Nico (Sängerin)

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Nico, 1985

Nico (* 16. Oktober 1938 als Christa Päffgen in Köln; † 18. Juli 1988 auf Ibiza) war eine deutsche Schauspielerin, Sängerin, Komponistin und Librettistin. Sie galt in den 1950er Jahren als das erste deutsche Supermodel und war als Musikerin wegweisend für Musikrichtungen wie Punk, Wave und Gothic und viele nachkommende Frauen der zeitgenössischen Pop- und Rockmusik.

Leben und Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über Christa Päffgens Leben existieren unterschiedliche Angaben, da sie ihre Biografie oft mit interessanten Herkunftsgeschichten aufhübschte, um ihre deutsche Herkunft zu kaschieren, und sich in Interviews auch manchmal jünger machte, als sie war. So erzählte sie oft, sie habe gar keine deutschen Wurzeln, sondern sei das Kind spanisch/jugoslawischer Eltern und in Budapest geboren, was aber durch noch lebende Verwandte in Berlin widerlegt wurde.

Familie, Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Päffgens Vater Wilhelm, laut ihrer Aussage ein Archäologe,[1] stammte aus der Kölner Brauereidynastie Päffgen. Die vermögende katholische Familie war mit der Ehe mit der aus einfachen Verhältnissen stammenden, protestantischen Mutter Margarete Schulze nicht einverstanden, obwohl Christa extra deswegen noch katholisch getauft worden war. Der Vater wurde kurz nach ihrer Geburt zur Wehrmacht eingezogen und die Ehe annulliert. Margarete Päffgen musste aufgrund dessen ihre Prämie für das erste Kind zurückzahlen und die Unterhaltszahlungen wurden mit dem vermeldeten Tod 1942 ganz eingestellt. Da die konservative Brauereifamilie Mutter und Kind nicht unterstützen wollte, zogen sie von Köln zuerst nach Berlin-Schöneberg, zu ihrer Schwester Helma Wolff und deren gleichaltrigem Sohn Ulrich, der später ein bekannter Architekt werden sollte. Als die Bombenhagel zunahmen, weiter nach Lübbenau/Spreewald, wo der Vater Bahnhofsvorsteher war, in ein Haus in der Nähe des Bahnhofs. Zur Päffgen-Familie hatte sie wenig Kontakt, ihren Cousin C.O. Paeffgen lernte sie erst als Erwachsene kennen. Mit 13 Jahren soll Nico laut verschiedenartig kolportierten Aussagen, u. a. auch von ihr selbst, von einem GI der US Air Force vergewaltigt worden sein, der wegen der Tat zum Tode verurteilt worden sein soll.[2] In „Secret Side“ auf The End… verarbeitete sie laut div. Quellen die Tat.[3]

