Dan Diner

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Dan Diner (2013)

Dan Diner (* 20. Mai 1946 in München) ist Historiker und politischer Schriftsteller. Er lehrt Moderne Geschichte an der Hebräischen Universität, Jerusalem. Von 1999 bis 2014 war er Direktor des Simon-Dubnow-Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur und Professor an dem Historischen Seminar der Universität Leipzig. Diner ist ordentliches Mitglied der philologisch-historischen Klasse der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dan Diner absolvierte die Realschule und nahm anschließend eine Lehre als Feinmechaniker auf, danach besuchte er den Aufbauzweig des Ulrich von Hutten-Gymnasiums in Schlüchtern (mit Schülerheim Hof Reith, früher: Knaben-Rettungs- und Erziehungsanstalt), er war Schulsprecher und stellvertretender Landesschulsprecher[1]. Diner studierte an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main Rechts- und Sozialwissenschaften. Dort wurde er 1973 in Völkerrecht promoviert. 1980 erfolgte die Habilitation. Von 1983 bis 1985 lehrte er moderne arabische Geschichte an der Universität Odense, Dänemark; 1985 wurde er auf den Lehrstuhl für außereuropäische Geschichte an der Universität Essen berufen. Seit 1988 war er zudem Professor für europäische Geschichte an der Universität Tel Aviv und leitete von 1994 bis 1999 deren Institut für deutsche Geschichte.[2]

Von 1999 bis 2014 war Dan Diner Direktor des Simon-Dubnow Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur sowie Professor am Historischen Seminar der Universität Leipzig. An der Hebräischen Universität Jerusalem nimmt er seit 2001 eine Professur für Moderne Geschichte wahr. An der Sächsischen Akademie der Wissenschaften leitet er das Projekt "Europäische Traditionen – Enzyklopädie jüdischer Kulturen" in dessen Rahmen die siebenbändige "Enzyklopädie Jüdischer Geschichte und Kultur" gefertigt wurde sowie eine Editionsreihe vornehmlich zur jüdischen Politik-, Rechts-, Institutionen- und Diplomatiegeschichte erarbeitet und publiziert wird. Seit 2014 steht er an der Hebräischen Universität Jerusalem einem European Research Council (ERC)-Advanced Grant "JudgingHistories - Experience, Judgement and Representation of World War II in an Age of Globalization" vor.

2006 wurde Dan Diner mit dem Ernst-Bloch-Preis der Stadt Ludwigshafen am Rhein zur Würdigung einer Stimme des Verstehens und der Vernunft ausgezeichnet[3], im Jahre 2007 mit dem italienischen Capalbio Preis. Im akademischen Jahr 2004/2005 war er Member des Institute for Advanced Study, Princeton. Er war Gastprofessor an verschiedenen Universitäten und Forschungseinrichtungen des In- und Auslands und ist Mitglied in wissenschaftlichen Gremien. 2013 wurde er mit dem Leipziger Wissenschaftspreis ausgezeichnet. 2015 ist er von der Ludwig-Börne-Stiftung zum Preisrichter des Ludwig-Börne-Preis 2015 bestimmt worden.[4] Im selben Jahr verlieh ihm der Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften der Freien Universität Berlin die Ehrendoktorwürde. Zudem wurde er 2015 mit dem mitteldeutschen Wirtschafts- und Kommunikationspreis „Heiße Kartoffel“ ausgezeichnet.

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinem Werk verknüpft Dan Diner thematisch Stränge europäischer Geschichte mit denen des Nahen und Mittleren Ostens sowie jüdischer Geschichte in universalhistorischer Absicht. Dabei sucht er räumliche wie kulturelle Unterscheidungen mittels einer peripherial angelegten Perspektive erkenntnistheoretisch zu überschreiten.

Bekannt ist sein Werk zudem für methodische Fragen des Verhältnisses von Geschichte und Gedächtnis, vor allem die Zeit des Nationalsozialismus betreffend. So geht auf ihn die Prägung des epistemischen Konzepts vom „Zivilisationsbruch“ zurück.

Derzeit gelten seine Forschungen zwei wesentlichen Themenstellungen: Der Konzeptualisierung einer jüdischen Geschichte der Moderne sowie einer globalen Gedächtnisgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Der Komplex der jüdischen Geschichte ist der Forschungsagenda des Leipziger Simon-Dubnow-Instituts hervorgegangen und findet seine Umsetzung im von der Union der Akademien geförderten und an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig angesiedelten Projekt „Europäische Traditionen – Enzyklopädie jüdischer Kulturen“[5]. Im Rahmen des ERC-Projektes "JudgingHistories - Experience, Judgement and Representation of World War II in an Age of Globalization" wird unter seiner Leitung als Principal Investigator die Universalisierungsbefähigung historischer Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg untersucht, indem es vor allem darum geht kontinentale und koloniale Gewalterfahrungen miteinander abzugleichen. Historisches Verstehen und moralisches Urteilen werden vor dem Hintergrund einer sich globalisierenden Gedächtniskultur abgebildet.

