Das neue Babylon

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Filmdaten
Deutscher TitelDas neue Babylon
OriginaltitelНовый Вавилон (Nowy Wawilon)
ProduktionslandSowjetunion
OriginalspracheRussisch
Erscheinungsjahr1929
LängeBei 20 BpS: Deutsche Exportfassung: 2900 Meter, 125 Minuten; Gosfilmofond-Fassung: 2170 Meter, 93 Minuten, Europäische Exportfassung: 1900 Meter, 84 Minuten
Stab
RegieGrigori Kosinzew, Leonid Trauberg
DrehbuchGrigori Kosinzew, Leonid Trauberg, nach P. Bliakin
ProduktionSowkino Moskau
MusikDmitri Schostakowitsch
KameraAndrei Moskwin, Jewgeni Michailow
Besetzung

Das neue Babylon (russisch Новый Вавилон) ist ein Stummfilmdrama, welches das russische Regisseur-Gespann Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg 1929 für die staatliche Produktionsgesellschaft Sowkino realisierte. Das Drehbuch verfassten Kosinzew und Trauberg nach einer Idee von P. Bliakin. Die Filmbauten errichtete Jewgeni Jenei. Für die Photographie waren Andrei Moskwin und Jewgeni Michailow verantwortlich.

Der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch schrieb zu Das neue Babylon eine Originalmusik; es war seine erste Kompositionsarbeit für den Film. Zu Beginn seiner Musikerlaufbahn 1923 hatte er in russischen Kinos Filme am Klavier begleitet.[1]

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Filmhandlung spielt zur Zeit der Pariser Kommune im Frühjahr 1871 während der Nachkriegswirren des Deutsch-Französischen Krieges. „Das neue Babylon“ heißt das Großkaufhaus in Paris, in dem Louise als Verkäuferin angestellt ist. Sie engagiert sich bei der Commune, die Jean, ein unpolitischer junger Mann vom Lande, als Soldat in der von der französischen Regierung kontrollierten Armee zu bekämpfen hat. Beide sind in einander verliebt, obwohl sie auf verschiedenen Seiten stehen. Ihre Liebe aber findet in der Zeit der politischen Wirren keinen Ort. Am Ende des Films erhält Jean den Auftrag, ein Grab für Louise zu schaufeln, die von einem Standgericht zum Tode verurteilt wurde.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das neue Babylon wurde mit Mitgliedern der „Fabrik des exzentrischen Schauspielers“ (FEKS) inszeniert, einer 1922 gegründeten avantgardistischen Künstlervereinigung, die neue Wege in der darstellenden Kunst suchte. FEKS begann zunächst als Theatertruppe, in den folgenden Jahren aber prägten viele ihrer Mitglieder als Schauspieler, Ausstatter und Kameraleute die russisch-sowjetische Filmgeschichte. Sie wollten weg von dem Naturalismus und der Einfühlungsästhetik der bürgerlichen Kunst und sie durch einen „dadaistischen Konstruktivismus“ ablösen. Sie orientierten sich an der Straßenkunst, ihre filmische Vorliebe galt Griffith[2] und Chaplin,[3] nicht dem deutschen Expressionismus im Film der frühen 1920er Jahre.[4]

„Gestern: Salons, Verbeugungen, Barone. Heute: Zeitungsverkäufergeschrei, Skandale, Polizeiknüppel, Lärm, Schrei, Scharren, Zeitrhythmus“, heißt es programmatisch im modernitätsbesessenen „Manifest des exzentrischen Schauspielers“ von Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg.[5]

Dmitri Schostakowitsch, damals 22 Jahre alt, war wie Kosintsev und Trauberg Mitglied der Filmgruppe von „FEKS“, die sich für die Aufhebung der Grenzen zwischen Theater, Film, Zirkus, Music-Hall und Oper engagierte.

In seiner Musik-Montage zur Illustration des Films verwendete er verschiedene musikalische Formen: Tanz- und Operettenmelodien ebenso wie französische Volksmusik und Revolutionslieder: Ça ira, La Carmagnole und die Marseillaise; sie diente ihm als Leitmotiv für die reaktionäre Bourgeoisie und wurde in unterschiedlichsten Formen verarbeitet, als Can-Can, Walzer oder Galopp.