Mode[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Krieg arbeitete die Mutter als Schneiderin und Verkäuferin für Damenmode im Berliner KaDeWe. Christa besuchte das Gymnasium und bekam Ballettstunden, die ihre Mutter mit harter Arbeit finanzierte. Da die Mutter für viele wohlhabende Privatleute schneiderte, setzte sie ihre Tochter als Vorführdame ein, so kam Christa schon früh in Berührung mit Mode und wusste um ihre Wirkung. Leuten aus Oper und Theater und anderen Kreisen der gehobenen Gesellschaft, luden Mutter und Tochter zu Vorführungen ein, zu denen sie sonst aufgrund ihrer Herkunft aus einfachen Verhältnissen, nicht so leicht Zugang bekommen hätten. Als die Tochter mit 14 nicht mehr in die Schule gehen wollte, da ihr die „gleichgeschaltete“ Wissenvermittlung nicht zusagte, vermittelte ihr die Mutter zunächst eine kleine Stelle als Verkäuferin. Christa wollte aber lieber weiter Kleider vorführen und wurde schon bald wegen ihrer für ihre Zeit sehr hochgewachsenen Gestalt von über 1,75 m und ihres attraktiven Aussehens als hauseigene Vorführdame eingesetzt. Bei einer der KaDeWe-Modenschauen wurde sie mit 15 Jahren von dem jungen ehrgeizigen Fotografen Herbert Tobias entdeckt, der ihr Aufträge für Modestrecken in den ersten deutschen Nachkriegsmodemagazinen und Werbeprospekten verschaffte. Der Modedesigner Heinz Oestergaard verschaffte ihr internationale Aufträge, so dass sie für namhafte Modemagazine gebucht wurde. 1956 (nach anderen Quellen 1959) zog sie nach Paris und kam in der Agentur von Dorian Leigh unter. Dort stellte sie sich dem Dior-Starfotografen Willy Maywald vor, der nicht nur Modefotos von ihr machte, sondern ihr auch als wichtiger Freund zur Seite stand.[4] Oestergaard empfahl ihr einen Namenswechsel, da Christa zu deutsch klänge, und gab ihr den Namen Nico nach dem Filmemacher Nico Papatakis. Ob Papatakis zu der Zeit, wegen der Strafbarkeit von Homosexualität, sein heimlicher Lebenspartner war, ist unklar. Fest steht, dass ihn Oestergaard sehr verehrte und Nico später Papatakis' Freundin wurde.[5] Zu dieser Zeit experimentierte sie mit verschiedenen Künstlernamen; so nannte sie sich Christa Nico, Nico Otzak,[6] am Ende blieb sie bei Nico. Ende der 1950er Jahre gehörte sie als erste Deutsche zu den international erfolgreichsten Models der Modeszene, vergleichbar mit den heutigen Supermodels, und wurde von der New Yorker Agentur Eileen Ford unter Vertrag genommen. Sie verdiente zu dieser Zeit so viel Geld, dass sie es sich leisten konnte, 1962 ein Haus auf Ibiza zu kaufen und ihre Mutter dorthin zu bringen, die zu der Zeit wegen beginnenden Morbus Parkinson schon gesundheitlich schwer angeschlagen war.

Schauspiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zunächst nur als attraktive Statistin ohne Text gebucht, bekam sie zunehmend mehr Angebote für den Film. Sie spielte in Werbespots mit und erhielt 1960 einen ersten längeren Auftritt in Federico Fellinis Film La Dolce Vita, in dem sie sich selbst spielte. 1961 besuchte sie in New York City die Schauspielschule von Lee Strasberg. Eine ihrer Mitstudentinnen war nach Nicos Aussage die 1961 in New York lebende Marilyn Monroe.[7] 1963 hatte sie ihre erste Hauptrolle im französischen Film Das Mädchen Ariane, bei dem zwar ihr schwerer deutscher Akzent bemängelt, ihre Darstellung aber von den Kritikern insgesamt wohlwollend besprochen wurde, was sie darin bestärkte, den Weg weiterzugehen und professionellen Schauspielunterricht zu vertiefen.

Jahre in New York[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nico, 1974

In New York lernte sie Andy Warhol kennen. Dieser begeisterte sich für sie, da er nach dem Streit mit Edie Sedgwick eine neue Muse zur Inspiration suchte, und begann sie und ihre Ambitionen zu fördern. Sie wurde Teil der Factory, einer der Warhol Superstars und spielte in diversen Filmen Warhols mit wie in The Chelsea Girls. 1966 war sie so bekannt, dass sie zum „Popgirl ’66“ gewählt wurde. Warhol suchte nach einer passenden Band für Nico und fand The Velvet Underground, brachte sie zusammen und produzierte deren Debütalbum The Velvet Underground & Nico, das nicht zuletzt von Nicos Gesang, ihrer charakteristischen tiefen Stimme und ihrem unverwechselbaren Akzent geprägt ist. Ihre Anwesenheit war für die Plattenfirma ausschlaggebend, der Band überhaupt einen Plattenvertrag zu geben, was dem Sänger und Hauptsongschreiber Lou Reed zu schaffen machte. Zwischen Nico und Lou Reed gab es eine kurze Liebesbeziehung; allerdings wollte sich Reed mit seiner Gruppe nicht auf die Rolle der Begleitband reduzieren lassen, so dass Nico nur drei Songs (Femme Fatale, All Tomorrow’s Parties und I’ll Be Your Mirror) auf der Platte singen durfte und ansonsten das Tamburin zu schlagen und bei Auftritten gut auszusehen hatte. Eine Zurücksetzung, die Nico missfiel, da sie nachhaltig auf ihrer Gesangskarriere beharrte. So zerbrach die Beziehung bald. Lou Reed wurde die treibende Kraft der Band und drängte das inoffizielle Mitglied Nico aus dem Bandkontext. Nicos neuer Förderer wurde Reeds Bandkollege John Cale.

Solokarriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nico hatte schon vor Velvet Underground eine Karriere als Solosängerin angestrebt und erste Erfolge in Europa gehabt. Sie pendelte zwischen Paris und London hin und her, lernte verschiedene Musiker und Produzenten wie Bob Dylan, Brian Jones von den Rolling Stones und Jimmy Page von den Yardbirds bzw. später Led Zeppelin kennen. 1965 nahm sie ihre erste Single I’m Not Sayin' auf, zu der auch ein passendes Musikvideo gedreht wurde, das sie, in Schwarzweiß gehalten, singend auf den Straßen von London und am Ufer der Themse zeigt und zu den ersten Musikvideos überhaupt gehört. Der Song erschien auf Immediate, dem Label des Rolling-Stones-Managers Andrew Loog Oldham, bei dem neben Brian Jones, mit dem sie damals liiert war, Jimmy Page als Produzent arbeitete.

Chelsea Girl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1967 nahm sie in New York ihr erstes Solo-Album Chelsea Girl auf, auf dem sie Songs von Bob Dylan, Tim Hardin, Lou Reed, Jackson Browne und John Cale sang. Nico war unzufrieden mit der Platte. Sie fand sie zu kitschig und konnte die musikalische Untermalung, besonders mit Flöten und Harfen, nicht leiden. Auf der Platte konnte sie selbst nur einen einzigen eigenen Song, It Was a Pleasure Then, unterbringen, alle anderen wurden von anderen geschrieben. Auch bei der Produktion hatte sie kein Mitspracherecht. Zu der Zeit lernte Nico den noch unbekannten Leonard Cohen kennen, den sie in die New Yorker Künstlerszene um Andy Warhol und Lou Reed einführte. Cohen verliebte sich unglücklich in Nico und ließ sich von ihr zu den Songs The Jewel in Your Shoulder, Take This Longing (The Bells), Memories, Joan of Arc und One of Us Cannot Be Wrong inspirieren.[8]

The Marble Index[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cale, der 1968 ebenfalls bei The Velvet Underground ausschied, produzierte weiterhin für sie. So entstand in Los Angeles das im darauffolgenden Jahr veröffentlichte Album The Marble Index, in dem sie sich vom süßlichen Pop ihres Debüts löste. Unter dem unmittelbaren Einfluss des Doors-Sängers Jim Morrison, der sie zum Schreiben eigener Songs animiert hatte,[9] wurde Nicos Musik immer unkonventioneller und war kommerziell nur wenig erfolgreich. Nico spielte unter anderem ein indisches Harmonium. „Es ist ein Kunstprodukt. Man kann Selbstmord nicht verpacken“, äußerte sich John Cale einmal zum kommerziellen Scheitern von The Marble Index.[10] Marble Index gilt heute als Meilenstein der Musikgeschichte, der Musikrichtungen wie Dark Wave, Gothic und Punk, aber auch Ambient vorwegnahm. Auf ihren Alben fanden sich zahlreiche Gäste wie Brian Eno, der heute als Erfinder des Ambient gilt, oder Phil Manzanera von Roxy Music. Für das Lied Evening of Light drehte sie unter der Regie von François De Menil zusammen mit Iggy Pop und The Stooges ein Musikvideo.[11] Das Album Desertshore wurde 1970 ebenfalls von Cale in London produziert. Beide Werke wurden 2007 als remasterte Doppel-CD The Frozen Borderline 1968–1970 mit 17 Bonustiteln wiederveröffentlicht.

