Darlehen (Deutschland)

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Darlehen (ugs. auch Kredit, alternative Schreibweise Darlehn; englisch loan) ist ein schuldrechtlicher Vertrag, bei dem ein Kreditgeber (oder Darlehensgeber) einem Kreditnehmer (oder Darlehensnehmer) Geld (Banknoten, Münzen, Buchgeld) oder vertretbare Sachen (Sachdarlehen) vorübergehend zur Nutzung überlässt.

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wort Darlehen stammt dem Sprachforscher Eberhard Gottlieb Graff zufolge aus dem althochdeutschen analêhan für „Darlehen“.[1] Der Wortbestandteil „lêhan“ enthält „leihen“, was vermutlich auf das Sachdarlehen als Nachbarschaftshilfe hinweist.[2] Erst im 16. Jahrhundert dürfte in Deutschland das Darlehen während des aufblühenden Handels die Bedeutung von „Ausleihe von Geld“ erhalten haben. Die Brüder Grimm weisen in ihrem Wörterbuch auf „darleihen“ hin, wonach ein österreichisches Weistum von 1581 das Darlehen erstmals auf Geldsummen bezog.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Kredit#Geschichte

In Mesopotamien ist die Geldleihe seit der Mitte des 3. Jahrtausends vor Christus bezeugt.[4] Die ersten Darlehensverträge stammen aus Mesopotamien während der Ur-III-Zeit um 2100 v. Chr. Der Codex Hammurapi aus 1755/1754 v. Chr. kannte das Darlehen als Naturalvertrag, bei dem Getreide und auch Metalle ausgeliehen wurden.[5] Das Sachdarlehen galt auch als fester Bestandteil der altbabylonischen Wirtschaft[6] und betraf Getreide und Silber. Der Zins hieß in Babylonien sibtu („Zuwachs“), er betrug 33 1/3 % für Getreide und 20 % für Silber und konnte durch Sklavenarbeit als Kreditsicherheit im Rahmen der Antichrese beglichen werden.[7] Der Darlehensvertrag des Codex Hammurapi musste durch Beamte kontrolliert werden, weil er ansonsten nichtig war.

Das römische Recht kannte den zinslosen Darlehensvertrag (lateinisch mutuum) zwischen Gläubiger (lateinisch creditor) und Schuldner (lateinisch debitor), bei dem nur durch eine Stipulation auch Kreditzins berechnet werden konnte.[8] Der Schuldner verpflichtete sich, am Rückzahlungstermin dieselbe Menge gleichartiger Sachen (lateinisch tantundem eiusdem generis et qualitatis) zurückzuerstatten.[9] Nach dem Verschwinden des nexum blieb das im 2. Jahrhundert nach Christus entstandene mutuum die einzige Kreditform. Ab Mitte des ersten Jahrhunderts entstand die Interzessionsrechtsprechung. Wegweisend dafür war das Senatus Consultum Velleianum, das verbot, dass Frauen, die einem Mann durch Darlehensaufnahme oder Verpflichtung durch Bürgschaft zu dessen Schuld beitraten, gerichtlich belangt wurden.[10]

Bereits der Codex Maximilianeus Bavaricus Civilis vom Januar 1756 unterschied zwischen Darlehen und Leihe, bei letzterer ging (und geht) der Leihgegenstand nicht in das Eigentum des Entleihers über und ist dem Verleiher wieder zurückzugeben. Darlehen und Leihe galten noch als Realvertrag. Das Allgemeine Preußisches Landrecht (APL) vom Juni 1794 trennte beide Verträge noch deutlicher. Diese enge Verwandtschaft blieb im österreichischen ABGB vom Juni 1811 erhalten. Mit dem Inkrafttreten des BGB im Januar 1900 entstand in Deutschland ein einheitliches Darlehensrecht, wenn auch im Hinblick auf seine wirtschaftliche Bedeutung nur fragmentarisch (§§ 607-610 BGB a.F.). Die meisten offenen Rechtsfragen - wie etwa die fehlende Legaldefinition des Darlehensbegriffs - mussten durch Rechtsprechung und Fachliteratur geklärt werden. Der Gesetzgeber hielt den Darlehensbegriff im Rechtsleben für eingebürgert, so dass ihm eine Legaldefinition entbehrlich erschien.[11] Der BGH verstand darunter im April 1962 einen „schuldrechtlichen Verpflichtungsvertrag über die entgeltliche oder unentgeltliche Nutzung eines Kapitals auf Zeit.“[12]

