Dämmerzustand

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Mit Dämmerzustand oder Dämmerungszustand wird eine durch Bewusstseinstrübung oder Bewusstseinseinengung bedingte Gemütsverfassung von zeitlich relativ scharf begrenzter, in der Regel kurzer Dauer bezeichnet. Der Begriff leitet sich von Dämmerung her, wobei mit dieser Wortherkunft schon eine Bewusstseinstrübung in einem etymologisch ursprünglichen Sinne von „Abenddämmerung“ gemeint ist.[1] So gesehen liegt die Bedeutung des Begriffs »Dämmerzustand« in der Nähe von »Unaufmerksamkeit« und »Geistesabwesenheit«. Nach Uwe Henrik Peters leitet sich der Begriff aus der Umgangssprache her. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sei ein wissenschaftlicher Sprachgebrauch üblich. Dieser beziehe sich u. a. auf Bewusstseinsveränderungen bei Epilepsie, Hirntraumen, progressiver Paralyse, Stoffwechselerkrankungen, unter Alkoholeinfluss oder Medikamenteneinwirkung, starkem Affektdruck, bei Hysterie und in Hypnose.[2] Damit ist eine breit gefächerte medizinische Anwendbarkeit eingeschlossen. Anderen Autoren scheint es fraglich, ob es Dämmerzustände unabhängig von epileptischen Anfällen gibt.[3] Der epileptische Dämmerzustand ist immer Ausgangs- und Bezugspunkt aller Dämmerzustände gewesen.[2]

Versuch näherer begrifflicher Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Umgangssprachliche Wortherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der mit dem ursprünglichen Sinn von „Dämmerung“ gemeinte Verlust an Bewusstseinshelligkeit kann natürlich auch umgekehrt aufgefasst und definiert werden als zunehmende Aktivierung von Funktionen (im Sinne von „Morgendämmerung“). Geht man davon aus, dass Funktionen durch das jeweils individuell vorschwebende alltägliche Bewusstsein – etwa im Sinne der Kollektivpsyche – gehemmt werden, so führt der Wegfall solcher Hemmungen und Ängste zur Anregung zuvor gehemmter Funktionen, vgl. a. → Somnambulismus. Diese Annahme führt auch zur Vorstellung eines alternierenden Bewusstseins oder einer Persönlichkeitsverdoppelung.[4] Auch die Vorstellung eines epileptischen Äquivalents dient einem solchen energetischen und ggf. auch psychodynamischen Verständnis. So kann in positivem Sinne „Dämmerung“ auch als „Morgendämmerung“ verstanden werden, wobei nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Bewusstseinsveränderungen bei der Entstehung von Krankheiten berücksichtigt werden. Der früher praktizierte Dämmerschlaf diente einem solchen therapeutisch positiven Ziel der qualitativen Bewusstseinsveränderung. Auch die Hypnose verfolgt ähnliche Wirkungen im Sinne eines Heilverfahrens.

Nichtmedizinische Verwendung des Begriifs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Beispiel eines nicht medizinischen Gebrauchs des Begriffs „Dämmerzustand“ sei der Roman Der Golem genannt. In dem hier zitierten Zusammenhang wird der Begriff zweideutig verwendet. Weder ist die positive Bedeutung der Bewußtseinsveränderung, noch eindeutig die negative gemeint, da durchaus alternativ zur positiv qualitativen Bewusstseinsveränderung auch von krankhafter und psychiatrisch behandlungsbedürftiger Bewusstseinslage gesprochen wird.[5]

Psychiatrischer und neurologischer Fachbegriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Jaspers (1883–1969) zählt den Begriff des Dämmerzustands zu den für die Verlaufsbestimmung von Krankheitseinheiten wichtigen Kennzeichnungen. Zustandsbilder stellen vorübergehende Erscheinungsformen einer Krankheit dar. Solche Zustandsbilder charakterisieren ggf. einen Krankheitsprozess. Verlaufsbeobachtungen wurden seit Emil Kraepelin (1856–1926) in die psychiatrische Systematik der Krankheiten einbezogen. Symptomenkomplexe sind Typisierungen solcher Zustandsbilder.[6]

Abzugrenzen ist der Begriff des Dämmerzustands von dem des Terminalschlafs. Während der Terminalschlaf der Erholung dient, ist der Dämmerzustand oft Ausdruck eines krankhaften Geschehens. Walter Christian ist der Auffassung, dass Dämmerzustände nicht immer zu den krankhaften Erscheinungen zählen.[3]

