Tintenfischpilz

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Tintenfischpilz
Tintenfischpilz (Clathrus archeri) mit Hexeneiern

Tintenfischpilz (Clathrus archeri) mit Hexeneiern

Systematik
Klasse: Agaricomycetes
Unterklasse: Phallomycetidae
Ordnung: Stinkmorchelartige (Phallales)
Familie: Stinkmorchelverwandte (Phallaceae)
Gattung: Gitterlinge (Clathrus)
Art: Tintenfischpilz
Wissenschaftlicher Name
Clathrus archeri
(Berk.) Dring
Tintenfischpilz in Rindenmulch
Hexeneier des Tintenfischpilzes
Tintenfischpilz auf einer Feuchtwiese
Tintenfischpilz (2017 in Baden-Württemberg in einem Wald zwischen Tübingen und Kusterdingen)

Der Tintenfischpilz (Clathrus archeri, Syn.: Anthurus archeri) ist eine Pilzart aus der Gattung der Gitterlinge (Clathrus).

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der junge Pilz wächst zuerst als 3–5 cm breites Hexenei. Von den ähnlichen Hexeneiern der Stinkmorchel unterscheidet sich das des Tintenfischpilzes durch rosa gefärbte Rhizomorphen. Außerdem kann man beim Durchschneiden der Hexeneier bereits das rot gefärbte Receptaculum erkennen. Das Receptaculum besteht aus einem kurzen (etwa 4 cm langen) Stamm, der in der volvaartigen Hülle stecken bleibt, und 4–6 etwa 10 cm langen Armen. Diese sind zunächst an der Spitze verbunden und treten gemeinsam aus der Peridie aus. Nach der Streckung trennen sie sich und breiten sich sternförmig aus. Die oberseits leuchtend-, unterseits blassroten Arme tragen auf der Innenseite die netzartig geteilte Gleba, eine olivschwärzliche, glänzende und klebrige Schleimschicht, die die Sporen enthält. Der Tintenfischpilz strömt einen intensiven und penetranten Aasgeruch aus.

Varianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vereinzelt kommen auch Exemplare mit einem ungewöhnlich verlängerten Stiel[1] oder solche mit einem komplett weißen Receptaculum vor.[2][3]

Artabgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Charakteristisch für den Tintenfischpilz sind die intensive rote Farbe sowie die Anzahl und die Form der Arme des Receptaculums. Pseudocolus fusiformis oder Laternea triscapa können ähnlich gefärbt sein. Das Receptaculum besteht normalerweise nur aus bis zu vier Armen, die länger miteinander verbunden bleiben und sich nicht so stark nach außen krümmen. Die Sporen von P. fusiformis sind im Mittel gedrungener. Bei Clathrus columnatus öffnen sich die Arme ebenfalls nicht sternförmig; die Gleba ist auf den oberen Teil des Receptaculums beschränkt. Arten der Gattung Blumenavia erscheinen wie blasse Formen des Tintenfischpilzes. Die Arme laufen ebenfalls nur wenig auseinander.

2011 wurde Clathrus archeri var. albus aus Kerala in Indien beschrieben.[2]

Ökologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Tintenfischpilz wächst als Saprobiont auf mehr oder weniger sauren Böden, teilweise auch auf morschem Holz oder Rindenmulch. Er kommt in Mitteleuropa in verschiedenen Waldtypen vor, oft entlang von Waldwegen, seltener ist er außerhalb des Waldes zu finden. Die Fruchtkörper erscheinen in Mitteleuropa vom Frühsommer bis zum Spätherbst. Der starke Geruch nach Aas und wahrscheinlich auch die verrottendes Fleisch imitierende Farbe locken Fliegen und Mistkäfer an, die die Sporen verbreiten.

Der Tintenfischpilz ist ungiftig und kann nach Entfernung des Sporenbehälters und der gelatinösen Gleba-Schicht verzehrt werden, gilt aber für die kulinarische Verwendung als ungeeignet.[4][5]

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Tintenfischpilz ist in Australien, Tasmanien, Neuseeland[1] und den Malayischen Inseln heimisch, eventuell auch in China[6], Süd- und Ostafrika, sowie auf St. Helena.[1]

In Kalifornien[7] wurde er eingeschleppt. Nach Europa gelangte er mit Woll- oder Militärtransporten. Als Erstfund in Europa wird 1913 in den Vogesen bei La Petite-Raon angegeben. In Deutschland wurde er zum ersten Mal 1934 bei Karlsruhe gefunden, in der Schweiz 1942 im Kanton Aargau. In Österreich wurde er 1948 erstmals nachgewiesen.[8] Seitdem hat sich die Art in West- und Mitteleuropa weiter ausgebreitet und kann heute von Norditalien, Korsika, Westspanien und Nordfrankreich nördlich bis Südengland, Südnorwegen und Südschweden sowie östlich bis Südpolen, Tschechien, der Westukraine und Slowenien gefunden werden, eventuell ist er noch in Ausbreitung befindlich. Man nimmt an, dass er auch von Vögeln, die sporentragende Insekten gefressen haben, verbreitet wird. Die Art gilt in Europa nicht als invasiv, negative Auswirkungen auf die heimische Natur sind nicht bekannt.[8]

Der Pilz wurde im deutschsprachigen Raum noch im späten 20. Jahrhundert als extrem selten beschrieben, ist aber inzwischen in ganz Österreich etabliert[8] und auch in Deutschland an vielen Orten anzutreffen.[4][9][10][11] Der Klimawandel soll seine Verbreitung begünstigen, da er warme und feuchte Habitate bevorzugt.[4][5]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Tintenfischpilz (Clathrus archeri) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c D.M. Dring: Contributions towards a rational arrangement of the Clathraceae. In: Kew Bulletin. Band 35, Nr. 1, 1980, S. 29–33. JSTOR 4117008
  2. a b C. Mohanan: Macrofungi of Kerala. Kerala Forest Research Institute, Kerala, Indien 2011, ISBN 81-85041-73-3.
  3. Der Tintling Nr. 67 (Ausgabe 6/2010). Abgerufen am 1. September 2015.
  4. a b c Andreas Frey: Tentakel des Grauens. In: FAZ. 27. September 2019, abgerufen am 9. Oktober 2019.
  5. a b Annett Stein: Klimaerwärmung lässt fremde Tentakelpilze sprießen. In: Die Welt. 25. September 2014, abgerufen am 28. September 2019.
  6. Li Fan, Bo Liu & Yin Hua Liu: The Gasteromycetes of China (A Supplement to Nova Hedwigia Beiheft 76). In: Nova Hedwigia. Beiheft 108, 1994, S. 4.
  7. David Arora & William R. Burk: Clathrus archeri, a Stinkhorn new to North America. In: Mycologia. Band 74, Nr. 3, 1982, S. 501–504 (online verfügbar).
  8. a b c Tintenfischpilz. neobiota.at (abgerufen 14. November 2018).
  9. Christof Nikolaus Schröder: Clathrus archeri (Berk.) Dring (Phallaceae). (Stand: 2016). In: cnsflora.de. Abgerufen am 28. September 2019.
  10. Limbach-Oberfrohna: Seltener Pilz in Bräunsdorf entdeckt. In: Freie Presse. 19. November 2012, abgerufen am 28. September 2019.
  11. Mysteriöser Fund am Gartenzaun in Oberschönau. In: insuedthueringen.de. 5. Juli 2014, abgerufen am 28. September 2019.