Daniel Barenboim

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Daniel Barenboim, Wien, 2008

Daniel Barenboim (hebräisch ‏דניאל בארנבוים‎; * 15. November 1942 in Buenos Aires, Argentinien) ist ein argentinisch-israelisch-spanisch-palästinensischer Pianist und Dirigent. Er erhielt zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, einschließlich des deutschen Großen Bundesverdienstkreuzes.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Daniel Barenboim bei Staatsoper für alle, 2014

Im Jahr 1950 gab Barenboim sein erstes Konzert in Buenos Aires. 1975 wurde er als Nachfolger von Sir Georg Solti Chefdirigent des Orchestre de Paris. Von 1991 bis 2006 war er Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra, seit 1992 ist er Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Im Herbst 2000 wurde er vom Orchester der Staatskapelle Berlin zum Chefdirigenten auf Lebenszeit gewählt.[1] Im Juli 2011 teilte die Berliner Senatskanzlei mit, dass Barenboim seinen Vertrag für weitere zehn Jahre bis Ende Juli 2022 verlängert habe.[2]

Von 1981 bis 1999 wirkte Barenboim als Dirigent der Bayreuther Festspiele, wo er Tristan und Isolde, Die Meistersinger von Nürnberg, Parsifal und die Tetralogie Der Ring des Nibelungen dirigierte. Von 2006 bis 2011 war Barenboim Hauptgastdirigent der Mailänder Scala und wurde anschließend zum Musikdirektor des Opernhauses ernannt.[3]

Von Juni 1967 bis zu ihrem Tod 1987 war Barenboim mit der Cellistin Jacqueline du Pré verheiratet. Er ist in zweiter Ehe seit 1988 mit der Pianistin Jelena Baschkirowa verheiratet. Sie haben zwei gemeinsame Söhne, Michael Barenboim, klassischer Violinist, und den Produzenten und Songwriter David Barenboim (KD-Supier).

Musik und Politik[Bearbeiten]

Daniel Barenboim bei einer Probe mit dem West-Eastern Divan Orchester in Sevilla, 2005

Im Jahr 1990, nach dem Tod Herbert von Karajans,[4] dirigierte Barenboim die Berliner Philharmoniker bei ihrer weltweit beachteten erstmaligen Israel-Tournee, die von ihrem langjährigen ersten Geiger und Orchestervorstand Hellmut Stern[5] initiiert und organisiert worden war. 2001 erhielt Barenboim jedoch in Israel heftige Kritik von Publikum, Kunst- und Kulturschaffenden sowie Politikern, als er bei einem Gastspiel der Staatskapelle Berlin einen Orchesterauszug aus Wagners Tristan und Isolde als Zugabe zur Aufführung brachte. Musik von Richard Wagner wird laut ungeschriebenem Gesetz – wegen der antisemitischen Haltung des Komponisten und der Verwendung seiner Musik im Nationalsozialismus – in Israel nicht öffentlich aufgeführt. Einige Mitglieder des Erziehungskomitees der Knesset wollten Barenboim deshalb zur kulturellen Persona non grata erklären lassen, was letztlich jedoch keine Mehrheit fand.

Zusammen mit dem palästinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said gründete er 1999 das Orchester des West-östlichen Divans. Barenboim engagiert sich für eine Annäherung der verfeindeten Volksgruppen im Nahostkonflikt. Das Orchester setzt sich jeweils zur Hälfte aus jungen Musikern aus Israel sowie den palästinensischen Autonomiegebieten, Libanon, Ägypten, Syrien, Jordanien und Spanien zusammen. Im August 2005 gab das Orchester ein vielbeachtetes Konzert in Ramallah, das in vielen Ländern live im Fernsehen übertragen wurde.

Am 10. Mai 2004 wurde Daniel Barenboim in der Knesset, dem israelischen Parlament, der Wolf-Preis für freundschaftliche Beziehungen unter den Völkern verliehen. In seiner Dankesrede zitierte Barenboim aus der israelischen Unabhängigkeitserklärung u. a. folgende Passage. „Der Staat Israel... wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen.“ Anschließend sagte er: „In tiefer Sorge frage ich heute, ob die Besetzung und Kontrolle eines anderen Volkes mit Israels Unabhängigkeitserklärung in Einklang gebracht werden kann. Wie steht es um die Unabhängigkeit eines Volkes, wenn der Preis dafür ein Schlag gegen die fundamentalen Rechte eines anderen Volkes ist?“ Daraufhin kam es zu einem Eklat, als die israelische Erziehungsministerin Limor Livnat Barenboim in ihrer Erwiderung vorwarf, das Parlament als Bühne zu missbrauchen, um Israel zu attackieren. Barenboim stiftete das Preisgeld von 50.000 Dollar für die musikalische Erziehung von israelischen und palästinensischen Kindern.[6]

Zwischen Februar und April 2006 hielt Barenboim an verschiedenen Orten (London, Chicago, Berlin, Ost-Jerusalem und West-Jerusalem) für die BBC-Reihe der Reith-Lectures Vorträge, die aufzeigen sollten, „dass Musik im Zentrum dessen steht, was wir als menschlich bezeichnen“.