Die Partitur, welche die Opuszahl 18 trägt, war bald nach der Uraufführung verschollen und wurde erst 1975, kurz nach Schostakowitschs Tod, wiederentdeckt.[6]

Die russische Uraufführung von Novij Vavilon fand am 18. März 1929 in Leningrad statt.

In Deutschland lag Das neue Babylon am 5. Juli 1929 der Berliner Filmprüfstelle unter der Prüf-Nr. 22835 vor und wurde für Jugendliche verboten; auch bei der Oberprüfstelle, der der Film daraufhin am 12. Juli 1929 vorgelegt wurde, erhielt er unter der Nummer O. 22 835 (8 Akte, 2345 Meter) Jugendverbot.[7] Die Bildstelle verweigerte dem Streifen am 14. August 1929 die Prädikate „künstlerisch“ oder „volksbildend“. Unter dem deutschen Titel Kampf um Paris wurde er am 13. August 1929 in Berlin im Großkino Capitol[8] uraufgeführt; die Musik dazu schrieb und dirigierte Werner Schmidt-Boelcke.[9] Den Verleih in Deutschland übernahm die deutsch-russische Film-Allianz Derussa (Berlin).[10]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Premiere von Film und Musik endete 1929 in einem Fiasko: Orchester und Publikum waren vom experimentellen Charakter des Films überfordert. Die Zuschauer dachten, der Dirigent sei betrunken.[11]

Pawel Betrow-Bytow beklagt sich kurz nach der Uraufführung von Das neue Babylon in einem Aufsatz über die sowjetischen Filmschaffenden im Jahre 1929: „Die Leute, die das sowjetische Kino machen, sind zu 95 % von der gesellschaftlichen Wirklichkeit entfremdete Ästheten ohne Prinzipien. Kurz gesagt, keiner von ihnen hat Ahnung vom wirklichen Leben.“ An die Adresse von Schostakowitsch und Eisenstein gerichtet, fährt er fort: „Es tut mir leid, aber mit diesen Filmen – Oktober und Das neue Babylon – kann man keine Massen führen, schon allein deshalb nicht, weil keiner sie sehen möchte.“

Die Regisseure „Kosinzew und Trauberg vertraten damals am reinsten die ‚poetische‘ Richtung des sowjetischen Films, die das erzählerische Prinzip für unwichtig erachtete, um statt dessen Situationen und Gefühle in komprimierter, aufs Grundsätzliche reduzierter Form darzustellen.“ (Ulrich Gregor/Enno Patalas)

Der Stummfilmmusiker Stephan von Bothmer schreibt 2008:
Das neue Babylon fasziniert nicht so sehr durch seine episodenhafte Handlung, sondern durch die groteske Atmosphäre in Paris kurz vor dem Untergang. Rasendes Tempo, kontrastreiche Montage, impressionistische Settings in Regen und Nebel, eine weichzeichnende Optik: Immer wieder findet die Choreografie neue, experimentelle Wege, den Zuschauer an das Geschehen auf der Leinwand zu binden.“[12]

„Mit dem Stummfilm Das neue Babylon (1929) gelang dem Regie-Duo Grigori Kosinzew und Leonid Trauberg ein zeitloses, packendes Meisterwerk, bei dem auch musikalisch keine Wünsche offen bleiben: Der Soundtrack des 22-jährigen Dmitri Schostakowitsch sprüht geradezu vor jugendlichem Übermut, Zitatwitz, Sarkasmus und Originalität.“ (Basel Sinfonietta 2011)

Wiederaufführungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kulturkanal Arte strahlte den Film am Freitag, den 27. Oktober 2006 um 01.15 Uhr im deutschen Fernsehen aus; der stummfilmerfahrene Dirigent Frank Strobel rekonstruierte die Originalmusik nach der von Leonid Trauberg autorisierten Uraufführungsfassung vom 18. März 1929 in Zusammenarbeit mit den Hamburger Sikorski-Musikverlagen, richtete sie für den Film ein und leitete die Aufnahmen.[13] Der Film wurde in der arte Edition vom Verlag absolut Medien, Berlin, im Juli 2007 als DVD herausgebracht (s/w, 93 Min. + Extras), ISBN 978-3-89848-869-3.[14]

