Chorprobe

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Unter einer Chorprobe, auch Singstunde (bspw. bei Gesangvereinen)[1] oder Gesangstunde, versteht man das Treffen eines Chores mit dem Ziel der inhaltlichen Vorbereitung einer musikalischen Aufführung.

Probeninhalte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Man unterscheidet inhaltlich drei Aspekte, die in einer Chorprobe zu leisten sind:

Allerdings kann man diese Bereiche nicht strikt trennen. Man kann durchaus bei einer technischen Übung die spätere Interpretation vorbereiten oder bei der Vermittlung des Notentextes Stimmbildung betreiben. Ein guter Chor „lernt nicht Noten – er lernt, wie man Noten singt“!

Probenmodelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Professionelle Chöre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Professionelle Chöre haben für die Vorbereitung von Aufführungen und Konzerten in der Regel sehr wenig Vorbereitungszeit. Analog zu der Situation im Orchester müssen oft zwei bis drei zweistündige Proben ausreichen. Dies hängt zum einen mit der Kostenrechnung zusammen: Viele Proben kosten Geld, eine Aufführung kann daher – gerade bei größeren Besetzungen – schnell sehr teuer werden. Zum anderen müssen bei professionellen Chören wenige Proben „im Block“ (d. h. zeitnah direkt vor der Aufführung) genügen, da diese Chöre (vor allem Rundfunkchöre) sehr viel mehr Projekte mit wechselnden Programmen durchführen als Laienchöre.

Kompensiert wird die kurze Probenzeit vor allem durch die Professionalität der zumeist durch ein Gesangsstudium ausgebildeten Chormitglieder, die sich selbstständig in den Notentext einarbeiten, so dass die Probenzeit ausschließlich für die Interpretation der Werke genutzt wird.

Projektchöre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Projektchöre sind überwiegend im semiprofessionellen Bereich anzutreffen; teilweise werden sie auch nur speziell für bestimmte Konzerte zusammengestellt. Geprobt wird in der Regel am Wochenende, oft auch über den ganzen Tag. Sinn dieses Probenmodus ist es, vor allem ambitionierte Sänger zu gewinnen, die sich nicht dauerhaft an einen Chor binden wollen oder auch nur an bestimmter Chormusik auf einem bestimmten Niveau interessiert sind.

Laienchöre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laienchöre treffen sich meist regelmäßig an einem Abend/Nachmittag in der Woche, seltener auch im 14-tägigen Abstand. Aufgrund der Klientel umfasst die Probe nicht nur die musikalische Gestaltung, sondern in erster Linie die Vermittlung von Notentext und Inhalten sowie technische Aspekte wie Stimmbildung oder Technik. Insgesamt steht hier der pädagogische Aspekt im Vordergrund. Im Gegensatz zum professionellen Bereich, in dem ganz konkret auf eine Aufführung hingearbeitet wird, spielt bei Laienchören oft die Repertoire-Pflege eine tragende Rolle.

Probenaufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Aufbau einer Chorprobe läuft zumindest im Laienbereich meistens nach den allgemeinen didaktischen und methodischen Grundsätzen des allgemeinen Unterrichts. Eine Chorprobe kann von daher z. B. folgenden Aufbau haben:

Sammlungs- und Einstiegsphase

Die erste Phase einer jeden Probe dient dem Einstieg und der Überleitung zum Alltag. Dabei werden drei Ziele verfolgt: Die Sänger sollen für die folgende Probe sensibilisiert werden und sich auf eine konzentrierte Arbeit einstellen. Daher wendet man häufig Körperwarmups und Atemübungen an. Zudem dient der Einstieg dem Aufwärmen der Stimme, die analog zum Leistungssport nicht ohne Aufwärmen voll belastet werden sollte. Als letztes Ziel wird beim Einsingen Stimmbildung vermittelt, um einen Gesamtklang zu formen und die Fähigkeiten der einzelnen Sänger auszubauen.[2]

Arbeitsphase

In der Arbeitsphase werden neue Stücke erarbeitet und bereits bekannte weiter vertieft. Oft beginnt man mit der Vermittlung des Notentextes und erarbeitet anschließend den zugehörigen Text und das äußere Erscheinungsbild (Dynamik, Tempo, Akzente). Die Arbeitsphase nimmt zeitlich den Großteil der Chorprobe ein.

Wiederholungsphase

Ähnlich wie bei der schulischen Didaktik ist es sinnvoll, zum Ende einer Chorprobe ein Erfolgserlebnis stehen zu haben. Das passiert meist in Form eines gut klingenden Stückes. Daher dient die letzte Phase auch immer der Wiederholung bekannter Stücke, die somit nicht nur vertieft werden, sondern auch als Abschluss einer gelungenen Chorprobe stehen.

