Christoph Steding

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Christoph Steding (* 11. Februar 1903 in Waltringhausen; † 8. Januar 1938 in Potsdam[1]) war ein deutscher Historiker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christoph Steding begann 1922 mit dem Studium der Germanistik, Geographie, Indologie, Geschichte, Völkerkunde und Philosophie in Hannover. Er studierte danach noch an den Universitäten in Freiburg/Breisgau, Marburg und Münster und dann wiederum in Marburg.[2] Er promovierte schließlich 1931 in Marburg bei Wilhelm Mommsen mit einer Arbeit über Politik und Wissenschaft bei Max Weber.

Ende 1932 begann ein längerer Auslandsaufenthalt (in der Schweiz, den Niederlanden, Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland[3]), u. a ermöglicht durch ein Stipendium der Rockefeller-Stiftung. Dort sollte er Materialien zu einer geplanten Arbeit zur Rolle der neutralen Staaten im Zeitalter Bismarcks sammeln.

1934 kehrte Steding nach Deutschland zurück; sein Manuskript fand schließlich Annahme beim 1935 gegründeten Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands (Präsident: Walter Frank). 1938 erlag er einem Nierenleiden. Auf Veranlassung seiner Frau Elly erschien noch im selben Jahr das unvollendete Werk Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur bei der Hanseatischen Verlagsanstalt; ein Auszug wurde 1942 als Das Reich und die Neutralen veröffentlicht.[4] Da Helmut Heiber ausführlich auf die von Walter Frank getätigten mutwilligen Veränderungen des Manuskripts hinwies, bleibt zudem die Frage im Raum, in welchem Umfang die NS-Diktion originär von Steding stammte und wie viel Frank aus eigener Feder beisteuerte.[5]

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christoph Steding ist heute kaum mehr bekannt, doch spricht der Max Weber-Biograph Joachim Radkau von ihm als dem „merkwürdigste[n] Phänomen der Weber-Rezeption im Nationalsozialismus“.[6] Man spüre in der Dissertation „eine intime Identifikation mit dem leidenden Weber“; dieser komme auch im posthumen Hauptwerk „noch häufiger vor als Adolf Hitler“, was Walter Frank wiederum erlaubte, in einem Vorwort Weber für den Nationalsozialismus zu reklamieren.[7] Wolfgang J. Mommsen schreibt, Steding habe Weber „aus dem Blickwinkel des Faschismus als widerspruchsvollen Repräsentanten des zum Niedergang verurteilten Bürgertums dargestellt“.[8] Neben Weber soll auch Carl Schmitt einen bedeutenden Einfluss auf Steding ausgeübt haben; Schmitt wiederum hat Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur 1939 rezensiert.[9]

Zwar wird Steding bisweilen als Beispiel einer Geschichtsschreibung spezifisch nationalsozialistischen Charakters genannt[10] – der Philosoph Peter Sloterdijk nennt ihn gar „den einzigen begabteren NS-Theoretiker“[11], doch ist seine Stellung gegenüber dem Nationalsozialismus umstritten. So formulierte der Schriftleiter der NS-Zeitschrift Bücherkunde im Maiheft 1939 eine völlige Ablehnung des Werkes, die in der Feststellung gipfelte: „Es führt von ihm kein noch so schmaler Steg zu uns hinüber“. Radkau bezeichnet Steding als „Einzelgänger“, der die völkische Rassenlehre angegriffen habe, und verweist auf den Zwist zwischen dem Frank'schen Institut und dem „Amt Rosenberg“, womit die Weber-Rezeption allerdings nichts zu tun gehabt habe.[12] Andernorts wird er wiederum, wenn auch eher beiläufig, zu einem führenden Ideologen des Nationalsozialismus stilisiert.[13] Tatsächlich war im Einflussbereich Rosenbergs jegliche Erwähnung Stedings in der Presse verboten,[14] was allerdings nicht verhindern konnte, dass Das Reich und die Neutralen in einer Sonderausgabe für die Frontsoldaten erschien.[15]

Theodor W. Adorno schrieb 1941 im Aufsatz „Spengler Today“: „Spengler gehört, zusammen mit Klages, Moeller van den Bruck, wie auch Jünger und Steding, zu denjenigen Theoretikern der extremen Reaktion, deren Liberalismuskritik sich derjenigen der Linken in vielerlei Hinsicht überlegen zeigte.“[16] Anders als die genannten Autoren wird Steding allgemein jedoch nicht zur sog. „Konservativen Revolution“ gerechnet und findet in der einschlägigen Literatur kaum Erwähnung.[17]

Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur wurde 1997 vom „Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur“ nachgedruckt, ist aber inzwischen wieder vergriffen.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Günther Anders: Christoph Steding. Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur. In: Studies in Philosophy and Social Science (formerly: Zeitschrift für Sozialforschung), Volume VIII/1939, Reviews, S. 464–469 (unter Günther Stern, Los Angeles, in Englisch).
  • Alain de Benoist: Mais qui était Christoph Steding?. In: Eléments. GRECE (Groupement de Recherche et d’Études pour la Civilisation Européenne), Nizza, September 2003.
  • Hans Joachim Beyer: Reich, Neutralität, Judentum und außendeutsche Volksgruppen. Bemerkungen zum Werk Chr. Stedings und einigen Schriften über das ostmitteleuropäische Judenproblem. In: Volksforschung, Bd. 3, H. 2. Enke, Stuttgart 1939, S. 164–177; auch als Sonderdruck, ebd. 1939.
  • Werner Bräuninger: Christoph Steding. Streiflicht auf einen Vergessenen. In ders.: „Ich wollte nicht daneben stehen.“ Lebensentwürfe von Alfred Baeumler bis Ernst Jünger. Essays. Ares-Verlag, Graz 2006, ISBN 3-902475-32-3, S. 166–170.
  • Walter Frank: Christoph Steding (1903–1938). Nachruf. In: Historische Zeitschrift. Bd. 157, 1937, S. 671–673.
  • Helmut Heiber: Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands. DVA, Stuttgart 1966.
  • Theodor Heuss: Politische oder polemische Wissenschaft. Zu Christoph Stedings Werk. In: Das deutsche Wort. XV, Berlin 1939, S. 257–260.
  • Klemens Hying: Das Geschichtsdenken Otto Westphals und Christoph Stedings. Ein Beitrag zur Analyse der nationalsozialistischen Geschichtsschreibung. Diss. phil. Freie Universität Berlin, 1964.
  • Carsten Klingemann: Soziologie im Dritten Reich. Nomos, Baden-Baden 1996.
  • Dieter Lent: Heinrich Christoph Steding. In: Hubert Höing (Hrsg.): Schaumburger Profile. Ein historisch-biographisches Handbuch. Teil 1. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-89534-666-8, S. 284–287.
  • Armin Mohler: Christoph Stedings Kampf gegen die Neutralisierung des Reiches. In: Staatsbriefe. Nr. 6. München 1990, S. 21–25.
  • Hermann Pongs: Christoph Steding, Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur. In: Dichtung und Volkstum – Zeitschrift für Literaturgeschichte. Bd. 41, 1941, S. 369–384.
  • Joachim Radkau: Max Weber − Die Leidenschaft des Denkens. Hanser, München 2005, S. 847–849.
  • Karl Ferdinand Werner: On Some Examples of the National-Socialist View of History. In: Journal of Contemporary History. Jg. 3 (1968), Nr. 2, S. 193–206.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dieter Lent: Heinrich Christoph Steding. In: Schaumburger Profile, herausgegeben von Hubert Höing, Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2008, S. 284.
  2. Ebd.
  3. Ebd.
  4. Die biographischen Daten entstammen Alain de Benoist, « Mais qui était Christoph Steding ? (Memento vom 15. Oktober 2007 im Internet Archive) », aus der Zeitschrift Eléments, September 2003. Hilfreiche Biographie mit Zusammenfassung der Kontroverse, freilich nicht ohne apologetische Tendenz; gute, wenngleich unvollständige, Bibliographie.
  5. Vgl. Helmut Heiber, Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 13), Stuttgart 1966.
  6. Joachim Radkau, Max Weber − Die Leidenschaft des Denkens, München: Hanser, 2005, S. 847.
  7. Radkau, Max Weber, S. 848f.
  8. Wolfgang J. Mommsen, Max Weber und die deutsche Politik 1890–1920, Tübingen: Mohr Siebeck, 1959, 2. Auflage 1974, S. 444.
  9. Siehe Alfons Motschenbacher, Katechon oder Großinquisitor? Eine Studie zu Inhalt und Struktur der politischen Theologie Carl Schmitts, Marburg: Tectum, 2000, S. 181.
  10. Siehe die Schriften von Hying und Werner.
  11. Peter Sloterdijk, Zeilen und Tage. Notizen 2008-2011, Berlin: Suhrkamp, 2012, S. 516.
  12. Radkau, Max Weber, S. 849.
  13. So von Yves-Charles Zarka, «Carl Schmitt, le nazi», in der Zeitschrift Cités, Nr. 14/2003, S. 161–163: «un des doctrinaires nazis les plus radicaux, Christoph Steding».
  14. Alain de Benoist, «Mais qui était Christoph Steding ?»
  15. Ähnlich verhielt es sich übrigens mit dem im „offiziellen“ Nationalsozialismus verpönten Oswald Spengler, dessen Gedanken ebenfalls in einer handlichen Ausgabe für die Truppe erschienen.
  16. Th. W. Adorno, „Spengler Today“, Studies in Philosophy and Social Science 9, 1941, S. 305–324, hier S. 318 (Hervorhebung nicht im Original). Der englische Wortlaut: „Spengler stands, together with Klages, Moeller van den Bruck, and also Jünger and Steding, among those theoreticians of extreme reaction whose criticism of liberalism proved superior in many respects to that which came from the left wing.“ In der späteren, deutschsprachigen Fassung des Aufsatzes („Spengler nach dem Untergang“ (1950), in Adorno, Gesammelte Schriften (Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1977, 2003), Bd. 10/1, S. 47–71) fehlt die Auflistung der Namen; aus der „linken“ wird die „fortschrittliche“ Kritik.
  17. Selbst in Armin Mohler, Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932. Ein Handbuch, 5. Auflage (Graz: Leopold Stocker Verlag, 1999), erscheint der Name Steding nur im Zusammenhang mit Otto Westphal, im Titel der Dissertation Hyings (siehe Literatur).