Chulalongkorn

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König Rama V. (Chulalongkorn)

König Chulalongkorn der Große, (Rama V., Regierungsname: Phra Chunlachomklao Chaoyuhua, auf Thailändisch: พระบาทสมเด็จ พระจุลจอมเกล้าเจ้าอยู่หัว, gesprochen [pʰrábàːt sǒmdèt pʰrá ʨunláʨɔːmklâw ʨâwjùːhǔːa]; * 20. September 1853 in Bangkok, Thailand; † 23. Oktober 1910 ebendort), war von 1868 bis zu seinem Tod König von Siam (Thailand). Während seiner 42-jährigen Regierungszeit öffnete sich Siam weiter dem Westen, modernisierte sein Militär, Verwaltungssystem, Bildungs- und Rechtswesen, baute die Infrastruktur aus und schaffte die Leibeigenschaft ab.

Beginn der Regierungszeit[Bearbeiten]

Chulalongkorn bei seiner Krönung, 1868
Der junge König Chulalongkorn

Als ältester Sohn des an Malaria verstorbenen Königs Mongkut (Rama IV.) wurde er im Alter von 15 Jahren gekrönt. Die Macht lag bis November 1873 bei einem Regenten, Chaophraya Si Suriyawong (Chuang Bunnag), der bereits unter Chulalongkorns Vater der höchstrangige und mächtigste Minister war.

Bei der 100-Jahres-Feier zum Bestehen der Chakri-Dynastie im Jahr 1882, nur 14 Jahre nach dem Tod seines Vaters, wurden fünf bedeutende Errungenschaften König Chulalongkorns für Siam bis zu diesem Zeitpunkt erwähnt:

  1. die allmähliche Gleichberechtigung bestimmter Klassen von Sklaven (Im Jahr 1905 wurde die Sklaverei endgültig abgeschafft und verboten, nachdem die wirtschaftliche Unabhängigkeit jedes Einzelnen gesichert werden konnte),
  2. die Abschaffung der Niederwerfung vor dem König,
  3. die Garantie für Regierungsoffiziere, dem König schriftlich ihre Meinung zukommen lassen zu dürfen,
  4. die Verbesserung der Beziehungen zum Ausland,
  5. die Erweiterung des Wat Phra Kaeo.

Des Weiteren hatte er bereits eine Bildungsreform angestoßen, das Anlegen neuer Reisfelder unterstützt und die Wirtschaft durch das Graben neuer Kanäle angekurbelt.

Politik[Bearbeiten]

Offizielles Porträt Ramas V. im Großen Palast

Außenpolitik[Bearbeiten]

Schon früh interessierte sich Chulalongkorn für die Situation im Ausland. Bereits 1870 besuchte er die zum niederländischen Kolonialreich gehörende Insel Java und 1871 bis 1872 Indien, wobei er vom seinerzeitigen britischen Generalkonsul Thomas George Knox (1824-1887) begleitet wurde[1].

Chulalongkorn galt als sehr erfolgreicher Außenpolitiker. Er knüpfte als erster König Siams direkte Kontakte zu den europäischen Königshäusern. Zwei Reisen führten ihn 1897 und 1907 nach Europa, unter anderem auch nach Deutschland, wo er in Heidelberg beispielsweise seinen Sohn Prinz Rangsit besuchte, der dort von 1905 bis 1913 studierte und 1912 die Heidelbergerin Elisabeth Scharnberger heiratete.

Das erste siamesische Filmdokument zeigt die Ankunft des Königs Chulalongkorn in Bern am 25. Mai 1897. Im Jahr 1900 wurde von Prinz Sanbhassatra, dem jüngeren Bruder des Königs, der erste Film in Thailand selbst gedreht.

In seinen gesamten 42 Regierungsjahren ist Siam zu einem modernen Staat entwickelt worden, der seine Unabhängigkeit gegen den starken Druck von Großbritannien und Frankreich verteidigen konnte und der seine Verwaltung und sein Wirtschaftssystem konkurrenzfähig gestaltet hat. Alle Nachbarn Siams wurden kolonisiert, Rama V. konnte durch die Übergabe kleinerer Teile des Reiches die Integrität Siams bewahren: Teile von Laos wurden Bestandteil der französischen Kolonie Indochina, vier südliche Provinzen wurden als Unfederated Malay States britisches Protektorat. Siam bildete einen akzeptierten Pufferstaat zwischen den Kolonialgebieten Südostasiens.

