Chondrites

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Chondrites aus dem Posidonienschiefer (Zeichnung aus dem Jahr 1910,[1] relativ stark vergrößerte Darstellung).

Chondrites [kɔnˈdritɛs] ist eine Gattung fossiler Lebensspuren (Ichnogenus), die in feinkörnigen, marinen Sedimentgesteinen auftritt. Die Benennung geht auf Kaspar Maria von Sternberg (1833) zurück.[2]

Die mehrfachverzweigten (dendritischen) Gänge sind mehr oder weniger schichtparallel angelegt, weshalb sie nur auf Schichtflächen in typischer Ausprägung auftreten. Die einzelnen Gänge sind sehr klein, selten breiter als einen Millimeter. Oft treten sie massenhaft auf und äußern sich auf Bruchflächen senkrecht zur Schichtung in einem unregelmäßigen Muster aus Punkten und Strichen.

Das verzweigte, buschige Aussehen dieser Spurenfossilien erinnert an Pflanzen. So hat Friedrich August Quenstedt in seiner Abhandlung über den Süddeutschen Jura aus den späten 1850er Jahren die Chondrites-reichen basalen Schichten des Posidonienschiefers (Lias Epsilon) als „Seegrasschiefer“ bezeichnet.[3] Der von Ernst Friedrich von Schlotheim in den Nachträgen zu seiner „Petrefactenkunde“ 1822 geprägte Name Algacites bezieht sich zumindest teilweise auf Spurenfossilien vom Chondrites-Typ, die auch er für Reste von Wasserpflanzen hielt.[4] Auch die Bezeichnung Chondrites geht auf den Namen einer Seetang-Gattung (Chondrus, Knorpeltange) zurück. Ebenfalls infolge von Fehlinterpretationen wurde der Gattungsname Fucoides, der von Adolphe Brongniart im Jahre 1822[5] in Anlehnung an den Namen der Seetang-Gattung Fucus geprägt wurde, für Spuren vom Chondrites-Typ verwendet,[6] aber auch für Spuren, die später aufgrund ihrer relativ stark abweichenden Morphologie ganz eigenen Gattungen zugeordnet wurden.[7] Somit wurden die Namen „Chondrites“, „Fucoides“ und „Algacites“ im 19. Jahrhundert für ein buntes taxonomisches Gemisch aus fossilen Spuren, Pflanzen und Tieren benutzt. Noch Eberhard Fraas (1910) stellte Chondrites zu den Algen, äußerte allerdings schon Zweifel an der generellen Gültigkeit dieser systematischen Stellung.[8] In den Folgejahren setzte sich schließlich die Ansicht, dass es sich zumindest teilweise um Spurenfossilien handelt, immer mehr durch,[9] und der Name Chondrites wurde nunmehr nur noch für diese Ichnotaxa benutzt.

Welche Organismen diese Spuren verursacht haben, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Klar ist, dass sie nur in marinen Ablagerungen auftreten. In rezenten, küstennahen Meeresböden werden Spuren, die mit dem Spurenfossil Chondrites übereinstimmen oder ihm sehr ähnlich sind, von sedimentfressenden Borstenwürmern erzeugt.[10] Chondrites sind ab dem Ordovizium nachgewiesen. Belege aus dem Kambrium gelten als unsicher.[11]

Der Ausdruck „chondrites“ [ˈkɔndraɪ̯t͡s] bezeichnet im Englischen auch spezielle Meteoriten (Chondrite), die mit diesem ichnologischen Taxon nichts zu tun haben.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • R. G. Bromley (1999): Spurenfossilien: Biologie, Taphonomie und Anwendungen. Springer, Berlin/Heidelberg. 347 S. ISBN 978-3-540-62944-3
  • Ulrich Lehmann: Paläontologisches Wörterbuch. 4. Auflage. Enke, Stuttgart 1996, ISBN 3-432-83572-8, S. 45.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Lothar H. Vallon: Chondrites. Datenblatt zur Spurengattung mit Synonymliste

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eberhard Fraas: Der Petrefaktensammler. K. G. Lutz’ Verlag, Stuttgart 1910, Tafel 19, Figur 3 (archive.org).
  2. Kaspar von Sternberg: Versuch einer geognostisch-botanischen Darstellung der Flora der Vorwelt. Prag, 1833 (gallica.bnf.fr), S. 25.
  3. Friedrich August Quenstedt: Der Jura. Verlag der H. Laupp’schen Buchhandlung, Tübingen 1858 (MDZ-Reader)
  4. So ist die von Schlotheim aufgestellte Art Algacites granulatus relativ sicher dieser Spurengattung zuzuordnen, da sie aus dem Posidonienschiefer von Boll in Württemberg stammt und auch Abbildung und Beschreibung wenig Zweifel an der Identität dieser Spuren lassen, siehe Ernst Friedrich von Schlotheim: Nachträge zur Petrefactenkunde. Becker’sche Buchhandlung, Gotha 1822, S. 45 f. (GoogleBooks) und Taf. 5, Fig. 1 (GDZ)
  5. Adolphe Brongniart: Sur la classification et la distribution des végétaux fossiles en general, et sur ceux des terrains des sédiment supérieur en particulier. Memoires de Museum d’Histoire Naturelle. Bd. 8, 1822, S. 203–240 (Einleitung und 1. Kapitel; BHL), S. 237
  6. Während zahlreiche der anfangs in die Gattung Fucoides gestellten Exemplare und Taxa später als Spurenfossilien erkannt wurden, stellten sich andere als Überreste von Graptolithen, einer altpaläozoischen Gruppe kleiner planktonischer Tiere heraus, siehe Edith L. Taylor, Thomas N. Taylor, Michael Krings: Paleobotany – The Biology and Evolution of Fossil Plants. 2nd edition. Academic Press/Elsevier 2009, ISBN 978-0-12-373972-8, S. 122 f.
  7. beispielsweise Fucoides strangulatus aus der böhmischen Kreide, siehe Richard Pokorný: Funalichnus, a New Ichnogenus and its Type Ichnospecies Funalichnus strangulatus (Fritsch 1883), Upper Cretaceous of the Bohemian Cretaceous Basin, Czech Republic. Ichnos. Bd. 15, Nr. 2, 2008, S. 51–58, doi:10.1080/10420940701192922 (alternativer Volltextzugriff: ResearchGate)
  8. Die Chondriten sind wegen ihres dürftigen Erhaltungszustandes zwar im ganzen fragwürdige Gebilde, und es ist keineswegs festgestellt, ob dieselben auch in der Tat immer pflanzlicher Natur sind. Der Einfachheit halber aber wollen wir sie doch hier [d. h. bei den Algen] behandeln [...].“ Eberhard Fraas: Der Petrefaktensammler. K. G. Lutz’ Verlag, Stuttgart 1910, S. 109 (archive.org).
  9. siehe z. B. H. Potonié: Lehrbuch der Paläobotanik. 2. Auflage, umgearbeitet von W. Gothan. Gebrüder Borntraeger, Berlin 1921, S. 12 (archive.org)
  10. Günther Hertweck, Achim Wehrmann, Gerd Liebezeit: Bioturbation structures of polychaetes in modern shallow marine environments and their analogues to Chondrites group traces. Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology, Bd. 245, 2007, Nr. 3–4, S. 382–389, doi:10.1016/j.palaeo.2006.09.001
  11. A. H. Müller: Lehrbuch der Paläozoologie. Band II, Teil 3, Jena 1978.