Das Amulett

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Das Amulett ist der Titel einer Novelle von Conrad Ferdinand Meyer, die im Winter 1872/73 entstand und erstmals 1873 bei Hessel in Leipzig erschien. Sie ist in 10 Kapitel gegliedert.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptpersonen:

  • Hans Schadau „von Bern“
  • Wilhelm Boccard „von Fryburg“
  • Gasparde
  • Parlamentsrat Chatillon
  • Admiral Coligny
  • Oheim

Hans Schadau ist der Erzähler der Geschichte. Zunächst schildert er seine Jugend, in der er wegen des Todes seiner Eltern bei einem Oheim aufwuchs. Als Protestant wurde er nach calvinistischer Lehre erzogen. Eines Tages kommt ein Böhme, den Schadau als Fechtmeister anheuert und der ihn das Fechten lehrt. Der Böhme muss flüchten, da er ein gesuchter Mörder ist.

Nach einer Schlägerei auf einer Hochzeit hält es Schadau nicht länger aus und zieht nach Paris, um dort auf den Ausbruch eines bereits länger erwarteten Krieges zur Befreiung der von den Spaniern besetzten Niederlande zu warten. Wie sein Vater möchte er unter Admiral Coligny dienen, den er abgöttisch verehrt. Unterwegs kehrt er, von einem Gewitter überrascht, in einer Gaststätte bei Melun (FR) ein und lernt dort Wilhelm Boccard, einen Freiburger, sowie den Parlamentsrat Chatillon mit seiner vermeintlichen Nichte Gasparde kennen. Im Gespräch dreht sich alles um die unterschiedlichen Religionsansichten, und Boccard erzählt nach einer beleidigenden Bemerkung von Seiten Schadaus, wie er von der Muttergottes von Einsiedeln von der Kinderlähmung geheilt wurde. Deswegen trägt er ein Amulett mit sich. In Paris angekommen, sucht Schadau den Admiral Coligny auf, den damaligen Anführer der französischen Calvinisten, der ihm einen Platz in seiner Deutschen Reiterei gibt und ihn bis Kriegsbeginn als Schreiber anstellt. Anscheinend hat Chatillon bereits ein gutes Wort für Schadau eingelegt.

Diesen besucht er anschliessend in seinem Haus auf der Île Saint-Louis. Im Gespräch stellt sich heraus, dass Gasparde die Tochter des verstorbenen Bruders des Admiral Coligny ist und deswegen die gleichen Augen hat. Als er später mit ihr am Fenster steht und der Hetzpredigt des katholischen Pfarrers lauscht, geht unten ein Höfling des Herzogs von Anjou, der Graf Guiche, vorbei, der Gasparde bereits länger nachstellt. Sie stellt Schadau als ihren Beschützer hin. Am nächsten Tag trifft Schadau auf der Strasse auf Boccard, der ihn herumführt. Sie stossen mit Graf Guiche zusammen, aus einem kleinen Rempler wird ein Duell, das Schadau am nächsten Morgen nur gewinnt, weil Boccard ihm heimlich das Amulett der Muttergottes in das Wams geschoben hat. Das Amulett verhindert somit den tödlichen Stoss.

Als er abends Gasparde wieder trifft, bekennt sie sich mitschuldig, und sie erklären sich ihre Liebe.

Einen Monat später: Admiral Coligny wurde bei einem Mordanschlag schwer verwundet und liegt im Sterben. Chatillon ringt mit dem Gedanken, aufs Land zu flüchten, um vor der gefährlichen Stimmung gegen die Protestanten in Paris sicher zu sein. Schadau und Gasparde werden zum Admiral gerufen, der sie in aller Eile trauen lässt. In seinem Zimmer angekommen, wird Schadau von Boccard überredet, mit in den Louvre (das damalige Königsschloss) zu kommen, wo er dann gefangen und in Boccards Zimmer eingesperrt wird. In dieser Nacht werden in Paris sämtliche Protestanten auf Befehl des Königs umgebracht (Bartholomäusnacht). Als Schadau Boccard „im Namen der Mutter von Einsiedeln“ anfleht, hilft er ihm, mit der Kleidung eines Schweizergardisten getarnt, seine Frau zu retten. Als sie diese aus der Bedrängung durch den Pöbel befreien können, wird Boccard auf offener Strasse erschossen. Noch im letzten Atemzug küsst er das Amulett.

