Chorasan

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt die Region Chorasan, für die gleichnamige Provinz siehe Chorasan (Provinz), für die Islamistengruppe siehe Chorasan (Islamistische Gruppierung).
Chorasan, Transoxanien und Choresmien

Chorasan (persisch ‏خراسان‎, auch Chorassan, Khorassan oder Khorasan geschrieben), historisch manchmal auch mit nördlicheren Regionen zusammengefasst als Chorāsān und Mā warā’ an-nahr (arabisch ‏خراسان وما وراء النهر‎, DMG Ḫurāsān wa-Mā warāʾ an-nahr), ist eine historische Region in Zentralasien im Gebiet der heutigen Staaten Afghanistan, Iran, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan.

Etymologie[Bearbeiten]

Das Wort Chorasan ist altpersisch und bedeutet „Land der aufgehenden Sonne“. Später erhielt das Wort im Parthischen und Mittelpersischen generell die Bedeutung „Osten“.

Nach vielen kritischen Standardlexika der persischen Sprache bzw. des Dari, z. B. Dehchodas Lexikon, ist ‏خراسان‎ zusammengesetzt aus ‏خرchor „Sonne“ und ‏آسانāsān; dies bedeutet z. B. „Methode“ oder „Art und Weise“. Als Adjektiv bedeutet āsān „leicht“.

Somit bedeutet Chorasan wörtlich „Sonnenmethode“ bzw. „Sonne leicht“, mithin ungefähr „Gang der Sonne, Sonnen(auf)gang“ oder „Sonne hinauf“, und bezeichnet den Orient (Chāwarخاور‎) bzw. den Osten im Gegensatz zum als Okzident bezeichneten Westen (Bāchtarباختر‎) (siehe auch Baktra, Baktrien).

Wesentlich wahrscheinlicher ist jedoch der Vorschlag Ghilains (1939: 49),[1] wiederholt bei Nyberg (1974: 220),[2] Chorasan auf mittelpersisches xwar „Sonne“ und das parthische Verb ās „kommen“ zurückzuführen. Die Endung -ān bezeichnet das Partizip Präsens. Damit hieße Chorasan (Mittelpersisch xwarāsān) „die kommende Sonne“.

Geographie[Bearbeiten]

Die Region grenzt im Westen an das Kaspische Meer und im Osten an den Hindukusch. Der nördliche Teil befindet sich in Turkistan, die südlichen Teile gehören zur Wüstenregion Sistan. Im Südwesten stellten die beiden Oasen Tabas und Kurain die Grenze Chorasans dar. Al-Baladhuri bezeichnet sie in seinem Buch über die „Eroberung der Länder“ als die „beiden Tore Chorasans“ (bābā Ḫurāsān).[3]

Bedeutende Städte Chorasans sind: Samarkand, Buchara (heute zu Usbekistan), Herat, Balch, Ghazni, Kabul (heute zu Afghanistan), Maschhad, Tus und Nischapur (heute zu Iran).

Geschichte[Bearbeiten]

Vorislamische Zeit[Bearbeiten]

Als historische Landschaft, die sich in der Antike vom Kaspischen Meer bis zum heutigen Zentralafghanistan ausdehnte, gehörte die Region seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. unter Kyros dem Großen zum Perserreich und wurde in die Satrapien Baktrien, Sogdien, Choresmien und Parthien unterteilt. Mit dem Sieg Alexanders des Großen über die Achämeniden wurde Chorasan eine makedonische Kolonie. Bei der Aufteilung des Alexanderreichs fiel es den Seleukiden zu. Nach der Eroberung durch Arsakes I. (247 v. Chr.) war Chorasan Ursprung- und Kerngebiet des Partherreichs, welches 227 n. Chr. unter Ardaschir I. an die persische Dynastie der Sassaniden fiel und als eines der vier Teile des Neupersischen Reiches den Namen „Land der aufgehenden Sonne“ (= Chorasan) erhielt.

Islamische Periode[Bearbeiten]

Die ersten arabischen Überfälle auf das Gebiet von Chorasan erfolgten während des Kalifats von ʿUthmān ibn ʿAffān durch den Statthalter von Basra, ʿAbdallāh ibn ʿĀmir. Er rückte im Jahre 30 der Hidschra (= 650/651 n.Chr.) nach Chorasan vor, bezwang die Hephtaliten und besetzte das gesamte Gebiet von Marw, Balch und Herat.[4] Die Umayyaden entsandten eigene Statthalter nach Chorasan, von denen einige wie zum Beispiel Yazīd ibn al-Muhallab, der von 702 bis 704 amtierte, und Qutaiba ibn Muslim Berühmtheit erlangten. Während der Statthalterschaft von Nasr ibn Saiyār konnte die Propaganda der Abbasiden in Chorasan großen Einfluss erringen. Am 15. Juni 747 hisste Abū Muslim in Marw das „Schwarze Banner“ der Abbasiden und begann den Aufstand gegen die Umaiyaden. Sein General Qahtaba ibn Schabib verfolgte die umaiyadischen Streitkräfte in westlicher Richtung und drängte sie aus Iran zurück.

