Christoph Wonneberger

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Christoph Wonneberger (r.) und Roland Jahn (zu Buchpräsentation und Podiumsgespräch in der Kirche Panitzsch am 30. März 2014)

Christoph Wonneberger (* 5. März 1944 in Wiesa im Erzgebirge) ist ein lutherischer Pfarrer i. R. Er koordinierte von 1986 bis Ende Oktober 1989 die montäglichen Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche. Aus diesen entwickelten sich die Montagsdemonstrationen und die Friedliche Revolution im Herbst 1989.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christoph Wonneberger entstammt als Sohn von Erhard Wonneberger einer sächsischen Pfarrersfamilie. Er erwarb 1965 den Facharbeiterabschluss als Maschinenschlosser. Während seines Theologiestudiums an der kirchlichen Hochschule sowie an der staatlichen Universität in Rostock unterschrieb er unter Druck kurzzeitig als IM, distanzierte sich jedoch schriftlich sofort nach dem Gerichtsverfahren. Er hatte 1967 als Jugendstreich eine Jugendclubantenne abgeschraubt. Es liegt kein Bericht vor.[1] 1973 in Leipzig ordiniert, wirkte er bis 1977 als Pfarrer in Leipzig-Möckern und Taucha.

1977–1984: Dresden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1977 bis 1984 war er Pfarrer der Dresdner Weinbergskirchgemeinde. Hier widmete er sich u. a. der Beratung von Wehrdienstverweigerern. Als die DDR-Staatsführung Anfang der 1980er Jahre die Militarisierung der Gesellschaft verschärfte,[2] gründete er innerhalb der nichtstaatlichen kirchlichen Friedensbewegung 1980 die Initiative für einen Sozialen Friedensdienst (SoFd), eine landesweite Initiative gegen den Wehrdienst.[3] Zahlreiche Disziplinierungsversuche staatlicher Stellen durch offizielle und inoffizielle Einflussnahmen auf die sächsische Kirchenleitung folgten seinen gesellschaftspolitischen Aktivitäten. 1981 wurde er vom DDR-Geheimdienst Stasi als „feindlich-negative Person“ erfasst. Es wurde gegen ihn der Operative Vorgang OV „Provokateur“ eröffnet.

1982 schlug Wonneberger im Rahmen der SoFd-Initiative vor, regelmäßige Friedensgebete in verschiedenen Kirchen der DDR durchzuführen, um einen festen Ort des gewaltfreien Widerstands zu entwickeln und damit langfristig eine Anlaufstelle für oppositionelle Kräfte zu etablieren. Sein Vorschlag führte auch dazu, dass eine Gruppe von Wehrdienstgegnern ab September 1982 in der Leipziger Nikolaikirche Friedensgebete durchführte, deren Koordination Wonneberger später übernahm. Inspiriert wurde er dabei von den Politischen Nachtgebeten, die unter dem Eindruck des Vietnam-Krieges 1968 in Köln abgehalten wurden. Sie dienten ihm als Vorbild für die Montags-Friedensgebete.[4]

Ab 1985: Leipzig[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1985 wurde er Pfarrer der evangelischen Lukasgemeinde im Leipziger Stadtteil Volkmarsdorf. Die Gründung der oppositionellen Arbeitsgruppe Menschenrechte brachte ihn seit Anfang 1987 in weitere schwere Konflikte mit staatlichen und kirchlichen Stellen. Diese wurden von der Staatssicherheit als „operative Zersetzungsmaßnahmen“ im OV „Provokateur“, 1985 im OV „Julius“ und ab 1986 im OV „Lukas“ durch politisch-operatives Zusammenwirken präzise geplant.

Ab 1986 koordinierte Wonneberger die wöchentlichen Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche im Auftrag des Superintendenten des Kirchenbezirkes Leipzig-Ost. Damit ermöglichte Wonneberger den oppositionellen Gruppierungen in Leipzig – u.a. Arbeitsgruppe Menschenrechte, Arbeitskreis Gerechtigkeit, Arbeitsgruppe Umweltschutz, Initiativgruppe Leben, Frauen für den Frieden – einander abwechselnd Andachten zu gestalten und ihre politischen Inhalte zu vertreten. Des Weiteren ermöglichte er Auftritte oppositioneller Liedermacher Leipziger Liederszene als offene Liederbühne in seiner Kirche.

