Coco Schumann

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Heinz Jakob „Coco“ Schumann (* 14. Mai 1924 in Berlin) ist ein deutscher Jazzmusiker und Gitarrist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geboren und aufgewachsen in Berlin, kam Schumann in den 1930er Jahren in Kontakt mit den neu aufkommenden Musikrichtungen Jazz und Swing. Schumann, der autodidaktisch Gitarre und Schlagzeug erlernte, spielte bereits als Jugendlicher in verschiedenen Swingbands. Der Spitz- und Künstlername „Coco“ entsteht zu dieser Zeit, da eine französische Freundin den Namen „Heinz“ nicht aussprechen konnte und seinen zweiten Vornamen „Jakob“ zu „Coco“ simplifizierte.

Mit der Einführung der Rassegesetze der Nationalsozialisten 1935 wurde Schumann als „Geltungsjude“ eingestuft: Seine Mutter war jüdisch, sein Vater war vor der Hochzeit vom Christentum konvertiert und pflegte eine, wenn auch lockere, Verbindung mit einer reformjüdischen Gemeinde.

Schumann gelang es, in Berliner Bars und Tanzclubs zu spielen, obwohl er noch minderjährig war. Zudem durften Juden nicht Mitglied in der Reichskulturkammer werden, also nicht als Musiker arbeiten und Geld verdienen. Die Nationalsozialisten erklärten Musikrichtungen wie Jazz und Swing für „undeutsch“. Dreifach der Illegalität ausgesetzt und mit Hilfe einer falschen Steueridentität spielte Schumann bis 1943 unter anderem in den Orchestern von Ernst van’t Hoff und Tullio Mobiglia. Im März 1943 wurde Schumann verhaftet und in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

In Theresienstadt gelang Schumann der Anschluss an Fritz Weiss und andere Musiker, denen es ausdrücklich erlaubt war, Jazz und Swing zu spielen. Die Nationalsozialisten hatten Theresienstadt als Vorzeigeghetto geplant, um der deutschen Öffentlichkeit und dem Ausland den Eindruck zu vermitteln, die jüdischen Insassen würden human behandelt. Zu dieser Illusion gehörten insbesondere vielfältige Musik- und Kulturveranstaltungen. In dem von den Nationalsozialisten zu Propagandazwecken produzierten Dokumentarfilm Theresienstadt – Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet von Kurt Gerron ist Schumann in einer kurzen Szene als Schlagzeuger der von Martin Roman geleiteten Jazzband Ghetto Swingers zu sehen. Als Belohnung wurde allen, die an dem Film beteiligt waren, versprochen, sie würden freikommen. Aber nur drei Mitglieder der 16-köpfigen Band überlebten. "Nach den Dreharbeiten", sagt Coco Schumann, "wurden wir gleich nach Auschwitz, die meisten ins Gas geschickt."[1]

Im September 1944 wurde Schumann zunächst nach Auschwitz-Birkenau, im Januar 1945 nach Kaufering, einem Nebenlager des KZ Dachau, verschleppt. Von Kaufering aus wurde Schumann im April 1945 mit anderen Häftlingen auf einen Todesmarsch in Richtung Innsbruck geschickt. Unterwegs wurde er von amerikanischen Soldaten befreit.

Nach dem Krieg kehrte Schumann nach Berlin zurück, wo er mit seiner zur E-Gitarre modifizierten Jazzgitarre schnell an alte Erfolge anknüpfen konnte. Zusammen mit Helmut Zacharias spielte Schumann eine Vielzahl von Konzerten, Radioübertragungen und Schallplattenaufnahmen. Im Jahr 1950 wanderte Schumann mit seiner Frau nach Australien aus. Die Familie konnte dort jedoch nicht Fuß fassen und kehrte 1954 nach Deutschland zurück. Hier setzte Schumann sein musikalisches Schaffen fort und spielte erneut in verschiedenen Tanz-, Radio- und Fernsehbands. Unter eigenem Namen spielte Schumann Jazz und Tanzmusik, unter dem Pseudonym „Sam Petraco“ komponierte er lateinamerikanisch inspirierte Unterhaltungsmusik. In dem Film „Witwer mit fünf Töchtern“ mit Heinz Erhardt ist Schumann als Gitarrist einer Rock ’n’ Roll-Band zu sehen.

In den 1970er Jahren begann Schumann, in Galabands auf Kreuzfahrtschiffen und bei Tanzveranstaltungen zu spielen. Er zog sich jedoch in den 1980er Jahren langsam zurück, nachdem sich die Unterhaltungsmusik immer weiter von Schumanns bevorzugtem Swing entfernt hatte und ging für einige Jahre nach Australien.[2]

In den 1990er Jahren besann Schumann sich auf seine Wurzeln des Jazz und Swing und gründete das „Coco Schumann Quartett“. 2012 umrahmte es einen Festakt im Jüdischen Museum Berlin anlässlich der Unterzeichnung eines neugefassten Entschädigungsabkommens zwischen der Bundesrepublik und der Jewish Claims Conference.[3] 2013 trat Schumann auf dem evangelischen Kirchentag in Hamburg auf.

Leistungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den ersten Nachkriegsjahren war Schumann der erste deutsche Musiker, der eine E-Gitarre einsetzte. Mit Hilfe des Gitarrenbauers Roger Rossmeisl modifizierte Schumann seine akustische Jazzgitarre, indem er aus noch vorhandenen Wehrmachtsbeständen einen Tonabnehmer und einen einfachen Verstärker bastelte. Da er so in der Lage war, Jazz und Swing mit dem „amerikanischen“ Klang einer E-Gitarre zu spielen, wurde er schnell zu einem gefragten Studio- und Livegitarristen.

Im Jahr 1997 erschien die Autobiografie Der Ghetto-Swinger. Einen Großteil der Biografie nimmt Schumanns Leben in der NS-Zeit ein, insbesondere die Verschleppung nach Theresienstadt und Auschwitz. Zu diesem Thema ist Schumann auch in verschiedenen Fernsehdokumentationen zu sehen, die über Schumanns Leben sowie die Konzentrationslager der Nationalsozialisten berichten. Schumann selbst zögerte lange, über seine Erlebnisse während der NS-Zeit zu sprechen. Zum einen stellen sie für ihn nach wie vor aufwühlende Erlebnisse dar, zum anderen wollte er immer als Künstler und Musiker, nicht jedoch als ehemaliger KZ-Häftling wahrgenommen werden. Erst das Gespräch mit einem WDR-Reporter bei einem Treffen von Überlebenden des Arbeitslagers Wulkow, zu denen Schumanns Frau gehört, änderte seine Meinung. Seitdem betreibt Schumann aktiv Aufklärung zu dem Thema. Trotzdem betont Schumann immer wieder: „Ich bin ein Musiker, der im KZ gesessen hat. Kein KZ-ler, der Musik macht“.

Coco Schumanns Autobiografie kam 2012 als Musical auf die Bühne, in einer Inszenierung von Gil Mehmert: Der Ghetto Swinger feierte in den Hamburger Kammerspielen Premiere, u.a. mit Helen Schneider in einer Vielzahl von Rollen.[4][5]

Diskographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Helmut Zacharias[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nina Costas mit dem Orchester Helmut Zacharias (Berlin 1947)
  • Helmut Zacharias mit der Berliner Allstar Band (auch: Amiga-Band, Berlin 1948)
  • Helmut Zacharias Quartett (Berlin 1948)
  • Swing is in (Helmut Zacharias und sein Swingtett)
  • Swinging Christmas (Helmut Zacharias und sein Swingtett)

Solo[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Double – 50 Years in Jazz (div. Besetzungen, 1947–1997)
  • Rex Casino: Live 1955 (1955, Titel 16 wurde 1996 in „Ewige Lampe“ aufgenommen, plus DVD)
  • Coco Now! (Coco Schumann Quartett, 1999)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Coco Schumann: Der Ghetto-Swinger. Eine Jazzlegende erzählt, aufgezeichnet von Max Christian Graeff und Michaela Haas, 7. Auflage, München 2011, ISBN 9783423241076
  • Caroline Gille, Niels Schröder: I got rhythm. Das Leben der Jazzlegende Coco Schumann. be.bra verlag, Berlin 2014, ISBN 978-3-89809-111-4
  • Michaela Haas: "Die Musik kann doch nichts dafür". In: "Stark wie ein Phönix. Wie wir unsere Resilienzkräfte entwickeln und in Krisen über uns hinauswachsen." OW Barth, München 2015, ISBN 978-3426292402

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michaela Haas, Stark wie ein Phönix, S. 113
  2. Stark wie ein Phönix, S. 118.
  3. Detlef David Kauschke: Neues Entschädigungsabkommen unterzeichnet. Feierstunde 60 Jahre Luxemburger Abkommen Jüdische Allgemeine online, 15. November 2012, abgerufen am 16. November 2012
  4. Ian Shulman: ‘The moon is high over the roofs of Charlottenburg…’ interview with Helen Schneider Jewish Journal, 30. September 2012.
  5. Der Ghetto Swinger. Aus dem Leben des Jazzmusikers Coco Schumann Hamburger Kammerspiele, abgerufen am 9. November 2015.
  6. 1989 ist die Rede vom Bundesverdienstkreuz am Bande (Erstverleihung), in allen späteren Theater-Informationen von Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, Zeitpunkt unklar. Carl Hermann: Nie wieder davon reden Die Zeit, 24. März 1989, abgerufen am 21. November 2015; Hamburger Kammerspiele, abgerufen am 22. November 2015.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]