Chrystia Freeland

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Chrystia Freeland (2019)

Christina Alexandra „Chrystia“ Freeland[1] PC (* 2. August 1968 in Peace River, Alberta) ist eine kanadische Publizistin und Politikerin. Vor ihrer politischen Laufbahn arbeitete sie als Journalistin und stellvertretende Herausgeberin für verschiedene Zeitungen und Agenturen, darunter die Financial Times, The Globe and Mail sowie Thomson Reuters. Seit November 2013 ist Freeland für die Liberale Partei Mitglied des kanadischen Unterhauses. Im Kabinett Trudeau war sie von 2015 bis 2017 Ministerin für internationalen Handel und zwischen 2017 und 2019 Außenministerin. Ab November 2019 amtierte Freeland als stellvertretende Premierministerin und Ministerin für zwischenstaatliche Angelegenheiten, die für das Verhältnis der Bundesregierung zu den Regierungen der kanadischen Provinzen und Territorien verantwortlich ist. Seit dem 18. August 2020 ist Freeland Finanzministerin Kanadas sowie weiterhin stellvertretende Premierministerin.[2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chrystia Freeland wurde als Tochter des Landwirts und Rechtsanwalts Donald Freeland, der Mitglied der Liberalen Partei Kanadas war, und seiner Ehefrau Halyna Chomiak (1946–2007), ebenfalls Anwältin und Mitglied der sozialdemokratischen Neuen Demokratischen Partei, geboren.[3][4]

Ihre Großeltern mütterlicherseits stammten aus der Ukraine und flohen gegen Kriegsende vor der Roten Armee zunächst 1944 von Krakau nach Wien und dann 1945 weiter nach Deutschland, wo ihre Mutter 1946 in einem Lager für Displaced Persons in Bad Wörishofen in Bayern zur Welt kam.[5][6]

Nach ihrem Schulabschluss erwarb sie in Harvard den Bachelorgrad in russischer Geschichte und in Oxford den Mastergrad für Slawistik. Sie ist mit dem britischen Reporter und Autor Graham Bowley verheiratet und hat drei Kinder. Seit dem Sommer 2013 lebt sie in Toronto.

Freeland war an der Herausgabe eines wissenschaftlichen Artikels über die Nazi-Vergangenheit ihres Großvaters Michael Chomiak (ukrainisch Миха́йло Хом'я́к / Michajlo Chomjak) beteiligt, den ihr Onkel, der Historiker John-Paul Himka, ein inzwischen emeritierter Geschichtsprofessor der University of Alberta, 1996 verfasste.[7][8] Chomiak, der 1939 vor den anrückenden Sowjettruppen aus dem damals noch polnischen Lemberg nach Krakau geflohen war, arbeitete als nationalsozialistischer Propagandist für das im Januar 1940 von den Nazis neugegründete, ukrainischsprachige Exilantenblatt Krakiwski Wisti (ukrainisch: Краківські вісті: народний часопис для Генерал-Губернаторства, deutsch: Krakauer Nachrichten – Ukrainische Volkszeitung für das Generalgouvernement).[8][9][10] Die Zeitung war eng an das Ukrainische Zentralkomitee in Krakau angelehnt, das von Wolodymyr Kubijowytsch geleitet wurde.[11] Chomiak wurde – angeblich gegen seinen Willen – von den Nazis zum Chefredakteur ernannt.[12] Das Blatt erschien erstmalig am 7. Januar 1940. Im Jahr 1944 wurde der Zeitungsverlag aufgrund der vorrückenden Sowjettruppen nach Wien verlegt. Am 29. März 1945 erschien die letzte Ausgabe.[13] Himka kam zu dem Schluss, dass Chomiak zwar ein Kollaborateur gewesen sei, wies jedoch darauf hin, dass die deutschen Besatzer die letzten redaktionellen Entscheidungen über die antisemitischen Artikel des Blattes und andere pro-nazistische Texte trafen.[7] Chomiak wurde von Emil Gaßner, dem NS-Pressechef im so genannten Generalgouvernement, beaufsichtigt.[14]

Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Freeland während der 54. Münchner Sicherheitskonferenz 2018

Zunächst war Freeland als freie Journalistin für Financial Times, The Washington Post und The Economist in der Ukraine tätig.[15]

Später war sie stellvertretende Herausgeberin der Financial Times in London und 1999 bis 2001 von The Globe and Mail, zuletzt Redakteurin bei Thomson Reuters Digital.[16]

Am 26. Juni 2013 wandte sich Freeland vom Journalismus ab und der Politik zu, indem sie sich um die Kandidatur der Liberalen Partei für den durch Bob Raes Rücktritt freiwerdenden Sitz im Wahlbezirk Toronto Centre des kanadischen Unterhauses bewarb. Am 15. September wurde sie dafür nominiert[17] und gewann am 25. November 2013 die Wahl in das Unterhaus mit 49 % der Stimmen.[18] Bei der Unterhauswahl 2015 trat sie in dem ebenfalls in Toronto gelegenen Wahlbezirk University–Rosedale an und gewann mit 49,8 % der Wählerstimmen.[19] Diesen Sitz konnte Freeland bei der Wahl 2019 mit 51,7 % der Stimmen verteidigen.[20]

