Christine Lagarde

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Christine Lagarde (2020)
Christine Lagardes Unterschrift

Christine Madeleine Odette Lagarde (* 1. Januar 1956 in Paris als Christine Madeleine Odette Lallouette) ist eine französische Politikerin (LR) und Juristin. Seit dem 1. November 2019 ist sie die 4. Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB).

Von 2011 bis 2019 war sie die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF).[1][2] Von Juni 2007 bis Juni 2011 war sie Wirtschafts- und Finanzministerin im Kabinett von Premierminister François Fillon. Sowohl bei der EZB und beim IWF als auch in der französischen Regierung ist bzw. war sie die erste Frau in der jeweiligen Position.

Im Dezember 2016 wurde Lagarde vom Gerichtshof der Republik in einem Strafprozess wegen fahrlässigen Umgangs mit öffentlichen Geldern verurteilt, jedoch wurde keine Strafe verhängt.[3]

Auf der vom US-amerikanischen Wirtschaftsmagazin Forbes zusammengestellten Liste der 100 mächtigsten Frauen der Welt nahm Lagarde 2019 den zweiten Platz ein.[4]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christine Lagarde (geb. Lallouette) wurde 1956 als erstes von vier Kindern von Robert Lallouette († 1973) und dessen Frau Nicole (geb. Carre) in Paris geboren. Zusammen mit ihren drei Geschwistern Luc, Rémy und Olivier wuchs sie in Le Havre in der Normandie auf. Ihr Vater war Dozent für Literatur an der Universität Rouen, ihre Mutter Lateinlehrerin[5]. In ihrer Jugend gehörte sie der französischen Nationalmannschaft der Synchronschwimmer an; sie gewann eine Bronzemedaille bei den französischen Meisterschaften.[6][7][8] Kurze Zeit nach dem Abitur am Lycée Claude Monet in Le Havre und dem Tod ihres Vaters ging Lagarde 1974 mit einem AFS-Stipendium[8] an die Holton-Arms School, eine Mädchenschule in Bethesda, Maryland. In dieser Zeit hospitierte sie im US-Parlament im Büro von William Cohen.

Nach der Rückkehr nach Frankreich absolvierte sie ein Studium in Sozialrecht am Institut d’études politiques d’Aix-en-Provence und schloss mit einem DESS ab. Zur Vorbereitung auf das Studium an der École nationale d’administration (ENA) besuchte sie anschließend das Institut d’études politiques de Paris (auch bekannt als Sciences Po) und die Université Paris X-Nanterre. Die Aufnahmeprüfung für die ENA bestand sie nicht.[9] Schließlich machte sie einen MA in Englisch, einen Master of Business Law (LL.M.) und ein Diplom in Arbeitsrecht an der Universität Paris X-Nanterre.[10]

Arbeit als Rechtsanwältin und Wechsel in die Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christine Lagarde bei einem Treffen der UMP (2010)

Nach ihrem Studium trat Lagarde 1981 als Rechtsanwältin in das Pariser Büro der US-Kanzlei Baker & McKenzie ein. Von 1999 bis 2004 war sie Präsidentin der Geschäftsführung und ab 2004 Vorsitzende des Global Strategy Committee von Baker & McKenzie in Chicago (USA), einer der größten internationalen Wirtschaftskanzleien mit seinerzeit rund 3.400 Anwälten in 70 Ländern und etwa einer Milliarde US-Dollar Jahresumsatz. Von 1995 bis 2002 war sie außerdem Mitglied der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS), wo sie gemeinsam mit Zbigniew Brzeziński das Aktionskomitee USA-EU-Polen anführte und sich speziell in der Arbeitsgruppe „Rüstungsindustrie USA-Polen“ (1995–2002) engagierte, die Fragen im Zusammenhang mit der Liberalisierung des Handels mit Polen behandelte. Im Jahr 2003 war sie auch Mitglied der Euro-Atlantic Action Commission in Washington.[11]

Von Juni 2005 bis Mai 2007 war Lagarde beigeordnete Ministerin für Außenhandel in der Regierung de Villepin. Vom 18. Mai bis zum 19. Juni 2007 war sie Ministerin für Landwirtschaft und Fischerei im Kabinett Fillon II. Nach einer Regierungsumbildung am 19. Juni 2007 war sie bis zum 29. Juni 2011 Ministerin für Wirtschaft und Finanzen. Am 31. März 2010 nahm sie an einer Sitzung des Bundeskabinetts in Berlin teil.[12] Es war das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass ein ausländischer Gast an einer solchen Kabinettssitzung teilnahm.[13] Ihr Nachfolger als Finanzminister war François Baroin.