Nachdem die Abbasiden 749 an die Macht gekommen waren, blieb Abū Muslim noch bis zu seinem Tod im Jahre 755 Statthalter von Chorasan. Viele Bewohner Chorasans, so zum Beispiel die Barmakiden, wanderten in der nachfolgenden Zeit in Richtung Westen aus und stellten sich in den Dienst der vom Irak aus regierenden Abbasiden. Al-Baladhuri berichtet, dass Soldaten aus Chorasan in den Jahren 141/142 der Hidschra (= 758/759) mit ihrem Kommandeur Maslam ibn Yahyā in Kilikien kampierten und dort die Stadt Adana gründeten.[5]

Unter der Herrschaft der nachfolgenden Dynastien (Tahiriden, Saffariden, Samaniden) entwickelte sich Chorasan zu einem der Zentren persischer und islamischer Kultur. Diese Tradition wurde von den nachfolgenden turko-persischen Dynastien (Ghaznaviden, Seldschuken), die nach und nach die lokalen Dynastien ablösten, fortgesetzt. 1220 wurde Chorasan von den Mongolen unter Dschingis Khan überrannt und erobert, erlebte jedoch unter seinen Nachkommen (Ilchane, Timuriden, Mogulen) eine erneute Blütezeit.

Die wichtigsten und bekanntesten Gelehrten und Sufis (islamische Mystiker) der persisch-islamischen Welt lebten und wirkten hier, unter anderem der Arzt Avicenna, der Erfinder der Algebra al-Chwarizmi, der Theologe al-Ghazali, die Dichter Rumi, Attar und Ferdousī, die Mathematiker Ulugh Beg und Omar Chajjam und der Universalgelehrte al-Biruni.

1598 kam der größte Teil Chorasans endgültig unter iranische Oberhoheit, als die Safawiden den größten Teil Ostirans eroberten. Zeitweise waren kleinere Teile im Nordwesten und Südwesten unter usbekischer oder indischer Herrschaft. 1748 wurde in Chorasan die paschtunische Dynastie der Durrani gegründet, deren Emire als „Herrscher von Chorasan“ zu den Vorläufern des heutigen Staates Afghanistan wurden. 1863 fiel Herat endgültig an Afghanistan, Merw 1884 an Russland. Heute sieht sich Afghanistan bzw. die persische (tadschikische) Bevölkerung Afghanistans als rechtmäßiger Nachfolger des mittelalterlichen Chorasan.

In Chorasan vermischten sich viele Völker, ihr Wissen und ihre Kulturen mit der einheimischen iranischen Zivilisation. Durch diese lange und wichtige Geschichte hat diese Region einen besonderen Wert nicht nur für die iranische Bevölkerung, sondern auch für Kurden, Türken, Araber und Inder. Dies zeigt sich noch heute in der Zusammensetzung der Bevölkerung Chorasans.

Bevölkerung[Bearbeiten]

Chorasan ist aufgrund seiner wechselvollen Geschichte eine multi-ethnische Region. Die Bevölkerung Chorasans setzt sich mehrheitlich aus Persern, Arabern, Türken, Kurden, Mongolen und Belutschen sowie aus kleineren Gruppen von Juden und Luren zusammen.[6] Hinzu kommen einige verstreut im Iran lebende, ehemals nomadisierende Ethnien, zu denen in Chorasan unter anderem die aus Indien stammenden Jat und die Asheq (vgl. Aşık) genannten Musiker gezählt werden.[7]

Die größte Bevölkerungsgruppe in Chorasan bilden die Sprecher iranischer Sprachen, hauptsächlich Persisch und Paschtu, wobei Persisch sowohl zahlenmäßig als auch historisch und kulturell die dominierende Sprache ist. Eine bedeutende Minderheit bilden die Sprecher zentralasiatischer Turksprachen, von denen Usbekisch und Turkmenisch sicherlich die wichtigsten sind. Daneben findet man auch kleinere Gemeinden von Arabern und Kurden.

99 Prozent der Bevölkerung Chorasans ist muslimisch, davon die Mehrheit im iranischen Teil schiitisch in den anderen Ländern mehrheitlich sunnitisch, mit einer sehr bedeutenden schiitischen Minderheit. Besonders der Westen Chorasans ist ein Zentrum der schiitischen Konfession. Unter anderem befindet sich dort die für Schiiten heilige Stadt Maschhad.

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. A. Ghilain: Essai sur la langue parthe: son système verbal d'après les textes manichéens du Turkestan oriental. Bureaux du Muséon, Louvain 1939.
  2. H. S. Nyberg: A Manual of Pahlavi II. Harrassowitz, Wiesbaden 1974.
  3. al-Balāḏurī: Kitāb Futūḥ al-Buldān. Ed. Michael Jan de Goeje. Brill, Leiden 1866, S. 403. Z. 3. (Digitalisat)
  4. Artikel: ʿAbd Allāh: ʿĀmir. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band I: A-B. Blill, Leiden 1986, ISBN 978-90-04-08114-7, S. 43b.
  5. Al-Balāḏurī: Kitāb Futūḥ al-Buldān. Ed. Michael Jan de Goeje. Brill, Leiden 1866, S. 168, Z. 11f. (Digitalisat)
  6. Pierre Oberling: Chorasan. In: Ehsan Yarshater (Hrsg.): Encyclopædia Iranica (englisch, inkl. Literaturangaben)
  7. Sekandar Amanolahi: The Gypsies of Iran (A Brief Introduction). In: Iran & the Caucasus. Band 3/4, 1999/2000, ISSN 1609-8498, Brill, Leiden 1999, S. 109–118, hier S. 109.