Cognitive Finance

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Als Cognitive Finance wird ein neuer, stark interdisziplinär geprägter Ansatz zur Erklärung komplexer Prozesse in Wirtschaft und Kapitalmärkten bezeichnet. Der Begriff Cognitive Finance geht etymologisch auf die Kognitionslehren der antiken Philosophie und der Aufklärung zurück; in seiner modernen – hier maßgeblichen – Ausprägung integriert er neueste Erkenntnisse aus Neurowissenschaft, Psychologie und moderner Kognitionswissenschaft zu einem ganzheitlichen Erklärungsmodell.[1]

Cognitive Finance adressiert primär das Problem limitierter menschlicher Kognitionsfähigkeit und setzt dieses in einen systemischen Kontext. Wissenschaftliche Studien aus verschiedenen Bereichen belegen, dass menschliche Individuen bei ihrer Fähigkeit zur Informationsgewinnung, Informationsverarbeitung und Entscheidungsfindung systematischen Einschränkungen, Verzerrungen und Fehlern unterliegen (kognitive Defizite).[2] Diese Defizite sind prägend für menschliches Handeln in der Realität; ihre möglichen Auswirkungen determinieren folglich elementare Prozesse in Wirtschaft, Gesellschaft und an den Kapitalmärkten. Werden diese Prozesse als Teile eines vernetzten Systems verstanden, so entsteht ein stark modifiziertes Bild der Realität. Dieses neue Bild ähnelt dynamischen Modellen der Systemtheorie und folgt grundlegenden Annahmen der sogenannten Komplexitätsforschung.

Cognitive Finance eröffnet somit eine neue, kognitiv geprägte Sicht auf reale Systeme und Prozesse, insbesondere – aber nicht nur – in Wirtschaft und Kapitalmärkten.

Zielsetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Primäres Ziel des Cognitive-Finance-Ansatzes ist die ganzheitliche Analyse, Beschreibung und Erklärung realer Prozesse in Wirtschaft und Kapitalmärkten. Grundlage dafür ist eine spezielle Analytik, unter expliziter Einbeziehung neuronaler Limitationen, kognitiver Defizite und begrenzt rationaler Verhaltensweisen. Darüber hinaus integriert der Ansatz Grundlagen der Evolutionsbiologie, der Komplexitätsforschung sowie der Systemtheorie.[3]

Cognitive Finance repräsentiert eine grundlegende Kritik an tradierten Modellen und Paradigmen der heutigen Wirtschafts - und Kapitalmarkttheorie. Wie die jüngere Geschichte deutlich zeigt, leiden die etablierten Modelle unter erheblichen Erklärungsdefiziten. Dies liegt meist an unrealistischen oder fehlspezifizierten Grundannahmen, darunter die Postulate „Rationaler Erwartungen“ sowie „Effizienter Märkte“.[4] Sekundäres Ziel von Cognitive Finance ist deshalb eine Überwindung fehlerhafter Paradigmen im Bereich der Wirtschaftswissenschaften, was eine neue Sicht auf Wirtschaft und Finanzmärkte ermöglicht.[5]

Ansatzpunkte für Paradigmenwechsel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cognitive Finance hat den Anspruch, den überfälligen Paradigmenwechsel in der Wirtschaftstheorie anzuführen. Grundlagen dafür sind ein realistischeres, kognitiv fundiertes Menschenbild sowie ein dynamisch geprägtes Verständnis von Märkten und Marktprozessen. Entscheidende Ansatzpunkte der Cognitive Finance liegen somit auf zwei Ebenen, die eng vernetzt sind: „Mensch“ und „Markt“.[6]Markt“: Im Gegensatz zur orthodoxen Wirtschaftstheorie sind Märkte, ebenso wie ganze Volkswirtschaften, keine Mechanismen mit inhärenter Tendenz zu Stabilität oder gar Gleichgewicht. Sie sind vielmehr hochgradig komplexe, dynamische und sich ständig evolutionär verändernde Prozesse. Wichtige Grundlagen zur Erklärung solcher Prozesse liefert die moderne Komplexitätsforschung. Diese bietet gut nachvollziehbare Begründungen, warum Märkte zyklischen Schwankungen, Blasen, Crashes und anderen - bisher schwer erklärbaren - Phänomenen unterworfen sind. Ein entscheidender Faktor dafür ist die Natur menschlichen Handelns, das aufgrund heterogener Prägung und ständiger Adaption - verstärkt durch kognitive Defizite - gar nicht „rational“ sein kann.[7]Mensch“: Diese Betrachtungsebene konzentriert sich auf ein neues Verständnis menschlichen Handelns, das durch Erkenntnisse der Kognitionstheorie und der sogenannten Neurowissenschaften fundiert wird. Die moderne Gehirnforschung liefert überraschende Befunde darüber, wie das menschliche Gehirn, menschliches Bewusstsein und menschliches Verhalten funktionieren. Faktoren wie Erinnerung, Prägung, Unterbewusstsein, Emotion, „Instinkt“ oder „Intuition“, die aus Sicht der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft „irrelevant“ sind, erweisen sich dabei als mächtige Treiber menschlichen Handelns. Sie bestimmen sehr weitgehend die Wahrnehmung, Verarbeitung und Interpretation von Informationen, ebenso wie Genese und Ablauf nachfolgender Entscheidungsprozesse.[8]