Weiter ist der Begriff Dämmerzustand von dem häufig gebrauchten Begriff der Dämmerattacke zu unterscheiden. Die Dämmerattacke ist in ihrer zeitlichen Dauer noch schärfer abgegrenzt und bezieht sich demnach noch mehr auf paroxysmale Abläufe, wie sie bei der Epilepsie beobachtet werden. Während der Dämmerzustand maximal bis zu mehreren Monaten anhalten kann, ist die zeitliche Dauer der Dämmerattacke auf 30 Sekunden bis zu 2 Minuten begrenzt.[7]

Bei den sog. geordneten oder orientierten Dämmerzuständen ist die Bewusstseinstrübung nicht erkennbar. Sie werden auch besonnene Dämmerzustände genannt. Das äußere Benehmen ist bei oberflächlicher Betrachtung unauffällig. Sogar komplexe Handlungen können vollzogen und Unterhaltungen geführt werden. Man kann diese Zustände daher auch den Durchgangssyndromen zuordnen. Es imponieren hier eher qualitative Bewusstseinsstörungen. Die Bezeichnung wird als irreführend gehalten, da die Besinnung in jedem Fall gestört ist. Die Patienten verhalten sich nur scheinbar und bei oberflächlicher Betrachtung ›besonnen‹.[8][2]

Einteilung nach Landolt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schweizer Psychiater und Epileptologe Heinrich Landolt (1917–1971) unterscheidet folgende vier Formen von Dämmerzuständen:[3]

  1. Die postparoxysmalen epileptischen Dämmerzustände
  2. den Petit mal-Status nach William G. Lennox (1884–1960)
  3. die Dämmerzustände organischer Prägung (in keinem direkten Zusammenhang mit der Epilepsie)
  4. die produktiv-psychotischen epileptischen Äquivalente mit forcierter Normalisierung im EEG

Es handelt sich bei den unter Zf. 4 genannten Äquivalenten um psychische Zustandsbilder, die gelegentlich mit einer gewissen Normalisierung des Hirnstrombildes einhergehen. Das heißt insbesondere, dass zuvor nachweisbare, für Epilepsie typische s/w-Komplexe im EEG fehlen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Günther Drosdowski: Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache; Die Geschichte der deutschen Wörter und der Fremdwörter von ihrem Ursprung bis zur Gegenwart. Dudenverlag, Band 7, Mannheim, 2 1997, ISBN 3-411-20907-0; S. 115 zu Wb.-Lemma „Dämmerung“.
  2. a b c Uwe Henrik Peters: Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie. Urban & Schwarzenberg, München 31984; S. 101 ff. zu Stw. „Dämmerzustand“.
  3. a b c Walter Christian: Klinische Elektroenzephalographie. Lehrbuch und Atlas. Georg Thieme, Stuttgart 21977, ISBN 3-13-440202-5; (a) S. 164 f. zu Stw. „Auftreten von Dämmerzuständen unabhängig von Anfällen? – z. B. Somnambulismus!“; (b+c) S. 165 – zu Stw. „mehr oder weniger ausgeprägte, nicht unbedingt als krankhaft anzusehende Veränderungen der Stimmungslage sowie die in keinem direkten Zusammenhang mit dem eigentlichen epileptischen Vorgang stehenden Dämmerzustände organischer Prägung“.
  4. Hans Walter Gruhle: Verstehende Psychologie. Erlebnislehre. Georg Thieme, Stuttgart 21956; S. 304 – zu Stw. „ungewöhnliche Fähigkeiten von Nachtwandlern“; S. 311 zu Stw. „Hypnose“ und „Verdoppelungen der Persönlichkeit“.
  5. Gustav Meyrink: Der Golem. Anaconda Köln, 2006, ISBN 3-86647-001-0; S. 220-225.
  6. Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. Springer, Berlin 91973, ISBN 3-540-03340-8; S. 487, 498 f.
  7. Gustav Bodechtel: Differentialdiagnose neurologischer Krankheitsbilder. Georg Thieme, Stuttgart 31974, ISBN 3-13-309103-4; S. 1022–1014.
  8. Gerd Huber: Psychiatrie. Systematischer Lehrtext für Studenten und Ärzte. F. K. Schattauer, Stuttgart 1974, ISBN 3-7945-0404-6; S. 40 zu Stw. „Bewusstseinstrübung“.