Innenpolitik[Bearbeiten]

Nach dem Ende der Regentschaft Sisuriyawongs im November 1873, richtete König Chulalongkorn im Mai 1874 einen Staatsrat ein. Im August 1874 folgte die Einführung eines Kronrats, dessen (zunächst 49) Mitglieder den König persönlich beraten sollten.

Große Umwälzungen im Staats- und Regierungsapparat fanden in den Jahren 1887 bis 1892 statt, wobei 1892 als das große Reformjahr gilt. Diese Reformen waren nicht zuletzt eine Antwort auf die zunehmende Bedrohung durch die britischen und französischen Kolonialmächte, die ihre Herrschaft über sämtliche Nachbarstaaten gesichert hatten. Siam musste eine starke Großnation werden, und so wurden durch Verwaltungsreformen auch die Verbindungen zu den Vasallenstaaten im Norden und Nordosten verstärkt. Aus strategischen Gründen wurde der Bau von Eisenbahnstrecken in diese Landesteile angestoßen.

Im April 1882 ernannte König Chulalongkorn (als weiterhin absoluter Monarch, der keinerlei Macht delegierte) ein neues Kabinett aus zwölf Mitgliedern, die loyal zu ihm standen, darunter neun (Halb-)Brüder von ihm.

Chulalongkorn (mitte) mit seinen Halbbrüdern, Außenminister Prinz Devawongse (links) und Innenminister Prinz Damrong (rechts)

Ab 1892 führte Chulalongkorn das Thesaphiban-System zur Verwaltung des Landes ein und veränderte damit den Staatsaufbau des Reiches nachhaltig. Bis dahin hatten Siams tributpflichtige Fürstentümer und Stadtstaaten (Müang) verschiedene Grade von Autonomie, abhängig von ihrer Größe und Entfernung von Bangkok, und wurden von eigenen Dynastien regiert. Das entsprach dem traditionellen südostasiatischen Mandala-System der Machtausübung und nicht dem Modell der Territorialstaaten, wie es sie in Europa gab. Chulalongkorn und sein Halbbruder und Innenminister (Mahatthai) Prinz Damrong Rajanubhab unterstellten nun das ganze Land nach westlichem Modell direkt der Zentralregierung. Sie bildeten Provinzen (Changwat), die zu großen Kreisen (Monthon) zusammengefasst wurden. Diese Verwaltungseinheiten wurden forthin von Bevollmächtigten des Innenministerium beaufsichtigt.[2]

König Chulalongkorn mit seinem Sohn, Kronprinz Maha Vajirunhis (1878–95); Porträt im National History Museum, Bangkok

Eine größere Kabinettsumbildung gab es 1896. Die Hauptposten gingen wieder an Halbbrüder des Königs: Damrong (Inneres), Mahit (Finanzen und Landwirtschaft), Phithayalap (Palast und Öffentlichkeitsarbeit), Devawongse (Auswärtiges), Naris (Armee) und Naret (lokale Administration/ Local Government). Neu hinzu kam 1897 der junge Prinz Rabi Badhanasakti, der frisch von seinem Studium in Oxford zurückgekehrt war und Justizminister wurde. Er war damit der erste von Chulalongkorns Söhnen, der einen Ministerrang erhielt und gilt heute als Vater des thailändischen Rechts. Er modernisierte das Rechtssystems gemeinsam mit dem belgischen Juristen Gustave Rolin-Jaequemyns, der ab 1892 als Hauptberater Chulalongkorns diente und dem dieser den hohen feudalen Ehrentitel Chao Phaya Abhai Raja verlieh.

Frage der Thronfolge[Bearbeiten]

König Chulalongkorn schaffte nach dem Tod seines Vizekönigs (Uparat) Prinz Wichaichan im Jahr 1885 das Amt des Vizekönigs ab und führte stattdessen die Ernennung eines Thronnachfolgers als Kronprinzen ein. Im Januar 1887 setzte er den neunjährigen Chaofa-Prinzen Wachirunhit als Siams ersten Kronprinzen (sayam makut ratchakuman) ein. Nach dem Tod des jungen Kronprinzen am 4. Januar 1895 wurde der vierzehnjährige Prinz Vajiravudh (der spätere König Rama VI.) zum neuen Kronprinzen erklärt.