Grundlage für einen überfälligen Paradigmenwechsel in der Ökonomie ist somit die Bereitschaft, die Realität menschlichen Handelns als Ergebnis kognitiv und neurobiologisch geprägter Faktoren und Beschränkungen zu akzeptieren. Die Ansätze der Verhaltensökonomik, der sogenannten „Behavioral Finance“, haben hierzu in den letzten Jahren bereits wichtige Wege aufgezeigt.[9]

Grafik 1: Illustration der Evolution bisheriger Paradigmen der Kapitalmarkttheorien.

Entwicklung und Abgrenzung zu „Behavioral Finance“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus entwicklungsgeschichtlicher Sicht basiert Cognitive Finance auf zentralen Annahmen der „Behavioral Finance“, erweitert und modernisiert diese jedoch entscheidend.

Das verhaltenswissenschaftlich geprägte Konzept der Behavioral Finance hat sich in den letzten Jahren als Alternative zu tradierten Paradigmen der Wirtschaftswissenschaften etabliert. Behavioral Finance dokumentiert zwar zahlreiche Anomalien, Defizite und Widersprüchlichkeiten im Verhalten realer Marktteilnehmer, ist jedoch als Erklärungsmodell bisher weder vollständig noch hinreichend.[10]

Obwohl die Ansätze der Behavioral Finance einen realistischeren Blick auf ökonomische Prozesse ermöglichen, fehlen ihnen vielfach eine klare Fundierung und ein konsistentes methodisches Gerüst. Beziehungen und Querverbindungen zu anderen Teildisziplinen, somit der wichtige Aspekt einer interdisziplinären Integration, bleiben dabei weitgehend unberücksichtigt. Auch die Frage nach der Erklärbarkeit realer Marktzyklen, also die Fähigkeit zur Ableitung sinnvoller intertemporaler Marktmodelle, ist dort bisher noch unbeantwortet.[11]

Eine logische Weiterentwicklung, die auch die grundlegenden Erkenntnisse aus Neurowissenschaften und Kognitionstheorie berücksichtigt, ist deshalb unerlässlich.[12]

Der neuartige Ansatz der Cognitive Finance überwindet bestehende Defizite der Behavioral Finance durch veränderte Perspektiven, neuartige Methoden und eine bewusst interdisziplinär angelegte wissenschaftliche Fundierung. Fragen der menschlichen Wahrnehmung, also der kognitiven Rezeption und Perzeption von Information, der subjektiven Entscheidungsfindung sowie anderer neuronal und psychosozial motivierter Handlungen haben dabei überragende Bedeutung.[13]

Cognitive Finance Methodik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zentrum des Cognitive Finance-Konzeptes steht die moderne Kognitionswissenschaft: Diese rekurriert in ihren zentralen Erkenntnissen auf Elemente der Philosophie, der Psychologie, der Neurowissenschaften, der (Evolutions-)Biologie und der Anthropologie; sie bietet darüber hinaus Anknüpfungspunkte zur modernen Computerwissenschaft und zu Konzepten der Künstlichen Intelligenz. Dieser interdisziplinäre Ansatz schafft entscheidende Grundlagen für die Entwicklung innovativer Analyse-Methoden und die Gewinnung grundlegend neuer Erkenntnisse.[14]

Die praktische Anwendung und Umsetzung des Cognitive Finance-Ansatzes erfordert eine adäquate Methodik. Diese sollte grundsätzlich interdisziplinär angelegt sein und auch Grenzwissenschaften, also Berührungspunkte und Überschneidungen unterschiedlicher Teildisziplinen, aktiv einbeziehen (vgl. dazu Grafik 2: die Pfeile stehen dabei für wichtige interdisziplinäre Grenzbereiche und Berührungspunkte). Zentraler Ausgangspunkt ist nicht das weltfremde Menschenbild eines „homo oeconomicus“, sondern die Realitäten - und Limitationen - menschlicher Natur und menschlichen Verhaltens.