Etymologisch benutzte man bis ins 19. Jahrhundert Begriffe wie Darlehen, locatio conductio, nexum oder mutuum. Den Kreditbegriff gibt es erst seit dem aufblühenden Kapitalismus des 19. Jahrhunderts. Das „Creditum“ war eine Schuld und kein Darlehen und entstand mit jeder Forderung.[13] Deshalb heißt heute in Fremdsprachen jeder Forderungsinhaber Kreditor (englisch creditor, französisch créditeur oder italienisch creditore). Der italienische Codice civile (CC) nennt jede Forderung italienisch credito (Art. 1992 CC).

In Deutschland verzichtete die Schuldrechtsmodernisierung vom Januar 2002 auf den Begriff Kredit, der als Oberbegriff für das Gelddarlehen, einen Zahlungsaufschub und sonstige Finanzierungshilfen diente; an seine Stelle sind die Erscheinungsformen des Kredits getreten.[14] Sie änderte den Darlehensvertrag vom bisherigen Realvertrag in einen Konsensualvertrag um, so dass der Vertrag bereits durch Parteivereinbarung und nicht erst durch die Auszahlung des Darlehens zustande kommt.[15] Damit besitzt die Auszahlung als Vertragserfüllung keine konstitutive Wirkung mehr. Außerdem hat sie die Bestimmungen für das Gelddarlehen (§§ 488 ff. BGB) und für das Sachdarlehen (§§ 607 ff. BGB) voneinander getrennt.

Rechtsfragen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während das BGB von Darlehen spricht und es damit zum Rechtsbegriff erhebt, verwendet das Bankrecht den Begriff Kredit.

BGB[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das BGB regelt den Darlehensvertrag in § 488 BGB, dessen Hauptleistungspflicht in der Verpflichtung des Darlehensgebers besteht, dem Darlehensnehmer einen Geldbetrag in der vereinbarten Höhe zur Verfügung zu stellen, während der Darlehensnehmer verpflichtet ist, einen geschuldeten Zins zu zahlen und bei Fälligkeit das zur Verfügung gestellte Darlehen zurückzuzahlen. Dem Darlehensvertrag rechtlich gleichgestellt ist der Kreditvertrag. Von diesem Darlehensvertrag zählt das BGB verschiedene Unterarten auf, und zwar den Verbraucherdarlehensvertrag (§ 491 BGB), Zahlungsaufschub (§ 506 BGB), Ratenlieferungsvertrag (§ 510 BGB), Immobiliar-Verbraucherdarlehensvertrag (§ 511 BGB) und den unentgeltlichen Darlehensvertrag (§ 514 BGB). Die Vorschriften für den Darlehensvertrag gelten für alle Rechtssubjekte, während der Verbraucherdarlehensvertrag spezifische Regelungen für Verbraucher (§ 13 BGB) enthält. Der Immobiliar-Verbraucherdarlehensvertrag ist eine Sonderform des Verbraucherdarlehensvertrags und enthält Vorschriften für die Immobilienfinanzierung.