Bildungspolitik[Bearbeiten]

Die Bildungsanstrengungen seiner Vorgänger setzte Rama V. fort. Hervorragende Schüler wurden ohne Ansehen ihrer Herkunft mit Stipendien versehen und nach Europa (England, Dänemark, Deutschland, Russland) geschickt. Auch ließ er königliche Schulen für die Bevölkerung bauen. Die Einführung der englischen Sprache als Unterrichtsfach förderte das Verständnis für die westliche Kultur. Bei seinen vielen teils überraschenden und manchmal auch anonymen Reisen durch das Land konnte der König viele Schwachstellen in der Verwaltung und in der Rechtspflege aufdecken und beheben. So entstanden viele kleine Reformen und Verbesserungen, die den Status der Verwaltung stärkten und das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat, insbesondere in die Monarchie, festigten.

Religionspolitik[Bearbeiten]

Chulalongkorn war dem Buddhismus sehr tief verbunden. Gleichwohl lag ihm die Missionierung Andersgläubiger fern, im Gegenteil sorgte er durch Landschenkungen dafür, dass christliche Kirchen und Moscheen gebaut werden konnten. Es herrschte Religionsfreiheit.

Ausbau der Infrastruktur[Bearbeiten]

Der König betrieb auch eine konsequente Modernisierungspolitik. Zahlreiche ausländische Berater wurden für Siam tätig, hauptsächlich in der Verwaltung und beim technischen Ausbau des Landes. Während der frühen 1890er Jahre erhielt Siam Hilfe bei zahlreichen Entwicklungsprojekten von mehr als hundert ausländischen technischen Spezialisten. Die meisten waren Briten, Dänen und Deutsche. (Es gab französische Missionare und diplomatische Vertreter, jedoch keine technischen Berater.)

Das thailändische Eisenbahnnetz wurde mit deutschem technischen Personal und zahlreichen chinesischen Arbeitern gebaut.

Im Jahr 1897 arbeiteten folgende Ausländer im siamesischen Staatsdienst: 54 Engländer, 20 Dänen, 18 Deutsche, 9 Belgier, sieben Italiener, und ein paar Niederländer, Österreicher, Amerikaner, Portugiesen und Schweizer. Die Verwaltungsreformen König Chulalongkorns verbesserten auch das Polizeiwesen, sowie den Post- und Telegrafendienst. Die erste Telefonverbindung entstand 1881. Das Gerichtswesen wurde reformiert. Das Provinzialgerichte-Gesetz von 1896 brachte das gesamte Gerichtswesen auf Provinzialebene unter Bangkoks Aufsicht.

Außerdem erfolgte unter König Chulalongkorn der Bau von Krankenhäusern, wobei das erste Krankenhaus des Landes, das nach Chulalongkorns als Kleinkind verstorbenen Sohn benannte Siriraj-Krankenhaus erst nach jahrelangen Auseinandersetzungen gebaut und 1896 eröffnet werden konnte. Die meisten Thais waren Anhänger der Kräutermedizin und daher skeptisch gegenüber der „Farang-Medizin“. Außerdem fehlte es zunächst noch an qualifizierten, thailändischen Ärzten, die das Vertrauen der Bevölkerung hätten festigen können.

Auslandsreisen[Bearbeiten]

