Das RAF-Phantom

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Das RAF-Phantom – Wozu Politik und Wirtschaft Terroristen brauchen ist ein 1992 im Droemer Knaur-Verlag erschienenes Buch. Es enthält verschwörungstheoretische Thesen zur dritten Generation der Rote Armee Fraktion. Die Verfasser Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker sehen die Urheber der meisten der Terroranschläge zwischen 1985 und 1991, die der RAF zugeschriebenen werden und zu denen sie sich bekannt hat, in westlichen Geheimdiensten. Die Autoren nehmen Aktionen unter falscher Flagge an und bezweifeln die Existenz der dritten RAF-Generation, was in Wissenschaft und Journalismus als unseriöse und widerlegte Spekulation gilt.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Mord an Alfred Herrhausen (1989), der nach einem Bekennerschreiben der RAF zugeschrieben wurde, war der Ausgangspunkt des Buches. Die bis heute andauernde „Ungreifbarkeit“ der Herrhausen-Mörder „provozierte“ laut dem Germanisten Andreas Musolff „Spekulationen über dunkle Hintermänner“, die die Autoren des RAF-Phantoms zu „Mutmaßungen über Geheimdienstverwicklungen“ brachten:[1] Sie erstellten als Journalisten 1992 einen Beitrag für das WDR-Fernsehmagazin Monitor, in dem der Kronzeuge der Bundesanwaltschaft, Siegfried Nonne, seine Aussage widerrief, in der er mehrere mutmaßliche RAF-Mitglieder im Fall Herrhausen belastet hatte. Die drei Journalisten setzten ihre Recherchen in diesem Mordfall fort; sie sammelten Zeugenaussagen und amtliche Ermittlungsergebnisse und stießen darin ihrer Meinung nach auf starke Unstimmigkeiten. Dies führte zu weiteren Recherchen über frühere Morde der RAF, bei denen die Journalisten ähnliche Unstimmigkeiten wie im Fall Herrhausen zu erkennen glaubten. Weil sie offenbar Zugang zu geheimen Behördenunterlagen gehabt hatten, wurden sie in der Folge das Ziel staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen und Hausdurchsuchungen.[2]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Thesen der Autoren lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Die Mitglieder der ersten und zweiten Generation der RAF hatten z. B. bei Banküberfällen und Konfrontationen mit der Polizei deutliche Spuren hinterlassen, die jeweils nach spätestens wenigen Jahren zu ihrer Verhaftung führten. Dabei waren sie zuvor meist längere Zeit von den Behörden observiert worden. Laut den Autoren haben die Mitglieder der dritten Generation dagegen praktisch keine Spuren hinterlassen und nach Angaben der Behörden über mehrere Jahre quasi als Phantome innerhalb der Gesellschaft gelebt, wobei die Ermittler lange Zeit fast völlig im Dunkeln tappten. Dies sei eine auffallende Diskrepanz, zumal der Ermittlungsapparat im Laufe des Kampfs gegen die RAF immer effektiver geworden sei.
  • Es wurden kaum Mitglieder der sogenannten dritten Generation der RAF lebend gefasst. Zwei mutmaßliche Mitglieder starben bei Verhaftungsversuchen, Wolfgang Grams und Horst Ludwig Meyer. Konkrete Tatvorwürfe gegen lebend gefasste Verdächtige erwiesen sich später zum Teil als nicht haltbar und wurden fallengelassen, zum Beispiel in den Fällen Andrea Klump und Christoph Seidler. Dies stehe laut den Autoren in auffallend starkem Gegensatz zur Geschichte der vorigen Generationen der RAF, deren Mitglieder jeweils zum größten Teil verhaftet und nach aufwändigen Verfahren zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. Dagegen sei nur ein Mitglied der dritten Generation für der RAF zugeschriebene Morde verurteilt worden, Birgit Hogefeld.[3] Das Urteil in ihrem Fall basiert auf einer Reihe von Indizienbeweisen, zum Beispiel einem Schriftgutachten, die die Autoren des RAF-Phantoms für fragwürdig halten.
  • Im Gegensatz zu den früheren RAF-Terroristen hinterließ die dritte Generation praktisch keine verwertbaren Spuren an den Tatorten.[4] Entsprechend seien die einzigen Beweise für die Täterschaft der RAF die Bekennerschreiben. Laut den Autoren sollen diese Schreiben keine Merkmale aufweisen, die nicht auch eine beliebige dritte Person hätte produzieren können und die sie als authentisch identifizieren. Vielmehr weisen angeblich mehrere Indizien in den Schreiben auf eine Fabrikation durch Dritte hin. Zudem sei die Echtheit der Bekennerschreiben von den Behörden jeweils in auffallend kurzer Zeit bestätigt worden, ohne dass vorher kriminaltechnische Untersuchungen durchgeführt worden wären.
  • Die Ermittlungsergebnisse in den Mordfällen seien von so vielen Ungereimtheiten geprägt, dass dies auf zielgerichtete Manipulation von dritter Seite schließen lasse.
  • Die Anschläge der dritten Generation hätten darüber hinaus eine sehr hohe Präzision und aufwändige Planung erfordert, die die Fähigkeiten einer aus autodidaktischen Terroristen bestehenden Terrorgruppe deutlich überstiegen habe.
  • Die meisten Mordopfer hätten berufliche Hintergründe gehabt, die eine Ermordung durch Dritte plausibel erscheinen ließen. Laut den Autoren seien diese vermeintlichen Motive in mehreren der Mordfälle ähnlich und deuteten angeblich auf ausländische Geheimdienste als eigentliche Täter. Dabei nennen sie als ihren Hauptverdächtigen die CIA, deren Verstrickung in ähnliche Operationen bereits mehrfach nachgewiesen sei. Als Beispiel nennen die Autoren die als Strategie der Spannung bekannt gewordenen Vorgänge in Italien. Dort wurden eine Anzahl terroristischer Anschläge der 1970er und 1980er Jahre, die ursprünglich den Roten Brigaden angelastet worden waren, ab 1984 erneut untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass die eigentlichen Täter mit der NATO-Organisation Gladio und italienischen Geheimdiensten kooperierende Rechtsextremisten waren. Außerdem stellte sich heraus, dass die Roten Brigaden zum Teil von Geheimdienstmitarbeitern unterwandert waren.

Bewertungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Buch wird wegen der weithin als unglaubhaft wahrgenommenen Thesen und wegen des meinungslastigen Schreibstils als unseriös betrachtet. Der Regensburger Politikwissenschaftler Alexander Straßner, der über die dritte RAF-Generation promoviert wurde,[5] ordnet die Aussagen des Buchs als Verschwörungstheorie ein, „deren Absurdität mittlerweile unbestritten ist“.[6] Der Extremismusforscher Eckhard Jesse nennt die Thesen „bizarre Verschwörungstheorien“, die in „Jargon“ verfasst seien.[7] Der Professor für Medienwissenschaft Andreas Dörner sieht im Buch eine „doch recht abenteuerlich anmutende Verschwörungstheorie“.[8] Das Buch hat Rainer Fromm als „Machwerk“ bezeichnet, in dem auf den „Mumpitz der LaRouche-Gruppe eingegangen“ worden sei.[9] Gerd Rosenkranz monierte in seiner taz-Rezension 1993 eine Reihe faktischer Fehler: Tatsachen würden verdreht und einseitig präsentiert, damit sie zur These der Verfasser passen. Er kam zu einem äußerst negativen Gesamturteil.[10] Aus linker Perspektive hat der Mitherausgeber der Zeitung Jungle World, Ivo Bozic,[11] geschrieben, die Phantom-These sei „[a]n den Haaren herbeigezogen“ und „entbehrt … sowieso jeder Grundlage“.[12] Die Autoren hätten „ihre hanebüchenen Thesen“ „niemals beweisen“ können; die Phantom-Idee „wurde dutzendfach widerlegt. Die Überzeugung der Autoren jedoch konnte nicht erschüttert werden.“[13] Das Buch, das Bozic als „Verschwörungsklassiker“ bezeichnet, sei „völlig abstrus und für die historische Bewertung des »bewaffneten Kampfes« verheerend“.[14]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut dem Journalisten Ivo Bozic wurde das Buch „sofort zum Bestseller“ und werde „bis heute [2002] oft zitiert“.[13] Er wies darauf hin, dass das Buch „von manchen als »Standardwerk« über die RAF verklärt“ worden sei;[14] die Autoren hätten „viel Beifall“ erhalten, „gerade auch unter Linken“.[13] Gemäß Michael Schmidt-Salomon erreichte das Buch in Teilen der linken Szene „Kultstatus“, was er damit erklärt, dass sich die RAF immer stärker von dieser Szene abgekoppelt habe und die Aktionen ihrer dritten Generation auf Unverständnis gestoßen seien.[15]

Die aktuellen und ehemaligen Mitglieder der Roten Armee Fraktion wandten sich öffentlich gegen die Thesen. So schrieb die aktive Kommandoebene in einer Erklärung vom 29. November 1996, die Phantomthese stamme von „mit Falschinformationen gefütterten“ Journalisten.[16] Als Gerd Rosenkranz die inzwischen inhaftierte RAF-Führungsfigur Birgit Hogefeld in einem Spiegel-Interview 1997 darauf ansprach, ob das Buch in RAF-nahen Kreisen ernsthaft diskutiert worden sei, meinte sie:

„Im RAF-Umfeld nicht. In den linksradikalen Zusammenhängen, die ich kenne, hatte dieser Unsinn nie eine Bedeutung. Aber natürlich hing die Tatsache, daß das überhaupt jemand ernst nahm, damit zusammen, daß die RAF in den achtziger Jahren von der legalen Linken sehr isoliert war. So wurde das auch diskutiert: als Ergebnis eigener Fehler.“[17]

Eine weitere frühere Angehörige der dritten RAF-Generation, Eva Haule, bezeichnete die These einer Geheimdienstverschwörung 2007 – in Replik auf ein Aufgreifen durch Jürgen Elsässer – als „schwachsinnig“: „Na toll, lieber Jürgen Elsässer – wer oder was bin ich denn dann für dich? Ich war also nie in der RAF und auch nicht 21 Jahre im Knast dafür?“ Sie fügte hinzu: „Warum Jürgen Elsässer auf diesen Zug springt, ist mir ein Rätsel. Warum die jw [Junge Welt] das abdruckt, unerklärlich.“[18]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf der Grundlage des Buchs entstand im Jahr 2000 der preisgekrönte Politthriller Das Phantom.

