测任务再进一程,“揽星九天”火星先行. In: sohu.com. 24. April 2020, abgerufen am 24. April 2020 (chinesisch).
  18. Helwig Schmidt-Glintzer: Geschichte der chinesischen Literatur. Scherz Verlag, Bern 1990, S. 36f., 77.
  19. 胡喆: 中国首次火星探测任务命名为“天问一号”. In: xinhuanet.com. 24. April 2020, abgerufen am 24. April 2020 (chinesisch).
  20. 长征五号乙遥二火箭 中国空间站核心舱天和–发射任务圆满成功!!! In: spaceflightfans.cn. 29. April 2021, abgerufen am 29. April 2021 (chinesisch).
  21. 航天科工火箭技术有限公司. In: qixin.com. Abgerufen am 19. August 2020 (chinesisch).
  22. Taylor Dinerman: China and Galileo, continued. In: thespacereview.com. 21. August 2006, abgerufen am 26. August 2020 (englisch).
  23. Chinas Raumfahrt 2006. In: german.china.org.cn. 23. November 2006, abgerufen am 26. August 2020.
  24. Chinas Raumfahrt 2011. In: german.china.org.cn. 1. Februar 2012, abgerufen am 26. August 2020.
  25. China veröffentlicht Weißbuch über Raumfahrtaktivitäten. In: german.china.org.cn. 28. Dezember 2016, abgerufen am 26. August 2020.
  26. 浦江创新论坛《平行未来的N次元》对话航天八院陆希:“你好,火星”. In: spaceflightfans.cn. 26. August 2020, abgerufen am 27. August 2020 (chinesisch).
  27. 高雷: 习近平引领航天梦助推中国梦. In: cpc.people.com.cn. 15. September 2016, abgerufen am 9. April 2020 (chinesisch).
  28. 着陆火星——当年一起吹过的牛,只有中国实现了. In: zhuanlan.zhihu.com. 16. Mai 2021, abgerufen am 18. Mai 2021 (chinesisch).
  29. 一辆绿皮火车在戈壁深处停了半个月,车上竟然是…… In: spaceflightfans.cn. 15. April 2020, abgerufen am 15. April 2020 (chinesisch).
  30. 快舟火箭进场 即将发射“行云工程”双星. In: cnsa.gov.cn. 31. März 2020, abgerufen am 9. April 2020 (chinesisch).
  31. Andrew Jones: Chinese commercial rocket sells for $5.6 million in April Fool’s Day auction. In: spacenews.com. 3. April 2020, abgerufen am 12. Mai 2020 (englisch).
  32. Dwayne A. Day: Mysterious dragon: myth and reality of the Chinese space program. In: thespacereview.com. 7. November 2005, abgerufen am 26. August 2020 (englisch).
  33. 张中江: 走近钱学森:紧挨毛泽东座位的“第一贵宾”. In: chinanews.com. 25. Dezember 2009, abgerufen am 20. August 2020 (chinesisch).
  34. Ludovic Ehret: China launches Mars probe in space race with US. In: phys.org. 23. Juli 2020, abgerufen am 20. August 2020 (englisch).
  35. Chee Yik-wai: China’s earthly concerns take priority over ‘space race’ with US. In: scmp.com. 5. August 2020, abgerufen am 20. August 2020 (englisch).
  36. 李萌: 国务院新闻办就探月工程嫦娥五号任务有关情况举行发布会. In: gov.cn. 17. Dezember 2020, abgerufen am 30. März 2021 (chinesisch).
  37. “嫦娥”回家后,还有哪些新期待. In: cnsa.gov.cn. 18. Dezember 2020, abgerufen am 19. Dezember 2020 (chinesisch).
  38. Andrew Jones: China Space News Update - Issue #4. In: getrevue.co. 2. März 2021, abgerufen am 29. März 2021 (englisch).
  39. 闻一多: 组织民众与保卫大西南. In: aisixiang.com. 23. November 2015, abgerufen am 29. März 2021 (chinesisch).
  40. 毛泽东: 抗日战争胜利后的时局和我们的方针. In: marxists.org. 13. August 1945, abgerufen am 29. März 2021 (chinesisch).
  41. 铭记中国23位两弹一星勋章获得者 如今仅有四位在世. In: mil.news.sina.com.cn. 19. November 2018, abgerufen am 29. März 2021 (chinesisch). Kurzbiografien der 23 Ordensträger.
  42. 航天三大精神. In: spacechina.com. Abgerufen am 29. März 2021 (chinesisch).
  43. 熊杏林、申红心: 读懂载人航天精神中的“特别”. In: theory.people.com.cn. 2. Dezember 2020, abgerufen am 30. März 2021 (chinesisch).
  44. 方超: 致敬!春节坚守岗位的你们辛苦了! In: cmse.gov.cn. 16. Februar 2021, abgerufen am 29. März 2021 (chinesisch).
  45. “可上九天揽月”!嫦娥五号带回的部分月壤将保存在湖南韶山. In: sohu.com. 17. Dezember 2020, abgerufen am 29. März 2021 (chinesisch).
  46. Shenzhou in der Encyclopedia Astronautica (englisch)
  47. John Gittings: China takes great leap into space. In: theguardian.com. 22. November 1999, abgerufen am 29. März 2021 (englisch).
  48. 航天教育文化创意. In: calt.spacechina.com. 2. August 2016, abgerufen am 29. März 2021 (chinesisch).
  49. 森宝(SEMBO)儿童积木玩具男孩女孩兼容乐高拼装玩具太空探索火箭飞机航天系列载人空间试验平台203303. In: jd.com. Abgerufen am 29. März 2021 (chinesisch).
  50. Cabbeen卡宾首度跨界中国航天文化联名时装发布. In: sh.sina.com.cn. 21. Oktober 2019, abgerufen am 29. März 2021 (chinesisch).
  51. 安踏中国航天卫衣男士2021春季新款运动连帽休闲套头衫官网旗舰. In: tmall.com. Abgerufen am 29. März 2021 (chinesisch).
  52. Molly Silk: China Is Evolving a Distinct Space Culture. In: thediplomat.com. 26. März 2021, abgerufen am 29. März 2021 (englisch).
  53. Bildung. In: wko.at. Abgerufen am 4. November 2020.
  54. 首都航天机械公司是清政府创办的第一家飞机修造厂. In: calt.spacechina.com. 30. August 2016, abgerufen am 4. November 2020 (chinesisch).
  55. 王博、史越: 这些年轻的北航人做出最牛毕业设计,创造中国第一! In: thepaper.cn. 6. Juni 2018, abgerufen am 4. November 2020 (chinesisch).
  56. 乔楠楠: “我们的太空”新媒体中心正式启用. In: mod.gov.cn. 2. August 2019, abgerufen am 4. November 2020 (chinesisch).
  57. 李国利: “我们的太空”新媒体中心正式启用. In: xinhuanet.com. 3. August 2019, abgerufen am 5. November 2020 (chinesisch).
  58. “我们的太空”知乎关注破百万 周源受聘“航天文化大使”. In: tech.sina.cn. 14. Juli 2020, abgerufen am 5. November 2020 (chinesisch).
  59. 如何评价我国将启动„觅音计划“探索太阳系外宜居行星? In: zhihu.com. 28. Dezember 2019, abgerufen am 4. November 2020 (chinesisch).
  60. 童浪、孙海峰: 西电获批„陕西省空间超限探测重点实验室“. In: news.xidian.edu.cn. 23. Juli 2020, abgerufen am 4. November 2020 (chinesisch).