Cumhuriyet

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Dieser Artikel behandelt die türkische Tageszeitung; für weitere Bedeutungen siehe Cumhuriyet (Begriffsklärung).
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Beschreibung türkische Tageszeitung
Verlag Cumhuriyet Vakfı
Erstausgabe 7. Mai 1924
Erscheinungsweise täglich
Verkaufte Auflage 55.000 - 70 000[1] Exemplare
Chefredakteur Can Dündar
Weblink www.cumhuriyet.com.tr/eCumhuriyet/m/

Cumhuriyet ( Aussprache?/i; „Republik“) ist eine türkische überregionale Tageszeitung mit Redaktionssitz in Istanbul. Die Zeitung ist laut eigenen Angaben, aber auch nach Einschätzung von türkischen Medienexperten links-kemalistisch ausgerichtet.

Cumhuriyet zählt zu den ältesten Tageszeitungen in der Türkei. Sie wurde im Jahre 1924 von dem Journalisten Yunus Nadi Abalıoğlu gegründet.

Medienjournalisten bezeichneten die Zeitung als seriös und intellektuell.[2][3][4] Sie ist im Gegensatz zu vielen anderen Tageszeitungen eher text- als bildlastig gestaltet und verwendet im Unterschied zu den großen Boulevardzeitungen einen differenzierten Schreibstil. Die Zeitung erreicht eine Auflage von ca. 75.000 verkauften Exemplaren.

Cumhuriyet Hafta[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1990 erscheint auch ihre Wochenzeitung Cumhuriyet Hafta mit einer speziellen Ausgabe in Deutschland in einer Auflage von 4.800 (Stand: 2001).

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1981 bis 1982 war Hasan Cemal der Chefredakteur; zu den langjährigen Korrespondenten zählt Mustafa Balbay. Die Zeitung sah sich über Jahrzehnte hinweg einer Vielzahl politisch motivierter Anschläge und staatlicher Repressionsversuche ausgesetzt.

Politisch motivierte Attentate 1979–1999[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1979 wurden infolge von mutmaßlich politisch motivierten Attentaten 7 Journalisten der Cumhuriyet ermordet, eine Journalistin erlitt infolge eines Attentates eine Lähmung.

  • Server Tanilli, Cumhuriyet-Autorin und Dozentin für Verfassungsrecht an der Universität Istanbul, wurde am 7. April 1978 auf dem Heimweg mit einer Schusswaffe angegriffen und ist seitdem von der Hüfte abwärts gelähmt.
  • Cavit Orhan Tütengil, Cumhuriyet-Autor und Leiter des Instituts für Soziologie an der Universität Istanbul, wurde am 7. Dezember 1979 an einer Bushaltestelle im Istanbuler Stadtteil Levent von vier bewaffneten Angreifern getötet.
  • Bei der Beisetzung Tütengils kam es zu Tumulten, bei denen der Fernsehproduzent und Cumhuriyet-Autor Ümit Kaftancıoğlu verletzt wurde. Am 11. April 1980 wurde Kaftancıoğlu von zwei bewaffneten Angreifern im Istanbuler Stadtteil Mecidiyeköy getötet. Als Tatverdächtiger konnte Ahmet Mustafa Kıvılcım ermittelt werden, ein militanter Anhänger der rechtsextremen Ülkücü-Bewegung. Er wurde zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt, jedoch nach vier Jahren wieder aus der Haft entlassen.[5]
  • Bahriye Üçok, eine ehemalige Lehrbeauftragte an der Theologischen Fakultät der Universität Ankara, Funktionärin der sozialdemokratisch-laizistischen Sozialdemokratischen Populistischen Partei (Sosyaldemokrat Halkçı Parti, SHP) sowie Cumhuriyet-Autorin, wurde am 6. Oktober 1990 bei der Explosion einer Paketbombe getötet, die an ihre private Wohnadresse verschickt wurde.
  • Der Journalist und Autor Uğur Mumcu wurde getötet, als am 24. Januar 1993 eine in seinem Auto installierte Bombe detonierte.
  • Der Filmemacher und Cumhuriyet-Autor Onar Kutlar wurde am 30. Dezember 1994 bei der Detonation einer Bombe in der Patisserie des Hotels "The Marmara" in Istanbul schwer verletzt und erlag 12 Tage später seinen Verletzungen.
  • Ahmet Taner Kışlalı, ehemaliger Kulturminister der Türkei, stellv. Vorsitzender des Atatürkçü Düşünce Derneği, Lehrbeauftragter der Fakultät für Kommunikation der Universität Ankara und Cumhuriyet-Autor, wurde am 21. Oktober 1999 infolge der Detonation einer vor seinem Wohnhaus platzierten Bombe getötet.

