Corpus Hippocraticum

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Corpus Hippocraticum, Schluss der Aphorismen. Handschrift Modena, Archivio Capitolare, O.I.11, fol. 36v (8./9. Jahrhundert)

Das Corpus Hippocraticum ist eine Sammlung von mehr als 60 antiken medizinischen Texten, die zwischen dem 6. Jahrhundert v. Chr. und 2. Jahrhundert n. Chr. entstanden sind und ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. vor allem in Alexandrien zu einem Gesamtcorpus zusammengetragen worden sind.[1]

Die Textsammlung ist nach dem berühmten griechischen Arzt Hippokrates von Kos benannt, jedoch war bereits in der Antike bekannt, dass die wenigsten Texte des Corpus von ihm selbst verfasst wurden.

Lehre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hippokrates von Kos

Die Schriften des Corpus umfassen zahlreiche Themenfelder der wissenschaftlichen Medizin und bieten eine Einführung für Ärzte und Laien. Abgedeckt wurden Theorie und Praxis der Heilkunde, allgemeine und spezielle Pathologie, Ethik und Standeslehre.

Neben großen Übereinstimmungen lassen sich dennoch zahlreiche Uneinheitlichkeiten im Inhaltlichen, Formalen und Stilistischen feststellen, die auf einen großen Entstehungszeitraum hinweisen. Die Forschung nach der Verfasserschaft der einzelnen Texte und ihrem Ursprung wurde erweitert durch die Versuche von Zuordnungen zu zwei verschiedenen Ärzteschulen. Derer von Kos sowie derer von Knidos, einer Stadt, die der Insel Kos unmittelbar gegenüber an der kleinasiatischen Küste lag und ein weiteres bedeutendes Heilzentrum hatte. Mittlerweile werden der Begriff der „Schulen“ und die damit verbundene Auffassung jedoch stark kritisiert, da die Zuschreibung der Texte zu den jeweiligen Zentren und der Nachweis einer stark konträren Ausrichtung nie zweifelsfrei möglich waren.

Die Schriften enthalten erste Ansätze der antiken Humoralpathologie, eine einheitliche Fassung wurde darin jedoch noch nicht erreicht.

Als generelle Methode lässt sich die Beobachtung von Krankheitsverläufen nennen. Das Innere des Körpers blieb weitgehend unbekannt, da nicht mit Experiment oder Sektion am Menschen gearbeitet wurde. Weitere Prinzipien sind die Lehre von den kritischen Tagen der Krankheit, die rationale Erklärung von Krankheiten (bspw. der Epilepsie in „Über die Heilige Krankheit“)[2] und der große Einfluss der Umwelt auf die Gesundheit des Menschen. Auch finden sich in der Schrift Über das Fleisch (De carnibus), die nicht therapeutisch orientiert ist, erste Theorien zur Ontogenese, so z. B. über die Entstehung der Körperteile und Organe.[3]

Die Schriften des Corpus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Über die alte Heilkunst[4]
  • Über die Umwelt[5]
  • Prognosen
  • Über die Diät bei akuten Krankheiten
  • Epidemien I-VII[6]
  • Über die Kopfverletzungen
  • Über die Praxis des Arztes
  • Über die Knochenbrüche
  • Über die Gelenke
  • Hebelkraft
  • Aphorismen
  • Der Eid (des Hippokrates)
  • Das Gesetz
  • Über die Säfte
  • Vorhersagungen I-II
  • Koische Prognosen
  • Über die Kunst
  • Über die Natur des Menschen
  • Über die gesunde Lebensweise
  • Über die Winde
  • Über den Gebrauch von Flüssigkeiten
  • Über die Krankheiten I-IV
  • Über die Leiden
  • Über die Stellen am Menschen
  • Über die Heilige Krankheit
  • Über die Wunden
  • Über die Hämorrhoiden
  • Über die Fisteln
  • Über die Lebensführung I-IV
  • Über die inneren Leiden
  • Über die Natur der Frau
  • Über das Siebenmonatskind
  • Über das Achtmonatskind
  • Über den Samen
  • Über die Natur des Kindes
  • Über die Frauenkrankheiten I-III
  • Über die Krankheiten der Jungfrauen
  • Über die Überschwängerung
  • Über die Zerstückelung des Kindes im Mutterleib
  • Über die Anatomie
  • Über das Zahnen
  • Über die Drüsen
  • Über das Fleisch
  • Über die Siebenzahl
  • Über das Herz[7]
  • Über die Nahrung
  • Über das Sehen
  • Über die Natur der Knochen
  • Über den Arzt
  • Über den Anstand
  • Vorschriften
  • Über die Krisen
  • Über die kritischen Tage
  • Briefe
  • Beschluss der Athener
  • Altarrede
  • Gesandtenrede

Werkausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Émile Littré (Hrsg.): Oeuvres complètes d'Hippocrate. 10 Bände, Paris 1839–1861; Nachdruck Amsterdam 1973–1982.
  • Gesamtausgaben mit Übersetzung, begonnen in:
    • Corpus Medicorum Graecorum. Abt. I, (Leipzig und) Berlin 1927 ff.
    • Collection des Universités de France: Hippocrate. Paris 1967 ff.
  • Anuce Foës (lange Zeit maßgebliche Ausgaben[8] des Corpus Hippocraticum):
    • Anutius Foësius: Oeconomia Hippocratis alphabeti serie distincta etc. Frankfurt am Main 1588 ff., und Genf 1662–1663.
    • Anutius Foësius: Hippocratis Opera. Kritische Ausgabe und lateinische Übersetzung durch Janus Cornarius, Frankfurt am Main 1591 ff., und Genf 1657–1658.

Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hippokrates: Schriften. Die Anfänge der abendländischen Medizin. Übersetzt und herausgegeben von Hans Diller. Rowohlt, Reinbek 1962; Neuausgabe: Hippokrates: Ausgewählte Schriften. Mit einem bibliographischen Anhang von Karl-Heinz Leven. Reclam, Stuttgart 1994, ISBN 3-15-009319-8 (mit Erläuterungen)
  • Richard Kapferer, Georg Sticker (Hrsg.): Die Werke des Hippokrates. Die hippokratische Schriftensammlung in neuer deutscher Übersetzung. 5 Bände, Stuttgart (und Leipzig) 1933–1940.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übersichtsdarstellungen

  • Jochen Althoff: Medizinische Literatur. In: Bernhard Zimmermann (Hrsg.): Handbuch der griechischen Literatur der Antike. Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit (= Handbuch der Altertumswissenschaft. 7. Abteilung, Band 1). C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-57673-7, S. 295–320
  • Gerhard Fichtner: Corpus Hippocraticum. Verzeichnis der hippokratischen und pseudohippokratischen Schriften. Tübingen 1985.

Einführungen und Untersuchungen

  • Karlhans Abel: Die Lehre vom Blutkreislauf im Corpus Hippocraticum. In: Hermes 86, 1958, S. 192–219.
  • Werner Golder: Hippokrates und das Corpus Hippocraticum. Eine Einführung für Philologen und Mediziner. Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, ISBN 978-3-8260-3335-3.
  • Joseph-Hans Kühn: System- und Methodenprobleme im Corpus Hippocraticum (= Hermes Einzelschriften 11). Wiesbaden 1956
  • Max Pohlenz: Hippokrates und die Begründung der wissenschaftlichen Medizin. Berlin 1938.

Aufsatzsammlungen

  • Mirko D. Grmek (Hrsg.): Hippocratica. Actes du Colloque hippocratique de Paris (4–9 septembre 1978). Paris 1980
  • Paul Potter, Gilles Maloney, Jacques Desautels (Hrsg.): La maladie et les maladies dans la Collection hippocratique. Actes du VIe Colloque International Hippocratique (Québec, du 28 septembre au 3 octobre 1987). Québec 1990.

Wortindex

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hippokrates von Kos – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gundolf Keil: ‚Corpus hippocraticum‘. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 274 f.
  2. Karl Deichgräber: Aus der Geschichte der wissenschaftlichen Kritik im Corpus Hippocraticum. In: Medizinhistorisches Journal 6, 1971, S. 97–112; hier: S. 106–110.
  3. Carolin M. Oser-Grote: Aristoteles und das Corpus Hippocraticum: die Anatomie und Physiologie des Menschen. Stuttgart 2004.
  4. Dazu Brice Maucolin: Untersuchungen zur hippokratischen Schrift „Über die alte Heilkunst“ (= Beiträge zur Altertumskunde. Band 258). de Gruyter, Berlin u. a. 2009, ISBN 978-3-11-020125-3 (zugleich Dissertation, Universität des Saarlandes 2005).
  5. Dazu Anne Liewert: Die meteorologische Medizin des Corpus Hippocraticum (= Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte. Band 119). de Gruyter, Berlin u. a. 2015, ISBN 978-3-11-041699-2 (zugleich Dissertation, Universität Kiel 2013).
  6. Dazu Lutz Alexander Graumann: Die Krankengeschichten der Epidemienbücher des Corpus Hippocraticum. Medizinhistorische Bedeutung und Möglichkeiten der retrospektiven Diagnose. Shaker-Verlag, 2000
  7. F. R. Hurlbutt Jr.: Peri kardies. A treatise on the heart from the Hippocratic corpus. In: Bulletin of the Historiy of Medicine 7, 1939, S. 1104–1113.
  8. Markwart Michler †: Foësius, Anutius. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 407.