The End…[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nico, 1974
Grabmal von Nico und ihrer Mutter auf dem Friedhof Grunewald-Forst

1974 nahm sie das Album The End … auf, das von der Plattenfirma mit dem Spruch „Warum Selbstmord begehen, wenn Sie diese Platte kaufen können?“ beworben wurde, was auf die düstere Version des Titelsongs The End (im Original von den Doors) anspielte. Auf dem Album sang sie unter anderem das Deutschlandlied in abgeänderter Version: In der dritten Strophe ersetzte sie … sind des Glückes Unterpfand durch für das deutsche Vaterland. Bei einem Auftritt widmete sie das Lied dem inhaftierten RAF-Terroristen Andreas Baader und löste einen Skandal aus. Entrüstete Konzertbesucher bewarfen sie dafür mit Flaschen und Müll.[12][13]

1981 nahm Nico ihr vorletztes Studioalbum Drama of Exile auf. Die Masterbänder kamen unter ungeklärten Umständen abhanden. Das Album wurde ein zweites Mal in etwas veränderter Besetzung aufgenommen. Beide Versionen kamen auf den Markt; Nico bezeichnete die auf der Erstfassung beruhende LP als Bootleg. 1984 nahm sie dann – wiederum mit Cale als Produzenten und begleitet von der Band The Faction – ihr letztes Studioalbum Camera Obscura auf.

Liaison mit Alain Delon und Sohn Ari[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1962 kam ihr Sohn Christian Aaron Päffgen, genannt Ari, zur Welt. Päffgen gab Alain Delon, den sie während der Dreharbeiten zu Nur die Sonne war Zeuge kennengelernt hatte, als Vater an. Sie sollte bei dem Film die Rolle der Marge spielen. Bei Ankunft erfuhr sie, dass die Rolle mit Marie Laforêt umbesetzt worden war. Delon tröstete sie und sie begannen eine Affäre. Zur fraglichen Zeit aber auch noch mit Romy Schneider liiert, bestreitet er aber bis heute die Vaterschaft.[14] Der Prozess wurde zu der Zeit von der Boulevardpresse intensiv beobachtet. Am Ende verlor Nico den Prozess wegen Formfehlern, da sie es versäumt hatte, Delon gleich bei Ausstellung der Geburtsurkunde als Vater anzugeben.[15] Ari Päffgen wuchs zunächst bei seiner Mutter auf, wurde aber verhaltensauffällig, da Nico mit der Erziehung überfordert war, so dass ihn schließlich seine Großmutter mütterlicherseits aufnahm. Als diese dann an Parkinson erkrankte und sich auch nicht mehr um das Kind kümmern konnte, sorgte Ende der sechziger Jahre Delons Mutter Edith Boulogne dafür, dass das Kind zu ihr kam. Er wurde später von ihrem zweiten Ehemann adoptiert, um ihn in die Familie zu integrieren, wusste dabei aber zu vermeiden, dass Delons Sohn gleichzeitig sein Bruder wurde. Diese Adoption führte zu einem Bruch Delons mit seiner Mutter, der bis zu ihrem Tod bestand.[16] Wegen Päffgens zunehmender Drogensucht hielt die Familie den Sohn von ihr fern und ließ ihn sie nur sporadisch besuchen. Erst mit 19 Jahren nahm Ari wieder engeren Kontakt zu seiner Mutter auf, kämpfte aber selbst mit Drogensucht und ständigen Rückfällen. Ari ist selbst künstlerisch als Fotograf und Schauspieler tätig und hat zwei Kinder, den Sohn Charles (* 1999), der kein Interesse an der Prominenz seiner Familie hat und als Erzieher arbeitet und die Tochter Blanche (* 2006). Er wehrte sich gegen die Vorwürfe gegenüber seiner Mutter. Zitat: „Sie war eine sehr gute Mutter. Sie hat mir alles gegeben. Sogar Drogen.“[17]