Schadau und Gasparde fliehen mit Hilfe des Böhmen aus Paris nach Bern, um dort bei Schadaus Oheim unterzukommen. Unterwegs liest er einen Brief seines Oheims, den er bereits früher bekam, aber zu dessen Lektüre er erst jetzt Zeit hat. Darin finden sich der letzte Gruss des Oheims sowie die Nachricht, dass er ihm alles vererbe.

Analyse der charakteristischen Novellenmerkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

a) Der „Falke

Das Amulett bildet den „Falken“ der Geschichte. Im ersten Kapitel bildet es den geheimnisvollen Auftakt und regt den Erzähler an, sich der Ereignisse zu erinnern. Es repräsentiert Schutz vor dem Tod, sowohl Boccard als auch Schadau verdanken dem Amulett ihr Leben. Gleichzeitig stellt es die Verbindung zwischen den Religionen her, denn zunächst sträubt sich Schadau als Calvinist gegen die Marienverehrung. Anfangs scherzt er noch darüber, doch als sein eigenes Leben auf wundersame Weise durch das Amulett gerettet wird, reagiert er zwar unwirsch und ablehnend, doch insgeheim beginnt er seine Meinung zu ändern: „Sein Aberglaube war verwerflich, aber seine Freundestreue hatte mir das Leben gerettet.“ Im Gefängnis lässt sich Boccard erst zu einer Rettungsaktion für Gasparde überreden, als Schadau ihn bei der Muttergottes anfleht. Und als Boccard letztlich in der Strasse erschossen wird, küsst er mit letzter Kraft das Amulett.

b) Das Ausserordentliche, Ungewöhnliche, „Unerhörte“

Die Krise, die ja den Kern einer jeden Novelle bildet, ist als Religionskonflikt auf zwei Ebenen gegeben: Auf der Handlungsebene entsteht eine Freundschaft zwischen dem katholischen Boccard und dem protestantischen Schadau, die letztlich soweit geht, dass Boccard sein Leben für das junge Paar opfert. Auf historischer Ebene eskaliert der Konflikt in einem Blutbad, der Bartholomäusnacht, bei der schätzungsweise 10.000 Hugenotten ermordet wurden. So stehen diese beiden Ebenen konträr und bilden einen starken Widerspruch, der das Einzelschicksal zur Besonderheit werden lässt.

c) Dramatische Struktur

Die Novelle gliedert sich in 10 Kapitel. Das erste Kapitel bildet die Vorgeschichte, in der Schadau die Motivation der Niederschrift seiner Lebensgeschichte erklärt. Bereits hier taucht zum ersten Mal das Amulett, die Medaille mit der Muttergottes von Einsiedeln, auf, die sich später durch die ganze Novelle ziehen wird. Der Rest der Novelle folgt dem Aufbau eines Dramas und gliedert sich in Exposition bzw. Einleitung mit den Kapiteln 2,3 und 4. Erster Höhepunkt ist das Duell, danach steigt die Spannung deutlich an und gipfelt schliesslich in der Befreiung Gaspardes in Kapitel 9, die zugleich Höhe- und Wendepunkt der Geschichte ist.

d) Objektivierende Erzählhaltung

Noch vor dem ersten Kapitel findet man die Anmerkung: „Alte vergilbte Blätter liegen vor mir mit Aufzeichnungen aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts. Ich übersetze sie in die Sprache unserer Zeit.“ Der Autor verstärkt so den Eindruck, die erzählte Geschichte sei wahr und habe sich genau so ereignet. Er vermeidet jede persönliche Stellungnahme und versucht eine möglichst neutrale, objektive Erzählhaltung zu wahren. Auch die detailreichen historischen Hintergründe stützen diese Illusion. Durch diese Erzähltechnik ist die Novelle, auch mit Blick auf die Entstehungszeit, eindeutig dem Realismus zuzuordnen. Kennzeichnend für diese literarische Epoche sind weiterhin die im Buch verwirklichte objektive und genaue Beschreibung der Charaktere, deren Handlungen und Umfeld.

e) Begrenztheit, straffe Konstruktion

Die ganze Geschichte bildet einen dichten, zusammenhängenden Erzählstrang, der weniger als 70 Seiten umfasst und sich auf wesentliche Szenen beschränkt. Der Ich-Erzähler hält die Handlung kompakt und führt sie zu einem geschlossenen Ganzen, einer begrenzten Geschichte bzw. Neuigkeit. Dabei fällt auch auf, dass die ganze Geschichte streng logisch und konsequent konstruiert ist. Alle Entscheidungen sind in ihrer Motivation nachvollziehbar und rational erklärbar.