Im September 1988 wurde Wonneberger von Superintendent Friedrich Magirius als Koordinator der Friedensgebete an der Leipziger Nikolaikirche abgesetzt.[5][6][7] Magirius schrieb: „Lieber Bruder Wonneberger […] Wir haben eine neue Gestaltung der Friedensgebete für die nächsten Wochen vorbereitet. Meinerseits stelle ich noch einmal fest, dass Sie damit von Ihrer bisherigen Aufgabe entbunden sind.“[8]

Erst nach zwei Monaten intensiver Protestaktionen konnten Wonneberger und die organisierte Leipziger Opposition – wie die Arbeitsgruppe Menschenrechte, der Arbeitskreis Gerechtigkeit, die Initiativgruppe Leben, die Arbeitsgruppe Umweltschutz, die Leipziger Gruppe der Frauen für den Frieden – einen Kompromiss erreichen, der diesen Gruppen die Gestaltung der Friedensgebete unter der Leitung und Verantwortung eines Pfarrers ermöglichte. Die Gruppen wurden dann neben Wonneberger von den evangelischen Pfarrern Klaus Kaden und Rolf-Michael Turek sowie dem katholischen Priester Hans-Friedrich Fischer unterstützt.[9]

Im Juli 1989 organisierte Christoph Wonneberger gemeinsam mit den Leipziger Oppositionsgruppen den „statt-Kirchentag“ in der Lukaskirchgemeinde, nachdem die Gruppen durch die Kirchenleitung von der Mitgestaltung des Evangelischen Kirchentages in Leipzig ausgeschlossen worden waren.

Unter seiner Leitung konnten die Arbeitsgruppe Menschenrechte und der Arbeitskreis Gerechtigkeit im Pfarrhaus der Lukaskirche in der Leipziger Juliusstraße ab 1988 ein oppositionelles Zentrum aufbauen. Durch Unterstützung aus der Bundesrepublik konnten Bücher und Vervielfältigungsgeräte illegal ins Land gebracht werden. Hier wurden zahlreiche Samisdat und Flugblätter geschrieben und vervielfältigt. Dazu zählt auch das berühmte Flugblatt Wir sind ein Volk, mit welchem die Arbeitsgruppe Menschenrechte, der Arbeitskreis Gerechtigkeit und die Arbeitsgruppe Umweltschutz am 9. Oktober 1989 die staatlichen „Einsatzkräfte“ und die Leipziger Bevölkerung aufforderten, sich jeder Gewalt zu enthalten.[10] Das Flugblatt wurde am 8. und 9. Oktober von Christoph Wonneberger, Thomas Rudolph, Frank Richter und Kathrin Walther in einer Auflage von ca. 25.000 Stück gedruckt und von den Mitgliedern der Gruppen ab Mittag in Leipzig verteilt und in den Kirchen der Innenstadt zum Montagsgebet verlesen.

Christoph Wonneberger gestaltete maßgeblich die politischen Inhalte der Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche. Im September und Oktober 1989 unterhielt er mit der Arbeitsgruppe Menschenrechte und dem Arbeitskreis Gerechtigkeit in der Lukaskirchgemeinde ein „Demo-Telefon“ und informierte jeden Montag im Anschluss an die Montagsgebete die westlichen Journalisten über die Ereignisse in Leipzig. Damit stellte er sicher, dass eine breite Öffentlichkeit von den Verhaftungen in Leipzig, den stetig wachsenden Menschenansammlungen bis hin zu den Demonstrationen erfahren konnte. Über das „Demo-Telefon“ erfolgte auch der Kontakt zu Siegbert Schefke und Aram Radomski aus der Berliner Umweltbibliothek im Vorfeld des 9. Oktober. Durch das sorgsam aufgebaute Netzwerk der Arbeitsgruppe Menschenrechte und des Arbeitskreises Gerechtigkeit konnte ihnen das Filmen vom Turm der Reformierten Kirche organisiert und damit die Bilder der Demonstration vom 9. Oktober ermöglicht werden. Am selben Abend gab Christoph Wonneberger in einer Live-Schaltung ein Interview in den Tagesthemen der ARD und berichtete der Weltöffentlichkeit von der friedlichen Demonstration in Leipzig mit ca. 70.000 Teilnehmern.

Zäsur während der Friedlichen Revolution 1989 und Wirken seit der Genesung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein schwerer Hirninfarkt am 30. Oktober 1989 machte Wonneberger zum „Pfarrer ohne Worte“.[11] Heilung und medizinische Rehabilitation dauerten viele Jahre.[12] 1991 wurde Wonneberger offiziell in den Ruhestand versetzt. Er trat erst ab 2009 wieder politisch in Erscheinung.

