Concert by the Sea

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Concert by the Sea
Livealbum von Erroll Garner
Veröffentlichung 1956
Label Columbia Records
Format LP/CD
Genre Jazz
Anzahl der Titel 11
Laufzeit 41:19

Besetzung

Produktion Martha Glazer,
George Avakian
Studio Carmel-by-the-Sea
Chronologie
Solo
1955
Concert by the Sea The Most Happy Piano
1956
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Concert by the Sea ist ein Jazzalbum von Erroll Garner, das am 19. September 1955 in Carmel-by-the-Sea, Kalifornien aufgenommen wurde und 1956 bei Columbia Records erschienen ist. Es gilt als eine der ersten LPs der Jazzgeschichte, die sich mehr als eine Million mal verkaufte[1] und mit der es insbesondere gelang, ein Publikum zu erreichen, das sonst eher selten Jazz hörte.[2]

Vorgeschichte des Konzerts[Bearbeiten]

Der Pianist Erroll Ganer, dessen Popularität in den Vereinigten Staaten in der Mitte der 1950er Jahre vor allem auf seiner Komposition Misty beruhte, wurde im September 1955 von der Entertainment Division der US-Army angefragt, ob er ein Konzert für Veteranen des Koreakrieges geben würde. Die Einheit war in Fort Ord in der Nähe von Carmel stationiert, einer Kleinstadt an der Pazifikküste nahe von San Francisco. Das Konzert war für den 19. September 1955 im Sunset Auditorium vorgesehen, einem früheren Kirchengebäude. Als sich herausstellte, dass viele der Soldaten nicht an dem Konzert teilnehmen konnten, fragten die Organisatoren Martha Glazer, die Erroll Garners Produzentin war, ob man nicht das Konzert aufnehmen könne, um es später den im Armeelazarett liegenden Soldaten vorzuspielen. Glazer war einverstanden, bestand aber darauf, dass die Bänder nach dem Konzert exklusives Eigentum von Garners Management seien.[3] Ein Jazzfan namens Will Thornbury nahm das Konzert schließlich auf; Martha Glaser sagte ihm:

I’ll give you copies of every record Erroll ever made, but I can’t let you keep that tape.“[4]

Musik des Albums[Bearbeiten]

Erroll Garners Trio bestand aus Eddie Calhoun am Bass und Denzil Best am Schlagzeug. Das Concert by the Sea beginn mit einer von Garners charakteristischen Einleitung mit der linken Hand, schrieb Will Friedwald - „sogar sein Bassist und sein Drummer, in diesem Fall Eddie Calhoun und Denzil Best haben kaum einen Plan davon, was er vorhat“. Dieses Intro ist teilweise düster, schwer und ernst - es steigert sich bis zum Punkt, in dem Garner zu I’ll Remember April ansetzt. Den als romantisches Liebeslied komponierten Song spielt Garner so swingend, dass sich Friedwald an die Surfer und die Meeresbrise auf einem späteren Albumcover erinnert fühlt. Garner verringert das Tempo in How Could You Do a Thing Like That to Me (der Titel ist auch als Duke Ellingtons Sultry Serenade bekannt). „Der Pianist zeigt, dass er genauso geschickt darin ist, beim Spiel Räume zu schaffen wie Noten zu spielen“, meinte Friedwald. Der Hauptteil des Albums stelle seinen Gespür für die Verarbeitung klassischer Jazzstandards wie etwa Where or When heraus; in Red Top bearbeitet er einen 12-taktigen Blues und seine Komposition Mambo Carmel zeigt seine Begeisterung für lateinamerikanischen Polyrhythmen.[4] Zum Ende des Konzerts entwickelt sich eine kurze Unterhaltung mit dem Emcee, dem Radiomoderator Jimmy Lyons. Nach dem kurzen Erroll's Theme stellte Lyons die Musiker vor und meinte, dass Garner an dem Abend noch nicht mit dem Publikum gesprochen habe. Damit entlockt er dem Pianisten den Kommentar, seine Musik spreche für sich und zu seiner Stimme sagte er: It’s worse than Louis Armstrong’s...[5]

Veröffentlichung und Resonanz der Aufnahmen[Bearbeiten]

Produzent George Avakian.
Foto: William P. Gottlieb.