Drogenmissbrauch und Tod[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nico begann schon während ihrer Pariser Modelzeit Drogen zu nehmen, Cannabis und Amphetamine, die sie als Appetitzügler schluckte. Während der Liaison mit Philippe Garrel begann Nico durch seinen Einfluss Heroin zu spritzen und wurde süchtig. Sie forderte sogar von ihrer Umgebung, wie den Mitgliedern ihrer Begleitband, Heroinkonsum ein und fixte ihren eigenen Sohn an, als er mit 19 zu ihr zog.[18] 1985 machte sie eine Methadon-Therapie und war die letzten drei Jahre ihres Lebens, von Cannabiskonsum abgesehen, clean.[19] Der exzessive Lebenswandel forderte allerdings seinen Tribut; so war der daraus resultierende schlechte körperliche und gesundheitliche Zustand ein Grund für den frühen Tod der Sängerin. Am 18. Juli 1988 stürzte sie bei einer Fahrradfahrt auf Ibiza und starb in Folge eines zu spät erkannten geplatzten Aneurysmas am selben Tag im Krankenhaus. Nico wurde in Berlin auf dem Friedhof Grunewald-Forst (am Schildhorn) im Grab ihrer Mutter beigesetzt.[20]

Kultureller Einfluss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nicos bewusste radikale Abkehr von allem, was sie früher ausgemacht hatte, ihre nihilistische Haltung, Erscheinung und Mode, ihre Verweigerung der traditionellen Frauenrolle und sämtlicher Political correctness, die kompromisslos experimentelle und düstere Atmosphäre ihrer Alben, verschafften ihr zu Lebzeiten und auch nach ihrem Tod viel Respekt. International ist Nicos Bedeutung unbestritten. In Deutschland aber wurde sie weitestgehend ignoriert. 2006 scheiterte die Benennung eines Platzes in Köln, wegen ihres „nicht vorbildlichen“ Lebenswandels, an den Stimmen der CDU.[21]

Außenwirkung und Lebensstil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nico nahm nicht nur mit ihrer Musik viele spätere Strömungen vorweg, sondern auch mit ihrer gesamten Lebenseinstellung. So traf sie viele Entscheidungen in ihrer optischen Erscheinung, die später charakteristisch für die Punk- und Gothicszene wurden. Sie färbte sich die Haare schwarz, ließ ihr Äußeres verfallen und trug als einziges Make-up schwarzen Kajal um die Augen. Sie konsumierte offen Heroin und verletzte sich selbst mit ihren Spritzen. Sie trug schwarze, altmodische, zerrissene Kleidung, schwere Lederstiefel, lange Mäntel und mied die Sonne. Sie galt als Die Frau, die niemals lacht.[22][23]

Musikalischer Einfluss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Künstler wie Ian Curtis (Joy Division), Ian Astbury (The Southern Death Cult) verehrten sie. Iggy Pop, den sie über Danny Fields kennengelernt hatte, widmete ihr nach einer Affäre den balladesken Song Nazi Girlfriend.[24] Viele Frauen der Musikszene, wie Siouxsie Sioux, Lisa Gerrard, Patti Smith, Marianne Faithfull und Björk wurden durch Nicos Musik inspiriert, schrieben ihr zu Ehren Lieder oder interpretierten ihre Werke und ihre Lyrik. Peter Murphy (Bauhaus) bezeichnete Nicos Alben The Marble Index und The End... sogar als erste „richtige“ Gothic-Alben. Zusammen mit Nico stand Murphy im Oktober 1981 in Manchester auf der Bühne und beide sangen den Velvet-Underground-Hit I'm Waiting for the Man.[25] In ihren Alben werden zudem Elemente erstmals experimentell verwendet, die später die Musikrichtungen Ambient und Industrial kennzeichnen. Nico selbst trug stets ein Tonbandgerät bei sich, um ungewöhnliche Klänge der Außenwelt einzufangen. Ein Novum zu dieser Zeit, das vor ihr nur Soundkünstler außerhalb der bekannten Pop- und Rockmusik wie John Cage praktizierten.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Brief eines unbekannten Fans an Nico auf ihrem Grab

1995 erschien über sie der vielbeachtete Dokumentarfilm Nico Icon der Kölner Regisseurin Susanne Ofteringer. Er wurde ein Jahr später auch vom Auftraggeber, dem ZDF, gesendet.