Von Chulalongkorn gestifteter Siamesischer Pavillon im Kurpark von Bad Homburg.
  • 9. März 1871 – 15. April 1871: Singapur und Batavia
  • Zweite Reise (frühe 1870er Jahre): Singapur, Malakka, Penang, Moulmein (Mon-Staat, heute Mawlamyaing/Myanmar), Rangun, Indien (Kalkutta, Delhi, Agra, Lucknow, Cawnpore, Bombay, Benares)
  • 1897 (Anfang April bis 16.Dez.) Erste Europareise über Colombo, Aden und Port Said. Ankunft in Venedig am 14. Mai 1897.
    • Reiseziele: Genf, Turin, Florenz, Rom, Wien, Budapest, Warschau, St. Petersburg, London, Hamburg, Essen, Den Haag, Brüssel, Paris, sowie eine Menge kleinerer Städte.
    • Während dieser neun Monate war Königin Saowapha als Regentin eingesetzt. Zahlreiche Briefe und Telegramme des Königs von dieser Reise sind erhalten.
  • 1907 (März bis November) Zweite Europareise (Kronprinz Vajiravudh war in dieser Zeit Regent, jedoch musste man König Chulalongkorn während seiner Abwesenheit alle politischen Entscheidungen telegrafisch mitteilen und seine Zustimmung abwarten. Zahlreiche Briefe des Königs von dieser Reise wurden übersetzt und sind als Buch erschienen, siehe unten)

Der Innere Palast[Bearbeiten]

Der Innere Palast oder auch die Innere Stadt (auf Thai Khang nai oder Fai nai, „das Innere“) war ein geografischer, institutioneller und sozialer Ort, wo ausschließlich Frauen residierten oder wohnten, die in irgendeiner Verbindung zum König standen. Während der Hochzeit des Inneren Palastes befanden sich hier etwa 3.000 Frauen, wobei Männer – bis auf den König, dessen Privatquartiere sich im Inneren Palast befanden, sowie dessen Söhne unter 11 Jahren – grundsätzlich Zutrittsverbot hatten. Es handelte sich also um einen Harem, dreifach größer als die umfangreichsten Harems des Osmanischen Reiches[4].

Chulalongkorn hatte insgesamt 153 Ehefrauen, von denen ihm 35 Frauen 76 Kinder gebaren.[5] Die anderen (weiblichen) Bewohner des Inneren Palastes waren unter anderem Konkubinen, Wachposten, Richterinnen, Geldverleiherinnen, Köchinnen, Dienerinnen und Sklavinnen.

Das Erbe von Chulalongkorn[Bearbeiten]

Reiterstandbild von Rama V. vor dem Dusit-Palast in Bangkok.

Er hinterließ seinem Sohn Vajiravudh (Rama VI.), der bereits in England studiert hatte, einen modernen Staat mit vielfältigen Möglichkeiten zur Entfaltung des einzelnen Bürgers. Chulalongkorn ist in seinem Heimatland auch heute noch eine der meistverehrten Persönlichkeiten der thailändischen Geschichte.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Chulalongkorn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  • Ampha Otrakul (Übers.): ไกลบ้าน (Glai baan) – Fern von Zuhause. König Chulalongkorns Reisetagebuch 1907. Königlich Thailändische Botschaft, Berlin 2007, ISBN 978-974-9898-32-1
  • Suphot Manalapanacharoen: König Chulalongkorn und die Stadt Berlin. In: Ulrich van der Heyden, Joachim Zeller (Hg.): „… Macht und Anteil an der Weltherrschaft.“ Berlin und der deutsche Kolonialismus. Unrast-Verlag, Münster 2005, ISBN 3-89771-024-2
  • Irene Stengs: Worshipping the Great Moderniser. King Chulalongkorn, Patron Saint of the Thai Middle Class. NUS Press, Singapur 2009
  • Barend Jan Terwiel: Thailand's Political History. From the Fall of Ayutthaya to Recent Times. River Books, Bangkok 2005, ISBN 974-9863-08-9
  • Pornsan Watanangura (Hrsg.): The Visit of King Chulalongkorn to Europe in 1907. Reflecting on Siamese History. Center for European Studies, Chulalongkorn University, Bangkok 2009

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://query.nytimes.com/mem/archive-free/pdf?res=9402EEDB1F31EE3ABC4A52DFB266838B699FDE (Zugriff am 18. Oktober 2009).
  2. Volker Grabowsky: Regions and National Integration in Thailand, 1892-1992. Harassowitz-Verlag, Wiesbaden 1995, S. 2.
  3. http://wiki-de.genealogy.net/Nordkap
  4. Tamara Loos: Sex in the Inner City: The Fidelity between Sex and Politics in Siam. In: The Journal of Asian Studies, Bd. 64, Nr. 4 (2005), S. 881-909.
  5. Siehe dazu: aus der thailändischen Wikipedia: Frauen und Kinder von Rama V. (auf Thai)