Rechtsstreit um Millionenzahlung an Bernard Tapie und Verurteilung Lagardes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lagarde soll sich im Jahr 2008 als Wirtschaftsministerin in einem Schiedsgerichtsverfahren vorschnell auf einen Vergleich mit dem französischen Geschäftsmann Bernard Tapie eingelassen haben.[14] Dabei ging es um eine umstrittene Entschädigungszahlung in Höhe von 403 Millionen Euro an den früheren Adidas-Besitzer, die ein privates Schiedsgericht ihm 2008 zugesprochen hatte. Tapie erhielt die Summe im Zusammenhang mit dem Verkauf von Adidas-Aktien. Offiziell sprach das Gericht ihm das Geld zu, weil er bei dem Verkauf in den 1990er Jahren an Crédit Lyonnais offenbar zu wenig bekommen hatte. Lagarde akzeptierte nach eigenen Angaben den Schiedsgerichtsspruch, um einen weiteren Rechtsstreit zwischen Tapie und der staatlichen Bank Crédit Lyonnais zu verhindern, wie er den Steuerzahler zuvor jährlich mehrere Millionen gekostet hatte.[15] Auf Antrag der Staatsanwaltschaft ließ der Gerichtshof der Republik 2011 ein Ermittlungsverfahren wegen Amtsmissbrauchs gegen Lagarde zu.[16][17][18]

Zwei Wochen darauf eröffnete die französische Justiz formell ein Ermittlungsverfahren,[19] in dessen Folge im März 2013 auch eine ihrer Wohnungen in Paris durchsucht wurde. Im Mai 2013 wurde sie zwei Tage von einem Gericht vernommen.[20][21] 2014 wurde ein Anklageverfahren gegen sie eingeleitet, 2016 wies das Kassationsgericht ihren Einspruch ab. Sie musste sich danach vor dem Gerichtshof der Republik verantworten. Im Dezember 2016 wurde Lagarde durch das Gericht des fahrlässigen Umgangs mit öffentlichen Geldern schuldig gesprochen. Verteidigung und Staatsanwaltschaft hatten sich zuvor für einen Freispruch ausgesprochen. Eine Strafe verhängte das Gericht allerdings nicht.[22]

Direktorin des IWF[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lagarde während des Weltwirtschaftsforums 2013

Vom 5. Juli 2011 bis zum 12. September 2019 war Christine Lagarde geschäftsführende Direktorin des IWF.

Als Chefin des IWF bekam sie ein Jahresgehalt von 467.940 Dollar plus eine pauschale Aufwandsentschädigung in Höhe von 83.760 Dollar.[23]

Präsidentin der EZB[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Berufung von Lagarde wurden Stimmen laut, die forderten, dass die Präsidentin oder der Präsident der EZB Ökonomen und im idealen Falle mit Notenbankerfahrung sein sollten. Lagarde ist die erste Juristin in diesem Amt, ihre Vorgänger waren Ökonomen und Finanzexperten. Anders als die bisherigen Präsidenten stand Lagarde zudem nie einer nationalen Zentralbank vor. Laut dem Wirtschaftsweisen und Professor für Monetäre Ökonomie Volker Wieland müssten, „unbedingt wieder vermehrt Ökonominnen und Ökonomen mit einem wissenschaftlichen Hintergrund und Notenbankerfahrung berufen werden“.[24]

Privat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christine Lagarde ist von dem Finanzanalysten Wilfried Lagarde geschieden, mit dem sie zwei Söhne (* 1986 und 1988) hat. Seit 2006 ist der Unternehmer Xavier Giocanti aus Marseille ihr Lebensgefährte.[25][26][27]