Grafik 2: Illustration von Cognitive Finance als interdisziplinärer Forschungsansatz

Speziell mit Blick auf die Analyse und das bessere Verständnis realer Kapitalmärkte bietet Cognitive Finance entscheidende Vorteile: Ausgangspunkt ist ein erkenntnistheoretisches Konzept, mit dem langfristige Trends und relevante Entwicklungen analysiert und zu einem vernetzten und dynamischen Szenario-Bild verdichtet werden. Ergänzend dazu liefert die Cognitive Finance-Methodik konsistente Hypothesen zu menschlichen Aktionen und Interaktionen in komplexen Situationen, wie diese exemplarisch an realen Kapitalmärkten zu beobachten sind.[15]

Da die Cognitive Finance-Methodik, auf Grundlage der neueren Neurowissenschaften, den Einfluss kognitiver, psychologischer und soziodynamischer Verzerrungen und Limitationen einbezieht, kann auch die Entstehung „irrationaler“ Phänomene widerspruchsfrei erklärt werden.[16]

Anwendung und Zukunftsbild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cognitive Finance impliziert - neben einem kognitiv geprägten, interdisziplinären Theorie- und Methodengerüst („Kognitive Analytik“) - auch einen direkten Anwendungsbezug.[17]

Mit Blick auf die Wirtschaftsforschung ermöglicht die Cognitive Finance-Methodik durch „Vernetzung“ relevanter Themen und Anwendung von Prinzipien der Komplexitätstheorie eine wesentlich umfassendere Durchdringung ökonomischer Kausalitäten und Interdependenzen (Trends, Zyklen, Strukturbrüche, Disruptionen etc.), als dies auf Basis traditioneller ökonomischer oder ökonometrischer Verfahren bisher möglich ist.[18]

Mit Blick auf die Kapitalmarktforschung ermöglicht die Cognitive Finance-Methodik ein tieferes Verständnis und ein schärferes und umfassenderes Bild für die Gesamtheit - das Netzwerk und die neuronale Struktur - aller relevanten Trends und Faktoren, die Kapitalmärkte treiben und determinieren. Cognitive Finance bietet so ein leistungsfähiges Konzept zur Analyse, Erklärung, Identifikation und (partiell auch) Prognose komplexer Markt-Phänomene (wie etwa „Bubbles“, „Crashes“, „Sudden Deaths“, „Blind Spots“ etc.).

Die Anwendung der Cognitive Finance-Methodik liefert sensiblere, vollständigere und wesentlich dynamischere Erkenntnisse als bisherige Ansätze. Die Methodik führt so zu deutlich verbesserten Beschreibungen und Erklärungsmodellen für Wirtschaft und Kapitalmärkte; sie gibt damit einer aufgeklärten Wirtschafts- und Kapitalmarktforschung entscheidende neue Impulse. In dieser Form unterliegt die Cognitive Finance-Methodik dem „FERI Cognitive Finance Institute“ und dient dort als inhaltliches Substrat und methodische Grundlage umfassender mikro- und makroökonomischer Analysen.[19]

Cognitive Finance bietet so den geeigneten Rahmen für sinnvolle neue Forschungsansätze, idealerweise sogar als Ausgangspunkt für den überfälligen Paradigmenwechsel in der Wirtschafts- und Kapitalmarkttheorie.

Literaturhinweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Arthur, W. B.: Complexity and the Economy. Oxford University Press, New York 2015.
  • Arthur, W. B.: Cognition: The Black Box of Economics. in: The Complexity Vision and the Teaching of Economics, Colander D., ed., Elgar, E. Publishing, Northampton 2000.
  • Dörner, D.: Die Logik des Mißlingens. 13. Aufl., Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2003.
  • Gardner, H.: Dem Denken auf der Spur, deutsche Übersetzung 1989 der englischen Originalausgabe „The Mind’s New Science. A History of the Cognitive Revolution“,. Basic Books, Cambridge 1985.
  • Kahnemann, D.: Thinking fast and slow. Penguin, London 2011.
  • Miller, G. A.: The Magical Number Seven, Plus or Minus Two – Some Limits on Our Capacity for Processing Information. in: Psychological Review, Vol. 101, No. 2, 1956, S. 343–352.
  • Miller, G. A.: The cognitive revolution: A historical perspective. in: Trends in Cognitive Sciences, Vol. 7, No. 3, March 2003, S. 141–144.
  • Oehler, A.: “Anomalien” im Anlageverhalten. in: Die Bank, Nr. 11, 1991, S. 600–607.
  • Rapp, H.-W.: Absolut Report, Cognitive Finance ermöglicht neuartige Sicht auf Kapitalmärkte. Ausgabe 01/2017.
  • Rapp, H.-W.: Wie effizient sind die Kapitalmärkte wirklich?. in: Finanz und Wirtschaft (Zürich), Nr. 7, 27.1.1993, S.21.
  • Rapp, H.-W.: Der Markt für Aktien-Neuemissionen – Preisbildung, Preisentwicklung und Marktverhalten bei eingeschränkter Informationseffizienz. Diss. Mannheim 1995.
  • Rapp, H.-W.: Behavioral Finance: Paradigmenwechsel in der Kapitalmarktforschung und Grundlage eines ganzheitlichen Anlagemanagements. GBR Ernst & Young, Bern 1997.
  • Rapp, H.-W.: Der tägliche Wahnsinn hat Methode – Behavioral Finance: Paradigmenwechsel in der Kapitalmarktforschung. in: Jünemann B. /Schellenberger D. S. (Hrsg.), Psychologie für Börsenprofis – Die Macht der Gefühle bei der Geldanlage, Schäffer-Poeschel Verlag. Stuttgart 2000, S. 85–123.
  • Rapp, H.-W.: “Black Swans”, “Long Waves” und “Sudden Deaths” – Die Bedeutung von Zeit und nicht - traditionellen Risikofaktoren im Asset Management. Vortrag beim Feri Institutional Forum, Königstein-Falkenstein, 3. März 2009.
  • Rapp, H.-W.: Cognitive Finance – Paradigmenwechsel und neue Sicht auf Wirtschaft und Manuskript. Bad Homburg 2017.
  • Rapp, H.-W., Cortés, A.: Cognitive Finance – Neue Sicht auf Wirtschaft und Finanzmärkte. Gabler/Springer 2017.
  • Roth, G.: Aus Sicht des Gehirns. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003.
  • Shiller, R. J.: Irrational Exuberance. Princeton University Press, Princeton 2002.
  • Singer, W.: Der Beobachter im Gehirn. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002.
  • Unser, M.: Behavioral Finance am Aktienmarkt. Uhlenbruch Verlag, Bad Soden/Ts. 1999.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Vgl. dazu Rapp, Cortés, 2017; Miller, 2003
  2. Vgl. dazu Miller 1956; Dörner 2003
  3. Vgl. dazu die ausführlichen Darstellungen unter: Website FERI Institut
  4. Vgl. dazu Rapp, 1993; Rapp, 1995
  5. Vgl. dazu grundlegend: Rapp, Cortés, 2017
  6. Vgl. dazu grundlegend: Rapp, 2017, (Cognitive Finance, Manuskript), Website FERI Institut
  7. Vgl. dazu grundlegend: Arthur, 2015; Ergänzend auch Rapp, 2009
  8. Vgl. dazu grundlegend: Singer, 2002; Dörner, 2003, Roth, 2003
  9. Vgl. dazu grundlegend: Rapp, 1997
  10. Vgl. dazu grundlegend: Oehler, 1991; Unser, 1999,; Kahnemann, 2011; Shiller, 2002
  11. Vgl. dazu ausführlich: Rapp, 1997
  12. In diesem Sinne klar: Rapp, Cortés, 2017
  13. Vgl. dazu grundlegend: Rapp, Cortés, 2017
  14. Vgl. dazu grundlegend: Miller, 2003; Analog auch Gardener,1989
  15. Vgl. dazu detailliert: Rapp, Cortés, 2017 Kap. 5 und 6.
  16. Vgl. dazu ausführlich: Rapp, Cortés, 2017
  17. In diesem Sinne sehr klar: Rapp, Cortés, 2017
  18. Vgl. dazu sinnesgemäß: Rapp, in: Artikel Absolut Report, 2017
  19. Vgl. dazu die ausführliche Darstellung unter: Website FERI Institut