Repressionen seit 1999[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Cumhuriyet beklagt eine Vielzahl staatlicher Gängelungs- und Repressionsversuche unter der seit 2002 regierenden Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (Adalet ve Kalkınma Partisi, AKP).

Ermittlungen wegen Veröffentlichung der Charlie-Hebdo-Karikatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Januar 2015 wurde gegen die Zeitung von türkischen Behörden ermittelt und Auslieferungsfahrzeuge ergebnislos durchsucht. Ein türkisches Gericht hatte die Veröffentlichung des neuen Titelbilds des Satiremagazins Charlie Hebdo verboten, die Zeitung hatte Bilder und Karikaturen aus Charlie Hebdo in einer Beilage veröffentlicht.[6]

Ermittlungen wegen Berichterstattung über Waffenlieferungen nach Syrien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Cumhuriyet berichtete am 29. Mai 2015 über mutmaßlich illegale Waffenlieferungen mittels Lastwagen des türkischen Geheimdienstes Millî İstihbarat Teşkilâtı (MIT), die für die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien bestimmt waren, und widersetzte sich damit einer behördlich verhängten Nachrichtensperre über den Fall.[7] Cumhuriyet veröffentlicht Fotos von der Durchsuchung eines Waffenkonvois des MIT im Januar 2014. Das Büro für Terrorismus und Organisierte Kriminalität der Staatsanwaltschaft Istanbul gab daraufhin noch am gleichen Tag bekannt, dass es gegen die Zeitung sowie den Chefredakteur Can Dündar Ermittlungen wegen des Verdachts auf terroristische Aktivitäten aufgenommen habe.[8] Die türkische Telekommunikationsbehörde untersagte der Zeitung umgehend die weitere Veröffentlichung der Nachricht und berief sich auf das Eilurteil 2015/1330 des 8. Istanbuler Friedensgerichtes (8. Sulh Ceza Hakimliği).[9]

Im Oktober 2015 durchsuchte die türkische Staatsanwaltschaft im Zuge des Cumhuriyet-Prozesses die Büros von Cumhuriyet in Istanbul und Ankara. Am 26. November 2015 wurden der Chefredakteur Can Dündar und der Leiters des Hauptstadtbüros Erdem Gül wegen des Verdachts der Spionage, der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und der Verbreitung von Staatsgeheimnissen festgenommen. Am 25. Februar 2016 erklärte das türkische Verfassungsgericht die Verhängung der Untersuchungshaft gegen Dündar und Gül für nicht rechtens. Es seien ihre Rechte auf persönliche Freiheit und Sicherheit verletzt worden. Can Dündar und Erdem Gül wurden daraufhin am 26. Februar 2016 aus der Untersuchungshaft entlassen.[10] Dessen ungeachtet ist der Beginn des Prozesses gegen die Journalisten für den 25. März 2016 angesetzt.

Vorwurf der Internetblockade[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 7. September 2015 behauptete Cumhuriyet, dass der Zugang türkischer Nutzer zu ihren Servern und somit zu ihrer Website durch die Provider Türk Telekom, TTNET, PTT, CELL und Uydunet mutwillig blockiert werde.[11] Dies stellt die Zeitung als politisch motivierte und illegale de facto Zensurmaßnahme der Provider dar. Das trotz Privatisierung unter starkem staatlichen Einfluss stehende Unternehmen Türk Telekom, das die Infrastruktur türkischer Internetprovider bereitstellt und betreibt, wies diese Darstellung in einer Erklärung zurück.[12]

