Chunyun

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Bahnhof Peking West während des Chunyun 2009
Reisezugwagen während des Chunyun 2014
Autofahrer verlassen während eines Staus ihre Fahrzeuge

Als Chunyun (chinesisch 春運 / 春运, Pinyin Chūnyùn) wird das erhöhte Verkehrsaufkommen in der Volksrepublik China aufgrund des chinesischen Neujahrsfests bezeichnet. Die Zeitspanne des Chunyun beträgt 40 Tage und beginnt im Januar oder Februar. Zahlreiche Chinesen, die aufgrund der besseren Erwerbsmöglichkeiten in die urbanisierten Zentren im Osten des Landes gezogen sind, kehren während des Chunyun in die ländlichen Regionen im Westen zurück, um das Neujahrsfest gemeinsam mit ihren Familien zu feiern. Gleichzeitig nutzen Studenten der chinesischen Universitäten ihre Ferienzeit, um durch das Land zu reisen.[1] Für 2015 gingen Schätzungen von 3,7 Milliarden Reisen aus, davon 2,8 Milliarden mit öffentlichen Verkehrsmitteln.[2] Die Bevölkerung der Volksrepublik China lag 2015 zum Vergleich bei 1,37 Milliarden Menschen. Chunyun wird daher oft als die größte jährlich wiederkehrende Migrationsbewegung der Welt bezeichnet.[1][2][3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1970er-Jahren erlebte die chinesische Wirtschaft den Beginn eines Wachstumszeitraums, der besonders die im Osten gelegenen Städte wie Peking und Shanghai sowie die im Süden gelegenen Städte wie Shenzhen, Guangzhou und Dongguan betraf. Arbeiter aus den ländlich geprägten Provinzen im Westen des Landes brachen in diese Städte auf, um von den besseren Verdienstmöglichkeiten zu profitieren. Die Reisen erfolgten hauptsächlich mit der staatlichen chinesischen Eisenbahngesellschaft, die in den 1970er-Jahren noch 70 % des gesamten jährlichen Personenverkehrsaufkommens trug. Zu dieser Zeit waren die Reisezugwagen, die meist rund 120 Sitzplätze haben, mit bis zu 250 Menschen und deren Reisegepäck gefüllt. Auf einer 15-stündigen Fahrt gelang es nicht selten, Verspätungen von 30 Stunden aufzubauen.[1] In den Folgejahren stieg der Anteil des Straßenverkehrs während des Chunyun, heute wird mehr als die Hälfte des Verkehrs über die Straße abgewickelt.[3]

Seit dem Jahr 2000 spielt der chinesische Binnentourismus eine steigende Rolle. So verdoppelte sich die Zahl der Bahnreisen zwischen 2003 und 2014.[1] Im Jahr 2010 sorgte Binnentourismus für 1,61 Milliarden Reisen während des Chunyun.[3]

Auswirkungen auf den Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Temporäre Fahrkartenschalter an einem Bahnhof
Personalisierte Fahrkarte aus dem Jahr 2015

Für die Verkehrsinfrastruktur Chinas bringt die Zeit des Chunyun die verkehrsreichsten Tage des Jahres mit sich. Der Luftverkehr ist vergleichsweise kaum betroffen, da er für die meisten Chinesen nicht erschwinglich ist.[3] Busunternehmen bieten zusätzliche Fahrten an, die Eisenbahngesellschaft stellt Sonderzüge. Auf den Ost-West-Verbindungsstraßen bilden sich lange Staus.

Vor dem Neujahrsfest liegt die Lastrichtung von Ost nach West, nach dem in der Mitte des Chunyun liegenden Feiertag kehrt sie sich um. Der Tourismus konzentriert sich auf den Zeitraum nach dem Neujahrsfest, sodass in der zweiten Hälfte des Chunyun die höchsten Fahrgastzahlen erreicht werden. Auf dem Weg in die westlichen Provinzen mit öffentlichen Verkehrsmitteln stellen zentral im Landesinneren gelegene Städte wie Zhengzhou oder Xi’an wichtige Knotenpunkte für Umsteiger dar. Das jährliche Passagiervolumen des Eisenbahnknotens Zhengzhou liegt im landesweiten Vergleich auf dem zweiten Platz,[1] obwohl Zhengzhou nicht zu den zehn größten Städten Chinas gehört.

Die Zahl der verfügbaren Bahnfahrkarten reicht oft nicht aus, um die Nachfrage zu befriedigen. In der Vergangenheit gab es daher einen ausgeprägten Handel mit Fahrkarten zu überhöhten Preisen auf dem Schwarzmarkt, der durch Korruption innerhalb der Bahngesellschaft bedient wurde. So wurde Zhixiang Liu, der Bruder des damaligen Präsidenten des Eisenbahnministeriums Zhijun Liu, 2005 überführt, Fahrscheine im Wert von 36 Millionen Yuan illegal weiterverkauft zu haben. Zhijun Liu selbst wurde 2011 ebenfalls der Korruption überführt und vom Amt entbunden. In der Folge wurden ab dem Chunyun 2010 personalisierte, nicht übertragbare Fahrkarten eingeführt; beim Einstieg in einen Zug finden Ausweiskontrollen statt. Um dem hohen Andrang an Bahnhöfen nachzukommen, wurden zum Chunyun provisorische Schalter aufgestellt. Mittlerweile reservieren die meisten Chinesen ihre Fahrkarte jedoch über das Internet. Online-Buchung ist seit Januar 2010 möglich, seit Dezember 2013 auch per Mobile App.[1]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Chunyun – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f Zhenhua Chen, Kingsley E. Haynes: Chinese Railways in the Era of High-Speed. Emerald Group, Bingley 2015, ISBN 978-1-78441-985-1.
  2. a b Earth's biggest human migration on a map. In: CNN. Abgerufen am 16. Dezember 2015.
  3. a b c d Chinese New Year 2015: Chunyun, the largest annual human migration in the world. In: International Business Times UK. Abgerufen am 16. Dezember 2015.