Lagarde-Liste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Lagarde-Liste (griechisch λίστα Λαγκάρντ) führt die Namen mutmaßlicher griechischer Steuerflüchtlinge auf und löste in Griechenland mehrere politische Skandale aus. Die Liste enthält Kontodaten von über 2.000 griechischen Kunden des Schweizer Ablegers der britischen Privatbank HSBC in Genf. Die Daten wurden von Hervé Falciani den Behörden übergeben. Einen Datenträger mit den Aufzeichnungen händigte die damalige französische Finanzministerin Christine Lagarde 2010 ihrem griechischen Kollegen Giorgos Papakonstantinou aus.[28]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lagarde wurde vom Forbes Magazin 2019 als die zweitmächtigste Frau der Welt, nach Angela Merkel, eingestuft[4] und von der Financial Times als beste Finanzministerin des Euro-Währungsgebiets 2009 geehrt.[29] 2000 wurde sie zum Ritter (chevalier) und 2012 zum Offizier der französischen Ehrenlegion ernannt.[30]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marc Hujer, Michael Sauga: Eleganz und Härte. In: Der Spiegel. Nr. 44, 2019, S. 70–75 (online26. Oktober 2019).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Christine Lagarde – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nachfolgerin für Strauss-Kahn: Französin Lagarde wird neue IWF-Chefin. In: Spiegel Online. 28. Juni 2011, abgerufen am 14. Februar 2015.
  2. Christian Schubert: Lagarde springt wieder ins kalte Wasser. In: FAZ.net. 29. Juni 2011, abgerufen am 14. Februar 2015.
  3. tagesanzeiger.ch: Die frühere französische Finanzministerin wurde in der Tapie-Affäre schuldig gesprochen, 20. Dezember 2016, abgerufen am 31. Oktober 2019.
  4. a b The 100 Most Powerful Women - Forbes.com. In: forbes.com. 12. Dezember 2019, abgerufen am 11. Januar 2020 (englisch).
  5. Alexandra Borchardt: Krisen sind ihr Tagesgeschäft, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 49, 28. Februar/1. März 2015, S. 29.
  6. Karin Finkenzeller: Frankreich: Madame mit Courage. In: zeit.de. 26. März 2010, abgerufen am 14. Februar 2015.
  7. Christian Schubert: Die Auserwählte. In: FAZ.net. 29. Mai 2011, abgerufen am 14. Februar 2015.
  8. a b La Tribune 1. Oktober 2010: Interview : Christine Lagarde, la face cachée d’une femme de pouvoir
  9. Christine Lagarde: la plus américaine des Françaises (Memento vom 28. August 2011 im Internet Archive) In: Le Nouvel Économiste.
  10. Kurzlebenslauf ConsulFrance: Biography of Christine Lagarde Minister for Foreign Trade (PDF; 26 kB) (englisch)
  11. Euro-Atlantic Action Commission, Plenarversammlung (PDF; 121 kB) 17. Februar 2005 (englisch)
  12. Daniel Brössler: Besuch der netten Dame, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 76, 1./2. April 2010, S. 6.
  13. Daniel Brössler: Besuch der netten Dame, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 76, 1./2. April 2010, S. 6.
  14. Deutschland will Lagarde an der IWF-Spitze. In: bazonline.ch. 15. November 2011, abgerufen am 14. Februar 2015.
  15. AFP und Reuters: Nachfolgedebatte: Unterstützung für Lagarde als IWF-Chefin wächst. In: zeit.de. 22. Mai 2011, abgerufen am 14. Februar 2015.
  16. Affaire Tapie : la CJR ouvre une enquête sur Christine Lagarde. In: lemonde.fr. 4. August 2011, abgerufen am 14. Februar 2015 (französisch).
  17. Ermittlungen gegen IWF-Chefin: Richter gefährden Lagardes Ruf als Madame Makellos. In: Spiegel Online. 4. August 2011, abgerufen am 14. Februar 2015.
  18. Christine Lagarde: Französische Justiz ermittelt gegen IWF-Chefin. In: Spiegel Online. 4. August 2011, abgerufen am 14. Februar 2015.
  19. Verfahren gegen IWF-Chefin Lagarde eröffnet in: Schweizer Fernsehen vom 17. August 2011.
  20. Finanzaffäre um IWF-Chefin: Lagarde entging vorerst formellem Ermittlungsverfahren. In: Spiegel Online. 24. Mai 2013, abgerufen am 14. Februar 2015.
  21. Finanzaffäre: Ermittlungsverfahren gegen IWF-Chefin Lagarde eingeleitet. In: Spiegel Online. 27. August 2014, abgerufen am 14. Februar 2015.
  22. IWF-Chefin Lagarde wegen Fahrlässigkeit verurteilt. Süddeutsche Zeitung, 19. Dezember 2016, abgerufen am 19. Dezember 2016.
  23. Reuters: IWF-Chefin bekommt eine halbe Million Dollar Gehalt. In: handelsblatt.com. 5. Juli 2011, abgerufen am 14. Februar 2015.
  24. Wirtschaftsweiser stellt Lagarde-Qualifikation als EZB-Chefin infrage. In: presse-augsburg.de. 2. August 2019, abgerufen am 2. November 2019.
  25. Christine Lagarde: Die Spitzen-Frau. In: Der Spiegel. 3. Juli 2019, abgerufen am 1. November 2019.
  26. Republique française: Biographie (Memento vom 1. Dezember 2008 im Internet Archive) (französisch)
  27. Xavier Giocanti, le mari de... Christine Lagarde. In: parismatch.com. 3. August 2010, archiviert vom Original am 3. Januar 2013; abgerufen am 14. Februar 2015 (französisch).
  28. Arte: Falciani und der Bankenskandal
  29. FT ranking of EU finance ministers. In: ft.com. 16. November 2009, abgerufen am 14. Februar 2015 (englisch).
  30. Christine Lagarde. In: ec.europa.eu. Archiviert vom Original am 21. Mai 2013; abgerufen am 14. Februar 2015.