Eine Veröffentlichung von Concert by the Sea war zunächst gar nicht vorgesehen. Als jedoch Garner und seine Agentin die mitgeschnittenen Bänder abhörten, waren sie davon so begeistert, dass sie die Veröffentlichung der Bänder vorbereiteten. Erroll Garner und sein Trio hatten ungefähr 15 Titel während des Konzerts gespielt, von denen elf ausgewählt wurden, Stücke wie I Cover the Waterfront, Bernie's Tune, Laura und The Nearness of You wurden verworfen. Weiterhin wurde deutlich, dass es zwar ein ausgezeichnetes Konzert Garners war, die Klangqualität und -balance aber schlecht waren, vor allem zum Nachteil der Rhythmusgruppe. Man entschied, das mit einem einfachen Tonbandgerät mit nur einem Mikrophon aufgenommene Tonband an George Avakian zu schicken, dem Produzenten bei Columbia. [3]

Garner hatte seinen Vertrag mit Columbia zwar schon drei Jahre zuvor beendet; als jedoch Avakian die Bänder hörte, war er sofort begeistert und meinte später in einem Interview:

I totally flipped over it! I knew that we had to put it out right away“."[4]

Zwei Wochen später hatte Avakian die Klangqualität soweit verbessert, dass sie ausreichend war, um die Bänder als Album zu veröffentlichen.[3] Dies entwickelte sich rasch zu einem Verkaufsrenner; es war auch in Garners dreißigjähriger Karriere sein größter Erfolg.[4] der Billboard notierte im März 1958 das Album auf Platz 2 der amerikanischen Charts; vor ihm lag Shelly Mannes My Fair Lady-Album.[6] Bereits Mitte 1963 erreichten die Verkäufe die Marke von 500.000 verkauften Exemplaren.[7] Das Album wurde über eine Million mal verkauft, verschaffte Garner eine wachsende Popularität in der Vereinigten Staaten und ermöglichte ihm Auftritte in zahlreichen Nachtclubs;[8] im November 1957, kurz vor seiner Europatournee, war Erroll Garner zu Gast in Patti Pages Fernsehshow The Big Record.

Editorische Hinweise[Bearbeiten]

Die LP Concert by the Sea erschien zunächst bei Columbia (CL 883) 1956, in Europa gab es unter gleichem Titel, aber mit veränderter Covergestaltung, Ausgaben von Philips (B 07170 L) und Melodiya (M 60-39911-12). Columbia veröffentlichte später den Mitschnitt auch in verschiedenen Kopplungen als Doppelalbum, etwa in den Niederlanden 1972 als This is Erroll Garner 2 (CBS Holland S 68 219) oder 1985 in Großbritannien als Misty & Concert By the Sea (CBS 22185).

Columbia legte 1987 eine erste Ausgabe von Concert by the Sea als CD vor (CK 40589). Mit bisher unveröffentlichtem Material erschienen die Aufnahmen 2007 bei Jazz Beat.[9] Dort erschien auch eine Wiederveröffentlichung in Form einer 180-Gramm-LP. In der Reihe Essential Jazz Classics erschien bei Discovery Records in CD-Form das Original-Album, gekoppelt mit dem Originaltitel (1954) Misty[10] und Konzertmitschnitten von der Weltausstellung Seattle 1962 (mit Eddie Calhoun (Bass) & Kelly Martin (Drums)).

Die Titel[Bearbeiten]

  • Erroll Garner: Concert by the Sea (Columbia CL 883, CK 40589)
  1. I’ll Remember April (Gene de Paul, Patricia Johnston, Don Raye) – 4:14
  2. Teach Me Tonight (Sammy Cahn, de Paul) – 3:37
  3. Mambo Carmel-by-the-sea (Erroll Garner) – 3:43
  4. Autumn Leaves (Joseph Kosma, Jacques Prévert, Johnny Mercer) – 6:27
  5. It’s All Right with Me (Cole Porter) – 3:21
  6. Red Top (Lionel Hampton, Ben Kynard) – 3:11
  7. April in Paris (Vernon Duke, Yip Harburg) – 4:47
  8. They Can’t Take That Away from Me (George Gershwin, Ira Gershwin) – 4:08
  9. How Could You Do a Thing Like That to Me (Tyree Glenn, Allan Roberts) – 3:59
  10. Where or When (Richard Rodgers, Lorenz Hart) – 3:06
  11. Erroll’s Theme (Garner) – 0:46

