Das Schloß Dürande

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Joseph von Eichendorff

Das Schloß Dürande ist eine Novelle von Joseph von Eichendorff, die, im Winter 1835/1836 entstanden, zur Herbstmesse 1836 im Taschenbuch „Urania“ beim F. A. Brockhaus Verlag in Leipzig erschien.[1]

Der Jäger Renald begehrt zu Beginn der Französischen Revolution gegen die gräfliche Herrschaft auf und kommt dabei um.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schloss Dürande bei Marseille um 1789:[2] Nachdem Renald Dübois annehmen muss, seine Schwester Gabriele sei mit dem jungen Grafen Hippolyt von Dürande nach Paris durchgebrannt[3], geht er zu seinem Herrn, dem alten Grafen, Dürande und bittet „ehrerbietig um kurzen Urlaub zu einer Reise nach Paris“. Der alte Herr gestattet lachend die Reise. Weiß er doch um den Grund. Er bittet seinen Jäger nur, es nicht gar zu arg zu machen.

In Paris angekommen, stellt Renald den jungen Grafen Dürande zur Rede. Der Adelige weiß angeblich nichts von Gabriele. Renald glaubt, die Schwester werde gegen ihren Willen im gräflichen Pariser Palast festgehalten, und will nur sein Recht. Fast bis zum König dringt der Jäger vor. Graf Dürande – im Gefolge des Herrschers – lässt den zudringlichen Renald mehrere Monate ins Irrenhaus einsperren. Der Insasse kann entfliehen und schlägt sich bis in die heimatliche Provence durch. Daheim ist seine Stelle inzwischen von einem anderen Jäger besetzt. Auch in Südfrankreich wächst die Aufruhr; schreitet von Schloss zu Schloss vor. Der alte Graf Dürande hat alles Pulver im Eckturm seines Schlosses zusammentragen lassen. Vor dem Sturm auf Schloss Dürande stirbt der alte Herr. Der Sohn eilt aus Paris herbei. Die „Bande“ dringt ins Schloss ein. Gabriele, inzwischen auch wieder auf Schloss Dürande, hat sich so wie der junge Graf gekleidet, um dem Geliebten die Flucht aus dem Schloss zu ermöglichen. Beide werden von tödlichen Kugeln getroffen.

Renald, der als Angreifer den jungen Schlossherrn und zu seinem eigenen maßlosen Entsetzen auch die geliebte Schwester Gabriele auf dem Gewissen hat, erfährt noch vom getreuen sterbenden Schlosswart Nicolo die Wahrheit. Die Schwester war dem jungen Grafen nachgelaufen und hatte sich im Pariser Palast als Gärtnerbursche „verdungen“. Auch der junge Graf habe seinerseits Gabriele „geliebt bis in den Tod“. Renalds Haar ergraut. Der Jäger folgt dem Liebespaar freiwillig in den Tod: Er steckt das Schloss Dürande „an allen vier Ecken“ an. Die Flammen erreichen den Eckturm. Mit einem „furchtbaren Blitz“ stürzt das Gemäuer zusammen.

Form und Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Goethe dürfe ein Prosatext keine Moral predigen.[4] Eichendorff beschließt seine Novelle mit dem Appell: „Du aber hüte dich, das wilde Tier zu wecken in der Brust, daß es nicht plötzlich ausbricht und dich selbst zerreißt.“[5] Somit verstößt er gegen diese Maxime.

Die Novelle stellt die Klassenunterschiede im vorrevolutionären Frankreich anhand des privaten Konfliktes zwischen einem Adligen, dem jungen Grafen Dürande auf der einen Seite, und seinem Gegenspieler Renald beziehungsweise dessen Schwester Gabriele auf der anderen Seite dar. Die Liebe zwischen dem Grafen Dürande und der bürgerlichen Gabriele ist unstandesgemäß und daher in ihrer gesellschaftlichen Realität von vornherein zum Scheitern verurteilt.[6] Eichendorff steht als Adeliger auf der Seite des jungen Grafen Dürande. Die Gegenpartei, also die Angreifer auf das Schloss, sind – Renald ausgenommen – plünderndes[7] „Gesindel“.[8] Gleichwohl ist der Novelle einiges an Adelskritik immanent.[9] Dabei steht die Person des alten Grafen Dürande für jenen Teil des Adels, der an überlebten aristokratischen Prinzipien festhält und jegliche Beziehung zum Volk verloren hat. Laut Manfred Häckel stünde dessen Tod am Vorabend der revolutionären Auseinandersetzung „symbolisch [für] die Sühne [...] seine[r] Schuld, in der sich zugleich das Versagen des herkömmlichen Adels abzeichnet.“