In der 2000 erstmals ausgestrahlten ersten, sowie auch in folgenden Staffeln der Serie Gilmore Girls wurde Nico mehrfach von der musikbegeisterten Lane Kim (gespielt von Keiko Agena) erwähnt, die sich selbst als großer Fan der Künstlerin bezeichnet.[26]

2002 wurde am Staatstheater Darmstadt Werner Fritschs Nico – Sphinx aus Eis uraufgeführt. Auf Grundlage des von Fritsch geschaffenen Monologs wurde auch ein Hörspiel produziert, das 2003 zum ersten Mal gesendet wurde. Darsteller der Nico im Theaterstück waren unter anderem Birgit Doll und Soap & Skin (2008).[27]

2007 wurde Nico eine Retrospektive bei der Cologne Conference gewidmet. Unter anderem waren selten aufgeführte Filme des französischen Regisseurs Philippe Garrel zu sehen, in denen Nico als Schauspielerin mitgewirkt hatte. In den 1970er Jahren war Garrel Nicos Lebensgefährte.

Das Kölner Museum für Angewandte Kunst widmet ihr 70 Jahre nach ihrer Geburt erstmals eine multimediale Schau (30. Oktober 2008 – 1. Februar 2009), die Mode, Film und Musik Nicos zeigt.[28][29]

Am 17. Oktober 2008 fand ein Tribut-Konzert für Nico in Berlin statt, das von ihrem Ex-Gefährten Lüül, Lutz Ulbrich, moderiert wurde. Auf dem Konzert an der Volksbühne Berlin erschienen u. a. die deutsche Schlagersängerin Marianne Rosenberg, die österreichische Sängerin Anja Plaschg alias Soap&Skin, Marianne Enzensberger, James Young (der Keyboard-Spieler bei Nicos letzter Band The Faction) sowie Ari Boulogne (manchmal Ari Päffgen genannt), der Sohn von Nico, der schon 2001 in Frankreich ein Buch mit seinen Lebenserinnerungen unter dem Titel L’amour n’oublie jamais veröffentlichte, dessen Umschlag ein Foto von ihm und seiner Mutter zeigt.[30]

Auf dem 2004er-Album der Indie-Band Angelika Express befindet sich das Stück Nico Päffgen, zudem findet sich auf dem 2005er Album der Alternative-Rock-Band Anberlin die Hommage Dance, Dance Christa Päffgen. Marianne Faithfull veröffentlichte auf ihrem Album Kissin’ Time 2002 den Song for Nico, den sie schrieb, nachdem sie Nicos Biographie gelesen hatte. Auch der Song Nico des Albums Tilt der Band Latin Quarter bezieht sich auf Päffgen.

Der Legendary Tigerman nahm mit dem Hifi Klub in Frankreich vier Neuinterpretationen von Nico-Stücken auf (mit Rita Redshoes als Gastsängerin bei Femme Fatale). Die vier Stücke wurden zu einem Mini-Tribute-Album zusammengefasst und erschienen 2012 als 10"-EP unter dem Titel Ghost of Nico.

2017 wählte die Vogue Nico auf Platz 1 der „einflussreichsten Rock-Blondinen aller Zeiten“.

2018 erschien der Film Nico, 1988, der sich auf die letzten Lebensjahre Päffgens konzentriert, aber auch Rückblenden auf die Anfangsjahre ihrer Karriere enthält. Dargestellt wird Nico von der dänischen Schauspielerin Trine Dyrholm, es sind aber auch Szenen mit der echten Christa Päffgen aus Schmalfilmen und Dokumentationen zu sehen. In Deutschland startete der Film am 18. Juli 2018 in den Kinos.[31]

Der Rolling Stone wählte 2018 den Song It has not taken long unter die besten 111 Songs eines Musikers/Band Deutscher Herkunft[32].

Diskografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1967: The Velvet Underground & Nico
  • 1967: Chelsea Girl
  • 1969: The Marble Index
  • 1970: Desertshore
  • 1972: Le Bataclan ’72 (Live, mit Lou Reed und John Cale)
  • 1974: The End…
  • 1974: June 1, 1974 (mit Kevin Ayers, John Cale und Brian Eno)
  • 1980: Strange Window (Live in Milwaukee)
  • 1981: Drama of Exile
  • 1981: Lüül: Lüül (Gesang bei „Reich der Träume“)
  • 1982: Do or Die: Diary 1982 (Nico in Europe)
  • 1984: Camera Obscura
  • 1985: Nico Live in Pécs
  • 1986: Live Heroes
  • 1986: Behind the Iron Curtain
  • 1987: Nico in Tokyo
posthum
  • 1989: Hanging Gardens
  • 1994: Heroine
  • 1994: Fata Morgana (Nico’s Last Concert), live 1988.
  • 1998: The Classic Years
  • 2002: Innocent and Vain
  • 2007: All Tomorrow’s Parties (live 1983, Doppelalbum)
  • 2007: Nico: The Frozen Borderline

Filmografie (Auszug)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Vagn Lundbye: Nico. Berg, Dänemark 1969.
  • Richard Witts:[33] Nico: The Life and Lies of an Icon. Virgin Books, London 1993, ISBN 1-85227-470-0.
  • James Young: Songs They Never Play on the Radio: Nico, the Last Bohemian Bloomsbury, London 1992, ISBN 0-7475-1194-2.
    • Nico – Reise in die Finsternis: Die letzten Jahre einer Rock-Legende, Übersetzung von Rüdiger Völckers, Egmont VGS 1992, ISBN 3-8025-2233-8.
    • Nico – The End, USA-Ausgabe, The Overlook Press, USA, 1993, ISBN 0-87951-504-X
    • Nico – Songs They Never Play on the Radio, Zweite Engl. Auflage, Arrow 1993, ISBN 0-09-927571-6.
    • Nico – Songs They Never Play on the Radio, Dritte Engl. Auflage, Bloomsbury 1999, ISBN 0-7475-4411-5.
  • Lutz Ulbrich: Lüül. Ein Musikerleben zwischen Agitation Free, Ashra, Nico, der Neuen Deutschen Welle und den 17 Hippies. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, 2006, ISBN 3-89602-696-8
  • Ari (d. i. Ari Boulogne/Päffgen): L’amour n’oublie jamais. 1. Auflage. Pauvert, Paris 12. April 2001, ISBN 2-7202-1400-0.
  • Antoine Giacomoni: Nico. Photographies. Dragoon, Paris 2002.
  • Nico, Jacques Pauvert, Ari Boulogne: Nico. Cible mouvante. Chansons, Poèmes, Journal. Pauvert, Paris 2001.
  • Ingeborg Schober: Pop-Tragödien: die spektakulärsten Fälle von den Beach Boys bis Nirvana. Ueberreuter, Wien 2004, ISBN 3-8000-7004-9.
  • Lutz Ulbrich: Nico — Im Schatten der Mondgöttin. CreateSpace Independent Publishing Platform, 2016, ISBN 978-1523289981.
  • Tobias Lemkuhl: Nico: Biographie eines Rätsels. Rowohlt, Berlin 2018, ISBN 978-3737100328.