Rezeption des Albums[Bearbeiten]

Will Friedwald begründet den immensen Erfolg wie folgt:

„Von den ersten Noten an spielt Garner inspiriert - eben brennend. Er spielt immer mit einer Kombination aus Witz, Fantasie, erstaunlichen technischen Können und schierer Freude, was weit vom Spiel all seiner Zeitgenossen entfernt war, aber in dieser besonderen Nacht erreichte er ein Niveau weit über seinem üblichen olympischen Standard.“[11][4]
Erroll Garner um 1947, Fotografie von William P. Gottlieb.

Bob Rusch vergab an das Album in Allmusic die Höchstnote von fünf Sternen und schrieb

Concert by the Sea war wohl die beste Platte, die der Pianist Erroll Garner je gemacht hat, und er machte viele - [darunter] ein paar wenige außerordentliche - gute Aufnahmen. Aber dieser Livemitschnitt [...] präsentierte ein typisches Garner-Programm; er lieferte mit seinem einzigartigen Enthusiasmus eine Mischung aus Originalen, Showbiz und Popstandards. Der Rhythmus und die brillante Verwendung von Anspannung und Befreiung wurden perfekt eingefangen. Und das, obwohl für viele Jazzhörer Garners überlegte Strukturen [sonst] zu orchestriert wirkten, war da eine gleichmäßige Spontaneität in der Antriebskraft dieser Orchestrierungen, die so gut wie alles swingten.[12][13]

Zurückhaltender äußerten sich Richard Cook und Brian Morton in The Penguin Guide to Jazz über die Mitschnitte; Concert by the Sea sei weder essentiell noch charakteristisch, aber Teile des Konzertes wie die Einleitung zu I'll Remember April und Red Top zeigten den Pianisten von seiner lebhaften Seite; aber fast noch interessanter sei seine wohlgestaltete Bearbeitung von How Could You Do a Thing Like That to Me.[14]

Brian Priestley hob im Rough Guide: Jazz das Concert by the Sea-Album in der Garner-Diskographie hervor und erwähnte besonders dessen Interpretation der Standards Autumn Leaves und Red Top[15]

C. Michael Bailey schrieb in All About Jazz (das Concert By The Sea in die Liste der 10 besten Livealben der Jahre 1953-1965)[16] aufnahm:

[...] Und was macht diese ‚Garner'sche Machart‘ aus? Ohne formale Ausbildung war Erroll Garner nicht durch Theorie oder die übliche Auftrittspraxis behindert, was seine Musik sehr ungewöhnlich machte. Garner trat mit einem knallharten orchestralen Stil auf, der eine Art von Anti-Bud Powell war. Seine linke Hand war ebenso ein Instrument des Rhythmus wie auch der Harmonik. Garners erstaunlich freie Einleitungen, so wie in I'll Remember April, wurden mit seiner linken Hand gehämmert. Garners Mangel an formaler Ausbildung war sein größtes Kapital. Es befähigte ihn zu harmonischen Erkundungen und Arrangements in einer postmodernen Art und Weise, bevor es die Postmoderne gab. Zum Beispiel Gershwins They Can't Take that Away from Me. Hier dekonstruiert Garner den [durch] Ellington [bekannten] Titel in großem Stil, zunächst in den unteren Registern umherschweifend, bevor er in die höheren Register aufbricht. Mit seiner schnörkelhaften Einleitung und idiosynkratischen Herangehensweise an die Melodie formt Garner April in Paris um. Ich könnte mir vorstellen, Franz Liszt hätte Standards auf diese Weise gespielt. Concert by the Sea ist ein rissiges Monument der Perfektion. Diese Aufnahme war eine Dichotomie, ein Paradox, wo der Ungelehrige nicht nur siegt, sondern Kunst von bleibender Qualität schafft. Das ist die Kunst.[17][18]

Im Gespräch mit A. B. Spellman für das National Public Radio meinte Murray Horwitz:

Ja, da sind ein paar schöne Balladen, und das Erstaunlichste an dem Album Concert by the Sea ist, dass dies alles in einer Nacht stattfand. Es ist ein Rezital eines Pianisten, begleitet von einem Bassisten und einem Schlagzeuger — Eddie Calhoun und Denzel Best — und er brachte einen außergewöhnlichen Ablauf von Tempi und Grooves in sein Spiel. So sind da all jene wirklichen heftig swingenden, schnellen, virtuosen Titel, in denen er seine Schnelligkeit zeigt. Aber genauso virtuos ist er mit seinem Balladenspiel, wie in Autumn Leaves.[19] [20]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. John McClellan, Deyan Bratic: Chet Atkins in Three Dimensions, Volume 2, S. 35
  2. Vgl. Richard Cook: Blue Note Records: The Biography, S. 122
  3. a b c Informationen bei Keep swinging
  4. a b c d e Will Friedwald: Garner's Serendipitous Hit (2009)
  5. Stanley Dance: Liner Notes
  6. vgl. Billboard 3. März 1958
  7. Billboard 3 Aug 1963
  8. The Houghton Mifflin Dictionary of Biography by Houghton Mifflin Company, S. 585
  9. Informationen bei Discogs
  10. “Misty” wurde in Chicago am 27. Juli 1954 mit Wyatt Ruther (Bass) & Eugene Heard (Drums) eingespielt.
  11. Im Original: From the first notes onward, Garner plays like a man inspired - on fire, even. He always played with a combination of wit, imagination, amazing technical skill and sheer joy far beyond nearly all of his fellow pianists, but on this particular night he reached a level exceeding his usual Olympian standard.
  12. Im Original: „Concert by the Sea was arguably the finest record pianist Erroll Garner ever made, and he made many -- a few outstanding -- good recordings. But this live recording [...] presented a typical Garner program; it was a mixture of originals, show biz, and pop standards delivered with his unique delivery and enthusiasm. The rhythms and brilliant use of tension and release were perfectly captured. And while for many jazz listeners, Garner's deliberate structures were too orchestrated, there was an equal spontaneity in the propulsion of these orchestrations that swung as well as anything.
  13. Besprechung des Albums von Bob Rusch bei Allmusic (englisch). Abgerufen am 25. Juli 2012.
  14. Richard Cook & Brian Morton: The Penguin Guide to Jazz on CD Penguin, London 2003, (6. Auflage). ISBN 0-14-051521-6
  15. Ian Carr, Brian Priestley, Digby Fairweather (Hrsg.): Rough Guide Jazz., S. 288. ISBN 3-476-01584-X
  16. Liste der Best Live Jazz Recordings (1953-65) bei All About Jazz
  17. Im Original: „[...] And what is that "Garnerian manner?" Having had no formal training, Erroll Garner was not encumbered by theory or common performance practice, thereby making his music quite uncommon. Garner performed with a two-fisted orchestral style that was about as anti-Bud Powell as one could get. His left hand was as much a rhythmic instrument, as it was a harmonic one. Garner's astonishing free introductions, such as that for "I'll Remember April" were forged with his left hand. Garner's lack of formal education was his greatest asset. It enabled him to explore harmony and arrangement in a postmodern manner before there was postmodernism. Take Gershwin's "They Can't Take that Away from Me." Here, Garner deconstructs the Ellington tune in grand style, roaming around the mostly in the low keys before breaking about in the upper register. Garner transforms "April in Paris," with his ornate introduction and idiosyncratic approach to the melody. I would imagine Franz Liszt playing standards this way. Concert By The Sea is a flawed monument of perfection. This recording was a dichotomy, a paradox, where the unlearned not only prevail, but create art of a lasting quality. This is the art.
  18. Besprechung des Albums von C. Michael Bailey bei All About Jazz
  19. Im Original: „Yeah, there are some beautiful ballads and one of the stunning things about this record, Concert by the Sea, is that it all took place in one night. It's one recital by one pianist, backed up by a bassist and a drummer — Eddi—Calhoun and Denzel Best — and — puts an extraordinary array of tempos and grooves into his playing. So there are all those really hard-swinging, fast, virtuosic pieces where he shows off his velocity. But he's also virtuosic with ballads, like Autumn Leaves.
  20. Gespräch von A.B. Spellman und Murray Horwitz über das Album bei National Public Radio