Wie bereits erwähnt, ist die Figur des jungen Grafen vom Autor mit Sympathie gezeichnet worden. Er zeichnet sich durch eine ritterliche Haltung aus und hat die Beziehung zum einfachen Volk nicht verloren. Gleichwohl sieht auch er sich in einer dem Volke gegenüber überlegenen Stellung und dieses ihm gegenüber als Bittsteller, etwa als er sagt: „Ich hab nichts mit dem Volk, ich tat ihnen nichts als Gutes, wollen sie noch Besseres, sie sollen's ehrlich fordern, ich gäb's ihnen gern, abschrecken aber laß ich mir keine Handbreit meines alten Grund und Bodens; Trotz gegen Trotz!“ An dieser Stelle kann sich der Gutssohnbesitzer Eichendorff mit dem jungen Grafen identifizieren und seine eigene aristokratische Haltung wird sichtbar.[10]

Für den jungen Grafen und Gabriele ist die Überschreitung der Standesgrenzen persönlich kein Problem. Doch in der absolutistischen Gesellschaft, in der sie leben, ist die Durchbrechung der Standesschranken nicht möglich. Die Vereinigung der beiden Liebenden findet erst im gemeinsamen Tod statt.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Leipziger Buchhändler F. A. Brockhaus wandte sich an Eichendorff am 19. Oktober 1835 mit der Bitte einen Beitrag zum Brockhausschen Taschenbuch beizusteuern falls sich „ein günstiger Stoff zur Bearbeitung in Form einer Novelle [anböte], deren Veröffentlichung in einem Taschenbuche angemessen erscheint.“ Es wäre ihm höchst angenehm einen Beitrag Eichendorffs in seiner „Urania“ zu wissen „welcher mir die Ehre einer Geschäftsverbindung mit Euer Hochwohlgeboren verschaffte.“

Eichendorff willigte ein, so dass „Das Schloß Dürande“ 1836 in der „Urania. Taschenbuch für das Jahr 1837“ erscheinen konnte.[11]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeitgenossen

  • Am 3. November 1836 in der Zeitschrift „Phönix“[12], Frankfurt am Main: „Seine [Eichendorffs] Figuren jagen wie Schattenbilder über die Scene,…“
  • Am 15. November 1836 in den „Blättern für literarische Unterhaltung“[13], Leipzig: „Liebe, Leben, Tod, Sprache, Charakteristik, Alles ist seltsam und in seiner Seltsamkeit poetisch,…“
  • Philipp von Leitner, Berlin, am 16. November 1836 in „Literarische und Kritische Blätter der Börsen-Halle“[14], Hamburg: „Wir hören hier wieder einmal die Wälder rauschen, die Quellen sprechen, Nachtigallen singen,…“
  • O. L. B. Wolff lobt im Dezember 1836 in der „Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung“[15] „die reiche Ausstattung des gesammten Gemäldes“ und hebt das Verhältnis der Protagonisten „zu dem Ganzen“ besonders hervor.
  • In seinem Verriss vom 15. April 1837 in dem Blatt „Westfalen und Rheinland“[16] wirft Arnold Mundt den Verfasser in einen Topf mit Jean Paul. Diese Autoren hätten sich späterhin unbewusst selbst kopiert.

Französische Revolution

  • Schillbach und Schultz[17] sehen die Novelle anno 1993 als Warnung des Autors. Nach dem Hambacher Fest in der Folge der französischen Julirevolution von 1830 müsse – so meine Eichendorff – der Ruf der Liberalen nach „Freiheit und Gleichheit!“ unterdrückt werden.
  • Gemäß Helmut Koopmann[18] erkannte Eichendorff als tiefere Ursache der Französischen Revolution die „Emanzipation des Verstandes“.[19]
  • Obwohl Eichendorff die Französische Revolution nicht gutheißen konnte, habe er sie doch als begreifliche Folge staatlichen Unrechts gesehen.[20]

Dreiecksbeziehung

  • Renalds Beziehung zur Schwester Gabriele könne als inzestuös verstanden werden. Renalds Missverstehen der Beziehung von Gabriele zum jungen Grafen[21] und Gabrieles „Geschlechterwechsel“ lösten das tödliche Ende aus.[22]
  • Nach Schulz[23] wird die „künstlerische Geschlossenheit“ der Novelle nicht durch das Revolutionsgeschehen erreicht, sondern den „Liebeskonflikt“. Die drei Protagonisten scheiterten hauptsächlich „an sich selbst“.

Vorbilder

  • In manchen neueren Untersuchungen wurde werde die Novelle als Variante des Michael Kohlhaas gesehen. [22][24][25]. Otto Eberhardt entdeckte auch eine Verbindung zwischen Renald und Uhland.
  • In jungen Jahren habe Eichendorff „Klara du Plessis und Klairant“ gelesen und sich später darauf besonnen.[26]