Bei den Salzburger Festspielen 2007 dirigierte Barenboim die Oper Eugen Onegin (Regie Andrea Breth). Außerdem arbeitete er in Salzburg mit dem West-Eastern Divan Orchestra und trat mit diesem Orchester auch im Rahmen der Festspiele auf. 2009 dirigierte er das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Am 16. April 2009 trat Barenboim zum ersten Mal in Ägypten auf. Im Opernhaus in Kairo leitete er das Cairo Symphonie Orchestra, auf dem Programm stand die 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Sein Auftritt war im Vorfeld aus politischen Gründen heftig umstritten.[7]

Seit 2008 ist Daniel Barenboim Schirmherr der young academy rostock und unterstützt die Förderung musikalisch hochbegabter Kinder und Jugendlicher.

Seit Dezember 2009 ist er Schirmherr der Mendelssohn-Gesellschaft in Berlin,[8] die das geistige und künstlerische Erbe der Mendelssohn-Familie pflegt.

Baremboim ist auch Schirmherr der Selbsthilfegruppe Musiker mit Dystonie der Deutschen Dystonie Gesellschaft e. V. und initiierte die Gründung eines öffentlichen, staatlich geförderten Musikkindergartens in Berlin.[9][10]

Anlässlich seines 70. Geburtstages 2012 gründete Barenboim in Berlin eine Akademie für Nachwuchsmusiker aus dem Nahen Osten, die Barenboim-Said-Akademie (Geschäftsführer Michael Naumann), die Ende 2015 eröffnet werden soll. Frank Gehry entwarf im Magazingebäude der Berliner Staatsoper (errichtet 1953/1954 vom Architekten Richard Paulick) einen eigenen Konzertsaal für diese Akademie. Der Bund unterstützt das interkulturelle Projekt mit 20 Millionen Euro.[11] Für den Ausbau bringen mehrere Spender eine Summe von 17,7 Millionen Euro auf und die Stadt Berlin stellt das Gebäude für eine symbolische Pacht von einem Euro pro Jahr für insgesamt 99 Jahre zur Verfügung. Am 15. Juni 2015 konnte das Richtfest für den Konzertsaal gefeiert werden, der den Namen des Komponisten, Dirigenten und Musikwissenschaftlers Pierre Boulez erhielt.[12]

2014 dirigierte Barenboim wiederum das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Es stand im Gedenken an den Ersten Weltkrieg und wurde in 92 Länder übertragen.[13]

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten]

Medaillen, Orden, Preise, Ehrendoktortitel[Bearbeiten]

– chronologisch –

Grammy Awards[Bearbeiten]

- Christoph Classen (Produzent), Eberhard Sengpiel, Tobias Lehmann (Toningenieure), Daniel Barenboim (Dirigent), Jane Eaglen, Thomas Hampson, Waltraud Meier, René Pape, Peter Seiffert, Chor der Deutschen Staatsoper Berlin, Staatskapelle Berlin für Wagner: Tannhäuser (Grammy Awards 2003)

  • Grammy Award für Beste Kammermusikausführung:

- Daniel Barenboim, Dale Clevenger, Larry Combs, Daniele Damiano, Hansjörg Schellenberger, Berliner Philharmoniker für Beethoven/Mozart: Quintette (Chicago-Berlin) (Grammy Awards 1995)

- Daniel Barenboim, Itzhak Perlman für Brahms: Die drei Violinsonaten (Grammy Awards 1991)

  • Grammy Award für Beste Orchesterausführung:

- Daniel Barenboim (Dirigent), Chicago Symphony Orchestra für Corigliano: 1. Sinfonie (Grammy Awards 1992)

  • Grammy Award für Beste(n) Instrumentalsolisten (mit Orchester):

- Martin Fouqué (Produzent), Eberhard Sengpiel (Toningenieur), Daniel Barenboim, Dale Clevenger, Larry Combs, Alex Klein, David McGill und Chicago Symphony Orchestra für Richard Strauss Bläserkonzerte (Hornkonzert; Oboenkonzert usw.) (Grammy Awards 2002)

