Christian Bertram (Regisseur)

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Christian Bertram (2005)

Christian Bertram (* 7. Mai 1952 in Berlin) ist ein deutscher Regisseur, Autor und Veranstalter von Kunst- und Kulturprojekten.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christian Bertram wuchs in Berlin auf und studierte nach dem Abitur Germanistik, Theaterwissenschaften und Geschichte an der Freien Universität Berlin. 1979 schloss er dort das Studium mit einer der ersten wissenschaftlichen Arbeiten über den Dramatiker Heiner Müller ab.[1]

Anfänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon während Schulzeit und Studium war Christian Bertram künstlerisch tätig. 1976 debütierte er mit seiner ersten Inszenierung von Bertolt Brechts Der Brotladen[2] im damals neuen Künstlerhaus Bethanien in Berlin-Kreuzberg.[3] In den folgenden Jahren realisierte er weitere Theaterproduktionen in Anlehnung an die Spieltraditionen der italienischen Commedia dell’arte oder an das biomechanische Bewegungstheater des russischen Theaterpioniers Meyerhold für die Berliner Festwochen (Der herrliche Hahnrei, Comédie Molière 1977). Gemeinsam mit Wolfgang Storch führte er Regie bei der Aufführung von Weltuntergang in Berlin von Lothar Trolle. Diese Szenen zum Kriegsende von 1945 wurden im Bahngelände des Berliner Gleisdreiecks von Kindern und Jugendlichen 1979 gespielt und 1980 als Kleines Fernsehspiel verfilmt.[4]

Uraufführungen von Beckett, Celan, Corneille und Robert Walser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine wichtige Phase seines Schaffens war die Auseinandersetzung mit dem Werk Samuel Becketts. 1981/82 entwickelte Bertram als Work in progress die Doppelproduktion von Samuel Becketts Mercier und Camier und Ohio Impromptu. Beide Inszenierungen wurden für das Theatertreffen Berlin 1982 zu den zehn bemerkenswertesten Theaterarbeiten im deutschsprachigen Raum ausgewählt[5] und erlebten mit den Schauspielern Otto Sander und Peter Fitz über 20 Jahre hinweg zahlreiche Gastspiele im In- und Ausland.

In weiteren Arbeiten beschäftigte sich Bertram experimentell mit den Medien Film, Fernsehen und Radio. Mercier und Camier wurde unter seiner Regie 1982 im Studio für das Fernsehen aufgezeichnet. Für den WDR drehte er 1983 ein Porträt der polnischen Schauspielerin Krystyna Janda. Für den Rundfunk inszenierte er eine Reihe so genannter Radio Works, Inszenierungen, die anspruchsvolle Texte aus der Lyrikproduktion des letzten Jahrhunderts im Rundfunk präsentierten. 1992 zeigte er in einer Neuübersetzung die deutsche Erstaufführung der Tragödie Medea des französischen Dramatikers Pierre Corneille, u. a. am Schlosstheater Potsdam. 1999/2000 arbeitete er mit dem Autor Rolf Hochhuth bei dessen Inszenierung von Wessis in Weimar am Schlosspark-Theater Berlin zusammen. 2001 erfolgte die Uraufführung eines szenischen Projektes um den Dichter Paul Celan: ZIW, jenes Licht. Schauplatz der Stimmen, Gedächtnis der Zukunft. 2002 realisierte Bertram eine mehrmonatige Veranstaltungsreihe mit Texten der Aufklärung für die große Prinz Heinrich-Ausstellung in Schloss und Theater Rheinsberg der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Mit einem deutsch-schweizerischen Ensemble inszenierte er 2005 mikrogramme - das kleine welttheater mit Szenen und Texten des Dichters Robert Walser. Die Uraufführung in Berlin, u. a. gefördert vom Hauptstadtkulturfonds Berlin und der Kulturstiftung ProHelvetia, wurde in der Schweiz beim Dritten Herisauer Robert Walser-Sommer 2006 und beim Robert Walser-Festival im Hoftheater Kopenhagen gezeigt.