Als konkreten Anlass nennt die Zeitung die Veröffentlichung eines politisch umstrittenen Zitates aus einem Interview des Präsidenten Erdoğan, welches tags zuvor ohne Beanstandung von diversen Fernsehsendern landesweit ausgestrahlt wurde. Die Türkische Journalistenvereinigung TGC erklärte durch ihren Vorsitzenden Turgay Olcato, dass es sich eindeutig um Zensurmaßnahmen handele, die im Zusammenhang mit der bevorstehenden Parlamentswahl betrachtet werden müssten. Die Vorsitzende des türkischen Presserates, Pınar Türen, ließ sich mit den Worten zitieren, dass es sich bei den von Cumhuriyet geschilderten Vorgängen um „offensichtliche Zensur“ handele.[13]

Die Zeitung erklärte, dass sie bei der Staatsanwaltschaft Istanbul über ihre Anwälte Anzeige gestellt habe, um die für die Blockade Verantwortlichen zu identifizieren und strafrechtlich belangen zu lassen. Muharrem Erkek, der Parlamentsabgeordnete der Republikanischen Volkspartei (Cumhuriyet Halk Partisi, CHP) für die Provinz Çanakkale, hat den türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu am 14. September 2015 in einer parlamentarischen Anfrage aufgefordert, zu diesen Vorgängen Stellung zu beziehen.[14]

Cumhuriyet veröffentlichte detaillierte Anweisungen, wie türkische Nutzer die „Sperren“ mittels Browser-Plugins, VPN-Verbindungen sowie der Einwahl über Google DNS, Norton DNS und Uydunet DNS umgehen können.[15]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. wöchentliche Auflage türkischer Tageszeitungen, medyatava.net
  2. Wut über Satire oder Geldgier? In: TAZ vom 9. Februar 2006
  3. Zwei Zeitungsexemplare gehen immer an die Staatsanwaltschaft Auf: Das Parlament vom 26. April 2004
  4. Das große türkische Zeitungssterben Auf: Tagesspiegel
  5. Bianet: „Ümit Kaftancıoğlu Cinayeti“ („Die Ermordung von Ümit Kaftancıoğlu“), abgerufen am 15. September 2015
  6. Wegen "Charlie Hebdo"-Nachdruck: Ermittlungen gegen türkische Zeitung "Cumhuriyet". In: spiegel.de. 15. Januar 2015, abgerufen am 16. Januar 2015.
  7. Spiegel Online: „Wahlkampf in der Türkei: Erdogan droht kritischem Journalisten“, abgerufen am 15. September 2015
  8. A Haber: „Can Dündar'a MİT tırları soruşturması“ („Ermittlungen gegen Can Dündar wegen Geheimdienst-Lastwagen“), abgerufen am 15. September 2015
  9. Cumhuriyet: „MİT TIR’ları haberine yasak geldi“ („Bericht über Geheimdienst-Lastwagen wurde verboten“), abgerufen am 15. September 2015
  10. Türkei: Regierungskritische Journalisten aus U-Haft entlassen, Spiegel Online, 26. Februar 2016.
  11. CNN Türk: „Cumhuriyet Gazetesi'ne erişim engeli“ („Zugangsbeschränkung für die Zeitung Cumhuryiet“), abgerufen am 15. September 2015
  12. Cumhuriyet: „Erdoğan'ın videosunu yayınlayan Cumhuriyet'e Telekom sansürü“ („Zensur für Cumhuriyet, die Erdoğans Video veröffentlicht hat“), abgerufen am 15. September 2015
  13. Cumhuriyet: „Cumhuriyet'e sansüre meslek örgütlerinden tepki“ („Berufsverbände reagieren auf Zensur der Cumhuriyet“), abgerufen am 15. September 2015
  14. Cumhuriyet: „Cumhuriyet’e sansür Meclis gündeminde“ („Zensur der Cumhuriyet auf Tagesordnung des Parlaments“), abgerufen am 15. September 2015
  15. Cumhuriyet: „Uydunet yetkilileri: Biz girebiliyoruz“ („Verantwortliche von Uydunet: Wir haben Zugang“), abgerufen am 15. September 2015