  • Grammy Award für Beste Solistische Instrumentalausführung (mit Orchester):

- Daniel Barenboim (Dirigent), Itzhak Perlman, Chicago Symphony Orchestra für Edward Elgar: Violinkonzert h-Moll (Grammy Awards 1983)

- Daniel Barenboim (Dirigent), Arthur Rubinstein, London Philharmonic Orchestra für Beethoven: Die fünf Klavierkonzerte (Grammy Awards 1977)

  • Grammy Award für Bestes Klassik-Album:

- Daniel Barenboim (Dirigent), Arthur Rubinstein, London Philharmonic Orchestra für Beethoven: Die fünf Klavierkonzerte (Grammy Awards 1977)

Filme[Bearbeiten]

  • Von der Vielfalt des Seins. Begegnungen mit Daniel Barenboim. Dokumentarfilm, Deutschland, 2002, 90 Min., Buch und Regie: Paul Smaczny, Produktion: Euro Arts Music, SFB, arte, NHK, Amythos Films, Inhaltsangabe von arte.
  • Wege zur Musik mit Daniel Barenboim. 1. Musik und Politik. Dokumentarfilm, Deutschland, 2012, 55 Min., Buch und Regie: Paul Smaczny, Produktion: Accentus Music, ZDF, arte, Erstsendung: 15. November 2012 bei arte, Inhaltsangabe von ORF2 mit online-Video.
  • Wege zur Musik mit Daniel Barenboim. 2. Musik und Tabu: Richard Wagner. Dokumentarfilm, Deutschland, 2012, 26 Min., Buch und Regie: Paul Smaczny, Erstsendung: 15. November 2012 bei arte, Inhaltsangabe von arte.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Daniel Barenboim – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Allianz der Medienstars, Der Spiegel vom 15. Januar 2001, abgerufen am 1. Juni 2014.
  2. Daniel Barenboim verlängert Vertrag als Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden. Pressemitteilung der Senatskanzlei vom 6. Juli 2011, abgerufen am 7. Juli 2011.
  3. Mailänder Scala verpflichtet Daniel Barenboim. abgerufen am 13. Oktober 2011
  4. Anm.: Wegen der umstrittenen Rolle Karajans im Nationalsozialismus wäre die Reise mit ihm als Chefdirigent unmöglich gewesen. welt.de
  5. Anlässlich 125 jahre Berliner Philharmoniker sprach Hellmut Stern am 17. Dezember 2007 über die historische Israelreise des Orchesters im April 1990 auf digberlin.de]
  6. Spiegel Online, 10. Mai 2004; Der Tagesspiegel, 11. Mai 2004. Video von der Preisverleihung rutube.ru
  7. Normal ist das nicht … In: Berliner Zeitung, 18. April 2009.
  8. Der Dirigent und die Mendelssohns. tagesspiegel.de, 18. Dezember 2009; abgerufen am 1. Juli 2013
  9. Musikunterricht – Die taube Nation. FAZ.net
  10. Website des Musikkindergartens Berlin
  11. Daniel Barenboim gründet Musik-Akademie für Nah-Ost-Künstler in Berlin. Spiegel Online, 13. November 2012; abgerufen am 14. November 2012.
  12. Kerstin Krupp: Humboldt Nachbarn. In: Berliner Zeitung, 16. Juni 2015, Seite 19.
  13. wien.orf.at Neujahrskonzert: Gedenken an Ersten Weltkrieg, ORF.at vom 28. Dezember 2013
  14. Daniel Barenboim and Edward Said upon receiving the „Principe de Asturias“ Prize. Oviedo, Spain. October 2002
  15. Homepage Evangelische Akademie Tutzing, abgerufen am 17. November 2012
  16. Barenboim erhält palästinensische Ehrenstaatsbürgerschaft. Generaldelegation Palästinas, abgerufen am 14. Januar 2008
  17. Palestinians honour Barenboim, Deutsche Welle, abgerufen am 14. Januar 2008
  18. Barenboim erhält die Moses Mendelssohn Medaille 2009
  19. Bayreuth ehrt Daniel Barenboim. Internetseite der Stadt Bayreuth, zuletzt abgerufen am 7. Juli 2011
  20. Willy-Brandt-Preis an Dirigent Barenboim. In: Saarbrücker Zeitung, 19. September 2011, S. B5
  21. BBC: Conductor Daniel Barenboim receives honorary knighthood. Artikel vom 24. Juni 2011, abgerufen am 3. März 2015.
  22. tagesspiegel.de
  23. Leidenschaftlicher Brückenbauer – Wowereit zeichnet Barenboim aus. In: Berliner Zeitung, 19. September 2013