f) Die Rahmenerzählung

Wie für Novellen üblich wird die eigentliche Geschichte von einer kurzen Rahmenerzählung eingeschlossen. In diesem Fall erzählt Schadau rückblickend diesen Ausschnitt seines Lebens. Im Ansatz ist sogar noch eine Rahmenerzählung für die Rahmenerzählung zu erkennen: Die ersten beiden Sätze („Alte vergilbte Blätter liegen vor mir mit Aufzeichnungen aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts. Ich übersetze sie in die Sprache unserer Zeit.“) haben einen Ich-Erzähler, der definitiv nicht Schadau ist und lediglich die Rolle eines „Übersetzers“ hat, also komplett ausserhalb der Geschichte steht. Er wird später nie mehr erwähnt und ist auch im Text nicht zu erkennen (keine Anmerkungen etc.). Diese Schachtelung von Rahmenerzählungen zieht den Leser immer tiefer ins Geschehen hinein.

g) Die gesellschaftliche Krise (historische Einordnung)

Die Geschichte ist historisch korrekt erzählt und spielt hauptsächlich am 24. August 1572, als während der Bartholomäusnacht auf Befehl des Königs Karl IX. geschätzte 10.000 protestantische Hugenotten vom herumziehenden Mob getötet wurden. Auch der Mordanschlag auf Admiral Coligny und die Ziele und Pläne der historischen Personen sind zutreffend geschildert. Diese Situation stellt eine grosse gesellschaftliche Krise dar, vor deren Hintergrund typischerweise sich die aussergewöhnlichen Ereignisse der Novelle zutragen.

Entstehung und Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inspiriert durch das Studium der französischen Geschichte, insbesondere zur Person der Katharina von Medici, der Bartholomäusnacht und der Religionskriege unter Karl IX., machte sich Meyer im Winter 1872/73 daran, die Novelle seiner Schwester zu diktieren. Auch der Roman Chronique du règne de Charles IX (Die Bartholomäusnacht) von Prosper Mérimée, 1829, gab ihm Anregungen, wie er 1873 schreibt[1]. Einen Entwurf fertigte er in den sechziger Jahren an, legte ihn aber zunächst beiseite, da er ihm noch zu wenig durchdacht schien.

Bedeutsam erscheint der zeitgenössische Hintergrund des Kulturkampfes in der Schweiz für die Anlage der Novelle. Während der Staat zu dieser Zeit den Einfluss der katholischen Kirche mit gesetzlichen Repressalien zu unterbinden hoffte, plädiert Meyer in der Novelle für den Frieden zwischen den Konfessionen und den Primat der gemeinsamen Nation über der unterschiedlichen Religion.

Als erste Prosanovelle Meyers hatte das Werk trotz häufiger Besprechung eher geringen Erfolg. Dennoch gelobt wurden, wie auch bei seinen anderen Novellen, die korrekte Darstellung des historischen Hintergrundes, die klaren Charaktere, die einfache Sprache und eine meisterhafte Komposition.

Notizen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. genauer Vergleich beider Autoren bei Poppe

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Conrad Ferdinand Meyer: Das Amulett. Reihe: Reclams Universal-Bibliothek, 6943. Stuttgart 2002 ISBN 3-15-006943-2.
  • Conrad Ferdinand Meyer: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, besorgt von Hans Zeller und Alfred Zäch. Bd. 11: Das Amulett [u.a.]. Text, Apparat und Kommentar. Benteli, Bern 2. erw. Neuauflage, 1998.
  • Conrad Ferdinand Meyer: Das Amulett. Reihe: Basis-Bibliothek, 90. Kommentar Marcel Diel und Florian Radvan. Suhrkamp, Frankfurt 2008 ISBN 978-3-518-18890-3.
  • Reiner Poppe: Königs Erläuterungen und Materialien zu Conrad Ferdinand Meyer, Das Amulett, Gustav Adolfs Page. #273. Bange, Holfeld 1994; 2. Aufl. 1996 ISBN 3-8044-0327-1. (Ausführliche Bibliografie.)
  • Conrad Ferdinand Meyer: Das Gesamtwerk – vollständig auf 5 MP3-CDs gelesen von Klauspeter Bungert. Bungert, Trier 2008, ISBN 978-3-00-024887-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]