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Jahrhundert verstehen - 1917-1989: eine universalhistorische Deutung. Pantheon, München 2015, ISBN 978-3-570-55274-2.
  • Rituelle Distanz. Israels deutsche Frage. Deutsche Verlagsanstalt, München 2015, ISBN 978-3-421-04683-3.
  • Zeitenschwelle. Gegenwartsfragen an die Geschichte. Pantheon, München 2010, ISBN 978-3-570-55129-5.[6]
  • Aufklärungen: über Varianten von Moderne, illustriert von Martial Leiter (= Vontobel-Schriftenreihe, Band 1850). Vontobel-Stiftung, Zürich 2008, DNB 990760286.
  • Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des (= Toldot Reihe. Band 7). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-35096-6.
  • Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt. Propyläen, Berlin 2005, ISBN 3-549-07244-9.
  • als Herausgeber: Synchrone Welten. Zeitenräume jüdischer Geschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005, ISBN 978-3-525-35090-4.
  • Gedächtniszeiten. Über jüdische und andere Geschichten. Beck,München 2003, ISBN 3-406-50560-0 [7]
  • Feindbild Amerika. Über die Beständigkeit eines Ressentiments. Propyläen, Berlin 2002, ISBN 3-549-07174-4.
  • Beyond the Conceivable. Studies on Germany, Nazism and the Holocaust. University of California Press, Berkeley, CAL 2000, ISBN 0-520-21345-9.
  • Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische Deutung. Luchterhand, München 1999, ISBN 3-630-87996-9.[8]
    • Übersetzung ins Englische: Cataclysms. A History of the Twentieth Century from Europe’s Edge. University of Wisconsin Press, Madison, Wisconsin 2008, ISBN 978-0-299-22350-2.
  • als Hrsg., mit Michael Stolleis: Hans Kelsen and Carl Schmitt. A juxtaposition (= Schriftenreihe des Instituts für Deutsche Geschichte, Universität Tel Aviv; Band 20). Bleicher, Gerlingen 1999, ISBN 3-88350-466-1 (englisch).
  • Kreisläufe: Nationalsozialismus und Gedächtnis. Berlin-Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-8270-0157-9.
  • Weltordnungen. Über Geschichte und Wirkung von Recht und Macht. Fischer Taschenbuch 11736, Frankfurt am Main 1993, 2016, ISBN 3-596-11736-4
  • Der Krieg der Erinnerungen und die Ordnung der Welt (=Rotbuch-Taschenbuch, Band 50). Rotbuch, Berlin 1991, ISBN 3-88022-060-3.
  • als Hrsg.: Zivilisationsbruch: Denken nach Auschwitz. Fischer Taschenbuch 4398, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-596-24398-X.
  • als Hrsg.: Ist der Nationalsozialismus Geschichte? Zu Historisierung und Historikerstreit. Fischer Taschenbuch 4391, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-596-24391-2.
  • Israel in Palästina. Über Tausch und Gewalt im Vorderen Orient. Athenäum, Königstein im Taunus 1980, ISBN 3-7610-8219-3 (Teilweise zugleich Habilitationsschrift an der Universität Frankfurt am Main, Fachbereich 03 - Gesellschaftswissenschaften, 1979, unter dem Titel: Tausch und Gewalt, zur zionistischen Struktur israelischer Politik, 284 Seiten).
  • Der Einfluss von Kriegsbegriff und Waffenstillstandsvertrag auf das Kriegsende im modernen Völkerrecht. Frankfurt am Main 1973, DNB 740989650 (als Donald Diner, Dissertation Universität Frankfurt am Main, Fachbereich 01 - Rechtswissenschaften, 1973, 148 Seiten).

Herausgeberschaften

  • Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK). Sieben Bände. Metzler, Stuttgart / Weimar 2011 ff., ISBN 978-3-476-02500-5 (alle sieben Bände).
  • Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2001-2014
  • Tel Aviv Yearbook for German History, Gerlingen, 1994-1999

Mitherausgeberschaften

  • Babylon. Beiträge zur jüdischen Gegenwart
  • Blätter für deutsche und internationale Politik
  • History & Memory. Studies in Representation of the Past (1988–1998)
  • Jewish History Quarterly (Warschau)
  • Leo Baeck Institute Year Book
  • Naharaim. Zeitschrift für deutsch-jüdische Literatur und Kulturgeschichte / Journal of German-Jewish Literature and Cultural History
  • Storia della Shoah. La crisi dell'Europa, lo sterminio degli ebrei e la memoria del XX secolo
  • Tabur. Yearbook for European History, Society, Culture and Thought

Essays

Interviews

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Dan Diner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schon kleine Länder lösen einen Sturm aus – Professor Dr. Dan Diner zu Gast im Ulrich-von-Hutten-Gymnasium in Schlüchtern. In: Gelnhäuser Neue Zeitung (GNZ) vom 24. Juli 2015 S. 29
  2. Biografie-Dokufilm über Dan Diner (3sat)
  3. Ernst Bloch Zentrum, Bloch-Preis 2006 (Memento vom 10. September 2011 im Internet Archive)
  4. Dan Diner vergibt Ludwig-Börne-Preis Jüdische Allgemeine, abgerufen am 3. Februar 2015
  5. Europäische Traditionen – Enzyklopädie jüdischer Kulturen — Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig
  6. Rezension: Schonungslose Reflexion. In: DeutschlandRadio Kultur, 18. Juli 2010.
  7. (Rezensionen: Norbert Frei in Die Welt, 28. Juni 2003; Willi Jasper in Die Zeit Nr. 28, 3. Juli 2003).
  8. Rezension FAZ 23. Juni 1999