Inspiriert von Nicos Biografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Werner Fritsch: Nico – Sphinx aus Eis[34][35] (Monolog), Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2004.
  • Alban Lefranc: Angriffe: Fassbinder. Vesper. Nico (Roman). Blumenbar Verlag, München Oktober 2008, ISBN 978-3-936738-43-8.
  • Alban Lefranc: Vous n’étiez pas là (Roman).
  • Film: Nico, 1988 (Italien, Belgien 2017) von Susanna Nicchiarelli. Mit Trine Dyrholm (die selbst singt).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Nico – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. The Velvet Underground Companion, Albin Zack III, S. 45, Jim Condon: The Perils of Nico (1983), Simon & Schuster Macmillan, ISBN 0-8256-7242-2.
  2. * James Young: Songs They Never Play on the Radio: Nico, the Last Bohemian Bloomsbury, S. 150ff, London 1992, ISBN 0-7475-1194-2
  3. http://starling.rinet.ru/music/nico.htm#End abgerufen am 27. Mai 2012
  4. Willy Maywald: Die Splitter des Spiegels, Schirmer/Mosel 1985.ISBN 3-88814-165-6
  5. http://agnautacouture.com/2012/07/08/nico-was-reverded-to-as-the-most-beautiful-creature-who-ever-lived/ - abgerufen am 9. März 2013
  6. Peter Hogan: The Dead Straight Guide to The Velvet Underground and Lou Reed, This Day In Music Books, 2017, S. 52 [1]
  7. Richard Witts: Nico: Life And Lies Of An Icon, Random House, 2017: ‘Marilyn Monroe was in my class. It was very exciting.’
  8. Sylvie Simmons: I’m Your Man. Das Leben des Leonard Cohen, München 2014, ISBN 978-3-442-74289-9, S. 223–225
  9. Stephen Davis: Jim Morrison – Life, Death, Legend. Gotham, New York 2004, S. 192
  10. Dave Thompson: Schattenwelt. Helden und Legenden des Gothic Rock. Hannibal, Höfen 2004, ISBN 3-85445-236-5, S. 70
  11. https://m.imdb.com/title/tt0375742/
  12. Dana Horáková: Starke Frauen. BASTEI LÜBBE, 2011, ISBN 978-3-869-95016-7, S. 163 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  13. https://www.br.de/radio/bayern2/musik/nachtmix/playback/playback-nico-100.html
  14. Das Rätsel um Nico
  15. Delon und Nico Der schönste Mann der Welt, Stuttgarter Zeitung, 31. Dezember 2010
  16. Ari Boulogne, 38, hat ein Buch geschrieben: Über seine Sehnsucht, dass ihn sein Vater anerkennt. Er sagt, es sei Alain Delon Der Muttersohn, Berliner Zeitung, 22. Mai 2001
  17. http://www.purepeople.com/article/ari-boulogne-fils-presume-d-alain-delon-avec-ma-mere-on-partageait-la-drogue_a282238/1
  18. nzz.ch: Nico (* 1938 Köln; † 1988 Ibiza)
  19. Alexandra Wach: Der Traum vom Abgrund, die Kölner Sängerin Nico wäre heute 70 geworden. In: Kölner Stadtanzeiger, Kultur, vom 16. Oktober 2008, S. 26
  20. tagesspiegel.de: Friedhof Grunewald: Früher mussten Selbstmörder vor der Stadt vergraben werden. Heute liegt dort Nico von Velvet-Underground
  21. ksta.de: Köln hat für Nico keinen Platz
  22. mdr.de: Nico – mehr als Lou Reeds "Femme Fatale"
  23. grenzwellen.de: Interviews: Nico
  24. Sylvie Simmons: I’m Your Man. Das Leben des Leonard Cohen, München 2014, ISBN 978-3-442-74289-9, S. 223
  25. Dave Thompson: Schattenwelt. Helden und Legenden des Gothic Rock. Hannibal, Höfen 2004, ISBN 3-85445-236-5, S. 154–158
  26. Nico. In: IMDb. Abgerufen am 2. Dezember 2016.
  27. kulturwoche.at Nico – Sphinx aus Eis im brut im Künstlerhaus
  28. museenkoeln.de Nico – Köln, Berlin, Paris, New York – Stationen einer Popikone. Museum für Angewandte Kunst Köln: 30. Oktober 2008 bis 1. Februar 2009.
  29. Alexandra Wach (KStA)
  30. Serge Mironneau: L'amour n'oublie jamais. In: Nico, Bibliography (http://smironne.free.fr/NICO/book.html). 2. Januar 2008, abgerufen im 18. Oktober 2008.
    Ari Boulogne: L'amour n'oublie jamais. 1. Auflage. Pauvert, Paris 2001, ISBN 2-7202-1400-0 (Auf Französisch).
  31. Nico, 1988 in der Internet Movie Database (englisch)
  32. https://www.rollingstone.de/111-songs-nico-it-has-not-taken-long-360204/
  33. http://www.richardwitts.com/ Richard Witts website
  34. kulturstiftung-des-bundes.de Nico – Sphinx aus Eis. Ein Theaterprojekt an den Sophiensaelen Berlin
  35. lyrikwelt.de Nico – Sphinx aus Eis. Monolog von Werner Fritsch (2005, Suhrkamp). Besprechung von Wolfgang Lange in Neue Zürcher Zeitung vom 19. April 2005.