Das Neue Babylon wurde am Montag, 11. April 2011 in Basel in der „Kaserne“ mit Live-Begleitung durch die basel sinfonietta unter Leitung von Mark Fitz-Gerald aufgeführt; eine Einführung ins Konzert gab vor der Vorstellung der britische Filmhistoriker und -kritiker David Robinson.[15] Eine zeitnahe Einspielung der Musik durch die basel sinfonietta unter Mark Fitz-Geralds Leitung (Aufnahme: Volkshaus, Basel, 1.–3. Mai 2011) ist als Doppel-CD beim Label Naxos erschienen. Das beiliegende Booklet enthält u. a. Texte von Nina Goslar (Arte/ZDF) und von Mark Fitz-Gerald zur Originalmusik. Der Film lief auch auf dem Stummfilm-Festival Le Giornate del Cinema Muto, das vom 1.–8. Oktober 2011 in Pordenone, Italien, stattfand.[16]

Das Neue Babylon wurde am 21. November 2013 im Münchner Prinzregententheater mit Live-Begleitung durch das Münchener Kammerorchester unter Leitung von Olari Elts aufgeführt.[17] Am 3. Juli 2014 wurde der Film im Großen Saal der Historischen Stadthalle Wuppertal mit Live-Begleitung durch das Sinfonieorchester Wuppertal unter Leitung von Mark-Andreas Schlingensiepen gezeigt.[18]

Am 20. Mai 2015 wurde Das Neue Babylon in der Stuttgarter Liederhalle mit Live-Begleitung durch die Stuttgarter Philharmoniker unter Leitung von Daniel Raiskin gezeigt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Im Räderwerk der Filmzensur. bei arte.tv 25. Oktober 2006. (online)
  • Hélène Bernatchez: Schostakowitsch und die Fabrik des Exzentrischen Schauspielers. (= Forum Musikwissenschaft. Band 2). Verlag Martin Meidenbauer, M Press, München 2006, ISBN 3-89975-589-8, S. 73–173.[19]
  • Herbert Birett: Stummfilmmusik. Materialsammlung. Deutsche Kinemathek, Berlin 1970.
  • Neil Edmunds (Hrsg.): Soviet Music and Society under Lenin and Stalin: The Baton and Sickle. (= BASEES/Routledge Series on Russian and East European Studies). Verlag Routledge, 2004, ISBN 1-134-41562-1. (englisch)
  • Rainer Fabich: Musik für den Stummfilm. (= Europäische Hochschulschriften, Reihe 36: Musikwissenschaft. Band 94). Verlag Peter Lang, Frankfurt/ Berlin/ Bern/ New York/ Paris/ Wien 1993, ISBN 3-631-45391-4.[20]
  • Markus Fischer: Stummfilm „Das neue Babylon“ (1929) mit Live-Orchesterbegleitung. Filmmusik von Dimitri Schostakowitsch im Bukarester Athenäum. In: ADZ Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien. 4. Mai 2012. (online auf: adz.ro)
  • Gero Gandert: Ein Kinoorchester-Dirigent erinnert sich. Interview mit Werner Schmidt-Boelcke, In: Stummfilmmusik gestern und heute. Stiftung Deutsche Kinemathek. Verlag Volker Spiess, Berlin 1979, S. 35–50.
  • Gero Gandert (Hrsg.): Der Film der Weimarer Republik: 1929. (= Der Film der Weimarer Republik: ein Handbuch der zeitgenössischen Kritik. Band 1). Verlag Walter de Gruyter, 1997, ISBN 3-11-015805-1.
  • Ulrich Gregor, Enno Patalas: Geschichte des Films. Band 1. Verlag Rowohlt, 1976, ISBN 3-499-16193-1.
  • Lokke Heiss: New Babylon Revisited. The 2011 Pordenone Festival of Silent Film. (online) (englisch)
  • Martin Heller: Konturen des Unentschiedenen. (= Roter Stern, Interventionen. Band 6). Verlag Stroemfeld/ Roter Stern, 1997, ISBN 3-87877-600-4, S. 286.
  • Richard Taylor: The Politics of the Soviet Cinema 1917–1929. (= LSE Monographs in International Studies). Neuauflage. Cambridge University Press, 2008, ISBN 978-0-521-08855-8, S. 97, 149, 212 (englisch)
  • Richard Taylor: Sovkino. (online auf: monoskop.org) (englisch)
  • Janina Urussowa: Das neue Moskau, die Stadt der Sowjets im Film 1917–1941. Böhlau Verlag, Köln/ Weimar 2004, S. 113, 134, 410 und 440.
  • Friedrich von Zglinicki: Der Weg des Films. Geschichte der Kinematographie und ihrer Vorläufer. Rembrandt Verlag, Berlin 1956.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abbildungen