Zum internationalen Symposium „2015 Peace Korea“ hielt er am 27. März 2015 in Seoul (Südkorea) einen Vortrag.[13] Sein Vorschlag zu einer Radfahrt entlang der Demilitarisierten Zone, d. h. entlang der Grenze zwischen Nord- und Südkorea, wurde von den koreanischen Partnern aufgenommen und umgesetzt. So konnte er im Oktober 2015 an der deutschen Delegation ehemaliger DDR-Bürgerrechtler zur International bikeathon along DMZ in Korea im Rahmen des Nationalen Kultur-Festivals für die friedliche Vereinigung Koreas teilnehmen.[14] Dazu bemerkte Wolfgang Templin in seiner Rede zur Demokratie in der Nikolaikirche am 9. Oktober 2015: „Es ist ein wunderbares Symbol, wenn in diesen Tagen Christoph Wonneberger, Gisela Kallenbach, Oliver Kloss und andere Leipziger ehemalige Oppositionelle an einer Fahrradtour entlang der Nord- und Südkoreanischen Teilungsgrenze teilnehmen.“[15]

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christoph Wonneberger lebt getrennt von Ehefrau Ute Wonneberger. Das Paar, das sich in Wonnebergers Dresdner Zeit kennengelernt hatte, bekam in Leipzig 1987 einen Sohn und 1989 eine Tochter.

Ehrungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verleihung des Sächsischen Verdienstordens 2015 durch Ministerpräsident Stanislaw Tillich: Christoph Wonneberger, 2. Reihe, 2. von rechts
Buch-Präsentation und Podiumsgespräch in der Kirche Panitzsch am 30. März 2014: Buch-Autor Thomas Mayer, Roland Jahn und Christoph Wonneberger (v. l.)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ralf Geißler: Christoph Wonneberger - Der vergessene Held. (2009) In: MDR Figaro.
  2. Einer der wichtigsten Pfarrer der Friedlichen Revolution. In: LeipzigerInternetZeitung, abgerufen am 10. April 2014.
  3. Thomas Mayer: Der nicht aufgibt – Christoph Wonneberger, eine Biographie. In: Schriftenreihe 14 des Sächsischen LStU; Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2014, ISBN 978-3-374-03733-9.
  4. Thilo Schmidt: Deutsche Rufe: Montagsdemonstration. Deutschlandradio Kultur, Länderreport am 4. September 2013.
  5. Robert-Havemann-Gesellschaft: Friedliche Revolution 1989/90.
  6. Neues Forum Leipzig: Zur Geschichte der Friedensgebete. 25 Jahre Friedensgebete in St. Nikolai 2007.
  7. Vgl. Rubrik Stasi: Pfarrer denunzierte Pfarrer. In: Focus-Magazin. Nr. 2 vom 9. Januar 1995, S. 13.
  8. Freunde und Feinde. Dokumente zu den Friedensgebete in Leipzig zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989, Leipzig 1994; Dokument 66. Siehe auch Peter Wensierski: Handeln statt Beten. In: Der Spiegel. Nr. 43, vom 19. Oktober 2009, S. 45.
  9. Christian Dietrich: Fallstudie Leipzig 1987–1989. Die politisch-alternativen Gruppen in Leipzig vor der Revolution. Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“, Band VII/1, 1995 und den Dokumentenband Freunde und Feinde, Leipzig 1994
  10. Flugblatt zum 9. Oktober 1989: Appell des organisierten Widerstandes zur Gewaltlosigkeit.
  11. Biograph Thomas Mayer
  12. Thomas Mayer: Der nicht aufgibt. Christoph Wonneberger - eine Biographie. Leipzig 2014, ISBN 978-3-374-03733-9, S. 122.
  13. Christoph Wonneberger: Vortrag zur Friedenskonferenz in Seoul am 27. März 2015
  14. Bericht zur DMZ-Fahrrad-Tour für die Wiedervereinigung Koreas, in: Magazin des Bundesverbandes der Koreaner in Deutschland, Nr. 12 (2015), S. 35; Björn Meine: Leipziger auf Friedensfahrt in Korea, in: Leipziger Volkszeitung (LVZ) vom 11. Januar 2016, S. 16.
  15. Wolfgang Templin: Rede zur Demokratie in der Leipziger Nikolaikirche am 9. Oktober 2015.
  16. Bambi: Hollywood-Glanz in Potsdam-Babelsberg. MDR, 2009, archiviert vom Original am 29. November 2009, abgerufen am 26. Januar 2010.
  17. Siehe Solidarność-Medaille an Christoph Wonneberger.
  18. Deutscher Nationalpreis 2014 für die Leipziger Montagsdemonstrationen. Die Deutsche Nationalstiftung, 2014, abgerufen am 12. März 2014.
  19. Medienstiftung der Sparkasse Leipzig: „Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien“: Preisträger 2014: Aram Radomski, Siegbert Schefke, Roland Jahn und Christoph Wonneberger. In: www.leipziger-medienstiftung.de. Abgerufen am 9. November 2016.
  20. Youngnam Theological University and Seminary (engl. WP)
  21. Christoph Wonneberger Ehrendoktor in Korea
  22. Verleihung am 26. Juni 2015.
  23. Siehe Dokumentation der Ehrung in Wiesbaden