Wie bei jedem Vertrag ist eine Einigung bezüglich der vertraglichen Mindestbestandteile (lateinisch essentialia negotii) erforderlich, hier also über die Höhe des Geldbetrages oder die zur Verfügung zu stellende Sache und eine Verzinsung. Bei Gelddarlehen wird in der Regel ein Zinssatz vereinbart, der – wenn nichts Besonderes verabredet wird – stets nach Ablauf jeweils eines Jahres zu zahlen ist. Ist die Laufzeit kürzer als ein Jahr, sind die Zinsen bei der Rückerstattung zu entrichten (vgl. § 488 Abs. 2 BGB). Zusätzliche Darlehensgebühren können bei Verbraucherdarlehensverträgen nicht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Kreditinstitute wirksam vereinbart werden.[16]

Da das BGB lediglich vom Darlehensgeber spricht, konkretisiert es die Art des Wirtschaftssubjektes nicht. Als Darlehensgeber kommen in erster Linie Kreditinstitute in Frage, aber auch Nichtbanken wie private Darlehensgeber oder Kredithaie.

Darlehensverträge können wegen Wucher unwirksam sein. Das sittenwidrige oder Wuchergeschäft ist nach § 138 BGB nichtig, wenn Leistung und Gegenleistung in einem auffälligen Missverhältnis zueinander stehen. In Betracht kommt hierbei insbesondere der Zinswucher, von dem gesprochen wird, wenn der vereinbarte Zins den am Markt üblicherweise geltenden Zins um 100 % übersteigt (z. B. 24 % p. a. statt 12 % p. a.).

Bankrecht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kreditbegriff des § 19 Abs. 1 KWG ist ein auf Bilanzpositionen der Bankbilanz fokussierter Begriff. In der enumerativen Aufzählung des § 19 Abs. 1 Nr. 1 KWG sind „Gelddarlehen aller Art“ als wesentlichste Art erwähnt.

Darlehensarten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wirtschaftspraxis hat folgende weitere Darlehensarten entwickelt:

Darlehen werden unter verschiedenen Produktbezeichnungen angeboten (z. B. „easy credit“, Beamtendarlehen, Kleinkredit etc.), ohne dass diese Werbebegriffe eine eigenständige Darlehensart darstellen würden.

Darlehensbedingungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den Darlehensbedingungen gehören insbesondere die Darlehenskosten und die Kreditsicherheiten.

Darlehenskosten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Darlehenskosten sind wesentlicher Bestandteil der Darlehensbedingungen. Der Effektivzins ist der entscheidende Kostenindikator bei der Suche nach preisgünstigen Darlehen. Die Berechnung des Effektivzinses ist im Verhältnis zum Endverbraucher in § 6 Preisangabenverordnung bindend vorgeschrieben. Für eine genaue Berechnung lässt sich jedoch auch die klassische Rentenrechnung einsetzen, wenn Betrag und Zeitpunkt aller mit dem Darlehen verbundenen Ein- und Auszahlungen vom Darlehensanbieter abgefragt werden können:

Wenn Darlehen eine Struktur besitzen, die ihr Verständnis erschwert, dann müssen alle Zahlungen ohne Berücksichtigung ihrer Benennung erfasst werden, denn die Wirkung einer Zahlung ist geldlich völlig unabhängig davon wie die Zahlung bezeichnet wird. Effektivzinsformeln, in denen Ein- und Auszahlungen nach Kategorie rechnerisch unterschiedlich ausgewertet werden, können für zwei Darlehen mit gleichartigem Zahlungsfluss (Betrag und Zeit) zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Die Anwendung der klassischen Rentenrechnung zur Effektivzinsberechnung vermeidet Manipulationen des Effektivzinses durch Darlehensgestaltung. Bei manchen Darlehenskonstruktionen ist die Anwendung vorgeschriebener Effektivzinsberechnungen kaum möglich. Hier hilft die klassische Rentenrechnung ganz besonders. Heute sind die bei der Rentenrechnung verwendeten iterativen Verfahren sowohl in speziellen Darlehensanalyseprogrammen wie auch schon in manchen Spreadsheet-Programmen implementiert.

Kreditsicherheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn der Darlehensgeber kein Blankodarlehen zur Verfügung stellen kann, muss der Darlehensnehmer Kreditsicherheiten aus eigenem Vermögen oder von Dritten stellen. Häufige Kreditsicherheiten sind insbesondere Sicherungsübereignung von Sachen (wie die Sicherungsübereignung von Kraftfahrzeugen), Abtretung von Forderungen, die Verpfändung von Wertpapieren oder Grundpfandrechte (Hypothek, Grundschuld, Sicherungsgrundschuld). Typische Kreditsicherheiten von dritten Sicherungsgebern sind (neben den aufgezählten Arten) die Bürgschaft, Garantie oder gesamtschuldnerische Mithaftung. Der schuldrechtliche Vertrag, der für die dinglichen Sicherungsgeschäfte den Rechtsgrund bildet, ist die Sicherungsabrede und nicht der Darlehensvertrag.

Gesellschafterdarlehen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Gesellschafterdarlehen

Eine Sonderform stellen Gesellschafterdarlehen dar, die im Konzern zwischen Muttergesellschaft und Tochtergesellschaft bzw. Gesellschafter gewährt werden. Dabei ist steuerrechtlich grundsätzlich der Fremdvergleichsgrundsatz zu beachten, der von den Beteiligten Darlehenskonditionen erwartet, wie sie unter voneinander unabhängigen Vertragsparteien abgeschlossen würden. Die untereinander vereinbarten Verrechnungspreise müssen den Marktpreisen oder Marktzinsen entsprechen. Handelsrechtlich und gesellschaftsrechtlich gilt, dass Gesellschafterdarlehen in der Unternehmenskrise als nachrangige Insolvenzforderungen einzustufen sind (§ 39 Abs. 1 Nr. 5 Insolvenzordnung).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Darlehen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eberhard Gottlieb Graff, Althochdeutscher Sprachschatz, Band 2, 1826, S. 127
  2. Ulrike Köbler, Werden, Wandel und Wesen des deutschen Privatrechtswortschatzes, 2010, S. 261
  3. Brüder Grimm, Deutsches Wörterbuch, Band 6, 1838, Sp. 310
  4. Manfred Landfester (Hrsg.), Der neue Pauly: Enzyklopädie der Antike, Band 3, 1997, Sp. 326
  5. Bruno Meissner/Erich Ebeling (Hrsg.), Reallexikon der Assyriologie und Vorderasiatischen Archäologie, Band 2, 1938, S. 123 ff.
  6. Horst Klengel, König Hammurapi und der Alltag Babylons, 1991, S. 215 f.
  7. Katrin Schmauder, Das Darlehen im syrischen Kulturraum, 1998, S. 10
  8. Paulus Digesten, 45, 1, 68
  9. Herbert Hausmaninger/Walter Selb, Römisches Privatrecht, 2001, S. 213
  10. Wolfgang Ernst: Interzession. Vom Verbot der Fraueninterzession über die Sittenwidrigkeit von Angehörigenbürgschaften zum Schutz des Verbrauchers als Interzedeneten. In: Reinhard Zimmermann u. a. (Hrsg.): Rechtsgeschichte und Privatrechtsdogmatik. C.F. Müller, Heidelberg 1999, S. 395–430 (397 f.).
  11. Benno Mugdan, Motive, Band 2, 1899, S. 170
  12. BGH, Urteil vom 18. April 1962, Az: VIII ZR 245/61
  13. Kai-Oliver Knops/Heinz Georg Bamberger/Gerrit Hölzle (Hrsg.), Zivilrecht im Wandel: Festschrift für Peter Derleder zum 75. Geburtstag, 2015, S. 381
  14. BT-Drs. 14/6040 BT-Drucksache 14/6040 vom 14. Mai 2001, Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung des Schuldrechts, S. 252
  15. BT-Drucksache 14/6040 vom 14. Mai 2001, Entwurf eines Gesetzes zur Modernisierung des Schuldrechts, S. 252
  16. BGH, Urteile vom 13. Mai 2014, Az.: XI ZR 170/13 = NJW-RR 2014, 1133 und Az.: XI ZR 405/12 = BGHZ 201, 168 = NJW 2014, 2420
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