Lange vor dem Erscheinen des Buchs und bevor die tatsächliche dritte RAF-Generation überhaupt aktiv wurde, drehte Rainer Werner Fassbinder 1979 seine Kriminalkomödie Die dritte Generation. Dabei geht es um eine von einem Industriellen kreierte deutsche Terrorgruppe in Nachfolge der ersten und zweiten Generation der RAF, deren Existenz den Verkauf der von ihm produzierten Sicherheitstechnologie an den Staat befördern soll.[19]

Ausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Buch erschien zuerst 1992 und 1997 in einer überarbeiteten zweiten Auflage. 2008 erschien eine wesentlich erweiterte, vollständig aktualisierte und überarbeitete Neuauflage.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Andreas Musolff: Krieg gegen die Öffentlichkeit. Terrorismus und politischer Sprachgebrauch. Westdeutscher Verlag, Opladen 1996, ISBN 3-531-12463-3, zugleich Habilitationsschrift, Universität Düsseldorf, S. 204.
  2. Vom RAF-Phantom eingeholt. Proteste gegen Durchsuchung bei Monitor-Mitarbeitern. Süddeutsche Zeitung, 3. März 1994.
  3. Diese Behauptung trifft nicht zu; siehe Eva Haule.
  4. Diese Behauptung ist durch später technisch möglich gewordene DNA-Analysen nicht mehr haltbar, siehe etwa Wolfgang Grams#DNA-Analyse im Fall Rohwedder.
  5. Alexander Straßner: Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“. Entstehung, Struktur, Funktionslogik und Zerfall einer terroristischen Organisation. VS-Verlag, Berlin 2003, ISBN 3531141147.
  6. Alexander Straßner: Perzipierter Weltbürgerkrieg. Rote Armee Fraktion in Deutschland. In: ders. (Hrsg.): Sozialrevolutionärer Terrorismus. Theorie, Ideologie, Fallbeispiele, Zukunftsszenarien. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15578-4, S. 209–236, hier S. 226.
  7. Eckhard Jesse: Die Ursachen des RAF-Terrorismus und sein Scheitern. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Heft 40/41, 2007, Onlineversion, 24. September 2007.
  8. Andreas Dörner: Politainment: Politik in der medialen Erlebnisgesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, S. 210.
  9. Rainer Fromm, Barbara Kernbach: Europas braune Saat. Die internationale Verflechtung der rechtsradikalen Szene. Aktuell, 1994, S. 125.
  10. Gerd Rosenkranz: Im Nebel der „Dritten RAF-Generation“. In: die tageszeitung, 23. Januar 1993.
  11. Zur Person siehe diese Kurzvorstellung bei der taz.
  12. Ivo Bozic: An den Haaren herbeigezogen. In: Jungle World, 23. Mai 2001.
  13. a b c Ivo Bozic: Zu wenig Phantasie für die Wirklichkeit. In: Jungle World, 19. Juni 2002.
  14. a b Ivo Bozic: Antisemit? I wo! In: Jungle World, 30. Juli 2003.
  15. Michael Schmidt-Salomon: „Ich weiß nur dies, dass ich kein Marxist bin …“. Karl Marx und die Marxismen. In: Aufklärung und Kritik. Sonderheft 10/2005, S. 53–70, hier S. 66 (PDF).
  16. Zitiert nach Alexander Straßner: Perzipierter Weltbürgerkrieg. „Rote Armee Fraktion“ in Deutschland. In: ders. (Hrsg.): Sozialrevolutionärer Terrorismus. Theorie, Ideologie, Fallbeispiele, Zukunftsszenarien. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15578-4, S. 209–236, hier S. 227, Fn. 87.
  17. Gerd Rosenkranz: Wir waren sehr deutsch. In: Der Spiegel. Nr. 42, 1997, S. 169 (online Hogefeld über die Rote Armee Fraktion).
  18. Eva Haule: Zum Artikel von Jürgen Elsässer in der jw vom 22./23. 9. 2007. Leserbrief. In: Junge Welt, 4. Oktober 2007, online in: Political-Prisoners.net.
  19. Dazu Dominik Graf: Eine Groteske der Spät-RAF. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. September 2008; Walter Uka: Terrorismus im Film der 70er Jahre. Über die Schwierigkeiten deutscher Filmemacher beim Umgang mit der realen Gegenwart. In: Klaus Weinhauer, Jörg Requate, Heinz-Gerhard Haupt (Hrsg.): Terrorismus in der Bundesrepublik: Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren. Campus, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-593-38037-7, S. 382–399, hier S. 390 f.