Vertonung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die gleichnamige Oper von Othmar Schoeck wurde am 1. April 1943 an der Staatsoper Unter den Linden uraufgeführt. Hermann Burte schrieb das Libretto nach Eichendorff. Es sangen Peter Anders, Maria Cebotari, Willi Domgraf-Fassbaender, Josef Greindl, Marta Fuchs und Gerhard Hüsch.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ansgar Hillach, Klaus-Dieter Krabiel: Eichendorff-Kommentar. Band I. Zu den Dichtungen. 230 Seiten. Winkler, München 1971
  • Helmut Koopmann: Joseph von Eichendorff. S. 505–531 in Benno von Wiese (Hrsg.): Deutsche Dichter der Romantik. Ihr Leben und Werk. 659 Seiten. Erich Schmidt Verlag, Berlin 1983 (2. Aufl.), ISBN 3-503-01664-3
  • Paul Michael Lützeler (Hrsg.): Achim von Arnim. Hollin's Liebeleben. Gräfin Dolores. Bd. 1 in: Roswitha Burwick (Hrsg.), Jürgen Knaack (Hrsg.), Paul Michael Lützeler (Hrsg.), Renate Moering (Hrsg.), Ulfert Ricklefs (Hrsg.), Hermann F. Weiss (Hrsg.): Achim von Arnim. Werke in sechs Bänden. 825 Seiten. Deutscher Klassiker Verlag Frankfurt am Main 1989 (1. Aufl.), ISBN 3-618-60010-0
  • Gerhard Schulz: Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration. Teil 2. Das Zeitalter der Napoleonischen Kriege und der Restauration: 1806–1830. 912 Seiten. München 1989, ISBN 3-406-09399-X
  • Günther Schiwy: Eichendorff. Der Dichter in seiner Zeit. Eine Biographie. 734 Seiten. 54 Abbildungen. C. H. Beck, München 2000, ISBN 3-406-46673-7
  • Otto Eberhardt: Eichendorffs Erzählungen „Das Schloß Dürande“ und „Die Entführung“ als Beiträge zur Literaturkritik. Königshausen und Neumann, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2747-7.
  • Detlev Kremer: Romantik. Lehrbuch Germanistik. 342 Seiten. Metzler Stuttgart 2007 (3. Aufl.), ISBN 978-3-476-02176-2

Zitierte Textausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Schloß Dürande. Novelle S. 421–465 in Brigitte Schillbach (Hrsg.), Hartwig Schultz (Hrsg.): Dichter und ihre Gesellen. Erzählungen II. in Wolfgang Frühwald (Hrsg.), Brigitte Schillbach (Hrsg.), Hartwig Schultz (Hrsg.): Joseph von Eichendorff. Werke in fünf Bänden. Band 3. 904 Seiten. Leinen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1993 (1. Aufl.), ISBN 3-618-60130-1

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quelle meint die zitierte Textausgabe

  1. Quelle, S. 822, 15. Z.v.o. und S. 821, 3. Z.v.o.
  2. Quelle, S. 839, 2. Z.v.u. und S. 840, 9. Z.v.o.
  3. Renald wusste von der heimlichen Liebe der Schwester zu dem jungen Herrn. Deshalb hatte er Gabriele in ein Kloster gesteckt. Daraus war sie entwichen, als sich der junge Graf nach Paris begeben hatte.
  4. Lützeler im Kommentar, S. 757, 11. Z.v.u.
  5. Quelle, S. 465, 12. Z.v.o.
  6. Manfred Häckel, Einleitung in: Eichendorffs Werke in einem Band. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar. 2. Auflage 1969, S. XXI ff.
  7. Quelle, S. 457, 21. Z.v.o.
  8. Quelle, S. 459, 27. Z.v.o. und 33. Z.v.o.
  9. Manfred Häckel, Einleitung in: Eichendorffs Werke in einem Band. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar. 2. Auflage 1969, S. XXII f.
  10. Manfred Häckel, Einleitung in: Eichendorffs Werke in einem Band. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar. 2. Auflage 1969, S. XXIII
  11. Eichendorffs Werke in einem Band. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar. 2. Auflage 1969, S. 335
  12. zitiert in der Quelle, S. 831, 12. Z.v.u.
  13. zitiert in der Quelle, S. 832, 16. Z.v.o.
  14. zitiert in der Quelle, S. 833, 13. Z.v.u.
  15. zitiert in der Quelle, S. 834, 15. Z.v.o.
  16. zitiert in der Quelle, S. 835, 16. Z.v.o.
  17. Quelle, S. 822–823, Kapitel „Aspekte der Deutung“
  18. Helmut Koopmann: Freiheitssonne und Revolutionsgewitter. Reflexe der Französischen Revolution im literarischen Deutschland zwischen 1789 und 1840. (= Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte Bd. 50). Niemeyer, Tübingen 1989, ISBN 3-484-32050-8, Kapitel VI: Der Zweifel als mörderisches Prinzip und das Raubtier Revolution. S. 143–170, hier S. 165. Vgl. Hillach und Krabiel, S. 159, 20. Z.v.o.
  19. Hillach und Krabiel, S. 159, 7. Z.v.u.
  20. Schiwy, S. 546 oben
  21. Koopmann, S. 523, 13. Z.v.o.
  22. a b Kremer, S. 187, 16. Z.v.o.
  23. Schulz, S. 499 oben
  24. Hillach und Krabiel, S. 158, 2. Z.v.u.
  25. Schiwy, S. 546, 13. Z.v.o.
  26. Schulz, S. 499, 8. Z.v.o.