Veranstaltungsreihe „Medium Taut“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Jahren 2008 bis 2010 realisierte Christian Bertram zusammen mit der Dramaturgin Simone Bernet die Programmreihe Medium Taut zur Eröffnung des von dem Architekten Max Dudler wieder aufgebauten Aulagebäudes von Max Taut in Berlin-Lichtenberg[6]. Die multifunktionale Veranstaltungsstätte, ein Denkmal der klassischen Moderne, begriffen sie als medialen Resonanzraum und entwickelten dort im Wechsel von Theater, Performances, Thementagen und dem Kultursalon Lichtenbergs Zwölf über zwei Jahre neue Formen der Kunstvermittlung. Insgesamt wurden 40 spartenübergreifende Veranstaltungen durchgeführt. In der Taut-Aula inszenierte Bertram die Uraufführungen Pierre Klossowski - Lebendes Geld (2008) und Clarel - American Palestine. Eine Reise im Heiligen Land von Herman Melville (2009/2010) nach der Erstübersetzung des Versepos von Rainer G. Schmidt.

Arbeitsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Theaterarbeiten Christian Bertrams sind zumeist Ur- oder Erstaufführungen auf der Basis eigener Textfassungen, denen eine ausgeprägte Präzision in der Wahl der Stilmittel gemeinsam ist. Sie zeichnen sich durch hohe formgebende Qualität und Werktreue aus. Für seine Inszenierungen formiert er speziell ausgerichtete Ensembles, wobei er in der Vergangenheit mit zahlreichen namhaften Schauspielerinnen und Schauspielern, Künstlern und Musikern zusammenarbeitete. Oft sind Bertrams Arbeiten begleitet von Vorträgen und Publikationen zu kunstphilosophischen Fragen oder eigenen Lesungen und Performance-Veranstaltungen, wie z. B. bei Ausstellungen der Wiener Sezession (Pierre Klossowski: Die Legende vom Baphomet) und der Kunsthalle Wien (Torture - eine barocke Lektüre der Welt). Er ist ausgewiesener Kenner des Werkes des Künstlers, Schriftstellers und Philosophen Pierre Klossowski, mit dem er befreundet war. 1980 gründete Bertram mit Henriette Beese (†) den gemeinnützigen Verein Mahagonny - Theater Kunst Kulturarbeit Berlin, der seitdem zahlreiche bemerkenswerte Theater-, Kunst- und Kulturprojekte verwirklicht hat. Seit März 2016 betreibt er die Galerie BERNET BERTRAM für zeitgenössische und moderne Kunst in Berlin-Charlottenburg, wo er u. a. Werke von Künstlerinnen und Künstlern wie Rolf Behm, Mathias Wild, Marcello Mercado, Lindy Annis und Jürgen Holtz präsentierte.

Theaterinszenierungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

UA = Uraufführung; DEA = Deutsche Erstaufführung

  • 2009/10 - Clarel – American Palestine | Reise im Heiligen Land (UA) von Herman Melville in der Max-Taut-Aula, Berlin
  • 2008 - Pierre Klossowski – Lebendes Geld (UA) in der Max-Taut-Aula, Berlin
  • 2005 - robert walser mikrogramme das kleine welttheater (UA) in der Probebühne Cuvrystrasse Berlin mit Gastspielen in der Schweiz und Dänemark
  • 2002 - Prinz Heinrich – Ein Leben. Stationen - Bilder - Texte (UA) von Christian Bertram im Schlosstheater Rheinsberg
  • 2000/2010 - Paul Celan – Ziw, jenes Licht. Schauplatz der Stimmen, Gedächtnis der Zukunft (UA). Staatsbank Berlin, Neue Nationalgalerie Berlin u. a.
  • 1995 - Michel Foucault – Theatrum Philosophicum (UA). Spiel.Art Festival Aktionsforum Praterinsel, München
  • 1992 - Medea von Pierre Corneille (DEA). Deutsch von Christian Bertram und Francois Pescatore in der Kulturbrauerei Berlin, dem Kunsthaus Tacheles und am Schlosstheater Potsdam, Sanssouci
  • 1982 - Ohio Impromtu (DEA) von Samuel Beckett an der Schaubühne am Lehniner Platz[7]
  • 1981 - Mercier und Camier. Bericht einer Reise von Samuel Beckett (UA) an der Freien Volksbühne Berlin im Rahmen des Theatertreffens Berlin 1981.
  • 1979 - Weltuntergang in Berlin von Lothar Trolle (UA). Szenen zum Kriegsende 1945, gespielt von Schülern im Gleisdreieck, Berlin. Co-Regie mit Wolfgang Storch
  • 1977 - Der herrliche Hahnrei von Fernand Crommelynck. Zan-Pollo-Theater Berlin im Auftrag der Berliner Festwochen in der Hochschule der Künste Berlin, der Akademie der Künste und der Schaubühne am Halleschen Tor
  • 1977 - Die Landnahme von Christian Bertram (UA). Ein Spiel im Stil der Commedia dell Arte. Zan Pollo Theater Berlin im Künstlerhaus Bethanien, Berlin
  • 1976 - Der Brotladen. Fragmente – Versuche von Bertolt Brecht. West-Berliner Erstaufführung. Theater Zentrifuge im Künstlerhaus Bethanien, der Schaubühne am Halleschen Ufer. Zahlreiche Gastspiele im In- und Ausland

