Décret Crémieux

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Dekret 136

Das Décret Crémieux war ein Gesetz von 1870, das den etwa 34.000[1] bis 40.000[2] Juden in der französischen Kolonie Algerien die französische Staatsbürgerschaft verlieh. Bis in die 1900er Jahre wurden sie amtlich als „Français juifs naturalisés par le décret Crémieux“[3] bezeichnet. 1889[3][1] haben die französischen Behörden in großem Umfang auch die in Algerien lebenden Spanier[3] (144.530[1] im Jahr 1886) und die weniger zahlreichen Italiener[3] eingebürgert.

Das Décret Crémieux in Algerien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Interesse der algerischen Juden an der französischen Staatsbürgerschaft war unter Napoleon III. in den Jahren 1865 bis 1870 gering.[4] So gab es in der Provinz Constantine unter den etwa 8000 jüdischen Einwohnern nur rund 40[2] Einbürgerungsanträge, in Algier und Umgebung waren es etwa 50,[2] auf eine jüdische Bevölkerung von rund 11.000, und nur 203[2] Anträge zählten die Behörden für die Provinz Oran. Viele Juden fühlten, dass ihr Status durch das historische Edikt Pakt des Umar[2] aus dem Jahr 717 bereits ausreichend verbessert worden war. Das Décret Crémieux führte darauf zu einer starken Verunsicherung im Verhältnis der Juden mit der muslimischen Mehrheitsbevölkerung und zwang die jüdischen Gemeinden zu einem Verzicht auf kulturelle und religiöse Traditionen.[2]

Dem Décret Crémieux waren fast 30-jährige[1] Bemühungen, hauptsächlich des Consistoire central israélite, der zentralen Vertretung der Juden Frankreichs, vorausgegangen, die algerischen Glaubensbrüder von der Notwendigkeit „sich zu regenerieren“[1] und sich zu „emanzipieren“[1] zu überzeugen. Den algerischen Juden wollte das Consistoire central so zu einem Ausweg aus „Aberglauben“,[1] „Obskurantismus“[1] und „Formalismus“[1] verhelfen.

Das Dekret 136 von 1870 wurde somit gegen den Willen einer Mehrheit der algerischen Juden durch Adolphe Crémieux als Justizminister, Léon Gambetta als Innenminister, Alexandre Glais-Bizoin[1] (Abgeordneter) und Martin Fourichon[1] als Marine- und Kolonialminister am 24. September 1870[2] unterzeichnet. Crémieux war auch Vorsitzender der Alliance Israélite Universelle. Die Minister gehörten der Militärregierung in Tours an, dem Gouvernement de Défense nationale,[4] da sich Frankreich noch im Deutsch-Französischen Krieg befand und die vorläufige Regierung ihren Sitz in Tours hatte.

Gleichzeitig wurde in Dekret 137 das Einbürgerungsregime in der französischen Kolonie Algerien dekretiert. Mit dem Dekret 137 wurde so bestimmt, dass die 3[4] Millionen Muslime in der französischen Kolonie Algerien keine französischen Staatsbürger werden würden, eine Forderung, die jedoch Jean Jaurès[2] 1895 in einem Beitrag für die Zeitung La Dépêche de Toulouse[2] unterstützt hatte. Diese Entscheidung Frankreichs wurde von vielen Muslimen als Herabsetzung[4] verstanden.

Ziel war die Aufrechterhaltung des status quo, also der Herrschaft Frankreichs über seine nordafrikanischen Kolonien. Dies war 1875 im Rahmen des Code de l’indigénat herausgearbeitet worden. Die Dekrete 136 und 137 wurden im Amtsblatt der Stadt Tours (dem Bulletin officielle de la ville de Tours) am 7. November 1870 veröffentlicht. Aus den Reihen des Staatsapparats äußerte sich der in Algerien stationierte Präfekt Charles du Bouzet[2] 1871 in einer Petition an die Abgeordnetenkammer ablehnend zum Dekret.

Am 7. Oktober 1940 wurde das Décret Crémieux unter dem mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regime abgeschafft.[4] Betrieben wurde diese Abschaffung vor Ort durch die algerisch-französischen Antisemiten Gabriel Lambert[2] in Oran, Lucien Bellat[2] in Sidi bel Abbès und Emile Morinaud[2] in Constantine, die sich dabei der judenfeindlichen Rhetorik eines Edouard Drumont oder Max Régis[2] bedienten. Drumont, Abgeordneter für Algier, hatte bereits im Dezember 1898[2] in der Abgeordnetenkammer der Dritten Republik erfolglos die Abschaffung gefordert.

