Das Finanzkapital

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Finanzkapital, 1923

Das Finanzkapital ist ein politökonomisches Werk von Rudolf Hilferding (1877–1941) das erstmals 1910 veröffentlicht wurde.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Das Finanzkapital“ ist eine „Studie über die jüngste Entwicklung des Kapitalismus“. Für Hilferding war die Entwicklung der Aktiengesellschaften und schließlich der Monopole ein wichtiger Schritt über den Kapitalismus der freien Konkurrenz hinaus hin zu einem monopolistischen Kapitalismus. Durch die Monopolisierung und Konzentration werden kleine Unternehmer und kleine Kapitalanleger verdrängt. Durch die zunehmende Verschmelzung von Wirtschaft und Staat komme es zu einem staatsmonopolistischen Kapitalismus. Geprägt wurde "Das Finanzkapital" von der engen persönlichen Bindung Hilferdings an Karl Kautsky und zur Revisionismusdebatte.[1]

Für die weite Verbreitung der Hilferdingschen Vorstellungen vom Finanzkapital lassen sich etliche Gründe anführen. Hilferdings Theorie rückt die auffälligen, spektakulären Geschehnisse der Börse und die Macht der Banken in den Vordergrund. Hilferding analysiert die Konflikte der verschiedenen Kapitalisten, das Industriekapital gegen das Handelskapital, das Börsen- und Bankkapital gegenüber dem Industriekapital. Er analysiert eine neuartige kapitalistischen Phase, die Herrschaft des Finanzkapitals. Hilferdings Anspruch war die einer werturteilsfreien Analyse, die der orthodoxen Ökonomie gleichwertig ist. Diese „Integrationsleistung“ hat z.B. der Hilferding-Interpret Pietranera herausgestellt, wenn er die Theorie des Finanzkapitals als einen „genuinen und genialen Beitrag“, als eine „notwendige Brücke für die Marxsche und Nichtmarxsche Theorie“ bewertet.

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Rudolf Hilferding 1910 sein Buch „Das Finanzkapital“ der Öffentlichkeit übergab, fand es sofort großen Beifall. Lenin verwendete den Inhalt für seine Schrift Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus und nannte das Buch eine „höchst wertvolle theoretische Studie“. Otto Bauer sah darin „das Werk, auf das wir seit langem gewartet haben“ und Karl Kautsky sprach würdevoll vom „vierten Band des Kapitals“. Spätere Interpreten stimmten diesem Urteil weitgehend zu und deuteten, wie etwa Fred Oelßner, Hilferdings Finanzkapital als eine „bedeutsame Weiterentwicklung der Marxschen ökonomischen Theorie“.

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

"Ich nenne das Bankkapital, also Kapital in Geldform, das auf diese Weise in Wirklichkeit in industrielles Kapital verwandelt ist, das Finanzkapital. Den Eigentümern gegenüber behält es stets Geldform, ist von ihnen in Form von Geldkapital, zinstragendem Kapital, angelegt und kann von ihnen stets in Geldform zurückgezogen werden. In Wirklichkeit aber ist der grösste Teil des so bei den Banken angelegten Kapitals in industrielles, produktives Kapital (Produktionsmittel und Arbeitskraft) verwandelt und im Produktionsprozess fixiert. Ein immer grösserer Teil des in der Industrie verwendeten Kapitals ist Finanzkapital, Kapital in der Verfügung der Banken und in der Verwendung der Industriellen." (S. 283, Auflage von 1910)

„Tempora mutantur! In der Börsenenquete des Jahres 1893 ist die Spekulation die höchste Blüte und tiefste Wurzel des Kapitalismus. Alles ist Spekulation: Fabrikation, Handel, Differenzgeschäfte; jeder Kapitalist ist Spekulant, ja der Proletarier, der überlegt, wo er seine Arbeitskraft am besten verkaufen soll – ein Spekulant. In der Kartellenquete ist die Heiligkeit der Spekulation vergessen. Sie ist das Böse schlechtweg, aus dem Krisen, Ueberproduktion, kurz alle Schäden der kapitalistischen Gesellschaft folgen. Beseitigung der Spekulation ist die Parole. An die Stelle des Ideals der Spekulation tritt die Spekulation auf das Ideal des „stabilen Preises“, des Todes der Spekulation. Börse und Handel sind jetzt spekulativ, verwerflich, werden beseitigt zugunsten des industriellen Monopols. Der industrielle Profit aggregiert sich den Handelsprofit, wird selbst kapitalisiert zum Gründergewinn, zur Beute der als Finanzkapital zur höchsten Kapitalform gelangten Dreieinigkeit. Denn das industrielle Kapital ist der Gott Vater, das des Handels- und Bankkapital als Gott Sohn entlassen hat, das Geldkapital ist der heilige Geist; sie sind drei, aber doch eins im Finanzkapital.“ (S. 277, Auflage von 1910)