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

P = Produktion; R = Regie; D = Drehbuch

  • 1983 - Krystyna Janda – Ein Star aus Polen, WDR (P,R,D)
  • 1982 - Mercier und Camier von Samuel Beckett. Studioaufzeichnung der Theateraufführung, Sender Freies Berlin (R, D)
  • 1980 - Weltuntergang in Berlin – Szenen zum Kriegsende von Lothar Trolle; (R, D zusammen mit Wolfgang Storch); Kleines Fernsehspiel ZDF.

Radioinszenierungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

US = Ursendung; R = Regie; A = Auswahl; B = Bearbeitung

  • 2018 - Cantos von Ezra Pound, Hessischer Rundfunk mit Deutschlandfunk Kultur (US,R,A,B)[8][9]
  • 1992 - Worstward Ho – Aufs Schlimmste zu von Samuel Beckett, SFB (US,R)
  • 1990 - Das Abenteuerliche Herz von Ernst Jünger, SFB (US, R, A, B)
  • 1987 - Zerstört – Die Hochzeit der Herodias / Ein Würfelwurf von Stéphane Mallarmé, SFB (US,R,A,B)
  • 1986 - Diktat – Fünf Duineser Elegien von Rainer Maria Rilke, SFB (US,R, A,B)
  • 1986 - Haute Surveillance – Unter Aufsicht von Jean Genet, SFB. Zweitsendung 2016, HR (US,R,B)
  • 1985 - Durch den Panamakanal von Malcolm Lowry, SFB (US,R,A,B)
  • 1984 - Der Mann im Flur von Marguerite Duras, SFB (US,R,B)
  • 1983 - Fairy Tales – Märchen von E.E. Cummings, SFB (US,R,A,B)

Inszenierte Lesungen und Performances (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1993 - Paul Celan - In Eins. Berliner Ensemble, Foyer.
  • 1995 - Pierre Klossowski - Die Legende vom Baphomet bei der Ausstellung Anima, Wiener Secession.
  • 1995 - Samuel Beckett - Stirrings Still (Immer noch nicht mehr) | Mirlitonnades (Flötentöne). Galerie Springer, Berlin.
  • 1999 - Voyage by Heart - Reference to Herman Melville. Mit Robert Rutman. Juliettes Literatursalon, Berlin.
  • 1999 - Francis Ponge - Elektrizität. Beim Kongress des Merve Verlags „Mehr Licht“ in Saarbrücken.
  • 2001 - Samuel Beckett - Schlecht gesehen schlecht gesagt (mal vu mal dit). Mit Barbara Stanek, Berlin.
  • 2001 - Torture. Eine barocke Lektüre der Welt. Zur Ausstellung Eine barocke Party. Augenblicke des Welttheaters in der Zeitgenössischen Kunst, Kunsthalle Wien.
  • 2005 - Robert Walser - Der Spaziergang. Mit Lena Stolze, Probebühne Cuvrystraße, Berlin.
  • 2008 - Architekturmanifeste der 20er Jahre | Bertolt Brecht - Aus dem Fatzer Fragment. Mit Reinmar Henschke (Klavier), Veranstaltungsreihe "Medium Taut", Berlin.
  • 2008 - Pierre Klossowski - Der unsterbliche Knabe (L'Adolescent immortel). "Medium Taut", Berlin.

Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Medea (Médée - tragédie, 1635), aus dem Französischen von Pierre Corneille
  • Der unsterbliche Knabe (L'Adolescent immortel), aus dem Französischen von Pierre Klossowski

Publikationen und Vorträge (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Les coffres en marche - Zu neueren Arbeiten Rolf Behms. Einführungstext im Katalog Rolf Behm - Die Koffer, Galerie Bernet Bertram, Berlin (Hrsg.), 2016
  • Max Taut und das Neue Bauen. Führung und Vortrag in der Max-Taut-Schule und der Taut-Aula in Berlin-Lichtenberg, im Auftrag des Museums Lichtenberg, 3. Dezember 2015
  • Logizität des Pathos. Gesten des Selbstentwurfs bei Friedrich Nietzsche. In: Simone Bernet (Hrsg.): Kant Nietzsche gewidmet. Eine virtuelle Begegnung. Kulturverlag Kadmos, Berlin 2009, ISBN 978-3-86599-007-5.
  • Pierre Klossowski – Zeichen der Huldigung und des Begehrens. Vortrag am Museum Ludwig. Köln 2007.
  • Die Stille des Blicks. In: Udo Gößwald, Folke Hanfeld (Hrsg.): Lichtung. Die fotografische Sammlung des Museums Neukölln. ISBN 978-3-9809348-1-7.
  • Meister der Metamorphosen. Vortrag im Fridericianum Kassel zur Ausstellung 50 Jahre / Years documenta 1955–2005. 2005.
  • Zum Beispiel Bartleby - Herman Melville, Das Leiden denken. In: Heinze, Kupke, Kurth (Hrsg.): Das Maß des Leidens. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2400-1.
  • Brückenlinien. Nanaé Suzuki und Folke Hanfeld im Haus am Lützowplatz, Berlin, August 2001.Presseinformation von Christian Bertram
  • L’Effet c’est moi - Strahlende Helden, erhabene Verbrecher. Figuren des Barock in Pierre Corneilles Theater der Illusion; Katalogbeitrag zur Ausstellung Eine barocke Party - Augenblicke des Welttheaters in der zeitgenössischen Kunst. Kunsthalle Wien, 2001, ISBN 3-85247-030-7.
  • Im Reich der Farben. In: Bignia Corradini, Arbeiten 1996–2000. G+H Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-931768-51-1. www.bigniacorradini.ch
  • Die Wiederkehr des Bildes – Pierre Klossowski, Theologe, Magier, Alchimist. In: Pierre Klossowski - Anima. Katalogbeitrag zur Ausstellung der Wiener Secession, Stroemfeld Basel/ Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-87877-510-5.
  • Kamera in Aufsicht. Über den Film Der Riese von Michael Klier. In: Filmkritik. 9/1983.
  • Machine Morte oder der entfesselte Wahnsinn. Zu Heiner Müllers Stück Die Hamletmaschine. In: spectaculum. 33, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-518-09104-2.
  • Im Auftrag ohne Auftrag. Über Heiner Müllers Theaterstück Der Auftrag, Erinnerung an eine Revolution. In: Theater heute. 3/1980.

Auszeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einladung zum Theatertreffen Berlin 1982 mit den Aufführungen von Samuel Becketts Mercier und Camier und Ohio Impromptu[10]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vom Abbild zum Versuchsfeld. Heiner Müllers dramaturgische Entwürfe in den 70er Jahren. Freie Universität Berlin, FB Germanistik, 15. Juli 1979.
  2. Christian Bertram: Der Brotladen. In: Material Brecht - Kontradiktionen 1968–1976. Broschüre aus Anlass des 4. Kongresses der Internationalen Brecht-Gesellschaft, Austin, Texas 1976, Hrsg. Wolfgang Storch.
  3. Arno Paul: Das allzu natürliche Unglück, Die "Zentrifuge" spielt den "Brotladen". In: Theater heute. 4/1976.
  4. Genia Schulz/Hans Thies Lehmann: Kindertheater im Weltuntergang, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. November 1979, S. 27.
  5. Ulrich Eckhardt, Börries v. Liebermann (Hrsg.): 25 Jahre Theatertreffen 1964–1988; ein Buch der Berliner Festspiele. Berlin 1988, ISBN 3-87024-124-1.
  6. Michael Zajonz: Geometrie und Gesellschaft. Klassiker des Neuen Bauens: Max Tauts Schulgebäude am Nöldnerplatz wird heute eröffnet. In: Der Tagesspiegel, 21. September 2008
  7. Chronik der Schaubühne
  8. Stefan Fischer: Irdisches Paradies, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.Juni 2018
  9. Dietmar Dath, Das Rauschen wird immer genauer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.Juni 2018
  10. Chronik der Berliner Festspiele