Die algerischen Juden konnten durch ihre französische Staatsbürgerschaft erleichterten Zugang zu den Bildungseinrichtungen erlangen,[4] so lag die Einschulungsrate bei jüdischen Algeriern 1944 bei fast 100 %,[2] während sie bei algerischen Muslimen nur 8 %[2] erreichte. Nach dem Ende des Algerischen Unabhängigkeitskriegs hat sich ein Großteil der um 1954 rund 150.000[4] Juden Algeriens in Frankreich niedergelassen.

Auswirkungen des Décret Crémieux in weiteren Gebieten des Maghreb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tunesien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Juden in Tunesien, die nach der französischen Eroberung der Régence de Tunis 1881 auf eine Neuauflage des Gesetzes gehofft hatten, wurden enttäuscht. Ab 1910[2] erlaubte Frankreich jedoch Einzeleinbürgerungen, um den territorialen Ansprüchen Italiens[5] eine größere Anzahl Franzosen im Land entgegenzustellen,[2] da solche Ansprüche von Italien in den 1920er und 1930er mehrfach erneuert wurden und 1926[5] in Annexionsdrohungen gipfelten. Bedingung war allerdings, dass die Antragsteller drei Jahre Militärdienst[6] für Frankreich geleistet hatten, oder drei Jahre französische Beamte[6] in Tunesien gewesen waren. Auch wer sich in besonderer Weise für Frankreich eingesetzt hatte,[6] durfte auf eine Einbürgerung hoffen. Zwischen 1911 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs haben offenbar rund 7000[6] tunesische Juden mit ihren Familien diese Bedingungen erfüllt und wurden eingebürgert, dies entsprach einem Viertel der jüdischen Gesamtbevölkerung.

Marokko[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Marokko wurde das Anliegen von der französischen Militärverwaltung unter Marschall Hubert Lyautey[2] mehrfach abgelehnt und es wurden kaum Einzeleinbürgerungen für marokkanische Juden gewährt. Der Historiker Élie Barnavi schreibt über sie: „[...] die französische Kolonisierung hatte den Zerfall der traditionellen Strukturen ihrer Gemeinschaft beschleunigt und ihnen – abgesehen von einer kleinen Elite – im Austausch dafür nur einen europäischen Kulturersatz gegeben, der genügte, sie von ihrer Herkunft abzutrennen, aber nicht dazu ausreichte, sie zu assimilieren.“[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeitdokumente[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Louis Durieu, préface de Gustave Rouanet: Les Juifs algériens, 1870–1901. Librairie Cerf, Paris 1902.
  • Camille Frégier: Les Juifs algériens, leur passé, leur présent, leur avenir juridique, leur naturalisation collective. Michel Lévy frères, Paris 1865.

Sachbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k Jeannine Verdès-Leroux: Les Français d'Algérie de 1830 à aujourd'hui. Une page d'histore déchirée. Éditions Fayard, Paris 2001, ISBN 2-213-60968-3, S. 205 f., 212 f.
  2. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t Michel Abitbol: Histoire des juifs – De la genèse à nos jours. In: Marguerite de Marcillac (Hrsg.): Collection tempus. Nr. 663. Éditions Perrin, 2. Auflage, Paris 2016, ISBN 978-2-262-06807-3, S. 473 ff., 607 f., 610, 730–733, 738.
  3. a b c d Jean-Jacques Jordi: Idées reçues: Les Pieds Noirs. Hrsg.: Marie-Laurence Dubray. Éditions le Cavalier Bleu, Paris 2009, ISBN 978-2-84670-197-6, S. 32.
  4. a b c d e f g Georges Morin: Idées reçues: L’Algérie. In: Sophie Behr, Agathe Lebelle (Hrsg.): Histoire & Civilisation. Éditions Le Cavalier Bleu, Paris 2003, ISBN 2-84670-067-2, S. 49 f.
  5. a b Walter Schicho: Handbuch Afrika – Nord- und Ostafrika. Band 3/3. Brandes & Apsel Verlag / Südwind, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-86099-122-1, S. 111.
  6. a b c d Michel Abitbol: Le passé d’une discorde – Juifs et Arabes du VIIe siècle à nos jours. Librairie Académique Perrin, Paris 1999, ISBN 2-262-01494-9, S. 276, 282.
  7. Élie Barnavi: Israël – Un portrait historique. In: Collection Champs histoire. 2. Auflage. Éditions Flammarion, Paris 2015, ISBN 978-2-08-134752-6, S. 155 (Erstausgabe bei Presses universitaires de France, 1982).