Freelands Name steht auf der vom russischen Außenministerium am 21. März 2014 veröffentlichten Liste von Personen, denen im Zusammenhang mit der Annexion der Krim durch Russland die Einreise nach Russland verwehrt ist.[21] Im Kabinett von Justin Trudeau amtierte sie seit dem 4. November 2015 als Ministerin für internationalen Handel und engagierte sich für den Abschluss des Freihandelsabkommens CETA zwischen Kanada und der EU.[22]

Am 10. Januar 2017 wurde sie als neue Außenministerin eingesetzt.[23] Bei einem Kabinettumbau am 20. November 2019 wurde sie von Justin Trudeau zur Ministerin für zwischenstaatliche Angelegenheiten und zudem zur stellvertretenden Premierministerin Kanadas ernannt.[24]

Politische Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Konflikt mit Saudi-Arabien ab 2018[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Freeland äußerte sich am 2. August 2018 zu Menschenrechten am Beispiel der saudischen Frauenrechtsaktivistin Samar Badawi und verlangte ihre Freilassung. Auch die kanadische Botschaft in Riad hatte sich „ernsthaft besorgt“ über eine neue Welle von Festnahmen von Menschenrechtsaktivisten gezeigt und die sofortige Freilassung Badawis gefordert.

„Wir bitten die saudi-arabischen Behörden dringend, Samar Badawi und alle anderen friedlichen Menschenrechtsaktivisten freizulassen.“

Chrystia Freeland, 2018

Das saudische Außenministerium betrachtete das als eine „eklatante und unzulässige Einmischung in innere Angelegenheiten“, die man nicht akzeptiere, es sei ein Affront. Als Reaktion verwies Saudi-Arabien am 6. August 2018 den kanadischen Botschafter des Landes. Gleichzeitig rief die Regierung in Riad ihren Botschafter in Kanada zurück. Zudem setzte Saudi-Arabien ein erst vor Kurzem geschlossenes Handelsabkommen mit Kanada aus.

Badawi war nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch Anfang August 2018 zusammen mit ihrer Mitstreiterin Nassima al-Sadah festgenommen worden. Die beiden Frauen hatten jahrelang für das Recht gekämpft, in dem Königreich Auto fahren zu dürfen. Die Festnahmen sind für HRW ein Signal, dass das saudische Königshaus jeden friedlichen Widerspruch gegen die Autokratie als Bedrohung verstehe. Samar Badawi ist die Schwester des inhaftierten saudischen Bloggers Raif Badawi. Er wurde 2012 verhaftet und später zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt. Saudi-Arabien wirft ihm unter anderem vor, religiöse Werte angegriffen zu haben. Badawi lebt mit seiner Ehefrau Ensaf Haidar und ihren drei Kindern in Quebec. Sie sind alle Staatsbürger Kanadas.[25]

Am 6. August 2018 teilte Saudi-Arabien mit, dass Studierende des Landes in Kanada (die Saudis sprechen von 7000 Personen) umgehend außer Landes geschafft und in andere Länder verteilt würden. Die saudische staatliche Fluglinie werde ab 13. August alle Flüge nach Toronto beenden.[26]

Kanada bedauerte die saudischen Maßnahmen und erklärte, es würde weiterhin friedliche Menschenrechtsaktivisten in aller Welt unterstützen.[27]

Freeland sprach auch in Berlin über Menschenrechte, in Anwesenheit des deutschen Außenministers. Kanada will sich gemeinsam mit anderen Ländern dafür einsetzen:

„Wir zählen und hoffen dabei auf Deutschlands Unterstützung. Wir werden uns weiterhin für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen, selbst wenn man uns sagt, wir sollten uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern, und wenn mit Folgen gedroht wird.“

Freeland in Berlin, 27. August 2018: [28]

Kanadisch-deutsche Beziehungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem Kurz-Interview mit dem Spiegel im Sommer 2018 akzentuierte Freeland ihr gutes Verhältnis mit einem deutschen Außenminister:

„Der Minister ist eine der führenden Stimmen weltweit, wenn er die Rückkehr zur regelbasierten Ordnung (sc. in der Weltpolitik) einfordert. Die Menschen in Deutschland unterschätzen vielleicht den Einfluss der deutschen Außenpolitik. Die Wahrheit ist, dass die Welt Deutschland sehr ernst nimmt. … Wir arbeiten nun enger mit den Europäern zusammen.“