Methodik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chorprobe mit Instrument?[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Quellenlage zur Probenmethodik aus älterer Zeit ist spärlich. Im Barock ist eine instrumentale Begleitung zur Sängerprobe dokumentiert:

„Nicht nur um die Schüler in dem genommenen Tone zu erhalten, sondern auch zugleich um ihnen das Ohr und die Stimme desto geschwinder zu bilden, ist es gut, wenn der Lehrmeister dieselben zu ihren Lectionen auf einem Flügel accompagnieret.“

Friedrich Wilhelm Mapurg: Anleitung zur Musik, 1763[3]

Friedrich Erhard Niedt empfiehlt 1708 ebenfalls den Einsatz von Instrumenten:

„Der Informator thut auch sehr wohl / wenn er seine Scholaren exerciret / daß er allezeit eine Fundament-Stimme / als Clavicimbel, Bass-Geige / Violdigamb, Fagott, oder was er mit dem Bass mit machen kan / darzu brauchet / denn dadurch wird nicht alleine das Gehör gescharfet / die Thone feste beygebracht / sondern das Judicium wird auch mit der Zeit so subtil gemachet / daß ein solcher Knabe zu unterscheiden weiß / obs recht oder unrecht gehet.“

Friedrich Erhard Niedt: Musicalisches ABC
Chorprobe bei Anton Friedrich Justus Thibaut in Heidelberg. Die Sänger werden hier an einem Cembalo begleitet.

Eine Bildquelle aus dem 19. Jahrhundert zeigt eine Probe bei Anton Friedrich Justus Thibaut mit Unterstützung durch ein Tasteninstrument. Bis in das 20. Jahrhundert war auch die Violine ein häufig benutztes Probeninstrument, welches teilweise obligat an Lehrerseminaren unterrichtet wurde.[4] Kurt Thomas sieht eine Probe ohne Instrument bei A-Cappella-Musik als „Idealfall“ an.[5] Bei Chorwerken mit Instrumentalbegleitung dient das Klavier bei ihm dazu, den Chor an die temperierte Stimmung des Orchesters zu gewöhnen. Laut Martin Behrmann war das Klavier „früher einziges Hilfsmittel der Probentechnik; eine Zeitlang grundsätzlich verdammt, heute mit gezielter Aufgabenstellung wieder allgemein in der Chorpraxis üblich“.[6]

Die Chorprobe in Film und Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filmisch wurde das Thema vom schwedischen Regisseur Kay Pollak aufgegriffen. Sein Film Wie im Himmel (2004) mit Michael Nyqvist in der Hauptrolle wurde weltweit ein Überraschungserfolg, ebenso wie der Soundtrack. 2005 wurde Wie im Himmel für den Oscar als bester ausländischer Beitrag nominiert. Das gemeinsame Musizieren im Chor wird eindrucksvoll als Instrument menschlicher Solidarisierung und Heilung dargestellt. Die österreichische Schriftstellerin Sabine M. Gruber hingegen verarbeitet das Thema in ihrem Roman Chorprobe (2014) ambivalent. Im Mittelpunkt steht der fiktive semiprofessionelle „Chorus“ mit dem egozentrischen Chorleiter Wolfgang G. Hochreiter und der unerfahrenen Chorsängerin Cindy Franck. Der Chorus ermöglicht zwar großartige musikalische Erlebnisse, entpuppt sich aber nach und nach als ein ausgeklügeltes System von Macht und Abhängigkeit.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Günther Bastian, Wilfried Fischer: Handbuch der Chorleitung. Schott, Mainz 2006, ISBN 3-7957-5785-1.
  • Martin Behrmann: Chorleitung. Band 1. ISBN 978-3-7751-0876-8.
  • Bettina Gratzki: Die reine Intonation im Chorgesang. Verlag für systematische Musikwissenschaft GmbH, Bonn 1993 (Exzerpt)
  • Waldemar Klink: Der Chormeister.
  • Benedikt Lorse: Einsingen – Das Handbuch. 150 Warmups für Chor und Solisten. Fidelio, Gerolstein 2015, ISBN 978-3-00-049638-7.
  • Friedrich Wilhelm Marpurg: Anleitung zur Musik.
  • Kurt Thomas: Lehrbuch der Chorleitung.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.duden.de/rechtschreibung/Singstunde
  2. Archivlink (Memento des Originals vom 29. Mai 2015 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.fidelio-verlag.de
  3. Friedrich Wilhelm Mapurg: Anleitung zur Musik. S. 24
  4. Barbara Gratzki: Die reine Intonation im Chorgesang. S. 117
  5. Kurt Thomas: Lehrbuch der Chorleitung. Band 1, S. 113
  6. Martin Behrmann: Chorleitung. S. 62