  • Kinoplakat zu Novyj Vavilon[10]
  • Standbild aus Novyj Vavilon[11]
  • Standbild aus Novyj Vavilon[12]
  • Standbild aus Novyj Vavilon[13]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bernd Feuchtner bei kultiversum.de[1] : „Als Student hatte er sein Geld als Stummfilmpianist verdient und dabei gelernt, wie man Szenen improvisatorisch begleitet. Er hatte großes parodistisches Talent und konnte die verschiedensten Stile mühelos imitieren. Die neue amerikanische Unterhaltungsmusik hatte es ihm angetan, und er komponierte mit guter Laune Shimmys, Foxtrotts und andere Versionen dessen, was man in Europa als Jazz bezeichnete.“
  2. so Taylor S. 148.
  3. „Chaplin’s bottom is dearer to us than the hand of Eleonora Duse.“ (zit. bei Lokke Heiss)
  4. vgl. arte.tv Archivlink (Memento des Originals vom 11. September 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.arte.tv
  5. zit. nach stummfilm.at[2]
  6. Notenbeispiele daraus bei Bernatchez S. 263 ff. : II. Notenbeispiele, S. 263 1. Altfranzösisches Lied aus dem 6. Filmteil zu „Das neue Babylon“ (mit Text) – Tschaikowskis Altfranzösisches Lied aus dem Album für die Jugend, S. 265 2. Auszug aus Gnessins Galopp ‚Ein jüdisches Orchester auf dem Ball beim Bürgermeister‘ und Auszug aus dem 2. Filmteil zu „Das neue Babylon“.
  7. vgl. Gandert, 1929, S. 805.
  8. Premierentheater mit über 1300 Sitzplätzen, eröffnet am 20. Dezember 1925, vgl. Zglinicki S. 448–449.
  9. vgl. Birett S. 205, dort auch Photo des Künstlers
  10. vgl. deutsches-filminstitut.deArchivierte Kopie (Memento des Originals vom 10. September 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/collate.deutsches-filminstitut.de
  11. „Als der russische Film Das neue Babylon Ende der 20er Jahre in die Kinos kam, riefen die Zuschauer ‚Der Dirigent ist betrunken‘. Das war eine bezeichnende Reaktion auf die damals revolutionäre Filmmusik“, schreibt Jochen Kürten bei dw.de[3]
  12. bei stummfilmkonzerte.de[4]
  13. vgl. Nina Goslar bei arte.tv Archivlink (Memento des Originals vom 11. September 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.arte.tv
  14. vgl. absolutmedien.de/film[5]
  15. vgl. fingerzeig.ch[6]
  16. vgl. Artikel von Lokke Heiss : New Babylon Revisited
  17. vgl. Meldung von Maximilian Meier, Bearbeitung: Susanna Felix, beim BR klassik München, 20. November 2013 http://www.br.de/radio/br-klassik/sendungen/allegro/stummfilm-das-neue-babylon-munchener-kammerorchester100.html (Memento vom 17. September 2014 im Internet Archive)
  18. vgl. stadthalle.de[7]
  19. vgl. Inhaltsverzeichnis bei theaterforschung.de [8]
  20. Vgl. rainer-fabich.de [9](enthält analysierende Beschreibung der Musik u. a. zu L’assassinat du duc de guise / Die Ermordung des Herzogs von Guise, Der Student von Prag, Rapsodia Satancia, Bronenosez Potjomkin / Panzerkreuzer Potemkin und Nowy Wawilon / Das Neue Babylon)