Freeland über Deutschland: [29]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Chrystia Freeland – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. thestar.com/how-chrystia-freeland-became-justin-trudeaus-first-star
  2. Freeland replaces Morneau as Trudeau's finance minister, cbc.ca, 18. Aug. 2020
  3. Chrystia Freeland - U.S. Managing Editor, Financial Times (Memento vom 28. Januar 2013 im Webarchiv archive.today)
  4. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 28. September 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ukrweekly.com
  5. Rebecca Wetherbee: Chrystia Freeland – U.S. Managing Editor, Financial Times, Little Pink Book. 20. Mai 2013. Vorlage:Cite news/temporär
  6. Halyna Chomiak Freeland, legacy.com - Archiviert am 27. Sept. 2013 von archive.org
  7. a b Freeland knew her grandfather was editor of Nazi newspaper, The Globe and Mail, 7. März 2017
  8. a b "Krakivski visti and the Jews, 1943: A contribution of Ukrainian Jewish Relations during the Second World War." Journal of Ukrainian Studies, 1996
  9. Ausgabe der Zeitung vom 12. Juli 1940: Краківські вісті, us.archive.org
  10. Eine Abbildung des Zeitungskopfes im Artikel Krakivs'ki Visti
  11. "The German authorities allowed the establishment in Kraków of a Ukrainian Central Committee, with which Krakivs'ki visti was closely associated. The committee was headed by Professor Volodymyr Kubijovyč who leaned towards the Melnyk rather than the Bandera faction of Ukrainian nationalists. " in: John-Paul Himka. "Ethnicity and the Reporting of Mass Murder: Krakivs'ki visti, the NKVD Murders of 1941, and the Vinnytsia Exhumation".Time and Space. Lviv: University of Alberta. Archiviert am 2. April 2015. (Direkter Download!)
  12. Paula Simons: 'School of hate': Was Foreign Affairs Minister Chrystia Freeland's grandfather a Nazi collaborator? edmontonjournal.com, 8. März 2017
  13. First published in Krakow (first issue 1.7.1940) the publishing house was moved to Vienna in order to flee the red army in 1944 (last issue 29.3.1945). in: "Page from an Ukrainian newspaper Krakivs'ki Visti, December 1944"., karlwaldmannmuseum.com
  14. Klaus-Peter Friedrich: Die deutsche polnischsprachige Presse im Generalgouvernement (1939–1945), springer.com
  15. Chrystia Freeland. Foreign Affairs, International Trade and Development Canada (DFAIT). 25. April 2013. Archiviert vom Original am 20. Juli 2013.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.international.gc.ca Abgerufen am 29. Juli 2013.Vorlage:Cite web/temporär
  16. lt. Klappentext in: Chrystia Freeland: Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite. Frankfurt/Main 2013.
  17. Mok, Tanya: Liberals choose Chrystia Freeland to face NDP candidate Linda McQuaig in upcoming byelection in Toronto Centre. National Post. 15. September 2013. Abgerufen am 15. September 2013.Vorlage:Cite web/temporär
  18. Live Results from Toronto Centre and three other federal Byelections The Globa and Mail, online, (englisch)
  19. Wahlergebnis 2015 bei Elections Canada
  20. Wahlergebnis 2019 bei Elections Canada
  21. CBC-News: Russian sanctions against Canadians a 'badge of honour'
  22. Hendrik Kafsack: Handelsabkommen mit Kanada: Das Ceta-Drama. In: FAZ. 24. Oktober 2016, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 24. Oktober 2016]).
  23. CBC-News: Chrystia Freeland takes over Foreign Affairs as Trudeau shuffles cabinet
  24. Tonda MacCharles, Bruce Campion-Smith: Chrystia Freeland named deputy prime minister in cabinet shuffle. In: The Star. 20. November 2020, abgerufen am 16. Februar 2020.
  25. Streit um Menschenrechte - Saudi-Arabien weist kanadischen Botschafter aus, 6. August 2018, Der Spiegel
  26. Streit um Festnahme von Aktivisten - Saudi-Arabien setzt Flüge nach Kanada aus, 7. August 2018, Der Spiegel
  27. Statement des kanadischen Außenministeriums zum Landesverweis des Konsuls Dennis Horak, 6. August 2018 (englisch, wahlweise auch in französisch)
  28. Maas will Allianz der liberalen Demokratien schmieden. Berliner Morgenpost, 27. August 2018, archiviert vom Original am 28. August 2018;.
  29. Der Spiegel, 1. September 2018, S. 73
  30. Chrystia Freeland." The Financial Times biography. 3 Feb 2004; 26 May 2007.
  31. ‘Romney is Wall Street’s worst bet since the bet on subprime’ Ezra Klein, Washington Post, November 28, 2012. Interview with Chrystia Freeland.
  32. Lionel Gelber Prize 2013. Abgerufen am 15. März 2019 (englisch).
  33. Kanadische Außenministerin mit Warburg-Preis der Atlantik-Brücke geehrt. Abgerufen am 9. Dezember 2018.