„Das Finanzkapital bedeutet seiner Tendenz nach die Herstellung der gesellschaftlichen Kontrolle über die Produktion. Es ist aber Vergesellschaftung in antagonistischer Form; die Herrschaft über die gesellschaftliche Produktion bleibt in den Händen einer Oligarchie. (...) Die vergesellschaftende Funktion des Finanzkapitals erleichtert die Überwindung des Kapitalismus außerordentlich. Sobald das Finanzkapital die wichtigsten Produktionszweige unter seine Kontrolle gebracht hat, genügt es, wenn die Gesellschaft durch ihr bewußtes Vollzugsorgan, den vom Proletarier eroberten Staat, sich des Finanzkapitals bemächtigt, um sofort die Verfügung über die wichtigsten Produktionszweige zu erhalten. Von diesen Produktionszweigen sind alle anderen abhängig, und die Herrschaft über die Großindustrie bedeutet so bereits die wirksamste gesellschaftliche Kontrolle auch ohne jede weitere unmittelbare Vergesellschaftung. (…) Die Besitzergreifung von sechs Berliner Großbanken würde ja heute schon die Besitzergreifung der wichtigsten Sphären der Großindustrien bedeuten und in der Übergangszeit, solange kapitalistische. Verrechnung sich noch als opportun erweist, die Politik des Sozialismus in ihren Anfängen außerordentlich erleichtern.“ (S. 514, Auflage von 1947)

„Ökonomische Macht bedeutet zugleich politische Macht. Die Herrschaft über die Wirtschaft gibt zugleich die Verfügung über die Machtmittel, der Staatsgewalt. Je stärker die Konzentration in der wirtschaftlichen Sphäre; desto unumschränkter die Beherrschung des Staates. (...) So ist der Sieg des Proletariats geknüpft an die Konzentration der ökonomischen Macht in den Händen weniger Kapitalmagnaten oder Magnatenvereinigungen und an deren Herrschaft über die Staatsmacht. Das Finanzkapital in seiner Vollendung bedeutet die höchste Stufe ökonomischer und politischer Machtvollkommenheit in der Hand der Kapitaloligarchie. Es vollendet die Diktatur der Kapitalmagnaten. Zugleich macht es die Diktatur der nationalen Kapitalbeherrscher des einen Landes immer unverträglicher mit den kapitalistischen Interessen des anderen Landes und die Herrschaft des Kapitale innerhalb des Landes immer unvereinbarer mit den Interessen der durch das Finanzkapital ausgebeuteten, aber auch zum Kampf aufgerufenen Volksmassen. In dem gewaltigen Zusammenprall der feindlichen Interessen schlägt schließlich die Diktatur der Kapitalmagnaten um in die Diktatur des Proletariats.“ (S. 517f, Auflage von 1947)

Auflagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erstausgabe: Das Finanzkapital. Eine Studie zur jüngsten Entwicklung des Kapitalismus. Wien: Verlag der Wiener Volksbuchhandlung Ignaz Brand & Co.; 1910
  • Nachauflagen: 1920, 1923, 1927, 1947, 1955, 1968, 1971, 1973, 1974 und 2000.[2]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jan Greitens: Finanzkapital und Finanzsysteme, “Das Finanzkapital” von Rudolf Hilferding, Marburg, metropolis Verlag, 2012[1]
  • Guenther Sandleben: Nationalökonomie und Staat. Zur Kritik der Theorie des Finanzkapitals, VSA-Verlag, Hamburg 2003
  • Wilhelm Smaldone: Rudolf Hilferding. Dietz, Bonn 2000

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jan Greitens: Finanzkapital und Finanzsysteme, “Das Finanzkapital” von Rudolf Hilferding, Marburg, metropolis Verlag, 2012, S. 406f
  2. Jan Greitens: Finanzkapital und Finanzsysteme, “Das Finanzkapital” von Rudolf Hilferding, Marburg, metropolis Verlag, 2012, S. 439ff